Lauf der Dinge

_wofür_ steht ein Tag _gegen_

gelbrotblaugrünDer heutige Tag ist ein Widmungstag. Er ist der Tag gegen Gewalt an Frauen.

Nun, dass Gewalt schlimm ist; dass ca. eine Milliarde Frauen auf der Erde in ihrem Leben Gewalt erfahren; dass alle 3 Minuten irgendwo auf unserem Planeten eine Frau vergewaltigt wird; dass Gewalt an Frauen bis heute nur selten auch Gewalt genannt wird… ist eigentlich bekannt.

Eigentlich möchte ich diese Fakten nicht immer wieder wiederholen.
Es nervt mich, dass wir einen speziellen Tag gegen Gewalt an Frauen haben. Es ist wieder ein „Ich bin dafür, gegen etwas zu sein“- Aufruf und das ist etwas, das zumindest für mein persönliches Gefühl nicht nur an einem Tag passieren sollte.

Wieder gibt es in vielen Städten, ausgerichtet von Vereinen und Initiativen und anderen AktivistInnenverbünden, Aktionen und Demos. Infostände werden in der FußgängerInnenzone stehen und lauthals in die Welt rufen: „Gewalt ist scheiße!“, „Gewaltfolgen wiegen schwer“, „Gewalt trifft in zwei von drei Fällen einen als Frau gelesenen Menschen!“ und so weiter und so weiter.

Vielleicht gibt ja wirklich noch solche Menschen, die niemals neue Medien wie Radio, Fernsehen und Internet nutzen. Vielleicht gibt es ja auch noch Menschen, die die gute alte Zeitung nicht lesen.
Ja, vielleicht wird noch irgendjemand wirklich aufgeklärt mit Flyern, die diese Zahlen enthalten und vielleicht so ebenfalls zu der glorreichen Erkenntnis gebracht, dass Gewalt schlecht ist und abgeschafft gehört.

Ich glaube, die Menschen sind sensibilisiert für das Thema- sonst würden weder Negierungs- noch Abwehrhaltung so reflexhaft eingenommen werden.
Ich glaube, es gibt bereits genug Menschen, die „gegen Gewalt“ sind.

Aber es gibt noch immer nicht genug Menschen, die auch tatsächlich ohne Gewalt miteinander zu leben bereit sind. Die das Gespür dafür haben, wo die eigenen Grenzen sind, die Grenzen des Gegenübers liegen könnten; der Mut Grenzen zu formulieren und auszudrücken, wann man sie berührt fühlt.
Aufeinander Rücksicht zu nehmen- einander nicht Werte, Normen, „Meinungen“ aufzudrücken; anderen Menschen die Wahl zu lassen, was sie wann und wo sehen wollen oder nicht- alles das passiert noch immer nicht.
Das ist aber woran sich solche Tage „gegen Gewalt (an wem auch immer) “ richten. Zumindest ist dies als logische Folge anzunehmen.

Gewalt gegen Frauen, das ist kein reines Frauenthema und doch sind es wieder Frauen, die sich einsetzen. Wieder werden Spenden gesammelt um feministischen Aktivismus und ewig von Schließung bedrohte Schutzeinrichtungen am Leben zu halten.
Wieder und wieder geht es um Selbsterhalt- nicht darum diesen bedingungslos als Standard für alle Menschen gleich, gesichert zu haben.

So ein Tag- solche Widmungstage- sie haben das Potenzial Menschen aufzufordern in sich zu gehen, zu ermutigen, miteinander in Kontakt zu kommen und sich zusammen zu tun für ein Miteinander ohne Gewalt.
Doch die gleichen Verhältnisse, die dafür sorgen, dass es solche Tage geben muss- dass es einen realen Anlass gibt, sich mit Flyern und Plakaten bepackt in die Innenstadt zu stellen, sorgen auch dafür, dass solche Tage untergehen und letztlich keine greifbaren Resultate bringen.

Vielleicht geht es nur darum laut zu sein.
Aber seit wann hilft es laut zu sein, wenn es darum geht, Gewalt zu verhindern?

Laut sein geht, wenn es um Gerechtigkeit geht.
Warum also heißt dieser Tag nicht: „Tag für das Recht auf…“?

Naja.
Vermutlich zu lang…  so ein Widmungstag ist ja auch nicht billig…

1 thought on “_wofür_ steht ein Tag _gegen_”

  1. Manchmal habe ich das Gefühl, dass solch ein Tag auch Legitimation ist, sich den Rest der Zeit mit anderen Themen beschäftigen zu können. Es gibt ja einen Tag, an dem Menschen, die sonst nicht eh jeden Tag für Tag für ebendiese Thematik der Gewalt (Freiheit, Loslösung, Unterstützung, ein Weitergehen, ein Heilermöglichen) einstehen, mal kollektiv hinschauen, „oh je“ sagen und dann wieder ihrer Dinge nachgehen. Es ist schwer gegen solch einen kollektiven Blick auf etwas zu sein, weil es ja besser ist, als gar nicht hinzusehen. Aber es fühlt sich für mich oft ähnlich an, wie all die kurzlebigen Aufschreie, die alle paar Wochen und Monate in den Medien aufploppen, um danach unbearbeitet oder lediglich angekratzt zu vergehen. Aber über ein Thema zu berichten, bedeutet nicht, es auch anzugehen und an Veränderungen zu arbeiten. Das wäre schon ziemlich anstrengend und würde bedeuten, dass man* sich von alten Mustern verabschieden müsste. Ziemlich anstrengend…so im Alltag…immer…JEDEN TAG.

    Vielleicht klingt auch Verbitterung durch. Weil mich immer und immer auch stört, dass das Gewaltthema kanalisiert wird und auf bestimmte (vermeintlich schwache) Menschengruppen gerichtet wird. Gewalt betrifft uns alle. Nicht nur Frauen und Kinder. Und nicht „nur“ an einem Tag im Jahr. Und nicht mit tanzenden und Pompomwedelnd-singenden Ökolatschenfrauen am OBR-Tag. Das ist eine Veriedlichung der alltäglichen Gewalt, die jeden von uns betrifft. Im Sinne von körperlicher Gewalt, psychischer Gewaltausübung und subtiler Gewalt, die durch die gesellschaftliche Tabuisierung, Stigmatisierung und letztlich auch durch das Kleinhalten der Bürger* geschieht. Es ist für mich momentan sehr schwer da eine Grenze zu ziehen. Aber das sind nur Gedanken…

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