Lauf der Dinge

das Pinkprivileg

feminismfuckyeahIch wollte eine rosa Brille und meine Zahnspange sollte pink sein. Mit Glitzer drin.
Meiner erster Schulranzen war in einem dunklen Lila gehalten. Ich glaube, da waren auch grüne Drachen mit drauf.
Ich mag und mochte “Mädchensachen”, wie Barbies oder auch meine Baby Born Puppe. Hätte es damals schon Lego in Pink gegeben, hätte ich darum gebettelt.
Ich weiß nicht, ob rosa und pink damals schon abgewertet wurde, wie ich das heute wahrnehme. Hat sich Anfang der 90 er Jahre auch schon eine Bewegung  gegen die “Pinkifizierung” ausgesprochen?

Heute kann ich pinke Kleidung nicht kaufen, weil sie für meine Augen oft zu grell ist. Mal ein rosa Rock? Gibts nicht- aber, es gibt grell pinke, eng anliegende Miniröcke, die mir viel zu viel Selbstbewusstsein abverlangen, als dass ich sie tragen könnte.
Mal ein Shirt in Pink- vielleicht mit einer schillernden Eule drauf? Gibts nicht mit langen Ärmeln und Rundhalsauschnitt- aber mit Ausschnitten bis zum Sternum und trägerlos auf jeden Fall.

Wer Rosa mag, gilt als weiblich (steckt man in einem biologisch als männlich normierten Körper: “weibisch”) und diese Weiblichkeit wird über die Form der Konsumgüterwahl einer Wertung zugeführt, weil sich diese heute nicht mehr am Geschmack sondern immer mehr an patriarchal binärer Geschlechternorm orientiert.
Slutshaming, Fatshaming, alle möglichen anderen Arten von Shaming passieren Frauen* oft und werden an ihrem Erscheinungsbild gerechtfertigt.
Pink/Rosa gilt hierbei als eine Art Verstärkung, als “rosa Licht” sozusagen.

In meinem Bullergeddo sehe ich auch Klassenunterschiede am „Grad der Pinkheit“ der Kinder. Je pinker und greller, desto höher der Plastikanteil dessen, womit sich die Kinder umgeben und desto mehr Diskriminierungsachsen sind erfüllt (Rasse, Klasse). Kinder (Mädchen) mit Eltern, die in Lohnarbeitsverhältnissen stehen und weiß sind, sind tatsächlich eher in rosa, als in pink gekleidet und haben noch eher ein allgemeines “bunt” im Kleider- und Spielzeugschrank.
Mädchen und Jung(-e)Frauen*, die bereis wegen rassistischer Stereotypen und mittelständischer Angst-vor-dem-Abstieg- Ablehnung abgewertet werden, werden heute über die Kleidung, die sie entsprechend ihrer Ressourcen erstehen (und das ist bei KiK und Co eben knallgrellpink- und nicht zartpastellrosa) können, erneut abgewertet.

Ob die Kinder die Farbe vielleicht einfach so mögen, ob mit der Farbe “Rosa”/ “Pink” schöne und angenehme Assoziationen verknüpft sind, ist dem Auge der Bewertung egal.
Es hat was mit „Mädchen“ und „Weiblichkeit“ zu tun – Ih ba ba!

Wer stellt sich der Frage, ob es vielleicht grundlegend egal ist, welche Farbe Mädchen* und Jungen* mögen, weil die Verknüpfung des Pink bzw. des Blau bereits in allem, was uns umgibt, ein fester Bestandteil unserer gesellschaftlichen Be- und damit auch Abwertungsmaßstäbe ist?
Ich mochte immer “Mädchensachen” obwohl ich mich selbst nie als “Mädchen” sah. Ich laufe heute in tradionell femininer Kleidung herum, würde mir aber nicht das Label “Frau” oder “Femme” geben. Ich mag diese Kleidung einfach und fühle mich darin wohl.

Mein früheres soziales Umfeld wertete diese meine “Verweiblichung” durch meinen Entschluss zum Rock und gegen die Hose, negativ. Zum Einen, weil ich religiöse Gründe angab und damit in den Augen dieser Menschen, zusätzlich ein Abhandengekommen sein meiner Fähigkeiten klar durchdachte Entscheidungen treffen zu können und zum Anderen, weil Weiblichkeit – je offensichtlicher, desto mehr, mit Unfreiheit durch Kinder, Haushalt und die Abwesenheit einer Karriere bzw. Erfolg in der Karriere verknüpft ist.

Als ich mich noch etwas später in diesem Kreis (der aus beruflich erfolgreichen Singlefrauen zwischen 30 und 40 Jahren bestand) als Feministin markierte, lief das Fass der erfüllten Vorurteile über und ergoss sich über mich. Mir wurde klar, dass es bei ihnen kein Wissen über feministische Theorie gab und das nicht zuletzt deshalb, weil Feminismus von Frauen* für Frauen* gemacht und gedacht wird.
In ihren Köpfen gibt es das Bild der “hysterischen Emanze, die Männer kastrieren wollen, weil diese von Natur aus alles besser können”.
Dass ich noch nie in irgendeiner Form Männer bzw. Männlichkeit abgewertet hatte, geschweige denn Weiblichkeit als überlegene Kraft bezeichnete, spielte für diese Menschen keine Rolle.

Ich hatte durch meinen Rock, meine Religion, meine Auseinandersetzung mit feministischem Gedankengut und nicht zuletzt vielleicht auch meinem überwiegend lesbischen Begehren, vermutlich alles getan, was es brauchte, um von ihnen als “unfreie, schwache, niedere, wertlose Frau, die kritisiert, weil sie sies nicht besser geschissen kriegt” gesehen zu werden.
Diese Menschen sehen die Abwertung darin nicht. Für sie ist das Fakt und ich bin durch meine Position nicht diejenige, die ihnen etwas darüber erzählen darf.

Menschen wie sie, schenken Mädchen zur Geburt rosa und rot, um ihnen eine Möglichkeit zur Positionierung in Bezug auf das eigene Geschlecht zu geben, genauso wie sie Jungen lieber mit Technik und Handwerk konfrontieren, als mit süßen Tierkindern. “Adultismus” (die Diskriminierung des Kindes) sehen sie als ihre Pflicht, egal, ob die Kinder so neben vielleicht tatsächlich vorhandenen Positionierungshilfen, auch Abwertungsverknüpfungen darlegen und ihnen individuelle Neigungen absprechen bzw. bestehende Neigungen umlenken.
Sie schenken ihnen keine rosa/pinken bzw. blauen Sachen, weil die Kinder darum bitten, sondern, weil Jungs in pink die Abwertung erfahren, die Mädchen ihr ganzes Leben erfahren und, weil Mädchen gefälligst immer als Mädchen erkannt werden sollen.
Vielleicht – vielleicht – damit klar ist, wen manN berechtigt abwertet, und wen nicht.

Selbst die Organisation “PinkStinks”, die sich den Kampf gegen die Limitierung von Geschlechterstereotypen auf die Fahne geschrieben hat, schafft es nicht ohne die Abwertung von Weiblichkeit aktiv zu sein. Dabei müsste doch gerade Stevie Schmiedel klar sein, dass sie, würde sie ausschließlich von Frauen* unterstützt werden (und ausschließlich diese fördern) weitaus weniger Erfolg hätte mit ihrem Vorhaben.
Doch soweit ist der Blick offenbar noch nicht. Auch bei “PinkStinks” heißt es, dass man Männer* nicht unterdrücken dürfe. Als wäre im Patriarchat, das wir leben, überhaupt so etwas wie Unterdrückung der Männlichkeit möglich.
Aber “Pink stinkt!” rufen geht. Kindern und Kinderversorgenden abzusprechen, dass sie in der Lage sind Rollenbilder zu erkennen und trotzdem die Farben pink/rosa bzw. blau wählen, weil sie sie einfach mögen, auch.

Einfach, weil das immer geht.
Pink darf man abwerten. Weil manN Frauen* abwerten darf.

Vielleicht aber, heißt es auch nur “Pink stinkt”, weil Jungen* eben nicht über das “Privileg Pink” verfügen können, ohne die Abwertung von Weiblichkeit zu erfahren.
Wenn ich mir heute einen pinklila Feengarten anlege, werde ich vielleicht als ein bisschen infantil, kindisch oder Kitsch liebend betrachtet, vielleicht denkt man an “das Mädchen in der Frau”. Würde ein junger Mann* so einen Feengarten anlegen wäre das, wenn nicht sofort pervers (im Sinne von “welches kleine Mädchen willst du in deine dreckigen Finger locken?!”) so doch mindestens “irgendwie nicht ganz normal”.

So wäre die Organisation “PinkStinks” das, was in meiner Bubble “Maskuscheiße” heißt, weil sie nicht das Ende der Abwertung von Weiblichkeit im Fokus hat (was ein auch feministisch unterstützenswertes Unterfangen wäre) sondern eine Erweiterung, der bereits jetzt im Überfluss bestehendenden Privilegien, die mit Männlichkeit verknüpft sind.

Neulich hatte ich den Gedanken, dass ich glücklich darüber bin, dass Glitzerkram offenbar bis heute als etwas gilt, das alle Geschlechter gleich benutzen können.
Sowohl die Auf- als auch die Abwertung von Glitzer auf Kleidung, im Haar, im Gesicht, im Essen (ja geht- für euch getestet) ist immer die Gleiche.
Glitzer ist zauberhaft, mysterös, schillernd auffällig, einfach schön um der Schönheit Willen.

Am Ende meiner Glitzergedanken, dachte ich, dass die Schönheit, das Angenehme und Wohlige, Gefühle von Geborgenheit, Bedürfnisbefriedigung… dieses tiefe Gefühl von Sattheit, viel zu selten thematisiert wird. Auch und gerade dann, wenn es um das Spannungsfeld “Kapitalismus” (und damit auch: “Klassismus” und damit wiederum „Rassismus“) und “Gender”  (und damit Identitätsfindung, Identitätswahrnehmung, das Leben der eigenen Identität, die uralte Frage, was “Identität”/ was “geschlechtliche Identität” eigentlich ist, sowie alle Diskriminierungen, die am Genderlabel hängen) geht.

Hinter gegenderten Chips steht nicht der Gedanke: “Frauen haben einen anderen Geschmack als Männer”, sondern “2 Produkte = doppelter Gewinn”, die Umwandlung zur Trennung und reduzierenden Zweiteilung von Geschlecht kommt aus unserer patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft, in der niemals alle gleichsam satt, glücklich und zufrieden sein dürfen, weil es sonst keinen oder weniger Konsum geben würde.
Wer heute nicht gegendert Chips futtert, der konsumiert eben die Kritik an diesen Produkten und unterstützt damit unter Umständen die Sicherung von Einzelpersonen, die eben geblickt haben, dass man mit der Kritik an solchen Werbe- und Verkaufsstrategien, zu Fördergeldern, Spenden und jeder Menge sozialer Sicherung kommt und genau deshalb unterm Strich auch gar nicht mehr an einer Auflösung bestehender Be- und Abwertungsmechanismen interessiert sein können.

Es ist ein Privileg Kritik annehmen und umsetzen zu können. Die Stärke auf eine Sicherung (Sattheit), wie man sie bereits kennt und wie man sie bequem erreichen kann, zu verzichten, manifestiert sich in unserer Gesellschaft an Umständen, die in selbiger Gesellschaft unsichtbar gemacht und abgewertet werden.

Einmal mehr dachte ich, dass Mut zur Bereitschaft zu Verzicht auf altbekannte Sicherungsmechanismen der Hauptgrund dafür ist, dass Pink/Rosa eben nicht “einfach nur eine Farbe ist”.

Als Körperkind wollte ich pinke Sachen haben, weil ich wusste, dass Jungen* sie mir nicht wegnehmen. Weil ich wusste, dass ich sie ausschließlich mit meinen Freundinnen* teilen könnte. Für mich steht die Farbe Pink und Rosa bis heute für Räume, in denen ich und meine Weiblichkeit erwünscht und in Ordnung sind, egal ob ich mich wirklich als „typisch weiblich“ oder nicht, wahrnehme.

Das ist das Pinkprivileg, das ich nicht zu Gunsten einer vermeintlichen Geschlechtergerechtigkeit abgeben will.

1 thought on “das Pinkprivileg”

  1. Mir fällt in Sachen „Farben“ auf, dass heutzutage z.B. Kinderbilderbücher, Kinderfilme und -serien, Spielzeuge usw. generell greller gestaltet sind, als zu meiner Kindheit. Alles wirkt auf meine Augen eher „beißend. Ich habe den Eindruck, Kinder werden „heutzutage“ an intensivere Außen-, bzw. Sinnesreize gewöhnt. Sowohl in Form von Zuckerüberfluss und Geschmacksverstärkern, als auch mittels Farb- und Formgestaltung… Vielleicht essen jene „plastikpinke Kinder“ eben auch den (Light-) Himbeerpudding, der garantiert keine einzige Himbeere enthält..

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