Lauf der Dinge

Multimythen Teil 2: “Manchmal trauen wir uns nicht, uns zu zeigen”

Subjektive Empfindungen und Wahrnehmungen anderer Menschen lass ich auch diesmal wieder unangetastet.
Ich denke mir, dass jede/r sagt, was er oder sie sagt, weil er/ sie es sagen will/ kann/ darf/ muss/ soll. Einen Grund gibts immer.

Wie das Wechseln so richtig funktioniert, habe ich selbst bei mir noch nicht raus. Ich weiß, dass es etwas mit meinem Stresslevel zu tun hat, der wiederum abhängig ist von meinem Außen mit all seinen Reizen.
Ich weiß, dass ich manches Wechseln beeinflussen kann und manches überhaupt nicht.
Doch niemals (wirklich niemals!) habe ich in meinem Kopf gesessen, während ein anderes Innen mit der Umwelt interagierte und dachte darüber nach, ob es mir denn jetzt genehm ist/ ich mich traue “raus zu kommen”.
So eine Sicht auf das Leben mit DIS ist so geil fürs Fernsehen oder Comics oder die Art Kunst, die ich selbst manchmal zum Ausdruck von Gefühlen, inneren Impulsen oder mir irgendwie fremden Gedankenwechseln, benutze. Das ist Abstraktion, hat aber mit – zumindest meiner- Lebensrealität so mal gar nichts zu tun.

Die Diagnose der DIS markiert ein Ende eines ganzen Spektrums von dissoziativen Störungen* und ehrlich gesagt habe ich schon ein paar Mal gedacht, dass die DIS als Diagnose eine ähnliche Konstruktionsweise wie andere Syndrome hat.
Es ist nicht A nicht B nicht C allein- es ist alles gleichzeitig und doch nicht kontinuierlich und gleichzeitig nie ganz weg.
Wer fühlt sich bei so einer Bauart nicht doch irgendwie dezent an Schizophrenie oder Borderline als Diagnosekonstruktion erinnert?

Alle Menschen dissoziieren in einem gewissen Maß (das ich aber ehrlich gesagt so noch gar nicht gefunden habe- Literaturhinweise bitte gerne in die Kommentare).
Ob sie Derealisieren, während sie gerade zur/m Wettrennenersten gekürt werden; ob sie Depersonalisieren, weil sie gerade Zeuge von Gewalt werden; ob sie auf Autopilot laufen, und sich im Nachhinein nicht mehr bewusst erinnern können, wie genau die Strecke aussieht, die sie jeden Morgen zur Arbeit fahren oder, ob sie nach einem außergewöhnlichen Ereignis grad noch der Lebensbegleitung sagen, dass sie jetzt gehen und dann für Stunden, Tage, Wochen, Monate als jemand anders irgendwo anders ein völlig anderes Leben führen- alles das sind dissoziative Erlebnis- bzw.. Wahrnehmungsweisen, die in das Spektrum der dissoziativen Störungen fallen.

Wenn die Menschen sich von diesen Wahrnehmungen gestört (und ergo belastet) fühlen, können sie sich das schriftlich von einem Arzt geben lassen und so eine Chance darauf bekommen in einer (Psycho-)Therapie daran zu arbeiten nicht mehr davon gestört zu werden oder- vielleicht als eine Art Trostpreis: sich nicht mehr davon gestört zu fühlen.

Eine Grundlage ist aber immer eine Abwesenheit von Bewusstsein (welches sich in aller Regel auf Assoziation als mehr oder weniger objektiv funktionaler Ablauf stützt). Was dissoziiert wird, ist in dem Moment nicht bewusst- was eine ernsthafte und tiefe Wahrnehmung von zum Beispiel Schamgefühl und Ratio ausschließt- was wiederum etwas ist, was ein “sich nicht trauen rauszukommen” ausschließt.

Ich kenne Momente, in denen ich prophylaktische Schamgefühle habe, weil ich Impulse wahrnehme, die mich beschämen und die ich mich deshalb nicht traue zu äußern.
Das ist irgendwie so ziemlich jede Therapiestunde oder andere Situation in der jemand mich so mittelmäßig stresst, dass ich mehr Impulse wahrnehme, gleichzeitig aber auch immer größere Entfernung von mir selbst bzw. von als zu mir Gehörendem spüre.

Klassiker unter den Stressfragen: Wer bist du? Was willst du?
BÄNG! Selbstdarstellung, Zentrum auf dem Ich, raus aus dem diffusen für sich selbst irgendwie mit klitzekleinen Leuchtkegeln markierten Selbstgefühl und genauso schlagartig der Reflex in die Unterwerfung, die Kampf oder Fluchtbereitschaft
Auf solche Fragen- diese Art Stress- reagiert mein Gehirn schneller als es das Licht schafft einen Schatten zu produzieren. Da bin ich für mich inzwischen und vor mir selbst jedenfalls schon richtig gut, wenn ich es schaffe, nicht gleich zu dissoziieren, sondern eben erst mal Selbstregulation zu betreiben und diese Vorannahme von “diese Art Stress = es geht um Leben und Tod” a) zu bemerken und b) mit der Realität abzugleichen.

Scham und ein Zögern haben nicht die Vorannahme von “es geht um Leben und Tod” sondern : “Es geht um die Art meiner Wirkung im Außen”.
Das ist auch Selbstdarstellungsstress und Stress aufgrund des Selbst im Schlaglicht, aber das ist eine ganz andere Gangart von ein und dem selben Batmobil.

Dieser Multimythos kommt aus der Grundannahme, der Begriff “multiple Persönlichkeit” sei ein Synonym für “Unterschiedlichkeit in Verhalten und Wirkung” bzw.. dem Schema von einem Menschenfleischsack mit gleichgroßen völlig autark herumgetragenen Menschen, die wenn sie keine Lust mehr auf das Wandeln in ihrer eigenen Welt drinnen haben, ab und zu mal einen Ausflug in die Welt des Außen machen und sich auf dem Weg dorthin noch überlegen, was sie dafür anziehen, damit sie am Ziel einigermaßen okay aussehen und sich nicht zum Spaten machen.

Wenn das alles so einfach wäre… hach multipel sein wär so toll und einfach.
Wenn es so wäre, würde man sich nicht oder (so denke ich mir das zumindest) nicht so sehr gestört fühlen, dass man zum Arzt rennt, sich ein Stigmakärtchen auf die Stirn tackern lässt und dann zum therapeutisch wertvollen Werkzeugkasten greift um an seinem Ich herumzuschrauben.

Es wäre halt multipel sein – exklusive Dissoziation auf dem äußeren Spektrumrand… also nicht multipel sein… und genau deshalb so was von verdammt wünschenswert für die eigene Lebensqualität.

9 thoughts on “Multimythen Teil 2: “Manchmal trauen wir uns nicht, uns zu zeigen””

  1. Ich erlebe es manchmal so, dass andere mit „da“ sind, durch mich hindurch agieren oder auch nur zuhören. Manchmal ist mir das Peinlich, was da durch mich hindurch geschieht und ich habe aber keinen Einfluss in dem Moment. Ich selber weiß nicht wie man bewusst nach Innen und Außen kommt und letztlich auch nicht wie bewusst andere Innere mithören und dann auch mal reagieren – es scheint mir manchmal, als könnten sie es auch (nicht nur) bewusst Entscheiden.

    Ich weiß nicht ob ich dich da richtig verstehe und grad völlig am Thema vorbei bin – ich glaub es gibt da sehr viele verschiedene Facetten und das es bei Menschen mit DIS auch recht unterschiedlich ist. Der Satz aus der Überschrift erscheint mir nicht so unwahrscheinlich. Ich weiß allerdings auch nicht, wie es für uns in den ersten 2 oder 3 Jahrzehnten war – da traf Deine Beschreibung wohl auch eher für uns zu. Oder nicht? Weiß es nicht.

    In jedem Fall finde ich Deine Gedanken zu den Themen interessant und Nachdenkenswert. Danke!

    Liebe Grüße senden wir
    anja und sterne

  2. Ich denke oder- nein: Ich kategorisiere das Fühlen/Sehen/ Merken/Mitkriegen (irgendwie waberig), wenn ein anderes Innen agiert als Depersonlisieren.

    Zu dem Thema so- also zu meiner „Argumentationkette“ hier, kam ich durch die immer wieder aufkommende Frage: Wo bin ich wenn ein anderes Innen da ist?
    Da ist für mich die logischste Antwort immer wieder: „Ich war auch da- ich habs aber dissoziiert.“ (und eben nicht: Ich wanderte auf einer grünen Au irgendwo in meinem Kopf und überlegte mir welches Kleidchen ich zum Dinner im Außen anziehe…“

    Es ist halt nicht so, dass es so super geil ist für Innens nach außen zu treten.
    Wenn ich da bin , bin ich halt da. Für mich hat das Außen nichts wo sich die Frage stellt: Kann ich mich trauen so wie ich bin da zu sein? (und von der Annahme das Außen wäre was, wo man sich freudestrahlend und mit wehenden Fahnen hinbewegt, because why not is doch so toll da- wenn man sich nicht traut da zu sein… äh- ja das ist mir/ uns sowas von fern)

    Also ne- klar- jeder Mensch ist anders- aber Dissoziation als solche halt nicht. Das ist das was ich halt so als kleinsten gemeinsamen Nenner nehme

    Euch auch viele Grüße

  3. Ja, so verstehe ich es auch, dass es so Deine Erklärung aus Deiner Erfahrung heraus ist.

    Ich denke, dass es bei einigen so ist, dass sie im Innen tatsächlich Orte schaffen und sich überlegen ob und wann sie raus _möchten_ und was sie dann tun _möchten_ und es abgesprochen werden kann oder wenn noch nicht „so weit“ eben einfach auch bewusst von jemanden Innen entschieden werden kann. Ich weiß nicht ob es bei uns je so sein wird oder so ist – aber ich denke, dass es was ist, was während der Therapie sich entwickeln kann (fände das gut). Habe es so auch schon von anderen mit DIS beschrieben bekommen. Manche, die Begriffen haben, dass es heute nicht mehr unsicher Draußen ist, können durchaus gerne im Außen sein….

    Vielleicht schaff ich es grad nicht deinen „kleinsten gemeinsamen Nenner“, wie du ihn meinst, zu erkennen – weil es so viele verschiedene Wandlungen der Dissoziation gibt. Ich denk da grad an die, die sehr gut mit dem „Viele sein“ leben ohne das integriert wurde – Bis es wirklich so ist, gibt es ja wahrscheinlich viele Zwischenstufen.

    Weil Du ja „Multimythen“ schreibst, hab ich das Gefühl sagen zu wollen, dass ich es anders auch sehe, gehört habe und teils auch erlebe/erkläre/mir vorstelle….
    Ist es Deines, ohne Verkopplung zu anderen mit DIS, könnte ich es auch gut so stehen lassen… 🙂

    Ok, ich würde mich grad lieber kompetenter ausdrücken, aber geht nicht und ich denke/hoffe, dass Du auch so verstehst was ich meine.

    Liebe Grüße
    die sterne

  4. Hallo Anja und Sterne
    Was wir hier sagen ist, dass „Abstraktion“ (sich überlegen wie das sein könnte) eben nicht „Dissoziation“ ist.
    Das ist der Punkt,

    Da gehts nicht darum, dass ich von meiner Erfahrung ausgehe und sage: „so und so ist das“, sondern, dass ich sage: die Wissenschaft erkennt diese und jene Kategorien und ich kann mein Erleben auf dieses und jenes übertragen.

    Dissoziation passiert eben nicht bei jedem Menschen anders.
    Die Abstraktion für sich selbst, um sie greifbar zu machen hingegen schon.

  5. Danke, für Deine Geduld und das Erklären^^

    Ich glaube, das ich mich jetzt lieber Ausklinke in dieser Reihe – mein Denken sagt jetzt „Aha, so meint sie das“ und schafft aber kein weiterdenken.Ich will Dir Deine Artikel nicht völlig verhunzen, durch mein nicht verstehen^^ 😉 Das ist ok.

    Liebe Grüße senden wir euch
    sterne

  6. Bei dieser Stelle hab/en ich/wir mich/uns königlich amüsiert
    „ab und zu mal einen Ausflug in die Welt des Außen machen und sich auf dem Weg dorthin noch überlegen, was sie dafür anziehen, damit sie am Ziel einigermaßen okay aussehen und sich nicht zum Spaten machen.“
    Danke :3

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