Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

Verständnis und „Aber Hilflosigkeit !!1!!11!“

DSC_2870In irgendeinem Buch über Traumafolgestörungen habe ich gelesen, dass es eine Phase der Auseinandersetzung geben kann, in der es viel darum geht, bewusst zu bekommen (oder bewusster als vor der Therapie/ der Auseinandersetzung mit traumatischen/belastenden Erfahrungen zu erleben) was man sich wünscht, oder braucht oder möchte.
Dort wurde es in einen Kontext gesetzt mit einer Art regressiven Anspruchshaltung der Menschen, das Außen müsse sich jetzt kümmern, weil man selbst es (aufgrund seiner Erfahrungen, oder einer empfunden Schwäche/Kaputtheit/Unfähigkeit) nicht kann. Und dann ging es darum, dass man den Patient_Innen klar machen muss, dass sie falsche Erwartungen haben.

Als ich heute in der Therapie saß, überlegte ich, ob ich im Moment in so einer Phase bin, oder ob ich vielleicht nur an einer Achse der Gewalt spürbarer als früher unter Druck bin.

Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen mehr und mehr überwiegend Onlinekontakte mit Menschen habe, die das Viele sein – die speziell auch mein Viele sein – nicht verstehen oder sich sehr anstrengen müssen, es zu verstehen und zu begreifen.
Und genau da beginnt schon mein Dilemma:

Ich habe kein Problem damit, dass Menschen es nicht verstehen oder begreifen. Ich habe Verständnis dafür, dass es so ist.
Ich habe aber ein Problem damit, dass Menschen es nicht verstehen oder begreifen müssen dürfen. Ich habe kein Verständnis dafür, dass ich verstehen muss, andere aber nicht.

Das Blog von Vielen haben wir für anderer Menschen tieferes Verständnis begonnen.
Und nichts hat sich seit 2008 für uns verändert auf dieser Achse.
Gefühlt.

Wir haben heute mehr Menschen mit denen wir Facebook zusammen nutzen können, Twitter ist weniger sinnlos und manchmal ist so ein Like unter einem Text im Blog, den sich ein Innen mühsam aus dem Innen gepuhlt hat, das was den Tag erleichtert. Wir haben Worte gesucht, gefunden, und jetzt schieben wir sie hin und her. Freuen uns, wenn sie passen. Für uns und andere Menschen.

Aber noch immer müssen wir jeden unbeholfenen Kommentar von Menschen, die uns weder analog oder übers Netz kennen, zum Viele sein, zum Leben mit einer Geschichte wie unserer, annehmen, abhaken und in ein Kästchen legen auf dem steht: “der Menschen weiß es eben nicht besser – das muss man verstehen”.

Wir tun das in diesem WordPress-Blog seit 753 Artikeln, mehrfach in der Woche bei Twitter, manchmal per Mail.
“Sie verstehen es nicht, aber das muss man ja auch verstehen. Sie sagen es aus Hilflosigkeit.”.

Vor ein paar Tagen hatte ich in Bezug auf diese Phrase des “Sie sagen es, weil sie hilflos sind” eine Epiphanie des: Das ist Bullshit.
Niemand ist hilflos nur, weil er nicht weiß wie er jemandem die Welt umkrempeln soll, damit es diesem jemand besser geht. Man ist hilflos, wenn man ohne Hilfe ist – nicht, weil man keine Fähigkeit zu helfen in sich fühlt oder denkt, das, was man als Hilfe anbieten könnte, würde nicht reichen.
Diese Haltung lässt mich immer wieder hilflos stehen, weil sich Menschen mit dieser Begründung von mir entfernen. Mich allein lassen, weil sie sich unfähig fühlen.
Sie haben ein moralisch schlechtes Gewissen, weil sie jemanden nicht gerettet haben oder ihm nichts anbieten konnten.
Ich bleibe zurück und übe mich darin Verständnis dafür zu haben, weil man das ja auch haben muss.

Man kann ja nicht erwarten, dass alle alles verstehen.

Tja, ich bin so ein dummes Schaf.
Ich möchte das erwarten dürfen und – deluxe Schäfchen (ich glitzere manchmal) – manchmal auch erfüllt bekommen.

Vielleicht will ich sagen: Hier sind über 750 Artikel, die erklären, warum Ansagen wie “Vergangenes kann man nicht ändern- komm drüber weg” – “sei zufrieden mit dem, was du hast” – “wieso bist du denn so wütend?” – “man muss verzeihen” – “man muss auch mal Kompromisse machen” – “man muss sich auch mal anpassen” in meinem Fall oft unangemessen sind und mir etwas abverlangen, was ich dem Gegenüber in solchen Situationen und auch sonst nie abverlangen kann.

Vielleicht will ich sagen: ich bin müde vom Verstehen im Unverstandensein.

Ganz sicher will ich viele Dinge mehr sagen, die ich hier nicht schreiben kann, weil ich euch Leser_Innen in der Masse gar nicht kenne. Es wäre unfair wenn ich meine Verletzung über ausbleibenden (finanziellen) Support oder tiefergehende Diskussionen hier so austrage, wie ich es heute jetzt gerade in all meiner bitteren Erschöpfung nach diesem ultraturbulenten Jahr gerne tun würde. Es wäre unfair, und ich weiß das.

Weil ich es verstehe.

Ich verstehe aber auch, dass ich gerade immer mehr und immer breiter verstehe, warum ich so eine armselige kleine Existenz bin, die auf ein Morgen schaut, das von Abhängigkeiten, Nöten, Kämpfen und einer ewig schwelenden Unrache geprägt sein wird. Ich sehe mich inmitten einer Gesellschaft, die sich über jemanden wie Edathy empört und vergisst, dass Kinder, deren Gewalterfahrungen gefilmt wurden, zu Erwachsenen werden können, die zu einer Person werden kann, mit der man jeden Tag zu tun hat.
Ich sehe mich inmitten von Menschen, die sich für Opfer und zu Opfer geworden Menschen stark machen und übersehen, wie oft sie selbst Gewalt ausüben und mittragen. Ich erlebe mich inmitten von Not vor der Not anderer Menschen überall auf der Welt und habe das Gefühl, die Welt hat vergessen, dass sie aus handlungs- und veränderungsfähigen Menschen besteht.

Von Menschen, die von mir hören müssen, dass das, was sie tun können um mich zu trösten oder mich zu stärken, wenn sie es möchten, manchmal einfach schon ist mit und bei mir zu sein, sich mir sicht- und spürbar zu machen – von denen kann ich nichts erwarten. Für die muss ich da sein.
So fühlt es sich an.

Und das macht müde.
Ich werde für keine Email mit Antworten auf Fragen nach einem bekannten freien Therapieplatz, einer Suchmaschine für Traumatherapie, für Erfahrungen mit Medikamenten, mit Fragen in Bezug auf Traumatherapiemethoden, mit Fragen, was sich im Ausstieg und bei der Re-Orientierung bewährt hat und all die ganzen großen und kleinen Nöte, die von mir kommentiert werden möchten und und und bezahlt. Ich habe nie gelernt, wie man Menschen in großer Not gut berät. Ich habe keine Supervision in dem, was ich tue. Ich habe keinerlei Anbindung an Vereine oder Opferschutzeinrichtungen, die mir in irgendeiner Form bei dem Ding, zu dem das Blog von Vielen geworden ist, eine Unterstützung bieten kann.
Alles, was hier passiert, ruht auf den Schultern einer einzelnen Person, die weder Einkommen noch Auskommen hat.

Unsere Texte sind und waren immer unsere Möglichkeit uns zu erklären. Es geht darum, dass wir verstanden werden.

Es geht hier nicht um Angehörigen- oder Verbündetenflausch.
Ich entschuldige nicht mehr mit „Aber Hilflosigkeit !!1!!11!“.

Es geht hier nicht um Öffentlichkeitsarbeit zum Thema DIS.
Ich schreibe in die Öffentlichkeit, was ich erlebe, nachdem ich Gewalt erlebt habe.
Und das und der Umstand am Leben zu bleiben, um das tun zu können, ist meine Arbeit, die zu honorieren dieser Gesellschaft bis heute nicht gelingt.

Wofür ich Verständnis haben soll.

Vielleicht habe ich das wieder morgen oder übermorgen oder nächste Woche.
Aber im Moment, wo ich meine Erschöpfung, meine Bitterkeit, meine Hautlosigkeit so sehr spüre, habe ich es nicht und weiß, dass dafür Verständnis einzufordern, keine falsche Erwartungshaltung von mir an andere Menschen ist.
Auch dann, wenn es eine übliche Phase der Therapie ist.

8 thoughts on “Verständnis und „Aber Hilflosigkeit !!1!!11!“”

  1. Ich kann bei diesen Zeilen keine falsche Erwartungshaltung von dir erkennen.
    Nur sehr viel Kämpfen – und sehr viel Erschöpfung…

  2. Danke für’s thematisieren!!!
    Mit diesen Fragen ringe ich auch, seit vielen Jahren schon.
    Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass die Therapeuten das falsch sehen.

    Man darf sich Verständnis wünschen und es erwarten. Das finde ich eine gesunde Haltung. Und es ist völlig in Ordnung, darunter zu leiden und sauer zu sein, wenn man zu wenig Verständnis bekommt. Diese Gefühle sind unabhängig davon, ob man die anderen versteht.

    Allerdings sollte man darauf gefasst sein, dass die Leute häufig nicht dazu im Stande sind, Verständnis zu haben/zu zeigen. Wer mit der Erfüllung seiner Erwartungen rechnet, wird allerdings enttäuscht werden.

    Wobei man also gegebenenfalls Unterstützung gebrauchen kann, ist bei der Entwicklung eines wirklichkeitsgemäßen Welt- und Menschenbildes (und eim Lernen, die Realität auszuhalten).

    Es klingt nach Haarspalterei, ich weiß. Aber dieser feine Unterschied hat große Folgen.Ich finde es nicht in Ordnung, dass eine Erwartung als falsch angesehen wird, wo es doch um Anderes geht…
    Ja doch, ich habe Verständnis dafür!
    Deshalb muss ich es noch lange nicht gut finden!!

  3. „Wobei man also gegebenenfalls Unterstützung gebrauchen kann, ist bei der Entwicklung eines wirklichkeitsgemäßen Welt- und Menschenbildes (und eim Lernen, die Realität auszuhalten)“
    und das wiederum erlebe ich als schwierig. Was ist denn ein „wirklichkeitsgemäßes Welt- und Menschenbild“ und welches nicht? Und wer muss sein Bild warum revidieren?
    Ich erlebe es öfter so, dass mir Unterstellungen gemacht werden in Bezug auf Menschen und Weltsicht, die ich in mir nicht finde, aber verändern soll, weil ich unter Menschenverhalten und der Dynamik der Welt leide.
    Weil ich leide, habe ich in dieser Logik dann die „nicht wirklichkeitsgemäße Sicht“ und soll sie verändern, um ???

    Ich frage mich oft, in welcher Wirklichkeit Menschen leben müssen, um mich und mein Leiden aushalten zu können. Um meine Lebensrealität aushalten lernen zu können. Mich als Teil der Realität aushalten zu können und sehen zu lernen, dass sie Wirklichkeiten ausblenden.

    Neben meinem Umgang mit Enttäuschung und Wahrnehmung der Intensionen von Menschen, erlebe ich oft keine Bemühungen anderer Menschen, auf die Wahrnehmung meiner Intensionen.

  4. Du hast völlig recht.

    Mit dem „wirklichkeitsgemäßen Welt- und Menschenbild“ meinte ich einzig das Wissen darum, dass man nicht mit Verständnis rechnen kann, ja häufig noch nicht einmal mit dem Willen dazu.

    Auf jeden Fall ist es hochproblematisch, für andere festzulegen, was die „Wirklichkeit“ zu sein hat.

    Vielleicht verallgemeinere ich auch zu sehr meine eigenen (bitteren) Erfahrungen diesbezüglich?

    Nein, durch deine Einwände sehe ich meine Erfahrungen bestätigt.

    …Und ich sehe auch den Entwicklungsbedarf meiner Kommunikationsweise…

  5. Ein sehr komplexer Artikel, den ich gerade nicht einzeln kommentieren kann, weil mir Worte fehlen.
    Ich möchte jedoch sagen, dass ich glaube zu verstehen, worum es geht. Dass es absolut schwierig ist immer Verständnis zu haben für die anderen, die eben nicht verstehen können. „Sie wissen es nicht besser.“ „Sie können nichts dafür.“
    Aber was können die Menschen dafür, die Gewalterfahrungen und schlimme Traumata erlebt haben? Warum müssen sie immer verstehen und können nicht erwarten, empathisch behandelt zu werden? Weil die Gesellschaft danach nicht ausgerichtet ist. Menschen erziehen anderen die Empathiefähigkeit ab, um hart genug für Wettbewerb und Konkurrenz und das Funktionieren zu sein. Jeder, der das nicht kann, ist schnell raus. Darum wird nicht oder wenig auf die geschaut, die Mitgefühl bräuchten. Sich versuchen hineinzuversetzen? Keine Zeit. Keine Lust sich mit den eigenen biographischen Wunden auseinanderzusetzen.
    Diese Erklärungsansätze kennst du wahrscheinlich selbst.
    Aber das ist eben kein Grund, das eigene Bedürfnis nach Verstanden werden aufzugeben!!! Nur weil so viel schief läuft in der Gesellschaft, heißt das nicht, dass unser Wunsch falsch ist. Die Gesellschaft ist oft krank und falsch.

  6. Achso- ja ich dachte du meintest, dass ‚man‘ mich/alle, die meine Sicht haben meinte. m)
    Ich glaube, dass es leider keine „immer richtige Ausdrucksweise“ gibt. Aber man kann ja nachfragen oder offen sagen, was man verstanden hat. Das habe ich ja auch gerade gemacht.
    Mir fehlt oft die Bereitschaft dazu bei anderen Menschen. Also, dass sie mich fragen, was ich meine oder ob sie nicht richtig verstehen.
    Das ist ja auch ein Teil von dem Frustärger, den ich habe.

  7. Doch ich finde das kann man/du erwarten!
    Dein Blog gibt genau das (Einblick in euer Leben/Fühlen/Denken), womit Menschen unter Zugabe von Empathie zum Verständnis von dir/euch kommen können. Und z.B. mir das als nicht-multipler, nicht-traumatisierter Person das auch glückt. Und vll renne ich deshalb so oft wo gegen, weil ich meine Fähigkeit zu Empathie auf andere übertrage und das auch erwarte, aber dennoch!
    Ich finde euren Blog super super wertvoll, weil er genau das ermöglicht. Mich in dich/euch reinzufühlen und damit eine weitere Tür zu öffnen in eine Richtung viele-sein/Trauma/etc. mich in viele weitere reinzuversetzen und sie mitzudenken.
    Also danke dafür und ich verstehe deine Wut!

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