Lauf der Dinge

Scheiße, die sind nett zu mir!

oder: “Wie viel Dissens verträgt der Konsens?”

Dass “Freiwilligkeit” kein Synonym für “Konsens” ist, ist für mich Fakt, weil ich persönlich das Konzept des freien Willens ablehne. Freiheit gibt es nur dort, wo nichts ist (Abwesenheit von Machtdynamik und damit Machtungleichgewicht = Abwesenheit von Gewalt = alle und alles ist gleich (ohn/mächtig) – wir* aber leben in einem Land, dass von mindestens Staatsgewalt dominiert und normiert ist, welche wiederum patriarchaler (Norm)Gewalt entsprungen ist. Also keineswegs in einem gewalt(en)freien Raum.

So bedeutet Konsens für mich ein Konzept, das bestehende Machten (Gewalten) anerkennt und eine beider/allerseits gleich be/er/entmachtende Positionierung ermöglicht und damit arbeitet.
Die Grundlage für Konsens ist neben Anerkennung von Unter- und Überlegenheiten, auch das Anerkennen, das Unter- wie Überlegenheit mit spezifischen Anpassungs- und Reaktionsmustern, Habitus, körperlichen, kognitiven und psychischen Befähigungen (aber auch ihrem Fehlen) und einem individuellem (Un-) Bewusstsein für eigene Präferenzen einhergeht.

Mein Tweet “Ich bin aufgewacht und der erste Mensch, der mich anschaut, lächelt. Vielleicht schlaf ich noch? <3”, ist für mich entsprechend sehr groß, da er mir selbst viel reflektiert:

– ich habe es geschafft unter Menschen zu schlafen
– ich habe es ausgehalten, dass mich ein Mensch anschaut, so dass ich merken konnte, dass er mich anlächelt
– ich konnte mir bewusst werden, dass sich das für mich angenehm und unwirklich neu anfühlte

Doch was stelle ich mit dieser Erkenntnis an?
Es ist das Eine zu spüren, das Freundlichkeit wenig mehr, als den Wunsch nach Harmonie und das Privileg der Gemeinschaft, die in Harmonie miteinander sein möchte, braucht, das Andere ist, in sich selbst genau das als neue Option, neue und fremde Interaktionsgrundlage zu empfinden.

Als ich die erste Nacht in der Hütte lag und versuchte meinen Körper auszuruhen, erkannte ich, dass ich den Trigger unterschätzt hatte, den es für mich bedeutet, wenn sich Nachts die Tür zu dem Raum öffnet, in dem ich schlafe.
Mein Denken und Fühlen passte sich an, schrumpfte, wurde weich, waberte wie Morgennebel ganz dicht neben meinem Gesicht.

Um mich herum wuselte es sachte. Einzelnes Lachen, gedämpfte Stimmen und das Rauschen des Waldes rahmten den Campkontext ein und allein mein Erinnern bildete für sich einen Dissens in all dem.
Diese Scheiße gehört in der Form nicht in eine Gruppe in der Diskriminierungen und andere Gewalten benannt und beendet werden wollen. Dieser rostige Nagel, den mir mein Kopf immer wieder neu in meine eiternden Wunden reintreibt, passt einfach nicht. Für mich. Als Fakt.

Mir wurde einmal mehr bewusst, wie viel von der Gewalt, die ich er- mit- ge- lebt habe, in mir selbst verankert ist und nicht durch den Konsens einer Ablehnung oder den Wunsch zur Veränderung verschwindet.
Auch in meinem Workshop wurde es kurz zum Thema, als ich sagte, dass man ein Trauma- ich möchte es ab sofort lieber “eine Erfahrungsverwundung” nennen – nicht “überwinden” kann. Wunden, Verletzungen, Schmerzen, die über physische Versehrungen hinausgehen, sind nichts, was man Kraft seiner geistigen Entscheidung oder Haltung allein “hinter sich lassen“ kann.
Wunden sind Löcher, Täler, die man durchschreiten oder mühsam umgehen muss.
So erlebe ich das jedenfalls. Was man überwinden kann – wo die Berge und Huckel zum überwinden und beklettern sind- sind meiner Meinung nach die Art Ängste, die erneute Ängste vor Verletzung, Ausbeutung und Verrat anhäufen.

Ich kann nicht in Gruppen sein, in denen meine Position heißt “Mach mal einfach- das wird schon alles passend sein.”. Gesagt mit Lächeln, ist es der Overload.
Dann muss ich sowas denken wie: “Vielleicht schlaf ich noch? <3”. Als Übersprungshandlung, weil Overload. Wohin mit all meiner Okayheit? Wie lange gilt mein Okaysein, als okay? Wie viel Nichtokaysein von mir wird geflissentlich übersprungen, kompensiert oder hobelt sich im Lauf der Zeit zu einem Huckel im Okaysein ab? Woran werde ich merken, wenn ich nicht mehr okay bin und mein Verhalten allen Konsens auf die Grundfesten reduziert und zu Gunsten einer Wunschvorstellung zwangsweise immer wieder neu belebt wird, wenn nicht durch Gewalt? Das ist doch woran ich immer und überall all mein Nichtokaysein merke! Absolut verlässlich und auf allen Ebenen.

Ich hätte es nicht ausgehalten, dort zu sein, wenn ich nicht den Workshop/Vortrag gemacht hätte. Ich brauchte meine innere Positionierung innerhalb einer Verwertungsgewaltendynamik (die nur vor mir selbst und einem nicht vorhandenen äußeren Beobachter von Belang und Bestand war!) um mir das Mehrsamsein in dieser großartigen neuen Form erlauben zu können.
Ich hätte nicht den Mut gehabt, nicht die innere Erlaubnis der Annahme zu vertrauen, dass sich jede/r* gut und hilfreich für die Gemeinschaft einbringen kann. Der Mut zur Überprüfung wäre nicht da gewesen.

Wieviel meiner Gewalt(en)sozialisierung ist umlernbar umerfahrbar überschreibbar durch Erfahrungen in konsensualen Miteinanders?
Ich reproduziere doch für mich selbst Gewalten bzw. Machtungleichgewichte, um mir diese Erfahrungen zu erlauben- sind sie dann noch purer Konsens oder eher das, was von meinem Eitersumpf übrig bleibt?

2 thoughts on “Scheiße, die sind nett zu mir!”

  1. Glaubst Du denn, daß es gewaltfreie Räume gibt? Für mich fühlt es sich ja eher so an, daß Macht und Gewalt (vs. Ohnmacht) immerwährende Phänomene sind, an deren Vorhandensein ich und niemand etwas ändern kann – weil sie ebenso zu uns Menschen gehören, Wie, das wir alleine nicht leben können. Und auch weil wir alleine nicht leben können. Daraus ergibt sich für mich, daß ich versuchen muß, meine Macht (die, die ich überhaupt wahrnehme) so verantwortungsvoll wie mir möglich, einzusetzen. Natürlich übe ich übrigens auch Macht aus, die ich nicht wahrnehme, die unbewußt ist. Immer wieder passiert es mir, daß ich Menschen ängstige, daß ich (über)mächtig wahrgenommen werde usw, und zwar ganz ohne, daß ich das geahnt hätte. Fragt sich, ob meine Achtsamkeit ausreichend war. Aber ich kann auch nicht achtsam für alles und jedes sein, dann überfordere und verliere ich mich selbst. Hier schließt sich der Kreis: Macht / Gewalt ist m.A.n. ubiquitär, ich gehe verantwortungsvoller damit und mit meinen Mitmenschen um, wenn ich sie aktiv in meinem Leben willkommen heiße als wenn ich so tue, als könne ich / man / frau / werauchimmer ohne sie leben.

    Zum Okaysein: Das erinnerte mich an Deinen Artikel über Schuld („es ist meine Schuld und ich will sie haben“ – oder so ähnlich) – Da fühle ich mich Deinen Gedanken ganz nah und bewundere Deine Formulierungen.
    „ein Huckel im Okaysein“ – geil, Danke für Deine Gedanken!

  2. Ob es gewalt(en)freie Räume gibt- nein, das glaube ich nicht.
    Ich glaube aber daran, dass Macht/Ohnmacht (aktiv/passiv) und die Art wie wir unser Miteinander aufbauen und festigen, keineswegs so zu uns Menschen gehört oder gehören muss.
    Ich frage mich, ob man, wenn man sich in einem Umfeld immer darauf verlassen kann, dass eigene Unachtsamkeit mit eigenen Privilegien (Machten) bemerkt und gemeinsam verändert oder umgelenkt wird, diese Art globale Achtsamkeit für sich lernen kann, ohne, dass man sich selbst verliert.
    Leider habe ich ja noch nie lange genug in Gruppen gelebt um Erfahrungen darin zu sammeln, welche Arten von Gewalten tatsächlich so allein aus Menschen herauskommen, die sie eben nicht erlernt haben.
    Also zum Beispiel, dass ich immer wieder das Gefühl habe, ich müsste mir die Gunst von Miteinander und als okay wahrgenommen werdens erarbeiten/verdienen, ist ja eine erlernte Gewaltdynamik, die ich selbst immer wieder wiederhole- zum Einen, weil ich das für mich brauche (Sicherheitsgefühle) und zum Anderen, weil Miteinander auch impliziert füreinander zu arbeiten (damit überhaupt etwas entstehen kann).

    Und ein Fragebereich ist für mich auch: Sind Konflikte das Gleiche wie Gewalt(en)?
    Auch da wieder: wir* sind sozialisiert in jedem Konflikt sofort den aktiven oder den passiven Part zu suchen und entsprechend Konflikte zu klären. Auch wenn es eigentlich um Dinge geht, die, würde man die Rollen aktiv und passiv vertauchen, nicht grundlegend anders zu klären wären.

    Gewalt im Leben braucht man mMn gar nicht willkommen heißen, vielleicht eher anfangen sie als solche zu benennen. Sie ist ja schon da und heißt dann aber „Liebe“, „Fähigkeit“, „Kraft“, „Mut“ etc. Verzichten mag ich ja nicht auf diese Machten in mir- aber auf „Missgunst“, „Hass“, „Zerstörungskraft“ schon.

    Ich glaub, wir sind mit unseren Ansichten schon ziemlich dicht aneinander 😉

    Viele Grüße!

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