Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

böse

Rosenblätterknospe “Und wie viel TäterIn steckt in mir?”
Die Frage arbeitete sich wie ein stinkender Gasball durch meinen Kopf und platzte irgendwann mitten in der Artikelreihe “
Wir sind Viele”.

2 Tage lang war ich umgeben von den Begriffen “Opfer” und “TäterIn”, von diesem Himmel und Hölle- Spiel, in dem es nur “aktiv” und “passiv”/ “aggressiv” und “defensiv” gibt.

Wir passen nicht in rein duales Denken und vermutlich war es genau dieses Gefühl von “wie du bist, gehörst du hier nicht rein”, das mir diese Frage – diesen Komplex rund um Opfer – TäterIn – Spaltung aufmachte.
Seit Monaten wälze ich Verhaltensweisen eines Menschen mir gegenüber, von einer Hirnhälfte in die andere. Mache mich fertig, weil ich mich weigere, mir Etiketten wie “erhebliches aggressives Potenzial” und damit einhergehend “
das absolut schrecklich böse Monster”, wirklich auf die Stirn zu kleben, und trotzdem am Ende nicht weiß, wohin mit mir.

Mein Sternzeichen ist Löwe und wenn es eine Charakterbeschreibung für mich braucht, dann findet man sie in jeder 08/15 Beschreibung davon.
Ich bin stolz, intelligent, lasse mich von Lob durch die Decke pushen, bin loyal, großzügig, hilfsbereit und aufrecht.
Und ich brülle, wenn ich mit mühsam erkämpften (Ver)Handeln auf der Sachebene nicht vorankomme.
Wo andere Menschen denken “das muss aufhören” denke ich: “ich will es aufhören lassen”.

Irgendwie… so wirklich TäterInnenhaft finde ich solche Eigenschaften nicht.
Wieso fühle ich mich dann ständig- vor allem in dem Kontakt und damit assoziierten Kontakten, so?
Jedes Mal mache ich da einen Schritt zurück und sperre mich wieder ein, um mir mit meiner erneuten autarken Befreiung im Kopf ein Wohlbefinden zu generieren. Mich zu trösten vielleicht.

Vor ein paar Tagen habe ich eine neue App auf meinem Smartphone entdeckt. Ein Diktiergerät.
Neben einer weiteren Eulengeschichte, Vogelgezwitscher und Aufnahmen von Wasserplätschern, ist dort auch das mühsame Wortwürgen eines Innens zu hören, das sich in einem Monolog damit auseinandersetzt, wie viel abgrundtief Böses in ihm steckt.
Wir haben bei der Tagung gehört, dass es TäterInnen gibt, die ihren kindlichen Opfern erzählen, dass sie etwas in sich tragen, dass nur sie bändigen können und niemand sonst. Das Innen kaut nun in einer Endlosschleife darauf herum.

Ich selbst, hab keine Ahnung, was wir als Kind so zu hören bekommen haben-
aber was uns in der Psychiatrie so erzählt wurde, habe ich noch so genau im Ohr, als wäre es mir erst gestern ins Denken gedroschen worden: „Du bist eine Gefahr (für dich und deine Umgebung)!“.
Es fällt mir nicht schwer psychiatrische Anstalten als Gewaltorgane zu bezeichnen. Für mich sind die Jahre die aus Heim – Klapse – Heim – Klapse bestanden, nichts weiter als ein Gewaltenreigen. Gewalt hat uns reingebracht, Gewalt hat uns dort gehalten und Gewalt war es, die dort auf uns einwirkte- ganz egal, wie oft andere Innens die BehandlerInnen dort hochloben und dieses oder jenes als hilfreich bezeichnen. Ganz ehrlich- ich denke, der Mechanismus dahinter ist der Gleiche, wie wir den bei dunkelbunten Innens haben, die sich täterInnenloyal verhalten bzw. denken, werten, wahrnehmen. Aber klar- wo “Hilfe” draufsteht, darf man sowas nicht sagen- ups- zu spät – deal with it.

Das Innen, das die Aufnahme gemacht hat, stellte aber auch eine Frage, die ich gut finde: die nach dem Definitionsrahmen der Böses als böse/ “weg damit” und Gutes als gut/ “unterstützen/ festigen/ soll bleiben” festlegt und die Machtfrage, die damit einher geht.
Wer sagt warum, dass mein Verhalten “erhebliches aggressives Potenzial” hat; was sind die Parameter dazu; welche Wertung hat das zur Folge und welchen Einfluss hat diese Wertung auf mich und mein Leben?

In dem Kontakt, der mir Probleme bereitet, ist es egal, wie ich auftrete, ob ich verhandle oder nicht. Ob ich aus jedem meiner Sätze Emotionen und Persönliches herausstreiche oder nicht , ob ich eine Hand hinhalte oder nicht. Es ist egal. Immer wird sich mir so derartig tief unterworfen, dass ich selbst dann auf einem Podest stehe, wenn ich am Verhandlungstisch sitze.
Da bin ich die aggressive Kraft, weil alles andere so quasitot defensiv ist, dass jeder Ausschlag in irgendeine Richtung als übermäßig krass wirken MUSS.

Ich komme nicht mehr umhin mich zu fragen, ob das nicht einfach eine Art Kalkül hat.
Doch defensiven Menschen unterstellt man kein Kalkül- das ist, als würde man Bambi schlachten.

Ich tus = das Außen sagt: BÖSE weil BambimörderIn – > macht nach innen “Ich bin scheiße jatta jatta jatta” – > Selbstbild als das Leben in dieser Welt nicht wert, weil (Opfer)TäterIn

Und wo wir grad bei Bambi in Sachen TäterIn – Opfer – Spaltung sind.
Bambi möchte jede/r herzen. So unschuldig, so lieb, so unbedingt und in allem zu unterstützen.
Klar, so ein Bambi hat seine Bambieigenschaften nicht als Tarnung oder, weil kein Anlass dazu da ist.

Im Falle einer, das eigene Leben, bedrohenden Situation kann die Reaktion in Form von Flucht, Kampf oder Erstarrung auftreten.
Ich (als Einzelinnen hier in diesem Haufen) bin im Kämpfen entstanden und das ist irgendwie noch heute so. Gibt es eine Situation mit viel Puls, aber hohem intellektuellen Anspruch, tauche ich auf und löse das Problem. Fertig.
Es gibt aber auch Innens, die in Situationen entstanden, in denen die Defensive bzw. die Erstarrung drin ist. Die haben gelernt, sich im richtigen Moment hart/schlaff/mechanisch zu machen und einfach nicht mehr da zu sein. Die sind bis heute unempfindlich für Schmerz jeder Art und nicht in der Lage, die Verantwortung für ihr Nicht- Handeln/ nicht- Sein/ nicht- greifbar sein – zu begreifen. Denn sie haben doch nichts gemacht. Große Selbstschutzbambiaugen.

Was will man dann sagen?
Ich kriege über sowas Krätze und komme da auch nicht drüber.

Ich kämpfe mich daran ab, mir zu sagen, dass das alles seinen Sinn hat. Dass ich nicht diejenige bin, die darüber werten darf. Dass ich Menschen so lassen muss, wie sie sind. Dass jeder Mensch so ist, wie er ist usw. usw. usw.
Trotzdem bleibt bei mir halt die Sachebene bestehen.

Was ja gerne gemacht wird, ist als böse betrachteten Menschen abzusprechen, dass sie lieb sein können oder liebe Anteile haben. Oder- so wie ich- ewig lange an der Sachebene rumlaboriert haben, bevor ihnen der Kragen endgültig platzt. Gesehen wird bei TäterInnen jeder Art- die böse Tat, nicht die Umstände.
Die könnten es ja schwierig machen in der Abwertung des Bösen.
Plötzlich müsste man Anteile des alltäglichen Gewaltpotenzials um uns herum als üblich betrachten und ergo auch dem Opfer in der Dynamik TäterInnenanteile zugestehen.
Das wäre, als würde man in seinem Denken Platz für die Erkenntnis lassen, dass Bambi anderen Tieren das Gras wegfrisst und über ihrem Verhungern sagt: “Ich hab doch nix gemacht”.
Schwupp wäre sie dahin, die hübsche Einteilung in gut und schlecht- Opfer und TäterIn.
Bambi muss schließlich etwas essen- es kann nichts dafür- es muss fressen und es wäre grausam ihm das zu verbieten.
Doch spätestens dann, wenn jemand kommt und sagt: „Äh Tschuldigung- ich muss von diesem Gras auch leben” dann hat “Ich hab doch nix gemacht” nichts mehr im folgenden Dialog zu suchen- egal, ob das nun Bambi selbst sagen will, oder Bambis FürsprecherInnen.
Da ist dann einfach nicht mehr das jeweilige Sein der Beteiligten von Relevanz, sondern der Umstand, das es zu wenig Gras gibt oder die Verteilung schief ist.

Mich ärgert es, dass ich mich jetzt in so einer dualen Dynamik befinde und da scheinbar so gar kein Platz ist, um ein Miteinander zu finden.
Ich hasse solche Ohnmachtsgefühle und merke, dass ich daran kaputt gehe, weil der Backlash von innen so krass ist.

Und genau davor jemand die ganze Zeit mit eigener Qual und Not steht und mit allem, was ich sage, nur noch “ich hab doch nichts gemacht” äußern kann. (Übler gehts ja eigentlich nicht- ich die Böse, sieht das Leiden des Guten – es gibt sicherlich ForensikerInnen, die mir unter diesen Umständen ein hohes Gefahrenpotenzial unterstellen würden)

Das sind Gewaltspiralen, die einfach subtil tödlich sind auf lange Sicht. Eine/r von uns beiden wird an dieser Nummer in irgendeiner Weise Schaden nehmen und das, obwohl zusammen so viel möglich wäre.

Das ist doch scheiße.
Ich hab schließlich auch nichts mehr getan, als zu sagen, dass da was schief ist.

21 thoughts on “böse”

  1. Obwohls so schön einleuchtend scheint, muss ichs noch mal auseinanderklamüsern, weil mir Sachen noch nicht ganz klar sind, und um dann den Versuch einer Zusammenfassung für mich zu probieren.

    Duales Denken passt auf niemanden, meiner Meinung nach. ‚Opfer‘ sind ‚Täter‘ sind ‚Opfer’…

    Jemand wertet, schreibt dir “erhebliches aggressives Potenzial” zu. Das macht dich fertig, weil du das ungerechtfertigt findest? Oder weil dir/ Betroffenen von Gewalt‚ wie jedem anderem Menschen ‚aggressives Potenzial’ zusteht aber nicht zugestanden wird? Oder weil diese Zuschreibung hier/ oft? unabhängig von den Umständen geschieht? Alles zusammen?

    Der Kontakt, der dir Probleme bereitet, unterwirft sich, und macht sich damit zum Opfer und dich automatisch zum/ zur TäterIn? Wodurch sich die Rollen zwangsläufig vertauschen?
    Kann man das so zusammenfassen?

    (Fehlt nur noch der/ die Retter im ungesunden Spiel Dramadreieck.)

  2. Ein Artikel mit dem sich wohl so mancher Missbrauchter Gedanklich herumschlagen muss…
    Für mich ist es das Thema Genetik, vieviel steckt von meiner Verwandtschaft in mir? Und ist jeder noch so kleine Wut oder Ankack-Anfall ein Indiz, dass ich irgendwann genauso werde?

    Ich schäme mich manchmal wütend zu sein, zu brüllen, weil ich noch das Brüllen eines anderen im Ohr habe. Die Tendenz sich selbst zu beobachten, liegt wohl an den Erfahrungen die ich gesammelt habe… einen Löwen habe ich übrigens auch in mir, wenn auch nur als Aszendent – ist er dennoch mehr ICH als meine Jungfrau 🙂

    Die Angst verglichen zu werden, ist oft allgegenwärtig… dabei vergleiche ich nur selbst in meinem Inneren…

    Der Drang mich von dem was war, abzuspalten, ist genauso allgegenwärtig. Könnte ich die Gene meiner Verwandten von meinen Trennen, ich würde es tun. Die Frage ist nur, geht es mir dann besser…

    Ich gestatte mir hin und wieder ein Brüllen das die Wände wacken und sage dann: Es liegt an den Wechseljahren und wahrscheinlich stimmt das sogar 😉

    Ganz liebe Grüße von Johanna

  3. Hallo Lara;
    duales Denken = check – war ja ein Teil der Problematik dort- ich hab die Zwischen- und Grautöne gesucht, aber nur zwei Positionen gefunden -> Gefühl von Unpassenheit

    Ob ich mit der Zuschreibung auch bewertet werde, weiß ich nicht.
    Ich weiß ja aber, dass eher abgewertete Menschen solche Zuschreibungen erhalten und ich also ergo mindestens damit leben muss für diesen Menschen (der mir ja nun doch immerhin so nahe steht, dass er meint mir so ein Etikett draufkleben zu dürfen/müssen/können) jemand zu sein, der nicht „gut“ ist. (Und nein- eine umfassende Kenntnis der Umstände kann nicht vorliegen,weil der Mensch mich ja nicht mal danach gefragt oder mit mir drüber geredet hat)

    Ich würde mich nicht als aggressiv bezeichnen – weiß aber, dass wir als Einsmensch selbstverständlich das Potenzial dazu haben, wie alle anderen Menschen auch.
    Ich denke, dass ich halt in dem Kontakt mit dem anderen Menschen, (der sich mir immer und ständig unterwirft) aggressiv wirke- weil von dem einfach nur nichts kommt.
    Blauer Engel- Effekt: Wenn du neben jemandem stehst der viel vie viel schmaler/breiter/höher ist als du, dann wirkst du selbst sehr viel deutlicher breiter/schmaler/kürzer, als der Mensch.

    Und genau das macht mich fertig.
    Ich werd dauernd zum Täter-mäßigen/ mit Etiketten, die sonst eher TäterInnen abkriegen zu belegenden Innen gemacht, obwohl ich noch nie irgendjemandem auch nur ein Haar gekrümmt hab, einfach nur weil ich bin wie ich bin wie ich bin.
    Und genau der Effekt ist halt nur dual.
    Ich hab da keine Chance rauszukommen und bin wie immer in solchen Gegenüberstellungen einfach die Gearschte- ich bin nie diejenige die so bleiben darf, wie sie ist- und genau das finde ich scheiße.

    Jetzt bisschen klabüsteriger?

    Viele Grüße!

  4. Genetik: Lies mal von Joachim Bauer „das Gedächtnis des Körpers“ – in Sachen Genetik bzw. die Art wie Gene funktionieren, wird dir das bestimmt ne bombenmäßige Entlastung bringen- echt jetzt!

    Ich weiß grad nicht, wo das mit dem Vergleichen herkommt.
    Das Eine ist ständiges Vergleichen und das Andere aufgrund bestimmter Parameter einzuschätzen bzw. aneinanderabzugleichen. Ich denk da ist noch was anderes.
    Vergleichen ist für mich der Blick nach Unterschieden und Differenzen – der Abgleich ist der Blick nach den Gemeinsamkeiten.

    Wenn ich auf Gemeinsamkeiten gucke positioniere ich mich (und andere) halt ganz anders, als wenn ich gucke, was ich den Menschen/Dingen/Umständen als defizitär wahrnehme.
    Mir gehts jedenfalls immer besser, wenn ich mir ne Situation angucke, die schwierig ist oder so und mit Sachen abgleiche die Gemeinsamkeiten haben- einfach weil mir dann immer viel schneller einfällt, was man zur Lösung oder Verbesserung oder so machen kann.
    Wenn ich dann nur an Sachen denken würde, wo das Problem genauso war, aber noch mit diesen und jenen Problemen dazu, dann dauert eine Million Jahre bin man zu Potte kommt. (oder nur ich bräuchte dann eine Million Jahre- kann auch sein)

    Viele Grüße

  5. Wie das so ist: Mit der Beantwortung von einer Frage ploppen zehn neue auf. 😉
    Zuerst: Ich habe Bauchschmerzen, da ich gerade überlege, ob, das auch von mir verwendete, ‚Unterwerfen’ nicht ebenso eine Bewertung ist. Denn ich halte ‚aggressiv’ durchaus für eine.

    Der Mensch hat dich nicht gefragt oder mit dir darüber geredet. Heißt, ihr habt über dieses Thema bisher noch nicht miteinander gesprochen?

    Und nein, du bist in dieser Dynamik nicht so hilflos, wie es dir vorkommt. Es liegt dir etwas an diesem Menschen, das wird aus deinem Artikel deutlich. Ihr müsst aus euren Rollen heraus, einer zumindest. Augenhöhe wieder herstellen. Wenn nicht gleich ein für alle Male, dann eben jedes Mal aufs Neue.

  6. Wenn „unterwerfen“ wirklich wertend ist, dann brauch ich ein anderes Wort (mir fällt nämlich kein anderes ein- ich will aber nicht werten, sndern nur sagen, das ich ein Verhalten neben meinem erlebe)

    Ja- nö. War nicht dabei der Mensch und hat hübsch entweder nur ne Oberfläche gesehen oder die Sicht des anderen Menschen (wenn überhaupt- das weiß ich nicht- ist ja auch egal- geht halt drum, dass da einfach gar nicht alle Parameter sein können und das Urteil/Bild/die Wertung (wenn denn eine vorgenommen wird) gar nicht auf einem echten Überblick basieren kann).

    Mit dem Rest kann ich nur nicken: Ja. Muss. Soll bitte endlich.
    Passiert aber nich (und klar bin ich halt Schuld dran bruahaha klar weil – ne… Bambischlachterin bin ja ich – immer)
    Ich weiß nicht, wie man so was macht. Und was ich halt noch machen soll fällt mir auch nicht ein. Außer halt: Weggehen. Aber das schließe ich aus verschiedenen Gründen aus. Scheiß Rückgrat ;o)

  7. Bewertungen sind ja nicht an sich zu verteufeln, Situationen zu bewerten ist unter Umständen lebensnotwendig. Und auch was Menschen anbetrifft, bilden wir uns sofort, zack, ein Urteil. Solange der Sack offenbleibt und wir das auch wieder loslassen können- kein Problem. So wie man ‚aggressiv‘ Tätern* zuschreiben könnte, finde ich ‚defensiv‘, ‚unterwerfend‘ ‚Opfer*- Termini. Nicht wertend wäre es, konkret das Verhalten zu beschreiben, welches zu dieser Bewertung führt. Also quasi das, was ein Kameraauge beobachten könnte.

    Kennst du die andere Position? Ich meine in deinem Erwachsenen- Sein. Gab/ gibt es Menschen, die dich dann auf Augenhöhe zurückhol(t)en? Und wie mach(t)en die das?

  8. So aufgemacht, wieder zugemacht, aufgemacht …. jetzt traue ich mich doch:

    Was die Frage des „abgrundtief Bösen“ betrifft, denke ich, dass du/ihr eben Mensch bist/seid – mit allem, was dazu gehört.

    Bei der anderen Sache habe ich beim Lesen den Eindruck, dass diese andere Person ganz genau weiß, welches Knöpfchen sie bei dir drücken muss, unabhängig davon, ob sie das mit Absicht macht oder nur intuitiv. Womit sich die „Täter vs. unterwürfiges Opfer“- Beziehung ganz schnell erledigt hätte.
    Ich weiß, dass ich mit dieser Einschätzung völlig falsch liegen kann.

    Liebe Grüße

  9. ich raffs nicht: wo ist denn das wort „aggressiv“, bzw. „aggression“ eine bewertung?? ich find die assoziationskette „aggressiv=böse=falsch“, bzw. „böse=agressiv“ unmenschlich. aggression ist doch dem wortursprung nach „nur“ etwas „angreifendes“, also hat das was dynamisches, was nicht unbedingt zerstörerisch oder gewalttätig sein muss, oder?

  10. eben so sehe ich das auch- aber in dem Kontakt (in Bezug darauf fiel das ja) nehme ich das als schlecht/böse wahr. Da kommts mir vor als wäre Bewegung schlecht, weil störend oder was weiß ich.
    Das ist jedenfalls wie ich das fühle.
    Das muss ja nicht mal sein (muahahah wer bin ich, dass ich darüber bestimmen darf, wie mein Verhalten definiert wird ÄtzLOL )
    kommt aber so bei mir an

  11. Naja, gehen wir mal davon aus, dass unser beider (Re)Aktionen unwillkürlich sind- ich mein- ich würd jetzt auch nicht von mir behaupten, dass ich so wahnsinnig viel mehr als „Mööp- das ist Kacke- gleich mal sagen“ denke, bevor ich losratsche, ne.
    Wo ist dann diese Beziehung/ Dynamik deiner Meinung nach erledigt?

    Ich mein, der Mensch und ich könnten richtig gut was zusammen bewegen und machen und tun- dann muss man doch sehen, was zu retten ist, oder was man dann ändert.
    Oder hab ich dich falsch verstanden?

  12. haha also erstmal: In der Regel sind die ersten Sätze, die Leute mir sagen in etwa: „Dududu! Nu mach ma nich son Lauten hier- (benimm dich mal!)“ also ist dieses „mit deinem Erwachsenensein“ in meiner Realität jetzt noch nicht soooo wirklich oft da.
    Aber wenn die Leute mich ernstnehmen und von meinem So-sein weggehen und sich halt nur auf das konzentrieren, was ich zu meckern hab und wir dann gucken, was man besser machen kann, gehts.

    Aber der erste Reflex ist immer erstmal mich klein zu machen und zu halten- entweder halt so mit so ner Ohnmachtsnummer oder so ner Bewertungskiste

  13. Es macht einen Unterschied in der Kommunikation, ob du jemandem sagst: „Du bist aggressiv!“ Oder ob du eben sagst: „Als wir die letzten Male aufeinandertrafen, hast du mit lauter Stimme zu mir gesprochen, standest breitbeinig da, hast mit den Armen gefuchtelt und die Stirn in Falten gelegt. Das hat mir Angst gemacht.“ Wenn du so sprichst, öffnest du den Raum. Du gibst dem Gegenüber Gelegenheit, dich überhaupt zu hören, zu verstehen, statt es mit irgend einer Wertung/ Zuschreibung mundtot/ hilflos/ wütend zu machen oder in die Ecke/ Rechtfertigung zu treiben. ErSie könnte dann zB. antworten: Ach das, ja, tut mir leid, wenn ich hiliflos bin oder mich klein fühle, baue ich mich oft so auf. Oder: Ach ja, du hast Recht, ich war wütend, da und darüber. Whatever. Das wäre dann Kommunikation auf Augenhöhe.

  14. … Oder eben auch zum Beispiel zu antworten:“Ok, ich höre/ habe verstanden, dass meine Art zu sprechen dir manchmal Angst macht. Für dich ist es aggressiv, für mich authentisch, kraftvoll, lebendig. Was können wir da jetzt tun?“ …

  15. Du bist gefährlich. Keine Frage. Gefährlich für alle, die dir was angetan haben, weil du darüber sprichst. Das gilt nicht nur für deine Herkunft. Das gilt auch für die ehrenwerten Doktoren, Ämter usw.

    Was wäre einfacher, als dir ein schlechtes Gewissen zu machen? Zumal du doch schon immer ein schlechtes Gewissen hattest, wenn es darum ging, „dein und nein“ zu definieren und zu schützen?

    Was ist „Täter“ überhaupt? Jemand, der „nur“ gegen das Gesetz handelt?
    Jemand, der gegen die Menschlichkeit handelt, auch wenn es vom Gesetz erlaubt ist?
    Also natürlich bist du aggessiv, natürlich hast du das Potenzial zum Täter.
    Nicht für die eine Sache, nicht für die andere aber für irgendeine sicher. Jeder Mensch kann an den Punkt gelangen, wo er auszuckt. Und dann kommen andere Faktoren hinzu.
    Wenn ein perverser zum Täter wird, ein Sadist, ein Choleriker – dann sind das sicher andere Dimensionen.
    Der eine tötet schnell im Affekt, der andere foltert methodisch. Ich sage nicht, dass es sowas, wie einen „guten Täter“ gibt, ich sage aber, dass ich lieber auf ersteren treffen würde und wenn ich es mir aussuchen müsste, auch lieber der erste wäre.

    Aber wenn wir hier schon magisch denken: ich bin Skorpion…ich bin schon aggressiv auf die Welt gekommen ;-).

  16. Naja, ne- ein/e TäterIn ist, wer Taten tut.
    Also jede/r irgendwie für irgendwen und in Bezug auf irgendwas und immer.

    Mir gehts halt darum, dass ich das Gefühl hab, ich sollte mich für mein Agieren (aktiv sein) schämen/ bestraft werden damit, das niemand mehr mit mir redet (schon gar nicht über das, was ich sage)

    Da kommt so dieser Teil Exklusion wegen sein, wie man ist, obwohl einem genau diese exkludierende Kraft immer wieder sagt, man solle so sein wie man ist.
    Das ist einfach – ach da gibts nur „Gut und drin“ oder „draußen, weil schlecht/böse“

  17. Oh ja, schwarz-weiß Denken ist mir auch – wenn ich dann mal ganz ehrlich bin- am Liebsten.
    Weil es Sicherheit vortäuscht.
    Nur weil du ungemütlich (aktiv) bist, musst du dich nicht schämen.
    Hätten sich andere mehr Umstände gemacht, würdest du heute weniger Umstände machen.
    Aber so ist das nun mal.
    Immerhin ist das, was du tust und repräsentierst wichtig und richtig!
    Danke dafür :-).

  18. Also ich mag Menschen, die direkt sagen was Sache ist. Lieber als die, die immer ja und amen sagen. Da weiß ich ja nie, ob ich das was sie nun sagen wirklich ernst nehmen darf oder beim nächsten Gesprächspartner wieder anders klingt. Ich kenne das aber auch, dass ich mit einer „kämpferischen“ Art nicht nur Freunde gewinne. Dass einige Ämtermenschen nicht mehr mit mir reden wollen, sehe ich ja noch als Erfolg an. Denen bin ich unbequem und genau das wollte ich ja auch. Die haben schließlich Unrecht und halten Menschen klein für ein bischen Statistikgewinn oder Aufstiegschance in der Behörde. Dass die von mir sagen, dass ich nerve, heißt, ich konnte schon nerven, schon Kontra geben. War nicht wehrlos. Nicht gefallen tut es mir bei Menschen, die ich mag. Und die jeder Diskussion aus dem Wege gehen, sie als unharmonisch empfinden. Schon an einer Grenze, wo ich selbst noch denke „Mensch, ist das gerade ein interessantes Gespräch…könnte ja noch n bischen tiefer gehen“. Naja, in Freundeskreisen lass ich dann lieber manchmal die Themen Politik und Religion. Aber es hat – wie du schon richtig sagst- nicht nur mit einem Menschen zu tun (dem der gerne diskutiert), sondern auch mit dem, der es nicht gern tut, dem „harmonischen“ Menschen.

    Gut, dass es eben verschiedene Menschen gibt. Einige lieben die Diskussion wie ich. Halte ich mich eben an die. Und du findest sicher auch Menschen, die nicht gleich weggeweht werden, wenn ein Gespräch mal angreifender wird. Die darin auch eine Chance sehen.

    Diese Einteilung in gut und schlecht empfinde ich übrigens so ähnlich wie dieses Ausspielen gegeneinander zB beim Thema Hartz4. Da werden die „schlechten Hartzer“ gegen die guten Arbeitenden ausgespielt. Was in der Betrachtung fehlt ist das System, die Banken, die Gewinne der Reichen usw.

    Lasst euch zumindest innerlich nicht gegeneinander ausspielen.

  19. So, habe jetzt endlich Zeit und Kopf zum Antworten:
    Du schreibst, dass du selbst „Kalkül“ dahinter vermutest. Die andere Person bringt eure Kommunikation sofort weg von der Sach- auf die Beziehungsebene (sehr vereinfacht ausgedrückt und das lässt sich natürlich auch nicht immer ganz genau trennen, sonst wären wir keine Menschen).

    Nach deiner Beschreibung hast du aber keine Chance dieser Dynamik zu entgehen, somit passt in meinen Augen das Opfer-Täter-Modell (passive lebensrettende Unterwerfung – zerstörende Aggressivität, die definitiv negativ konnotiert ist) nicht mehr, weil das nur vordergründige Begriffe / Schablonen / Muster sind, die eurer Beziehung aufgelegt werden aber nicht die wirkliche Dynamik wiederspiegeln. Warum die andere Person das tut, ob mit (destruktiver) Absicht oder weil sie eben nicht anders kann …. nun, dieser Frage kann man nachgehen oder es vielleicht auch bleiben lassen, weil sie nicht zu klären ist.

    Fakt ist, es ist zum ko… wenn man bewegen könnte aber eben nicht kann!

    LG

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