Die Helfer_Innen und die Hilfe

Stigma, Enigma und was Outings eben nicht schaffen

In meinem Traum kamen die Worte ganz flüssig und glatt. Sie strömten aus mir heraus und schmiegten sich perfekt an das Denken meines Gegenüber an. Das war ein Reden übers Nichtheterosein, NichtFischnichtFleischnichtSojabratling-schlicht nicht konsumier-vereinbar_t_barsein. Das war ein Reden, das genau gemacht hatte, wofür Sprache, Worte, Kommunikation da ist.
Das war ein Traum, dessen Schmerz mit dem Aufwachen kam und auf seine Art weniger als 100 nicht heilende Wunden beim Bluten begleitet.

Anfang der Woche gab es eine kurze Spitze von Steinmädchen um den Tumblr “Ich bin in Therapie”. In meinem privaten Umfeld habe ich mich als queer ~~~ lesbische Person geoutet, die aus Angst und Unwillen zur Rechtfertigung des eigenen Seins vor ebenfalls jüdischen Menschen nicht in eine nichtliberale Gemeinde konvertieren will.
Ich habe mich in der letzten Woche mehrfach als schwerbehinderte Person und mich vor mir selbst als überfordert, müde, kaputt, schwach, kämpfend und ungerächt geoutet.

Man sagt das immer so: “geoutet”, dabei komme ich eigentlich aus gar nichts raus, sondern nehme die Hände aus den Taschen und trage kurzärmlig; spreche offen und ehrlich, statt meine Füße zum Vermeidungstänzchen zu schwingen.
Ich verwende keine soziale Enigma mehr, um mit diesem verschlüsselt, verdrehten Ich bei irgendjemandem als normal* anzukommen.

Mein Eindruck ist, dass “die Alten”, die heute die 50 bis 60 hinter sich haben, die Flucht nach vorn gut überstanden haben. “Ich bin schwul/lesbisch/anders als andere und bin trotzdem toll/ das ist gut so/ hat jede/r* zu akzeptieren!”. “Jede/r ist wie er/sie ist und das muss man tolerieren.”, “Alle können machen, was sie wollen…”. Einige (viele? die, die ansonsten eh schon eher privilegiert sind?) haben trotz ganz viel “trotzdem” ihre Positionen in der Gesellschaft ™ erkämpft und es geschafft, sie sich nicht abtrotzen zu lassen.

Ich habe das Gefühl heute nicht vorne flüchten zu können, weil da dauernd schon irgendjemand steht und mir erzählt, was ich da gerade tue und wieso und was das _eigentlich_ bedeutet und für Folgen für die ganze Welt haben kann.

Ich sage zum Beispiel: “Hey hm, ich glaube nicht, dass ich es verkraften kann, mich mit anderen jüdischen Menschen über mein lesbisch queer irgendwas sein, als “Entscheidung gegen G’tt” zu unterhalten.” und die Reaktion ist: “Hey ja hm, kenn ich, aber Homosexualität…”
What the fuck?! Ich rede über mein Sein- meine Identität, mein Ich und nicht nur über meine Sexualität. Wieso bestimmst du mein Thema?
Jedes Mal- auch gerade, wenn ich meine Schwerbehinderung erwähne, wird von mir ein “Aber ich komme gut zurecht” erwartet. Ein “trotzdem ist mein Leben prima”.
Nein, das ist es nicht. Die ganze letzte Woche war für mich so anstrengend, so zehrend, so mürbend und schmerzhaft, von Peinlichkeiten und dem Gefühl einfach nie zu genügen bestimmt – wer zum [piep] würde nach so einer Woche auf eine Erwähnung von Hilfebedarf ein “Aber eigentlich ist alles toll” nachschieben?!

Ich habe bei diesem bescheuerten Anti- Stigma- Tumblr sofort daran gedacht, dass sich so einen Quatsch nur Menschen ausdenken können, die randomly mitstigmatisiert werden. Zum Beispiel PsychologInnen*, PsychotherapeutInnen* und MedizinerInnen*, die, weil sie den ganzen Tag mit “Kranken” und Irren zu tun haben, selbst als “irgendwie krank” und irre gelten.
Die brauchen die Entstigmatisierung der “Kranken” und Irren, damit sie es selbst schön gemütlich haben in ihrem Nest aus Deutungshoheiten und RetterInnen*keksen ans Bett.

Wer heute noch glaubt, dass Entstigmatisierung damit beginnt, dass sich Stigmatisierte, als stigmatisiert zu erkennen geben- Wer heute noch glaubt, dass das “sich selbst outen” und offen mit seinem Sein umgehen, zur Folge hat, hat nichts mehr verborgen bleibt, der irrt und hat seine eigene Enigma laufen.
Jemand, den man ausgrenzt, hat man ausgegrenzt – ihn also in eine andere Sprache übersetzt, ihn rassiert; ihn klassiert, darüber degradiert und diskriminiert. Zu glauben, jemand, der einem in einer als fremd markierten Sprache sagt: “Du stigmatisierst mich- lass das mal!” würde schon richtig verstanden werden, grenzt an ein Maß von Ignoranz, das sich nur erlauben kann, wer davon keinen Nachteil zu erwarten hat.

Ich hätte mit meinem Sein weniger- vielleicht auch gar keine Probleme, wenn es nicht immer wieder in Abgrenzung zu anderen Menschen bzw. einer (angeblichen) Mehrheit konstruiert würde.
Anti- Diskriminierung, Anti-Stigmatisierung funktioniert nicht über das Gleichheitsprinzip, nicht über Toleranz und Mehrheitlichkeitsymbolik, sondern darüber, schlicht nicht zu diskriminieren bzw. zu stigmatisieren.
Die Ausgegrenzten™ immer wieder dazu zu bringen bzw.. dazu bringen zu können, sich vor Menschen, die mittendrin sind, zu outen, sich zu öffnen ist ein Privilegmarker. Die Äußerung anderer Menschen darüber, schwul/lesbisch/queer/ “irgendwie anders als, das was die Mehrheit ist/tut” zu sein, zu einem Outing, einer Offenbarung – einem Ereignis, das für andere Menschen als jene, die es äußern passiert- zu machen, ist bereits ein Akt der Ausgrenzung.

Ich habe diese Gedanken auch oft, wenn ich mich als Opfer von organisierter Gewalt sichtbar mache.
Ständig ist da dieses Gefühl, dass es als Outing oder Geheimnis aufgefasst wird, weil mein Gegenüber noch nie oder nicht oft, oder tatsächlich nur im Geheimen mit anderen Opfern organisierter Gewalt zu tun hatte.
Als wären Mobbing, Stalking, jeder verdammte Shitstorm nicht auch eine Form (mob)organsierter Gewalt. Als sei Opferschaft etwas, das man nicht als Selbstbezeichnung haben kann und/oder nicht auch in gewisser Weise zum Selbstbild zugehörig empfinden kann.
Jeder Mensch ist schon einmal zu einem Opfer geworden. Jeder Mensch auf diesem Planeten unterliegt jeden Tag einer Macht/Kraft/ Gewalt, die über den eigenen Möglichkeiten liegt.
Man muss Opferschaft nicht zu einem extremen Paradiesvogel menschlicher Selbstpositionen machen. Sie ist – losgelöst von juristisch/staatsgewaltiger Machtsysteme-  so normal* wie TäterInnen*schaft.

Ich bin es leid mich gleich machen zu sollen.
Ich bin nicht gleich mit anderen Menschen und habe noch nie zwei genau gleiche Menschen getroffen.

Für mich bedeutet das in Bezug auf Antidiskriminierungsarbeit, wie auf Antistigmatisierungsarbeit, sich genau zu überlegen, was man eigentlich ansprechen will. Was sagt uns denn “Ich bin in Therapie”?
Da geht’s nicht darum seelisches Leiden als Norm zu markieren und Psychotherapie als Option damit umzugehen, was meiner Ansicht nach viel sinniger wäre- sondern darum, das Stigma ganz gezielt nicht im Kopf der Stigmatisierenden zu suchen. Was wiederum wem nutzt?

Eben.

Wer das Blut aus den Stigmata der Stigmatisierten schon nicht sehen kann, sehen will  und seinen Anteil an der Verletzung der Stigmatisierten immer und immer wieder verleugnen kann und darf, der ist nicht der richtige Mensch um über ein Ende dessen zu sprechen.
Ganz einfach.

6 thoughts on “Stigma, Enigma und was Outings eben nicht schaffen”

  1. Kann man den Artikel nicht noch öffentlicher veröffentlichen?
    Ich find, den sollte jeder mal gelesen haben.
    Super und Danke :-).

  2. Sehr fein dein: „Da geht’s nicht darum seelisches Leiden als Norm zu markieren und Psychotherapie als Option damit umzugehen, was meiner Ansicht nach viel sinniger wäre- (…).“

    Ich hatte bei Kenntnisnahme der Information über diese Internet-Aktion auf Twitter (m)ein Unbehagen geäußert https://twitter.com/NurGedanken/status/503863464189001728

    Ich konnte es nicht fassen, was da gerade passiert. Deshalb danke für deinen Text. Er hilft, die Gedanken zum Thema rund zu bekommen.

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