Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

das Recht zu Schweigen

„Ich erlaube dir auch zu schweigen“.

P1010102Das wars.
Mehr hatte es gar nicht gebraucht.

Wir saßen in der Sonne und sahen NakNak* dabei zu, wie sie erste sacht schwebende Blätter erlegte.
Mein letztes gesprochenes Wort erschien mir so weit weg.
So weit, als hätte ich noch nie etwas gesagt.
Als wäre noch nie etwas durch diesen Stau aus Schmerzschamekelleere gedrungen, den ich nun seit Tagen mit wachsender Verzweiflung von links nach rechts zu sortieren versuchte.

Sie schaute in den Himmel hinauf. An der Sonne vorbei, ins Universum hinein.
Ich starrte sie an und erbrach ein Danke neben ihre ausgetreckten Beine.

„Du darfst heute auch Geheimnisse haben.“.

Ich ließ die ganzen Angst-Abers meine dichte Schweigeleere aufweichen.
„… aber dann versteht sie ja nicht…“
„… aber dann hört es ja nie auf…“
„… aber dann denkt sie…“
„… aber dann muss ich…“

„Ja aber dann könntest du sterben?“, fragte sie und berührte damit die Wurzel.
„Vielleicht?“ piepste es aus meinem Mund und schon kam mir wieder diese Scham hoch. Ich hasse es, wenn Kinder durch mich sprechen und ich so verloren winzig vor mir selbst bin.

„Schatz, du wirst nicht sterben, wenn du der Seelenfrau oder auch mir oder irgendjemandem etwas nicht sagst.“. Sie sprachen über Privatsphäre, Wunscherfüllungsgrenzen, Machtgefühle und Hilflosigkeit.

Später stellte ich fest, dass „neunormal“ vorbei ist.
Spürte ich, dass ich hungrig war.
Dass der Seelenschmerz weniger ist.

Und als ich, spät in der Nacht, versuchte einen Brief an die Therapeutin zu verfassen, fiel mir ein, dass sie genau das eigentlich schon einmal gesagt hatte.

Jetzt kann ich es mir erlauben auch zu schweigen.
Nicht, weil es mir peinlich wäre, es zu sagen. Nicht weil ich denke, ich müsste, weil „man eben so Therapie macht“; nicht, weil ich Angst habe, dass sonst alles so schlimm bleibt, wie es ist, wenn ich es nicht tue.

Sondern weil da jemand außen ist, der mir erlaubt, mir etwas zu erlauben.
So lange, bis ich es mir selbst erlauben kann.
So lange, bis ich das Recht zu schweigen genauso bindend, wie den Zwang zu schweigen empfinde.

Ende

1 thought on “das Recht zu Schweigen”

  1. Nochmal Hallihallohallöle oder so,

    Nachdem ich noch mal die Schweigenreihe rückwärts gelesen haben, möchte ich noch etwas sagen. Halten wir fest, jeder hat ein Recht auf Schweigen. Genau wie jeder ein Recht auf Reden hat. Aber ohne dass man redet, kann die Gegenseite nicht wissen und nicht verstehen (ich schließe mich da den Angst-Abers an). Schweigen hat somit die Konsequenz, dass man Wissen für sich behält und andere nicht wissen können. Wenn man möchte, dass andere mehr wissen als sie heute wissen und ihre Sichtweisen ändern, muss man sein eigenes Schweigen brechen, um ihnen somit zu helfen.

    Wenn alle, die etwas wissen, schweigen, dann kann das Wissen nicht hinaus in die Welt getragen werden. Wenn alle, die etwas wissen, wollen, dass andere auch verstehen, dann muss einer beginnen, das Schweigen zu brechen. Man kann und darf niemanden zwingen, der erste zu sein. Und er kann auch nur seine Gedanken/ Erfahrungen etc. schildern. Aber einer muss wie oft im Leben den Anfang machen. Und wenn einer diesen Schritt getan hat, dann passiert es oft, dass andere folgen und auch ihr Schweigen brechen.

    Jeder hat ein Recht auf Schweigen.

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