Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

vom Essen und Reden

Rein oder raus
oder liegen lassen?

Reinstopfen oder rauskotzen.
Schweigen oder sprechen.
Oder es lassen wie es ist?

Die Erfahrungen mit „es liegen lassen“ gleichen den Erfahrungen beim Backen der Challah zum Shabbat.
Den Hefeteig stehen zu lassen ist wichtig- genauso wichtig ist es aber, die Schüssel nicht zu vergessen. Sonst gibt es am Ende mehr Luft als Brot.

Und dann steht da wieder die Frage: rein oder raus? Egal, ob sie gut geworden ist oder nicht.
Essen oder raus aus sich halten?
Essen und wieder rausbringen?
Nicht essen und alles stehen lassen? Vor dem Tisch stehen, in die Kerzen gucken und sich fragen: „Was mache ich hier eigentlich?“

Vielleicht ist es ein Muster der Essstörung, das mir auffällt.
Vielleicht habe ich etwas zu lange liegen gelassen und jetzt mehr Luft als Masse im Kopf.

Mir fällt nicht ein, was ich hätte rauslassen können oder in mich hineingefressen habe.
Nur, dass die Gedanken wieder da sind, die ich als so vertrauten Nebenschauplatz erkenne.

Der und der Knochen- den sieht man kaum noch.
Dieses und jenes Lebensmittel hat diese und jene Eigenschaften.
Ich muss…

Ich kenne Essbrechphasen sehr genau. Wenn ich mich ausgekotzt habe, dann auf der körperlichen, wie seelischen Ebene. Ich dachte nicht: „Raus mit dem Essen“ sondern: „Raus damit- es soll weg weg weg“.
Raus mit diesem sperrig klebrig brockigen DAS DA. Umhüllt von Nahrung und nicht näher erkennbar.

Manchmal entpuppte es sich als Gefühl. Oder als Erinnerung.
Immer als ein Klumpen Ungesagtes.

419944_web_R_by_Günter Havlena_pixelio.deWenn ich nichts aß; nichts in mich einbrachte, so brachte ich in der Regel auch andere Dinge nicht in mich ein. Vor allem keine Selbsterkenntnis. Selbst- Bewusstsein hing wie die Waggons an einer Holzlok, gekoppelt an ausschließlich die Gefühle von Hunger und dem Schwinden auf allen Ebenen.
Das ist ein Ein-Weg-Zug. Eingleisig. Mit Hochgeschwindigkeit.
Keine Zeit Worte aneinanderzureihen- kein Platz, um irgendetwas Sagenswertes zu äußern.

Wenn ich mich vollstopfte, nahmen sich die Lebensmittel wie eine Dämmschicht aus. Eine Isolierung um einen Vulkan vor dem Ausbruch. Irgendwann weiß man nicht mehr, was da genau eigentlich ausbrechen könnte. Aber, dass es unbedingt nötig ist zu dämmen, erschien immer wieder in grell blinkender Leuchtschrift.
Vielleicht hatte man irgendwann etwas runtergeschluckt statt es auszusprechspucken, das dann verweste, zu einem Gift wurde, das durch die ersten Dämmschichten zu neutralisieren versucht wurde und dann bloß immer weiter in Schach gehalten werden wollte.

Vielleicht ist die Lautsprache deshalb immer wieder so eine blöde Klippe.
In meinem Mund ist ja auch dauernd irgendwas los. Ein rein- oder rausrasender, mal voll mal gar nicht beladener D-Zug, der Schäden anrichtet und ganz eigentlich von vornherein einem Konstruktionsfehler der Gleisverläufe unterworfen ist.
Vermutlich gibt es deshalb auch immer so ein Verkehrschaos zwischen Gedanken und Worten, Sprachen, Dialekten, Heute und Früher. Anscheinend ist der Bahnhof an dieser Stelle mein persönliches Mainz: alle krank und der Rest im Urlaub am Dissosee.

Und nun?
Ich weiß nicht mal wo der Dissosee liegt- gibts da überhaupt Telefon?
Ich könnte natürlich auch den D-Zug auf ein Abstellgleis stellen. Stünde aber trotzdem noch vor dem alten Problem: rein oder raus- oder abgestellt lassen, und Verwesung oder Luft statt Masse in Kauf nehmen.

Manchmal hilft es wenn ich weine. Aber das braucht ein bestimmtes Weinen.
Nicht so diese Rotzwasservariante, bei der man eher Gefahr läuft zu ersticken und eigentlich nur aufhört, weil man noch müder ist als vorher.
Ich brauche dann mehr so die Laufenlassvariante, bei der sich der Heulrotz in bequemer Ausschnaubposition sammelt und mit einem abschließenden Befreiungströten in ein Taschentuch befördert werden kann, um dann mit Schwung in den Müll gepfeffert zu werden.
So wie eine Art Hurrikan, der alle Bahnhöfe zum Neuaufbau zwingt.

Blöd nur, dass ich gerade nicht weinen kann, weil ich nicht wüsste wieso.

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