Lauf der Dinge

übers Schweigen schweigen (2)

Himmel1Ich habe, seit ich den Blog schreibe, oft als Rückmeldung bekommen, dass es gut ist, das Schweigen zu brechen.
Nie traute ich mich zurückzufragen, welches Schweigen denn gebrochen wurde, denn nichts worüber ich hier schreibe, würde ich woanders verschweigen. Gemeint ist oft „das Schweigen der Opfer“, was vermutlich auch der Grund ist, weshalb ich mich nie sofort angesprochen fühle.

Es ist etwas, das definitiv zu allen körperlichen und psychischen Folgeproblemen noch hinzukommt und für mein Empfinden immer wieder unhinterfragt passiert: die Art wie direkt von Gewalt betroffene Menschen betrachtet werden.
Bis eben noch war ich die C. Rosenblatt, die halt so da ist.
Und dann kommt der Moment, in dem ich geoutet werde. In den Köpfen zum Opfer schrumpfe.
Kernkompetenz: Überleben
Skills: Leiden hinter sich lassen

– und das ist noch der günstigste Fall. So kampuschmäßig: Boa- guck, was die (wahrscheinlich eventuell man weiß es nicht genau- aber irgendwann rückt sie bestimmt noch damit raus) überlebt hat und wie sie trotzdem noch macht und tut. DASS DIE NOCH ATMET! Guck mal- so STARK.

Dieses „Dass du noch lebst ist so beachtlich“- Opfermodell, begegnet mir recht oft, seit ich blogge und nicht mehr krampfhaft versuche meinen katastrophalen Lebenslauf schönzureden.
Gerade für Menschen, die selbst nicht direkt von Gewalt betroffen waren oder sind, scheint es unfassbar, wie viel Anschlussverwendung mein Leben noch findet und wie viel Weiterverwertungpotenzial noch in mir steckt.

Ich will mich eigentlich auch nicht darüber beschweren. Ja, ich finde es nett, dass mein Überleben gewürdigt wird. Finde es gut, dass Menschen wahrnehmen und für gut, wertvoll und wichtig einschätzen, was ich (er)schaffe.
Das alles passiert aber nicht OBWOHL ich im juristischen Sinne als Opfer zu bezeichnen bin, sondern einfach so. Auch wenn ich keine Gewalt erfahren hätte, hätte ich irgendwas geschafft, das Wahrnehmung und Würdigung verdient hätte. Auch wenn ich verhätschelt und durchs Leben getragen worden wäre, hätte es sicher etwas gegeben, das ich gesehen und anerkannt gewollt hätte.

Es fühlt sich nach Spagat an, denn es heißt auch, dass ich immer stark- überlebend- unopferig sein muss, um nicht als „so ein Opfer“ oder (wenn schon) als eines der „Opfer, die nicht anstrengend sind“, wahrgenommen zu werden. Was wiederum heißt, dass ich Momente, in denen ich mich sterbend fühle, oder schwach, oder hilflos oder ohnmächtig, oder ausgeliefert- eben wie Opfer- wieder verschweigen muss.

Das Gift an Gewalt ist das Schweigen, das sie gebiert.
Ich schweige so routiniert das eine Schweigen, wie ich das andere Schweigen breche.

Fortsetzung folgt

5 thoughts on “übers Schweigen schweigen (2)”

  1. Kernkompetenz: Einen Blick fürs Besondere, fürs Detail, für Menschliches. Und die Fähigkeit diesen durch ausdrucksstarke Worte zu teilen und (für mich als Leserin) wahrnehmbar/empfindbar zu bekommen.

    Das ist, hier von außen, meine Betrachtung…..

  2. *noch vorsichtshalber nachschieb* …Und auch das ist ja nur ein kleiner „Ausschnitt“ – ein kleiner Teil, den ich nur hier von meinem Laptop aus lesen kann. …..Ohne auch nur einmal dabei zu denken, dass mir damit eine vollständige oder umfassende Betrachtung möglich wäre – geschweige denn da eine Schublade wäre, in der ich dich sehe/ sehen könnte….

  3. Ich weiß 😉

    hm… diese Artikelreihe hat nicht das Ziel etwas zu verändern hier und jetzt direkt
    Ich will mein Schweigen zeigen, ohne es brechen zu müssen
    das ist ein bisschen… also… ich verwende hier gerade Worte und hoffe, dass das Schweigen gehört wird – vielleicht hilft es die Reihe als „Kunst“ zu lesen und nicht als „die Rosenblätter erzählen…“ – ich weiß nicht genau

    Viele Grüße

  4. Hallo Mauerspecht
    Ich hätte sie bitte in gar keiner Schublade gesehen- aber natürlich kann ich dich nicht davon abhalten deine zu öffnen und zu schließen.

    Ich möchte dich darum bitten die Worte die hier stehen nichtzu mehr (oder weniger) oder etwas zu machen, was sie nicht sind oder sein sollen und wollen.

    Viele Grüße

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