Lauf der Dinge

warum ich nicht mehr von "Trollen" und "Hatern" spreche

Gestern Abend rumpelte es einigermaßen in meiner Twittertimeline.
Für mich war es ein Rumpeln mit Pling am Ende und einem neuen Vorsatz.

Ich werde nicht mehr von „Trollen“ oder „Hatern“ sprechen, wenn ich Menschen meine, die sich mehr oder weniger aggressiv, gewalttätig, „kritisch“ (was nicht meint, sich inhaltlich kritisch zu äußern, oder sachlich fundiert zu kritisieren, sondern den Autor/ die Autorin als Person anzugreifen) oder in beleidigender Form in Blogs, Foren und Kommentarspalten schreiben.
Ich werde von „Menschen, die mittels Internet Gewalt ausüben“ sprechen und schreiben.

In dem Konflikt am Abend ging es um den Vortrag den Jasna Strick bei der Openmind13 in Kassel hielt.
Der Titel lautet „Ihr gehört nur mal ordentlich durchgevögelt- Hate Speech und Victim Blaming nach dem #aufschrei.
Sie macht die Gewalt sichtbar, der sie und viele andere Menschen, die sich Anfang des Jahres durch ihr Engagement für den Hashtag und ihrem Bekanntheitsgrad ausgesetzt waren und bis heute sind. Der Vortrag enthält keine Klarnamen von Akteuren und fasst lediglich gebündelt zusammen, was ihr und anderen Menschen seit einem halben Jahr begegnet.

So weit so gut, wichtig und legitim. Seit einigen Jahren gibt es die Website Hatr.org , die das Gleiche tut und seit einigen wenigen Jahren hat das Thema „virtuelle Gewalt“ auch endlich Platz im Bereich der Präventionsarbeit von Vereinen, nachdem einige Fälle von Gewalt mittels Internet zu Suizid geführt hatten.

Warum hatte es jetzt gerumpelt?
Eine der Personen, die dort zitiert und deren Tweets gezeigt werden, forderte aus dem Video herausgenommen zu werden und ein paar Menschen sprangen auf den Zug der „Rettet die Persönlichkeitsrechte“ an der Seite stehen hat. Plötzlich war das Video im Kanal der Veranstalter auf privat gestellt. Wie es scheint ohne Absprache.
Sich an schiefen Täterschutz erinnert zu fühlen, ist, meiner Meinung nach, legitim. Alle gezeigten Tweets sind öffentlich und für immer lesbar. Immer steht der Nickname des Menschen darüber und ist klar, worum es geht: um Gewalt.
Andere Menschen stellten daraufhin das Video zum Download bereit oder nahmen es in ihren eigenen YouTube-Account. So.

Nach der ganzen Aufregung schaute ich mir erst mal ein anderes interessantes Video der #om13 an. Nämlich den von Anatol Stefanowitsch mit dem Titel „Macht, Meme und Metaphern„, in dem er gegen Ende zur Art kommt, wie wir über das Internet sprechen. Er zeigt auf, dass sich die Sprache darüber in einer Ortsmetaphorik bewegt, die die allgemeine Vorstellung von dem Internet als Ort- als abgeschlossenen Bereich verfestigt.

Die Sprache stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein und öffnet Tür und Tor für verschiedene Fehlannahmen und Haltungen, die gerade in Bezug auf Gewalt fatal sind.
Das Internet ist ein Mittel zur Kommunikation bzw. Informationsaustausch, wie das Telefon auch, nur, dass wir bleibende Inhalte generieren und immer wieder aufrufen können, um zu ergänzen oder zu verändern.
Gleichzeitig ist es aber auch eine Kommunikation, die getrennt von der direkten Begegnung passiert, was ihr einen gewissen Besondersheitsbonus zu kommen lässt.

Und da sind wir an einem Punkt, der mir in dem Vortrag über die „Trolle“ und „Hater“ fehlte bzw. den ich mir deutlicher hervorgehoben gewünscht hätte.
Keiner dieser Kommentare und Tweets passiert nur im Internet. All das, was dort steht, ist für einige Menschen, die übliche Art Gewalt auszuüben. Online, wie offline.
Die einzige Besonderheit, bei dieser Art Gewalt, ist die Nachvollziehbarkeit von Anfang bis Ende.

Auch in der direkten Begegnung passiert so etwas. Und auch dort bleibt in vielen Fällen nur das, was in Bezug auf die Internetkommunikation „Blocken“ genannt wird. Gemeint sind: Hausverbote und gerichtliche Verfügungen, die definieren, wie sich die Menschen noch begegnen dürfen.
Wenn sich der Mensch, gegen den diese Verbote und Regelungen ausgesprochen wurden, nicht daran hält, passiert meistens was? Ein paar Tage Ordnungshaft oder ein Bußgeld.
Wenn der Mensch in der Internetkommunikation Blockierungen umgeht (etwa in dem er sich bis zu 30 neue Accounts erstellt oder einfach auf seiner eigenen Homepage weiter Beleidigungen und Hetze ausübt) passiert was? GAR NICHTS

On- wie offline gibt es eine Ohnmacht, derer die sich schützen wollen. Und oft genug erlebte auch ich selbst, etwa, als ich die Kommentare der Menschen, die mir eine Lust am Vergewaltigtwerden unterstellten oder von der freien Wahl der Kinder die gefilmt werden, wenn man sie (sexuell) misshandelt, zu überzeugen versuchten, samt ihrer Email- und IP-Adressen bei der Polizei meldete, die Ortsmetaphorik, die dazu beitrug, die Gewalt an mir zu verharmlosen oder mir unterzuschieben, ich solle „einfach weggehen aus diesem Internet“. Gesehen? Victim Blaming: „Selber schuld- was gehst du auch dahin?!“.
Das Internet gilt als freier Ort- nicht als Mittel zum Zweck.

Natürlich führte dies in meinem Fall nicht dazu, dass meine Anzeigen nicht aufgenommen wurden- doch unterm Strich passierte das Gleiche, das passiert wäre, wenn ich zur Wache gekommen wäre und Name und Wohnort einer Person angegeben hätte, die in mein Wohnzimmer gepoltert kam und mir das Gleiche gesagt hätte.

Viele Opfer von Partnerschaftsgewalt oder Stalking hören übrigens auch den „hilfreichen Tipp“, ihre Angreifer „einfach nicht mehr in die Wohnung zu lassen“ oder „einfach zu ignorieren“.
Oft sogar dann noch, wenn eine Gewaltschutzanordnung oder gerichtliche Verfügung existiert. Häufig genug versackt die Informationsweitergabe irgendwo zwischen Kenntnisnahme der Polizei und den Handlungsoptionen selbiger im Fall eines Verstoßes.
Am Ende steht ein Opfer wieder grün und blau geprügelt, verbal gedemütigt oder bedroht in seiner Wohnung, während die Polizei den Angreifer entweder nach Hause schickt oder mit zur Wache nimmt und zum Einsatzende noch so etwas sagt wie: „Beim nächsten Mal…“. Das passiert natürlich nicht immer. Auch bei der Polizei gibt es Fortbildungen, von denen manchmal auch etwas hängen bleibt.

Doch es ist nicht genug. Letztlich gibt es immer erst dann eine als „richtig“ wahrgenommene Handlungsoption, wenn körperliche Verletzungen und/ oder Sachbeschädigung angezeigt werden kann.

Die Sicherheit, die sich ein Opfer von Gewalt schon vor Schäden und Verletzungen dieser Art wünscht und braucht, gibt es bis heute nicht ohne eine kräftige Portion „selber schuld“ und „Ignorier das doch einfach“.
Weder in Bezug auf das Internet, noch in Bezug auf die direkte (im Sinne der physischen) Begegnung.

Noch immer wird davon ausgegangen, dass Gewaltanwendung die Folge von Umständen im außen und in direktem Bezug zum Opfer stehend ist. Nicht etwa die Folge von inneren Umständen (Zuständen) und in Bezug auf den Menschen, der die Gewalt ausübt(e), stehend.

Es wird nach Schuld gesucht- nicht nach Verantwortung für Schmerz und/ oder (Sach-) Schäden.
Schuld ist im allgemeinen Verständnis etwas, das mit Buße in irgendeiner Form abgegolten werden kann. Schuld kann wieder los werden.
Verantwortung nicht. Dieser muss man sich stellen. Sein Verhalten reflektieren und verändern, um eine Veränderung der Umstände zu erreichen. Werden TäterInnen zur Verantwortung gezogen, so geht diese heute noch mit einem Schuldbegleichungsakt einher. Nur in wenigen Fällen, werden sie dazu aufgefordert sich selbst oder ihr Verhalten nachhaltig zu verändern, etwa mit einer Psychotherapie.

Es gibt sogar einen Punkt dabei, für den mich evtl. der eine oder andere Verein kritisieren möchte, weil er genau davon profitiert, um seine Arbeit machen zu können.
Es ist Usus, dass manche StraftäterInnen im Falle einer Verurteilung ein Bußgeld an gemeinnützige Vereine oder Opferhilfen zahlen müssen, statt in Haft genommen zu werden oder eine Therapie beginnen zu müssen. Sie dürfen sich von ihrer Schuld freikaufen.
Sie müssen sich nicht ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen.
Sie dürfen weiterhin nicht damit konfrontiert werden, was Gewalt- vielleicht genau die Gewalt, die sie selbst ausgeübt haben- bei den Opfern anrichtet.

In dieser Hinsicht hat das Internet wiederum einen Besonderheitsstatus.
Hier haben wir es mit kraftvollen Gruppendynamiken zu tun. Gewalt erzeugt Gegengewalt.
So bekommt heute so ziemlich jeder Mensch, der im Internet gewalttätig agiert, ebenfalls eine Gewaltkeule ab, sobald das Opfer diese öffentlich macht und es entsteht nichts weiter als Schmerz und Schaden auf allen Seiten. Am Ende geht es soweit, dass der Dialog zwischen den Menschen, die ursprünglich im Konflikt waren, kaum noch möglich ist.

Miteinander Frieden zu schließen und die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, gelingt nicht mehr, ohne etwas zu verlieren. Sei es die Glaubwürdigkeit vor der Peergroup oder Gefühle von Macht. Über das Internet passiert das, was wir in der direkten Begegnung „Lynchmob“ nennen würden, für mein Gefühl weitaus häufiger, als im direkten Bezug.

Jemanden zu kennen, der ein Rückgrat hat und sich seiner Verantwortung nicht entzieht wird absurder- wenn auch logischerweise, wenn man sich unser Miteinander und auch das deutsche Recht ansieht, weniger hoch anerkannt, als jemand der sich mit Fäusten, Fäkalsprache und Ellenbogen „durchsetzt“- ergo: Gewalt anwendet.

Meine Entscheidung nicht mehr von „Trollen“ oder „Hatern“ zu sprechen, setzt genau an dem Punkt an.
Der Begriff des „Trolls“ entmenschlicht und würdigt den Menschen, der da an seinem Computer sitzt und mich verletzt, herab. So fällt es mir unter Umständen leichter zum Mittel der Gegengewalt zu greifen. Mit dieser Sprachführung würde ich tun, was Kriegstreiber, Rassisten, Antisemiten und andere GewalttäterInnen tun, um ihre Gewalt zu rechtfertigen und mir selbst das Erreichen meines Ziels, nämlich (Zu)Frieden(heit) mit meinem eigentlichen Tun erschweren, wenn nicht gar unerreichbar machen.

Als ich hier einer Kritik meiner Person ausgesetzt war, habe ich jemanden geblockt.
Das werde ich auch weiterhin tun- doch nicht durchgängig und für immer. Ich hatte in der Zeit für mich reflektiert, dass ich mich nur deshalb besser und sicherer hier fühle, weil ich jemanden ausgeschlossen habe. Weil ich meine Macht als Administratorin nutzte- weil ich jemanden unterdrücken konnte- weil ich Gewalt angewendet habe.
Das ist nicht die Art, wie ich mit Menschen in Kontakt treten möchte und die ich mir für das Miteinander online wie offline wünsche.

Das heißt nicht, dass ich mich als Adressat für Gewalt zur Verfügung stelle und in Kauf nehme verletzt zu werden. Wenn ich mich schützen möchte, tue ich das. Doch ich werde die Verantwortung dafür übernehmen und Möglichkeiten einräumen zu einem Kompromiss zu finden. Und sei es der, dass man einander ignoriert und in Frieden lässt.

Mein erster Schritt dazu ist, die Gewalt auch offen und klar Gewalt zu nennen und das Internet nicht als Ort oder Raum darzustellen, sondern als eine Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten, die an die Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland gebunden sind.
Es geht mir dabei um den Bereich der Sichtbarkeit.
Das Internet bietet sich als öffentliches Archiv der Sichtbarkeiten an. Alles was digital aufruf- und generierbar ist, gibt es auch analog! Es ist in dieser Sammlung von Texten und Bildern, die wir uns auf den Bildschirm holen, allerdings deutlich sichtbarer und für immer da, was analog geäußerte Worte und Begebenheiten hingegen nicht immer sind.

Gemäß dieser Sichtweise brauchen wir ergo auch keine speziellen „Internetgesetze“, sondern lediglich ein breites Bewusstsein für diese erweiterte Kommunikation bzw. Begegnung von Menschen und eine verbesserte Strafgesetzgebung bzw. Durchsetzung selbiger.
Wir schreiben das Jahr 2013- ich kann mir nicht vorstellen, dass Gesetze, wie das Gewaltschutzgesetz zum Beispiel, nicht auch auf eine technische Ebene übertragen werden und dazu beitragen kann, so, dass nicht die Opfer selbst zu Gewalt ausübenden Menschen werden müssen, in dem sie Menschen in ihren Blogs blockieren, um sich zu schützen (so lange, wie sie das für nötig halten).

73806_web_R_K_B_by_Dirk Pollzien_pixelio.de

Also nein. Mit „Ignorier sie halt- sind halt Trolle- die sind halt so“, gebe ich mich nicht zufrieden.
Ich will Gewalt weder ignorieren, noch selbst mit Gegengewalt begegnen.
Da es sich anbietet, fange ich mit meiner Sprachführung an. Also bei mir, meinen Wünschen und meiner Verantwortung.

 

5 thoughts on “warum ich nicht mehr von "Trollen" und "Hatern" spreche”

  1. Ich hab ein bischen das Problem mit deiner Beschreibung der Gruppendynamiken:
    „Gewalt erzeugt Gegengewalt.
    So bekommt heute so ziemlich jeder Mensch, der im Internet gewalttätig agiert, ebenfalls eine Gewaltkeule ab, sobald das Opfer diese öffentlich macht und es entsteht nichts weiter als Schmerz und Schaden auf allen Seiten. Am Ende geht es soweit, dass der Dialog zwischen den Menschen, die ursprünglich im Konflikt waren, kaum noch möglich ist.“
    Mich stört folgendes:
    Du sagst nicht, wer die Gegengewalt ausübt, „sobald das Opfer diese öffentlich macht“. Ist es eine Gruppe, der das Opfer angehört? Das Opfer selber? Oder ist es eine selbsternannte Gruppe und das Opfer steht dann am Ende aussen davor und kann eh nichts gegen die Dynamiken ausrichten? Was ist eigentlich mit den Menschen, die keine Gewalt ausgeübt haben und die hinterher in keinen Dialog mehr treten können, weil sie einer der Seiten zugeschlagen werden, mit denen kein Dialog mehr geht?
    Mir kommt das alles so vor wie ein einziges alles einebnen und gleichmachen, und das hat für mich nichts mehr damit zu tun zu benennen, wer verantwortlich ist für Gewalt. Dann ist das nur noch so ein Geprügel wie bei der Schlägerei des gallischen Dorfes im Asterix Heft (diese Szene, wo alle einander mit Fischen und Fäusten verprügeln, weil sich der Schmied und der Fischhändler mal wieder über die Frische des Fisches gestritten haben. Wo man nur eine Staubwolke sieht, aus der Arme und Beine rausgucken und Fische, und niemand weiss mehr, wer wen und warum). Am Ende sind alle „irgendwie gleich viel mit dran schuld“?

    Weiter finde ich es auch unangenehm, wenn du sagst, blockieren sei auch Gewalt. Wenn ich jemanden aus meinem Wohnzimmer werfe, weil er oder sie mich dort mit Gewalt verletzt, dann muss ich das, wenn es physische Gewalt braucht, die Polizei machen lassen. Weil der Staat hat ja das Gewaltmonopol. Ich darf aber bestimmen, dass er geht. Das ist etwas anderes. Es ist mein Wohnzimmer. Dass ich über ihn hinweg bestimmen darf, dass die Person zu gehen hat, wenn ich es will, ist ja auch Gewalt. Es ist eine Verfügungsgewalt. Aber es ist nicht einfach „das gleiche“ oder “ genau so schlimm“ und „Gegengewalt“. Es ist mein Recht, es ist Selbstschutz, und es ist, wenn wir es unbedingt Gewalt nennen müssen, berechtigte Gewalt.

    Und genau so eine berechtigte Gewalt sehr ich in dem Blockieren von Hatern. Und ich benutze diesen Begriff, weil ich darin keine Entwürdigung sehe. Jemanden „Hater“ zu nennen, weil die Person andere Menschen mit Hassreden verletzt und verletzt hat, ist ein zur-Verantwortung-ziehen. Das ist keine Gewalt, die ich der Person antue oder eine Entwürdigung, sondern es ist schlicht ne Feststellung, was diese Person aus eigener Entscheidung macht. Damit nehme ich die Person ernst, anstatt sie klein zu machen.
    Ich sage nicht „Troll“ weil ich finde, damit werden die Taten von diesen Leuten verniedlicht. Trolle sind für mich niedliche, fellige, schelmische Wesen. Gewalttäter sind keine niedlichen Trolle.

    Aber zurück zu Blockieren in Blogs und Verwenden von dem Begriff „Hater“:
    Also, das ist mir auch zu gleichmacherisch. Gewalt benennen, Grenzen ziehen, damit ich nicht weiter verletzt werden kann, ist für mich eine berechtigte Sache. Und mir fehlt die Unterscheidung in berechtigt/unberechtigt.

    Ich hätte auch gerne eine gewaltfreie Welt.
    Irgendwie habe ich auch grossen Respekt vor deiner menschlichen Grösse, auf Gewalt und Herabwürdigungen zu reagieren, indem du eine bessere Welt schaffen willst, indem du bei dir anfängst und es besser und anders vorlebst, indem du zu Respekt und Rücksichtnahme gehst und das vorlebst.

    Aber das ändert nichts daran, dass ich mir eingestehen muss, dass ich mit so wenig Gewalt wie möglich und so viel wie nötig Leute daran hindern kann und will, mir Gewalt anzutun. Und dazu berechtigt bin und dass das voll ok ist, und dafür übernehme ich die volle Verantwortung, da seh ich gar kein Problem dabei.
    Das Problem was ich sehe, ist, dass ich weniger Handhaben besitze als ich sollte oder dass mir weniger geholfen wird als es angemessen wäre. Die Geschichte von dir wie du zur Polizei gingst mit den Kommentaren, spricht ja für sich. 😦

  2. Hallo Distelfliege,

    ja, ich bin in der Hinsicht „gleichmacherisch“, glaube ich.
    Das liegt zum Beispiel bei den Gruppendynamiken daran, dass es völlig unerheblich ist, wer „anfängt“, weil der Anfang an sich von beiden Gruppen unterschiedlich wahrgenommen wird. Für die eine Seite ist es ein Blogeintrag in dem etwas steht, was ihn verletzt und er startet eine Attacke (anstatt in den sachlichen Dialog zu gehen)- für den Menschen, der den Artikel geschrieben hat, beginnt aber der andere.

    In dem Punkt des Blockierens als Akt der Gewalt von meiner Seite, kann es für andere wirken, als wäre das zu krass ausgedrückt oder zu viel, oder vielleicht einfach auch gar nicht wahr. Vielleicht sollte ich einfach von „Schutz“ oder von „Grenzen ziehen“ sprechen. Damit würde ich aber den Raum abknipsen einzuräumen, dass ich wirklich Mist geschrieben habe oder mein Text etwas ist, dass jemand anderen verletzt haben kann.
    Grenzen zu ziehen, gibt mir nicht automatisch das Recht die Grenzen anderer Menschen zu verletzen. Verletzt zu sein, gibt mir ja auch nicht das Recht anderen abzusprechen, selbst verletzt zu sein.

    Ich glaube, ich kann das nur unzureichend erklären, aber ich kam mir hier, während meiner Attacken und Attäckchen, immer vor wie Frau Königin auf Stelzen, weil mir für mein Gefühl nichts weiter als die Verantwortlichkeit vor WordPress und mein Befinden das Recht für mein Blocken gibt.
    Das ist natürlich da und hat seine Berechtigung- keine Frage. Aber ich habe mich gefühlt, als würde ich mich über jemand anderen stellen auf der Grundlage von etwas, dass a) dynamisch ist (es kann ja sein, dass ich akut verärgert bin über so einen Kommentar, aber in ein zwei Monaten nicht mehr) oder b) nicht von mir direkt beeinflussbar ist (nämlich die Gesetzgebung).

    Ich schrieb ja auch, dass ich mich aufgrund dieser von mir so gefühlten Nicht-wirklich-Berechtigung, nicht als Adressat von Gewalt zur Verfügung stelle und mich schütze. Auch, indem ich blockiere und eben eine Anzeige bei der Polizei erstatte. Aber das Recht dazu bekomme ich (im Sinne der Staatsgewalt, der die Menschen hier ja alle angeblich „gleich“ unterworfen sind), nur offiziell zugesprochen, wenn es um strafrechtliche Relevanz geht. Für eine „Berechtigung“ auch vor der Justiz auf der anderen Ebene, wäre eine eine Würdigung meiner Gefühle auf dieser Ebene nötig (deshalb kam ich auf das Gewaltschutzgesetz zu sprechen).

    Es ist ein schwieriges Thema, bei dem viele Klippen zu umschiffen sind, glaube ich.
    Für mich war und ist es einfach unangenehm einerseits allen die Möglichkeit zum Kommentieren zu geben, andere aber ausschließen zu müssdürfen, „weil ichs kann“- nur damit ich allein mich gut fühle.
    So sehe ich es ein bisschen als meine Verantwortung, zwar meine Meinung hier zu formulieren oder meine Sicht auf etwas, dabei aber möglichst nicht so zu bewerten oder zu reduzieren (etwa einen Menschen nur auf das, was er in der Kommentarspalte tut- „haten“).
    Das wird mir sicher nicht immer gelingen und bei manchen Dingen- wie eben Gewalt in all ihren Facetten- funktioniert das sicher auch nicht.
    Aber bei dem Thema zum Beispiel kann ich jederzeit mit einer anderen Berechtigung blockieren, als bei persönlichen Themen.

    Wie machst du das denn in deinem Blog? Hast du da auch schon solche Angriffe erlebt? Hast du da eine bestimmte Strategie oder etwas Ähnliches?

    Viele Grüße

  3. ich verstehe jetzt, wie du das meinst.
    Das geht ja ganz schön in die Tiefe, ich glaube, ich habe das viel oberflächlicher gesehen.
    Für mich gehört dazu, zu denken: wo findet etwas statt.
    Wenn ich meine Meinung in einem neutralen öffentlichen Raum, z.B. einem Forum äussere, ist es was anderes, als in meinem „eigenen“ Blog. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Raum selber innehabe oder schaffe, oder ob ich mit anderen mich in einem neutralen Raum gleichberechtigt treffe.
    Also in meinem Blog handhabe ich das so: Es ist mein Blog. Ich habe den Raum geschaffen. Ich bestimme, wozu der Blog gut ist und was dort läuft. Die Tapetenfarbe, die Themen, den Umgangston, die Regeln. Wem das nicht passt, der muss ja dort nicht hingehen. Natürlich versuche ich, aus meinem Raum heraus nicht andere zu verletzen, in meinem Blog z.B. üble Nachrede oder unfaire Äusserungen über andere Menschen zu tätigen. Aber ich bin nicht verpflichtet, in meinem Blog anderen Leuten eine Plattform zu geben. Ich habe auch nicht das Ziel in meinem Blog gleichberechtigt Meinungen abzubilden: Dazu können sich Leute selbst ein Blog erstellen, um ihre Meinung zu äussern. Da bin ich nicht zuständig für.

    Angriffe hatte ich noch total wenige, ich habe bisher Glück gehabt.
    Früher hatte ich einen komplett unmoderierten Blog und auch mal ein kleines Forum, wo alles komplett unmoderiert war bzw. ich mich prinzipiell mit allem auseinandergesetzt hatte. (Da ging es um Spiritualität, genauer gesagt so Göttinnenzeug und feministische Hexen und weibl. Empowerment dadurch).
    Damals habe ich mich, wenn Leute zum Provozieren kamen, bewusst mit denen in verbale Kämpfe begeben, mit dem Ziel, die zu besiegen. Ich hatte meine Kampfethik, und wenn sie unter die Gürtellinie gingen und mir erklärten, was ich wohl im Bett (nicht) mache und mein Aussehen zum Thema machten, hatte ich gewonnen und schmiss ihnen hin: „Wenn dir die richtigen Argumente nun offensichtlich ausgegangen sind, dann heul doch.“

    Ich hab auch damals gemerkt, dass es manchmal auch trotz Kampfdiskussion und harten Bandagen Leute gibt, wo grade _durch_ diesen Kampf gegenseitiger Respekt erwächst. Weil ich merke: Beide Seiten formulieren hart und wollen gewinnen, aber niemand geht unter die Gürtellinie. Das kann dazu führen, dass man sich am Ende die Hand gibt und nochmal aus Interesse das Thema diskutiert, wo es dann nicht um den „Sieg“ geht…

    So ab hier: Triggerwarnung wg. Hatern, Gewalt, häusl. Gewalt…

    Das alles funktioniert nicht bei Hatern, und bei Hatern handelt es sich nicht um Leute, die einfach nur verletzt sind und mal giftig werden. Hater sind Leute, die sind dauerhaft toxisch. die ein Zerrbild im Kopf haben, das sie anhassen, und sie benutzen dich nur als Sandsack, als Projektionsfläche, du kriegst ihren Hass auf das Zerrbild ab. Das ist imho immer toxisch und es gibt gar nix was ich dagegen tun kann, ausser blocken und das so gut es geht unterbinden. Reden bringt nix, nicht mal „fair“ zurückschlagen bringt was, weil die nehmen mich als Person ja gar nicht wahr. Die schlagen auf das Zerrbild in ihrem eigenen Kopf ein, das sie eben anhassen. Ob ich nett bin oder unnett, fair zurückschlage oder unter der Gürtellinie, das wäre komplett egal, weil sie nehmen mich als Person nicht wahr. Für sie bin ich ein Monster das immer gemein ist, immer unfair, verabscheuungswürdig. Da bleibt nur dass man aus Respekt vor sich selbst den Kontakt möglichst so unterbindet, dass mensch wenig verletzt wird und sich zu nichts provozieren lässt…

    Ich glaube, ich merke das schon genau, ob ich es mit einer_m Hater zu tun habe, und ich habe mich auch mal an einem Hater abgearbeitet, bis ich verstanden habe, dass nichts, was ich tue, einen Einfluss drauf hat, was er sich von mir und meinesgleichen für ein Zerrbild geschaffen hat. Ich merke, ob jemand eben einfach immer weiter hassen muss, glaub ich. Das ist ein Riesenunterschied zu Menchen, die aus Verletztheit eben mal was wütendes raushauen. Du merkst dann dass sie noch Kontakt zu dir als Mensch haben und die Interaktion ist wütend, aber vorhanden.

    Gut, dann gibts noch die Riesengrauzone von Menschen, die keine Hater sind, aber sich zeitweise wie welche benehmen, weil Zerrbilder kursieren ja. Und z.B. die „frustrierte Feminazi-Zicke“ ist halt ein Zerrbild, das auch „normalen Menschen“ manchmal den Blick vernebeln kann. Und das geht dann über in das, was du vielleicht meintest, dass Menschen, die verletzt sind, in der Wut.. sich solcher Zerrbilder von Hatern bedienen.

    Du hast in deinem Text ja auch häusliche Gewalt angesprochen. Vielleicht wär das auch eine gute Offline-Analogie: Es gibt Streits in heterosexuellen Partnerschaften, wo unfaire verletzende Dinge gesagt werden. Aber was ist, wenn ein Partner seine Partnerin systematisch runterputzt, zusammenfaltet, misshandelt, bis hin dazu, dass er sie tötet, wenn er merkt, dass sie gehen will. Das ist mehr als ein hässliches Verhalten aus Verletztheit. Das ist vielleicht auch so ein Zerrbild, was diese Täter im Kopf haben, wo ihre Partnerin rein gar nichts tun kann, um so perfekt zu werden, dass es keinen Grund mehr gibt, wofür sie abgewertet und geprügelt wird. An ihr ist grundsätzlich immer was falsch, egal wie sie redet und was sie wirklich macht..
    Also, der_(die) „echte Hater“ ist meiner Meinung nach etwas, vor dem es sich wirklich ernsthaft zu schützen gilt.
    Für die Grauzone und die eher netten Leute, die nur aus Verletztheit mal rumgiften, kann ich das total gut verstehen was du für eine Herangehensweise hast… ich bewundere das auch ein bischen. Danke fürs Erläutern!

    Puh, das ist jetzt lang geworden und ich hoffe, das ist noch genug on topic.

  4. Hallo
    Ach, ich finde das sehr „on topic“ 😉
    Es geht darum zu spüren, wann man sich schützen muss und was hinter solchen Hasseinträgen steht. Das ist wichtig, denke ich, wenn man sich ganz allgemein einen Blog einrichtet.
    Das heißt aber auch, dass man sich von vornherein ganz klar darauf einstellen muss an so jemanden zu geraten, weil man sein Feindbild bedient. Wenn jemand einen Feind hat, dann will er diesen natürlich besiegen. Auch langanhaltend und mit voller Kraft.

    Ich glaube, das ist schon so einer der Kerne, die mich so stören. Der Fakt nirgendwo und nirgendwo einfach mal gelassen zu werden und darauf bestehen zu dürfen (geschützt von Handhabe und Gesetz).

    Ich muss das vielleicht für mich auch nochmal weiter auseinander klabüstern, ob ich an manchen Stellen zu schnell in das Muster von: „Ich muss mich anpassend und diplomatisch zeigen, ausbalanciert agieren, damit mir nichts passiert“ begebe, oder, ob ich wirklich einfach so bin, dass ich zwar streitbar wirke, indem ich mich eindrücklich und „mit Wumms“ ausdrücke, aber dahinter nicht genug -ich sage mal- „Härte“ steht, um mich oder meine Texte zum Beispiel auch zu verteidigen.

    hm hm hm
    Ich nehme mir das mal so mit und lass es wirken.

    Ich wünsche dir noch viele Jahre ohne Terror im Blog!

  5. Danke!
    Ich vergass zu sagen, dass ich inzwischen nicht mehr so „kampfbereit“ bin und mein Blog schwer moderiert ist. Ich mag den Leuten, die auf Provokation aus sind, nicht mehr den Raum geben und ich habe auch grad anderes vor als Internet-Verbalschlachten.

    Und ich vergass: Ich hatte damals auch Freund_innen, die bei Zuruf auf der Matte standen, um gemeine Kommentare genüsslich analytisch-sarkastisch in der Luft zu zerreissen, wenn nötig. Also, die heldenhafte Einzelkämpferin war ich nie. Und ich hab mal gelesen, dass dieses Konzept vom heldenhaften Einzelkämpfer auch so ein „white guy“ Mythos ist, eigentlich funzen Menschen nicht so, dass sie ihre Heldentaten wirklich im Alleingang vollbringen. Und so war’s bei mir folglich auch nicht!

    Ich wünsche uns allen friedlichen und spannenden Austausch in unseren Blogs.

Kommentare sind geschlossen.