Die Helfer_Innen und die Hilfe, Innenansichten, Lauf der Dinge

Konsultation

„Ich schaffe es nicht, mich um einen Klinikplatz zu bemühen“

„Stimmt- sie schafft es nicht, sich aufzureiben. Wissen sie- wir reiben uns täglich an ihr auf. Sie bezeichnet uns als Schleifpapier um ihre Seele herum. Sie ist so schwach- hält nichts aus. Sehen sie das hier- gucken sie mal hier: bis hierhin schaffe ich das!“, sie hält das Gedärm, das ihr aus dem Bauch heraushängt vor die Rückseite der Iris, als könnte die Neurologin sie sehen.

„Eigentlich hab ich grad erst das Gefühl da in der Therapie atmen zu können. Also zu dürfen.“ Sie runzelt die Stirn, „Ich hab mich nach der letzten Stunde nicht wie eine Versagerin gefühlt. Es ging mir okay- ich … also…“

„Uh ja wissen Sie, die Psychenserin hätte ja auch ihre Hand für andere Gesten- vielleicht in Richtung daherquakende Fresse- benutzen können. Für dies Muckschi hier ist das so Husch to Husch- sie wissen schon. Ich fänds ja besser wenn ihr endlich mal einer eine reinhaut.“, sie haut mit ihrer Faust auf ihre Handinnenfläche. Das Blut darin verursacht ein schmatzendes Geräusch. 

„Ich glaube, ich werde psychotisch. Irgendwie ist das so der Punkt, glaube ich, an dem irgendwie etwas durchdreht. Da will ich nicht in einem Krankenhaus sein, wo sie mich behalten könnten.“.
– „Wieso glauben Sie das?“, die Neurologin guckt sie an. Legt den Kopf etwas schief.
„Ich sehe dauernd eine Hand, die auf mich zukommt und…“, sie macht eine Bewegung mit der eigenen Hand und verschluckt den Rest des Satzes. Spürt die Hand um ihren Hals.
– „Das sind Erinnerungsbilder…“

„Jaaaahaaaaahahahahahahahahahaaaaaa Erinnerungsbilder, hm klar
KLAAAAAharrrharrharrr
EKT bitte. Jetzt. Für sie Frau Fachfrau- ich such mir jemand, der diese Lügenscheiße nicht weiter verbreitet“, sie versucht nach der Haut der anderen zu greifen.
Ein Paar Arme legt sich um ihren Oberkörper und hebt sie hoch. „Ich glaub nicht, dass das Lügenscheiße ist. Und ich glaube by the way auch nicht, dass dein Geschrei hilfreich ist. Für dich vielleicht- aber nicht für uns und sie.“. Sie trägt das keifende Bündel mit sich in fernere Tiefen.

„Ich nehme das ernst, wenn sie sagen, dass sie sich psychosenah fühlen. Es gibt ein Medikament, das diese Grenze stärken kann. Es ist ein mittelpotentes Neuroleptikum“. Sie schauen sich an. Sie antwortet: „Eine der häufigsten Nebenwirkungen von Neuroleptika sind Halluzinationen.“.

„Genau. Dazu kommen Nervenzellensterben, ungeklärte Wirkungsweise, krasse Nebenwirkungen und ganz eigentlich brauchst du nicht das, sondern nur Mut. Du musst mutiger sein. Ich verstehe nicht, wieso du so ein Hasenherz bist. Echt nicht. Dir passiert doch nichts. Dir ist noch nie was passiert.“, sie sitzt mit dem Rücken an sie gelehnt und dreht Haare um ihren Zeigefinger.

„Ich kann nicht abgeschossen draußen herumlaufen.“, sie denkt an ihre Therapeutin und daran, dass sie von einmal Umknicken und im Graben liegen bei nächtlichen Minusgraden gesprochen hat. „Und andere Nebenwirkungen?“.

„Nope- ich werd auf gar keinen Fall jemanden bitten, bei uns zu schlafen oder uns bei ihnen schlafen zu lassen um das zu testen. Hallo? Nee! Vergiss es- wir sind groß und außerdem- ich sag dir das noch mal- das ist nicht, was wir brauchen. Du musst mutiger sein und das jetzt hier einfach auch mal mit uns durchgehen. Das ist „Erinnern“- mit den Pillen machst du „Leiden“… oder naja- besser gesagt: „Krankheit“ daraus.
Die ganze Nummer hier ist Absicherung von der Therapeutin und Vermeidungstanz von dir. An der Stelle ergänzt ihr euch echt perfekt.“, sie knufft sie sachte in die Seite und lacht.

„Bei dissoziativen Störungen kann man es nie so genau sagen. Es gibt Nebenwirkungen und paradoxe Wirkungen. Das muss man dann sehen.“, sie schaut sie an. Weiß vermutlich, dass eigentlich auch nichts mehr gesagt werden muss. Es ist immer das Gleiche, wenn sie miteinander über Medikamente sprechen. „Wollen Sie es versuchen?“.
Sie nickt
.

„Ey- Hallo?!“, sie steht auf, tritt in ihr Ohr, in ihr Denken hinein und fragt, ob sie noch alle Schweine im Rennen hat.

Aus dem Off quillt ätzendes Lachen und frisst sich die Beine herunterrinnend durch die Haut.

negativhimmel

1 thought on “Konsultation”

  1. Wow ich bekam Gänsehaut als ich das las…Bis zum Ende ließ mich der Anfang nicht los:“Sie bezeichnet uns als Schleifpapier um ihre Seele herum. Sie ist so schwach- hält nichts aus“ Irgendwann bleibt nichts mehr übrig als Staub?! Ich bin gerade völlig im Mitgefühl und es schmerzt mich sehr, so viel Schmerz. Es tut mir sehr leid, solch eine Bürde tragen zu müssen!

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