Lauf der Dinge

Weil sich die Sprachführung über sexualisierte Gewalt verändern muss!

Wenn ich mich darüber aufrege, dass unsere großen (Print)Medien ständig das Wort „Pädophilie“ benutzen, dann hat das folgenden Grund:

Pädophilie meint wörtlich eine Wertschätzung, eine Hingabe, eine liebevolle Zuwendung zu Kindern- keine sexuelle Präferenz!
Eigentlich- wenn sich unsere Leitmedien vernünftig ausdrücken würden- wäre also jeder Mensch der Kinder eben nicht auf sexueller Ebene anziehend findet (und dies auf gewaltvolle Art eben auch ausdrückt- als Teil einer winzig kleinen TäterInnengruppe), ein pädophiler Mensch!

Jede/r KindergärtnerIn, jede Mutter, jeder Vater, jede/r KinderliederschreiberIn, jede/r KinderbuchautorIn- alle verdammt- alle Menschen, die Kinder tatsächlich liebevoll wertschätzen und sie nicht zerstören oder verletzen, sind im Grunde als „pädophil“ zu bezeichnen.

Die Zeitungen aber schreiben von Straftatbeständen! Sie meinen keine Menschen, die sich liebevoll und bewahrend um Kinder kümmern. Sie meinen Menschen, mit als krankhaft eingestufter Sexualpräferenz.
Sie meinen sogar sehr oft Menschen, die nicht einmal diese Sexualpräferenz haben, sondern schlicht das Machtgefühl über ein Kind mit Lust verwechseln.

Diese Menschen als „pädophil“ zu bezeichnen bedeutet, den TäterInnen- den GEWALTÄTERinneN- eine Selbstbezeichnung zuzugestehen, die sie nicht verdient haben. Die sprachlich verklärend und einfach falsch ist.
Es ist mir egal, ob „schon jeder weiß, was gemeint ist“.
Für mich als Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Kindheit, heißt das: „Die Täter haben dich aus liebevoller Wertschätzung verletzt und zerstört.“

Das ist nicht wahr.

Wenn ich mich darüber aufrege, dass unsere großen (Print)Medien ständig den Begriff „sexueller Missbrauch“ verwenden, dann hat das folgende Gründe:

In dem Wort „Missbrauch“ steckt auch „Brauchen“, was eine Notwendigkeit- eine Not- ein Brauchen impliziert. Dieses Wort steht für mich in einem weiterentwickelten Denken, das mit dem alten Wort : „Notzucht“ einherging.
Gewalt hat keine Not, die etwas mit dem Menschen zu tun hat, der sie erfährt. Es gibt keine Not- kein notwendig unbedingt zu erfüllendes Bedürfnis, welches mit sexualisierter Gewalt befriedigt werden muss.

Für mich als Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Kindheit, heißt das Wort: „Du musstest von TäterInnen benutzt werden, weil sie es gebraucht haben.“
Ich war und bin kein Objekt, dass zur Benutzung freigegeben ist, wie die Notbremse in der Straßenbahn!

Wenn ich mich darüber aufrege, dass unsere großen (Print)Medien ständig das Wort „Kinderpornographie“ verwenden, dann hat das folgenden Grund:

Pornographie ist ein Geschäft. Es gibt VertragspartnerInnen, die mündig sind, eigenverantwortliche Entscheidungen abschätzen und treffen können und nicht zuletzt bezahlt werden, für die Darstellung ihrer Körper bei sexuellen Handlungen.
Für Kinder gilt dies alles nicht.
Sie haben keine Wahl! 

Dieser Begriff suggeriert eine Entscheidung und Bezahlung dieser gequälten Kinder, die es de facto nicht gibt!

Wenn ich mich darüber aufrege, dass unsere großen (Print)Medien ständig Worte wie: „Sextourist“, „Sextäter“, „Sexbestie“, „Sexopfer“, „Kinderschänder“ und „Zwangsprostituierte“ verwenden, dann hat das folgenden Grund:

Sex = Sexualität (freie Wahl und Lust)
Vergewaltigung = Gewalt (keine Wahl und Verletzung)

Sogenannte „SextäterInnen“ sind GewalttäterInnen. Sie nicht so zu nennen, verdeckt die Gewalt und damit alle Not, die über die Betroffenen kommt!
Sogenannte „Sextouristen“ fahren in Länder, in denen Kinder und Jugendliche nicht geschützt sind und dort quasi wie Sonderangebote an GewalttäterInnen feilgeboten werden. Es ist Kinderhandel- Menschenhandel- das hat mit Sex nichts zu tun.
Sogenannte „Sexbestien“ sind besonders hinterhältige und/ oder brutale Straf/GewalttäterInnen. Sie zu Bestien zu machen, entmenschlicht sie. Dieser Begriff gestattet das Denken, es handle sich um eine Tat, die „von Sinnen“ geschah und damit außerhalb der Verantwortung bzw. Straffähigkeit des Täters bzw. der Täterin.
Sogenannte „Sexopfer“ sind eigentlich Gewaltopfer. Doch dieser Begriff wird so gut wie nie verwendet.

Sogenannte „Kinderschänder“ sind GewalttäterInnen. Sie bringen keine Schande über ein Kind- was für eine Schande überhaupt?! Was ist das für ein Denken, in dem Schande über grundlegend unschuldige Kinder gebracht werden kann?! Es ist der/die TäterIn selbst, wo Schande und Schändliches zu verorten sind!

Sogenannte „Zwangsprostituierte“ gibt es nicht. Entweder mensch wird zu etwas gezwungen (und erfährt so Gewalt) oder prostituiert sich (verkauft also eine Dienstleistung, die sexuelle Handlungen impliziert).

Wenn ich mich über die gesamte Sprachführung unserer großen Medien mit ihrem riesigen Einflussbereich aufrege, dann hat das folgenden Grund:

Sie bekommen Geld für jedes Wort, das sie in die Welt schicken.
Sie tragen Verantwortung für jedes Wort, das sie in die Welt und die Köpfe der Menschen schicken.
Sie haben eine Macht und nutzen sie nicht zum Wohle der Betroffenen, sondern immer wieder und wieder und wieder zum Wohle der TäterInnen.
Sie vermischen Sex und Gewalt. Sie implizieren Wahlmöglichkeiten. Sie betreiben offene Häme.
Und niemand haut ihnen dafür die Finger

Sie dürfen mich als Betroffene dieser Gewalt immer wieder über die Sprache denken lassen, eine Wahl gehabt zu haben. Dass ich mich nur hätte wehren zu müssen. Die Gewalt ja doch irgendwie schön gefunden haben zu müssen- schließlich geht es um Sexualität- nicht um Gewalt.
Sie sagen mir immer wieder, dass die TäterInnen die Gewalt an mir gebraucht haben und mich deshalb gezwungenermaßen- weil SIE keine Wahl hatten (nicht etwa ich!)- verletzten.

Das ist alles nicht wahr.
Es ist einfach nicht wahr.

Und wenn ich mich darüber aufrege, dann ist das legitim!
Wenn sich alle konkret Betroffenen darüber aufregen, dann ist das legitim!

Und wenn sich die Presse nicht verändert an dem Punkt, dann ist auch die Frage gestattet, wieso verdammt nochmal die Interessen und Gefühle der TäterInnen so verdammt viel wichtiger sind, als die der Betroffenen!

19 thoughts on “Weil sich die Sprachführung über sexualisierte Gewalt verändern muss!”

  1. Ich finde den Text super, vor allem die Wut dahinter. Aber ohne dir zu nahe treten zu wollen, will ich folgende Anmerkung machen:

    Eine „Philie“ ist zwar von der ursprünglichen Wortbedeutung her etwas „freundliches“ (gr. „philos“ = „Freund“), aber wird inzwischen als sexuelle Präferenz definiert (was selbstverständlich scheiße ist). Den Journalisten muss man wenigstens zugute halten, dass sie hier mit Begrifflichkeiten hantieren, die in der Fachwelt ebenfalls heiß diskutiert werden und noch nicht abschließend geklärt sind. Auch der ICD-10 und der DSM-IV kennen diesen Begriff.
    Ich will Journalisten nicht generell von ihrer Verantwortung entbinden, im Gegenteil. Ich könnte jedes Mal ausrasten, wenn sie Menschen als pädophil bezeichnen, die Kinder vergewaltigt haben, obwohl erwiesen ist, dass die wenigsten Täter pädophil (oder besser pädosexuell) sind (sondern, wie du schreibst, sich einfach nur an der Macht aufgeilen). Aber hier bewegt man sich eben tatsächlich auf einem schwierigen Terrain. Ich habe mal einen Artikel über die Verharmlosung von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche geschrieben und wäre an den Begriffen fast verzweifelt (vor allem, da der Psychiater, den ich zitiert habe, die Begriffe falsch benutzt hat – das muss man sich mal reinziehen!!).

    Was allerdings gar nicht geht, sind sämtliche reißerischen Wortverbindungen mit „Sex“, wenn eigentlich von Vergewaltigung die Rede ist. Da könnte ich wirklich kotzen.

  2. Wunderbar klar, deutlich und richtig! Eigentlich nicht einzusehen, warum die Presse es nicht kapiert… Meine Befürchtung ist: die können mit diesen (falschen) Signalwörtern stärkere Auflagen machen. Wie wäre es denn, diesen Artikel mal an möglichst viele Zeitungen zu vermailen oder als Leserbrief zu schreiben? Oder reagiren die nicht darauf? Vielleicht mal an die Taz, die ja gerne so korekt sind aber an diesem Punkt meines Erachtens auch nicht.
    Ich habe mal ein Plakat gelesen, darauf stand: „was nicht kommuniziert wird, wird nicht. Aber je mehr etwas kommuniziert wird, umso mehr wird es“. Das bezog sich auf „politische Lügen“wie Atomraketen im Irak, aber ich finde, es passt auch hier, Wortwahl macht Meinung, prägt die Wahrnehmung, schafft „Wahrheiten“, die keine sind.
    Vielen Dank noch mal für die klaren Worte.

  3. Du hast vollkommen Recht! Pädophil? Wenn schon pädosexueller Gewalttätter. Vergewaltigung, Misshandlung und nicht Missbrauch.
    Sehr guter Artikel, danke.

  4. Ich wollte es eigentlich nicht schreiben aber die so genannten Pädophilen das was die Gesellschaft darunter versteht – machen nur einen geringen – den geringsten Prozentsatz der Täter aus .

  5. Ums klarer auszudrücken : in den meisten Fällen geht es um Macht.
    Das hat nichts damit zu tun das sich ein Mensch mehr von einem Kinderkörper angezogen fühlt sondern um reine Gier und der Freude an Leid . Die vergewaltigen aus der Lust an Macht und der Gier zu zerstören – vollkommene Unterwerfung .

  6. Hallo Robin (und willkommen hier :D)

    Ja diese Begriffe werden heiß diskutiert- doch warum? Auch in der psychologischen Fachwelt gibt es die Notwendigkeit einer gewissen Neutralität. Deshalb wäre es mit dem Begriff der „Sexualpräferenzstörung“ eigentlich schon getan (finde ich jedenfalls).
    (Es ist ja das Gleiche mit der sog. „Zoophilie“ auch da wurde Gealtausübenden eine Selbstbezeichnung zugestanden).

    In jedem Fall wird das Wichtigste an der ganzen Sache einfach vertuscht und verklärt: die Gewalt.
    Das ist etwas, was einfach auch ganz wesentlich dazu beiträgt, dass sexualisierte Gewalt in jedem Spektrumsbereich verharmlost werden kann.
    Es heißt ja nicht mal Gewalt- wie soll es also als Gewalt anerkannt werden?

    Das ist so mein Punkt dabei. Vielleicht so der, der mir dabei am Wichtigsten ist.

    Viele Grüße

  7. Ich wollte so einen Artikel schon so oft an Zeitungen mailen.
    Aber ich bin zu ängstlich. Wenn ich abgewiesen werde (womit ich rechne ^^ ) wirds mir weh tun. Ich will aber nicht, dass mir was weh tut 😉

    Viele Grüße

  8. Hallo C. Rosenblatt,
    Wenn Du erlaubst, würde ich das, was Du geschrieben hast, gerne an die Presse weitergeben. Ich würde nur gerne das Wort „Opfer“ mit dem Wort „Betroffene“ ersetzen.
    Ansonsten hast du es super geschrieben und sprichst mir aus der Seele.
    Liebe Grüße
    Angelika

  9. Hallo Angelika,
    ich habe den Text bereits einer Zeitung angeboten.
    Gern kannst du ihn verteilen und bewerben (auch bei Zeitungsredaktionen).

    Viele Grüße und danke für das Lob und den Hinweis auf meine eigene Sprachführung!

  10. Als ich den Artikel gelesen habe, kam mir fast so was wie #aufschrei in den Sinn. Würde das gehen? Wenn man Leute informieren würde… ich weiß nicht, ob das überhaupt funktioniert, oder was „anstoßen“ würde… aber verändern würde ich da gerade wirklich gerne etwas.
    Jedem, der auch nur ansatzweise über Wörter und Sprachgebrauch nachdenkt oder auf das Thema hingewiesen wird – so wie ich über euren Blog 😉 – muss das eigentlich klar sein. Die, die nicht darüber nachdenken… nehmen die Begriffe einfach so hin. Dadurch verbreitet sich der Gebrauch der Wörter natürlich.
    „Sex sells“ ist wahrscheinlich auch ein Grund für Wörter wie Sextourismus etc…. und das ist einfach verdammt schade, wenn man sich dadurch auch mal angucken kann, wie die Gesellschaft heute so drauf ist.
    liebe Grüße

  11. Ich denke es wird sich entwickeln. Wenn die Medien(tm) anfingen und guten alternativen Begriffen ein besseres Beispiel böten, wäre schon ein richtig großer Schritt getan. Je öfter neue Begriffe verwendet werden, desto normaler werden sie.

    Viele Grüße (und willkommen hier :D)

  12. Danke für diese wahren Worte! Du spricht mir und vielen anderen Betroffenen damit aus der Seele. Ich habe Deinen Artikel auf meiner Seite (http://sabrinastolzenberg.wordpress.com/) rebloggt… vielleicht interessiert Dich dort auch der ein oder andere Artikel zum Thema z.B. der hier:http://sabrinastolzenberg.wordpress.com/2012/08/12/wie-ich-daruber-denke-wenn-in-bezug-auf-tater-eines-missbrauchs-zu-gewalt-aufgerufen-wird-oder-wie-sollte-man-reagieren-wenn-man-von-einem-missbrauchsfall-erfahrt/. LG

  13. Vielen Dank für diesen Beitrag und den Hinweis, dass auch der Begriff der “Zwangsprostitution” fehl am Platz ist und dass wir endlich aufhören sollten, diesen Begriff zu verwenden, der weder den Erfahrungen von Sexarbeiter_innen noch jenen Betroffener sexualisierter Gewalt gerecht wird. Auch auf unserer Webseite haben wir das schon häufiger ausgeführt, u.a. in einer Kritik an Frau Schwarzer:

    http://menschenhandelheute.net/2013/09/01/alice-schwarzer-und-sabine-constabel-polarisieren-die-debatte-um-prostitution/

    http://menschenhandelheute.net/2013/07/23/kinderprostitution-und-zwangsprostitution-eine-kleine-medienkritik/

  14. Es wurde ja bereits so viel darüber kommentiert, aber ich muss es einfach los werden: DANKE das ist die Stimme auf die ich Ewigkeiten gewartet habe. Das Schubladendenken unserer Gesellschaft – du nimmst jede Schublade auseinander, legst sie den Lesenden und Schreibenden sauber vor die Füße auf das sie endlich darüber stolpern, und erfahren wie falsch ihre Spache ist, für das was uns angetan wurde. Gesellschaftlich (zu der die Medien einen großen Beitrag leisten) ist es einfach schrift-sprachlich eine Tat höher zu stellen als den sprachlosen Schrei eines Kindes zu vernehmen, lenkt es doch vom Eigentlichen ab, der Gewalt.

    Besonders die Begriffe der „Kinderprostitution und Kiinderpornografie“, sind so dermaßen falsch in meinen Ohren. Es suggeriert, das wir (ich in der Mehrzahl) eine Wahl hatten. Hätten wir die Wahl gehabt, wäre all das nie passiert.

    Danke!

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