Lauf der Dinge, Momente mit Glitzer drin

die Geschichte von der kleinen, fast ganz erwachsenen, Eule

Einmal, vielleicht ist es noch gar nicht lange her, da hockte eine kleine Eule auf einem Ast, in einem Baum, in einem Wald…
vielleicht gar nicht so weit von hier.

Schon eine Weile, hopste sie vor der Höhle, in der sie geschlüpft war, hin und her. Mal hinein, mal heraus und manchmal traute sie sich sogar ihre Flügel ganz weit auszustrecken, während sie auf dem Ast entlang lief.

Die kleine Eule war eigentlich gar nicht mehr so klein. Vielleicht ein bisschen kleiner, als ihre Euleneltern. “Aber nur ein gaaaaaanz klitzebisschen!”, fand die kleine Eule, “Ich bin auch fast ganz erwachsen!”.
Dann erzählte sie anderen Vögeln immer, wie sie sich ganz allein aus ihrem Ei gepickt hatte, weil es ihr darin viel zu eng wurde und sie ja auch gerne mal ihre Euleneltern sehen wollte, die sie so fleißig ausgebrütet hatten. “Und dann irgendwann wurde mir auch diese kleine Bude hier zu eng. Phü- nur ein Fenster und das ist auch noch die Wohnungstür! Nee, nee- ich bin jetzt fast erwachsen, da kann ich auch unter dem Blätterdach des Baumes schlafen.”, sagte sie und plusterte ihre feinen Daunen über der Brust auf. “Und wenn mir das nicht mehr gefällt, dann gehe ich eben woanders hin. Vielleicht dort drüben hin, in diese schöne Buche. Oder da in die Kiefer!”.

Eine Krähe keckerte: “Du kleines Eulchen- du kannst ja nicht einmal fliegen. Bevor du es dort hinschaffst, muss noch jede Menge passieren!”.
Da war die kleine Eule geknickt. Fliegen… nein, das hatte sie noch nicht probiert.

Einmal, da war sie geflatterhopst und plötzlich hatten ihre Füße den Ast nicht mehr berührt! Huch, hatte sie sich da erschrocken! Und weit und breit kein Eulenelter da und alle hatten geguckt, wie sie vor lauter Schreck erst mal ein bisschen weinen musste.
Da war sie lieber etwas vorsichtiger geworden und hatte lieber nur in ihrer Höhle geflattert. Aber irgendwann passten ihre großen, fast schon Erwachsenenflügel nicht mehr hinein.

“Wie geht denn Fliegen?”, fragte die kleine Eule, “Was muss ich denn dafür machen?”.
Die Krähe lachte: “Du wartest auf den richtigen Moment und dann Schwusch! passiert das ganz von allein.”.
Ein anderer Vogel sagte: “Also unser Nachwuchs, der hat sich immer gegenseitig aus dem Nest geschubst und dann konnten sie auch fliegen.”.

Der kleinen Eule wurde mulmig. Woher sollte sie denn wissen, wann ihr richtiger Moment war? Und was, wenn jemand käme, der sie einfach schubste?
Auf einmal kam ihr alles fast erwachsen geworden sein viel einfacher vor, als das Fliegenlernen. Plötzlich merkte sie, wie ihr Herz vor lauter Angst, einfach vom Ast runterzufallen, wummerte. Und dann dachte sie, dass sie ja auch gar nicht echt fast erwachsen war, wenn sie nicht einmal fliegen konnte.
Ach, jetzt hatte sie einen kleinen Schmerz im Bauch vor lauter Traurigsein und weinte kleine Eulentränen.

Da landete ein Eulenelter neben ihr und trug eine kleine Mahlzeit im Schnabel.
Es sah, dass die kleine Eule traurig war und fragte: “Ach mein Herz, warum weinst du denn so sehr?”.

Die kleine Eule erzählte von der Krähe und dem anderen Vogel und dem Fliegen und dem Runterfallen und am Ende pustete sie mit ihrer letzten Luft raus: “Ich bin noch gar nicht richtig erwachsen!”. Da nickte das Eulenelter und sagte: “Ja, das stimmt. Du bist noch nicht erwachsen, weil du noch nicht ganz ausgewachsen bist.”.
Ausgewachsen? Das war ein neues Wort für die kleine Eule.
Sie legte den Kopf schief und hörte zu.

“Jetzt wirst du flügge und lernst flattern und hopsen und geflatterhopsen und klettern mit flattern. Da schaue ich dir zu und bringe dir noch Essen, denn das kannst du ja auch noch gar nicht: das Jagen.”. Die kleine Eule wollte kurz noch einmal weinen. Da war ja noch etwas, was sie noch gar nicht konnte, aber sie wollte doch jetzt schon alles können!
Aber das Eulenelter sprach weiter: “Wenn man Dinge lernen will, dann muss man manche Dinge vorher schon gut können. Dann hat man irgendwann auch gar keine Angst mehr, weil man das schon so oft gemacht hat, dass es nicht mehr unheimlich ist. Du übst ja jeden Tag ein bisschen Flattern und Hopsen, nicht wahr?”. Die kleine Eule nickte eifrig.
Das Elter nickte: “ Siehst du und vor dem Fliegen, kommt das Flattern. Und ganz nebenbei, wenn du das übst, werden deine Flügel ganz genug auswachsen, damit sie dich tragen können und dann ist das Fliegen fast nur noch ein klitzebisschen anders als Flattern.”

Das klang für die kleine Eule schon alles gar nicht mehr so traurig. Sie würde ganz viel flattern üben und hopsen testen und dann irgendwann bestimmt fliegen können. Und wenn sie fliegen konnte, dann konnte sie auch in der Dämmerung jagen lernen, wie ihre Eltern das machten. Dann wäre sie ausgewachsen und könnte das alles.

Aber eines, das musste die kleine Eule noch wissen, bevor sie futtern und üben konnte: “Bin ich denn jetzt trotzdem schon bisschen fast ganz erwachsen? Ein klitzebisschen fast?”.
Da lachte das Eulenelter und drückte die kleine Eule an ihren Bauch.
“Ja, mein Herz. Ein klitzebisschen fast erwachsen bist du jetzt auch schon.”.

kleineEule2

18 thoughts on “die Geschichte von der kleinen, fast ganz erwachsenen, Eule”

  1. hach, was für eine schöne geschichte *seufz* so schön geschrieben! und das bild dazu gefällt mir auch sehr. habt ihr das gemalt?

  2. 🙂
    Und auch wenn die kleine Eule dann gaaaanz erwachsen ist, also vollkommen ausgewachsen sozusagen, darf sie, wann immer ihr danach ist, ganz heimlich, auch immer noch mal, ganz selten natürlich!, ein klitzekleines bisschen klein sein.

  3. Oh ist die Geschichte schön, danke dafür 🙂 und auch der Gedanke von Lara, dass sie dann doch evtl mal klein sein darf, der gefällt mir auch. 🙂 und ja, das Bild ist auch so gut, ja genau, habt ihr das selbst gemalt?
    Danke schön und allen eine gute Nacht ❤

  4. wow! toll! du hast wirklich talent zum malen 🙂 das wäre so ein bild, das ich mir ohne zu zögern an die wand hängen würde. das strahlt so viel wärme und liebe aus – einfach schön 🙂

  5. Ich mag die kleine Eule, die so kuschlig eng sich anschmiegt und finde das Bild voll schön. Die Eltereule guckt ganz gütig und hat das Kleine lieb. Das ist traurigschön. Groß werden ist viel schwieriger als wachsen.

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