Lauf der Dinge

der GKV- Spitzenverband und seine Thesen zur Vorenthaltung psychotherapeutischer Hilfen oder: "Psychotherapie ist keine Operation an offener Seele"

RosenblätterhulkkunstDas Ärzteblatt hat heute über eine Bombe berichtet, die zu Unrecht noch immer nicht öffentlich geplatzt ist:

Der GKV-Spitzenverband will die Psychotherapie reformieren.

Was klingt wie eine Rezepturverfeinerung zum Hilfs- und/ oder Heilbehandlungscocktail für Menschen mit psychiatrischer Diagnose*, ist in Wahrheit nichts weiter, als eine breite Einsparungsmaßnahmenidee auf dem Rücken von sowohl tausenden (heil)behandlungsbedürftigen Menschen, als auch deren BehandlerInnen.

Zwei zentrale Thesen wurden vorgestellt, die sich nur ein leidensferner Geist ausgedacht haben kann.
Zum Einen eine pauschale Deckelung der Psychotherapiestunden auf 50 (so werden schneller Plätze frei, was die Wartezeiten verkürzt) und zum Anderen eine 6 wöchige Wartezeit nach einer Kurzzeittherapie (25 Stunden) bevor es weiter gehen kann.

Allein die Konstruktion dieser Thesen, beweist eine absolut peinliche Unwissenheit über die aktuelle Versorgungsrealität psychisch erkrankter Menschen in Deutschland, eine Unkenntnis über die Wirkungs- und Funktionsweise von sowohl Psyche als auch Psychotherapie, sowie das Kalkül, das gebraucht wird, um Menschen strukturell gestützt mindestens in ihrem Recht auf Hilfe zu diskriminieren.

So wird auch in dem Artikel lediglich die Wartezeit auf einen Erstgesprächstermin (benannte 3 Monate) bei einem/ einer ambulanten PsychotherapeutIn erwähnt.
Nicht hingegen, die Wartezeit auf den tatsächlichen Beginn der Psychotherapie. Diese ist gerade für KlientInnen mit zusammen auftretenden Erkrankungen mit bis zu 2 Jahren erheblich länger.

Seit 10 Jahren nehmen die Fehltage von ArbeitnehmerInnen zu, was die Krankenkassen jetzt zum Handeln treibt. Die Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen gar nicht mehr in Arbeitsverhältnissen stehen oder nie hinein kommen, sind in der gesamten Rechnung offensichtlich gar nicht vertreten.

Steigender Bedarf kommt für den GKV-Spitzenverband ganz offensichtlich aus dem Nichts und hat für ihn nichts- aber auch gar nichts damit zu tun, dass Menschen mit psychischer Erkrankung hier in Deutschland so derartig in ihrem Recht auf medizinische Versorgung beschnitten werden, dass aus akutem Erstauftreten, chronisches Siechen in unter Umständen Arbeitsunfähigkeit, sozialer Nichtteilhabe und stets und ständigem Leiden unter seinen Störungen/ Problemen/ Symptomen werden muss.

Chronische Erkrankungen gelten als Schwerbehinderung. Als chronisch erkrankt gilt man ab einem Diagnosebestehen von 6 Monaten und einer Be-Hinderung im Leben.
Ergo sprechen wir nicht nur von einem Totalausfall logischer Deckung eines existierenden Hilfebedarfs, der stetig steigt, sondern auch von einer Bevölkerungsgruppe, die krank (und also behindert) gehalten wird, durch Vorenthaltung von Maßnahmen zur Heilung bzw. Symptommanagment, das mit einem Leben im Sinne (im Willen) der KlientInnen vereinbar ist.

Die zweite These ist dazu an Paternalismus gegenüber den KlientInnen auch kaum noch zu überbieten.
Demnach sollen sich die Menschen nach einer Kurzzeittherapie 6 Wochen überprüfen, ob der Weg, den sie da begehen, der Richtige ist. Würde es sich bei einer Psychotherapie um einen Eimer Schokoeis, der in einer bestimmten Zeit aufzuessen ist, handeln, wäre diese These nachvollziehbar.
Hätte das Ausbleiben der Psychotherapiesitzungen nicht, wie das in vielen Fällen nun einmal so ist, zur Folge, dass die Alternative (extrem viel teurere!) Klinikaufenthalte und/ oder Einbeziehung von Sozialdiensten, Betreuungsdienstleistungsunternehmen o. Ä. zur Aufrechterhaltung bzw. Unterstützung (u.U. der Rettung) eines Menschenlebens, ja, auch dann könnte man über pauschale 6 Wochen Pause nachdenken.

Doch so ist es nicht.
Es geht um Menschen und ihre Leben(squalität)- nicht um Zahlen.
Es geht darum, Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose und entsprechendem Leiden zu helfen.

Dem GKV- Spitzenverband geht es ganz offensichtlich um Problemverschleppung, Kostensenkung und Bedarfsplanung auf dem Papier- fern ab der Realität und fern ab jeden Anstands, den der Umgang mit Menschen grundlegend abverlangt.

Für tausende und immer mehr werdende Menschen, heißt das Diskriminierung, fortgesetztes- sich vielleicht verschlimmerndes Leiden, soziale Ungleichheit und in manchen Fällen: Tod.

Derzeit wertet die Initiative Phönix (eine Initiative, die sich aus komplex traumatisierten Menschen und engagierten BehandlerInnen zusammensetzt) eine Umfrage aus, die die aktuelle Versorgungsrealität von allein Menschen mit (schweren) Traumafolgestörungen abbildet und bereits jetzt zu dem Ergebnis kommt, dass es schon jetzt- ohne jede Therapiestundendeckelung bei 50 Stunden!- schwerwiegende Mängel und Verschlechterungen im Sinne von Chronifizierungen gibt.

Psychotherapie dauert Jahre.
Psychotherapie ist nicht kostenlos.
Aber: sie ist eine Hilfe.

Es gilt das gleiche Recht für alle Menschen.
Auch das Recht auf Hilfe.

Die heute vorgelegten Thesen des GKV- Spitzenverbandes treten all das mit Füßen.

*psychiatrische Diagnose meint hier: So gelabeltes, aber natürlich möglicherweise subjektiv anderes Empfinden
*die Sommers haben das Positionspapier noch weiter auseinander genommen

14 thoughts on “der GKV- Spitzenverband und seine Thesen zur Vorenthaltung psychotherapeutischer Hilfen oder: "Psychotherapie ist keine Operation an offener Seele"”

  1. wiiiieso geht denn dieser button nicht. luxusproblem, aber das nervt mich jetze. jo aber jedenfalls: sehr sehr gut und wichtig und eigentlich müsstet Ihr sowas hauptamtlich machen, also schreiben meine ich, und davon leben können. Echt mal jetzt.

  2. Ja so ist es und schlimmer….. Ich las heute Mittag einen Artikel im Ärzteblatt darüber und war erschrocken und entsetzt! Schon Jetzt ist die Situation Katastrophal, aber wenn es so kommt… da kann ich gar nicht hindenken. Wie sollte man dann den Funken Hoffnung aufrecht erhalten können?

    Ich hoffe das es nicht so kommt und vielleicht sogar richtig gutes Entschieden wird, aber da das Geld eine Rolle spielt (und nicht Logik – von wegen teurere Klinikaufenthalte) bin ich da nicht zuversichtlich. Auch das denke ich jetzt nicht zu Ende.

    Danke fürs Schreiben und wenn wir den nächsten Blogeintrag hinkriegen, würden wir diesen Artikel gerne verlinken.

    Liebe Grüße an Euch!

  3. Hallo Anja und alle

    gerne dürft ihr den Artikel verlinken.

    Hoffen auf Änderungen zu Gunsten der Logik wiederum zu Gunsten der Menschen die hilfe suchen, habe ich abgehakt.
    Was bleibt ist das Pochen auf Menschenrechte und ethische Grundsätze.
    Es kann nicht sein, dass die Versorgung von Menschen allein in den Händen von Wirtschaftsunternehmen liegt, die offensichtlich von keiner Seite Einhalt bekommen, wenn sie Menschen diskriminieren.

    Es wär zu wünschen, dass niemand mehr Zeit mit Hoffen verschwendet, sondern sich schwer macht. Laut(und so)stark(wie es geht).

    Viele liebe Grüße an euch

  4. Ich finde solche Pläne absolut katastrophal! WIe kommen die eigentlich auf ihre Zahlen? Wo haben deren Sachverständige ihre Informationen her?
    Zeit für eine Aktion/ Petition auf change.org?

  5. Ja, das stimmt! das wär zu wünschen! Und längst Zeit!

    Der Punkt, wo bei mir das schlechte Gewissen einsetzt und ich selber Denke, Handeln und nicht Schwafeln, Frau stern! Mein Wunsch ist es, eines Tages so weit zu sein, Öffentlichkeit für bestimmte Themen zu finden. Es hätte was von Sinngebung. Hier ist die Kraft nicht da wirklich Tätig zu sein. Nicht mal finanziell geht unterstützend Tätig zu sein. So schweige ich in der Regel.

    Aber für Euch und viele andere wünsche ich sehr, dass Viele ins Handeln kommen können!

    Liebe Grüße

  6. Habe jetzt erst mal bei Campact angefragt, weil die ja eher auf der nationalen Ebene sind. Melde mich, wenn da was geht. Vielleicht wenn andere da auch noch anfragen?

  7. Hat dies auf bloggerlein, Hier möchte ich mich mit anderen austauschen und schreiben die auch psychisch angeschlagen sind, psychische Probleme haben und darunter leiden. Wenn man mit anderen darüber schreiben kann, fällt es vielen vielleicht leichter darüber zu sprechen. Denn ich denke wir betroffenen können uns untereinander besser austauschen, da das Verständnis eventuell größer ist. rebloggt und kommentierte:
    Da ich mich selbst auch mit dem Thema Psyche beschäftige bin ich auch dabei etwas über dieses Tabu Thema zu schreiben.
    Denn eigentlich sollte es kein Tabu sein sich darüber zu äußern.
    Viel wichtiger ist es ja darüber sprechen zu können und auch Hilfe dazu zu bekommen.

    http://www.bloggerlein.wordpress.com

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