Innenansichten, Lauf der Dinge

soziale Krankenpflege

„Wie viele habt ihr denn davon genommen?“. Sie runzelt die Stirn und betrachtet die Packungsbeilage der Schmerzmittel.
„Zwei und weiter nichts. Und gegessen hab ich auch etwas vorher… und ich bin sicher, das war noch nicht abgelaufen.“.
Wir liegen endlich so verkeilt, dass die Zerrung im Rückenbereich nicht mehr omnipräsent vor sich hin wirkt: Ein Bein ausgestreckt unter dem Bett, das andere obendrauf; der untere Rücken auf geknülltem Bettzeug und Decken; der Brust- und Kopfbereich am Heizkörper angelehnt.
Es kann sich nur um Minuten handeln bis „Hunger, Pipi, kalt“ sich bemerkbar machen und diese schöne Insel stören.
„Kurz vor erbrechen“ ist jedenfalls schon da.

„Merkst du was von den Kleinen?“
„Öhm…“
Sie lacht. „Prima, Frau Rosenblatt!“.
„Immerhin ist es immer die gleiche Falle- ist doch gut. Stell dir mal vor, ich hätte jetzt irgendwas Exotischeres vergessen!“

Ich hatte vergessen, dass Schmerzen Innenkinder triggern und mich auf meine Zack- Peng- Schluss jetzt hier- Rennstrecke begeben. Tabletten eingenommen und mich dann über die Nebenwirkungen gesorgt.
Natürlich habe ich gleich an Vergiftungen gedacht. An gepanschte Medikamente und plötzliche Allergien. Selbstverständlich hörte ich Hufgetrappel und dachte an Zebras.

Sie faltet die Packungsbeilage zusammen und hilft uns auf. Klar müssen wir jetzt aufs Klo.

Wir versuchen uns irgendwie zu sortieren und noch etwas mehr Alltagsorientierung nach innen zu bringen.
„Liest du mir was vor?“- Na, das hat ja toll geklappt. Ein Kind tritt von einem Bein aufs andere. „Ich bin krank. Kranke kriegen manchmal was vorgelesen.“.
Sie lächelt. „Ja, ihr habt euch etwas am Rücken weh getan, als H. und K. gearbeitet haben. Das geht aber bald wieder vorbei.“.
„Aber das gildet als krank, ne?“
Sie lacht. „Ja, das gildet auch als krank. Was möchtest du denn vorgelesen haben?“.
„Darf ich was mit vielen Buchstaben aussuchen? Ein Mittelbuch?“
„Na klar, zeig mal.“. Ich frage mich flüchtig, ob unsere Gemögte mich vor ihrem geistigen Auge sieht, wie ich zappelnd hinter den Augen des Kindes stehe und verscheuchende Gesten mache. Es wird sich gleich vor ihre Füße übergeben, will aber unbedingt etwas vorgelesen haben. Solche Prioritäten kann auch nur haben, wer sich nie schämt.

Tatsächlich übergibt es sich- immerhin ins Waschbecken- und fragt trotzdem nochmal durch das Brennen im Hals hindurch, ob es jetzt gleich das Buch noch aussuchen kann.
„Erst mal darfst du mir helfen sauber zu machen und dann lesen wir.“.
Sie putzen und lesen. Irgendwann sind Zwerchfell und Muskeln entspannt. Die Position auf den Kissen ist 92270_web_R_K_by_marika_pixelio.deperfekt, draußen ist es ruhig und NakNak* liegt auf unserem Bauch.

Das Kind ist irgendwann nach innen geglitten. Ich liege da und höre den letzten Sätzen zu. Eine schöne Geschichte. Seit wann haben wir ein Buch von Tabaluga? Wanderwarzen Maffay war eigentlich nie so mein Fall, aber von dem sind die Geschichten auch nicht.

Sie macht sich bereit nach Hause zu fahren.
Ich muss grinsen. „Du hast uns hier voll das Lazarett aufgebaut. Danke.“
„AlltagskämpferInnen, die ihr seid…“, sie lacht und erinnert mich nochmal daran, erst die Kinderinnens weiter nach innen zu bringen, bevor ich Medikamente nehme.

Für die nächsten paar Stunden brauche ich aber keine.
Ein bisschen soziale Krankenpflege war fast das bessere Mittel.

11 thoughts on “soziale Krankenpflege”

  1. Hallo,
    es ist toll, so etwas für andere Menschen zu tun. Alleine das Gefühl, jemandem helfen zu können ist unbezahlbar. Auch für einen selbst.
    Was ich aber merkwürdig finde ist, dass vor zwei oder drei Tagen hier ein Blogartikel über die desolate finanzielle Situation zu lesen ist und nun ernsthaft über eine Beratungsausbildung nachgedacht wird. Beratungsausbildung kostet Geld. Und davon leider nicht wenig.
    In der Regel ist dafür auch noch eine Berufstätigkeit im sozialen Bereich Zugangsvoraussetzung, um die Inhalte dort in der Praxis trainieren und ausprobieren zu können. Das ist aber nicht immer notwendig, aber z.B. bei der GwG, die ja eine anerkannte Ausbildungsstätte ist.
    Hattet ihr nicht vor längerer Zeit einmal über Abendschule nachgedacht und dann überlegt, daß das nicht schaffbar ist? Wieso denkt ihr, daß das bei einer Beratungsausbildung klappt?
    Bitte nicht falsch verstehen. Ich wünsche es euch wirklich sehr. Aber es steht schon im starken Kontrast zu dem, was ihr hier über eure Stabiliität und eure finanziellen Ressource Blog schreibt.
    Ich drücke euch aber die Daumen, dass sich der Traum verwirklichen lässt. Denn wenn es klappt, ist das sicher eine sehr passende und schöne Aufgabe für euch.
    Alles Gute von Mosine

  2. Wir hoffen, die Schmerzen sind weiter besser geworden und Bewegen besser möglich!

    Wie schön, das ihr so einen lieben Menschen da hattet :o) Ja das ist wirklich schön!

    Viele liebe sternenGrüße von uns

  3. 😀
    Danke!
    Ja, sie ist ein Schatzmensch ❤
    Heute haben wir immerhin einen Spaziergang geschafft und hoffen morgen ist es wieder gut. Sonst müssen wir wohl mal noch zum Arzt und das wäre eher so "mitteltoll"…

    Viele Grüße an euch!

  4. Es gibt verschiedene Möglichkeiten als Beraterin tätig zu werden.
    Vielleicht habt ihr mal vom „peer-counseling“ gehört? Das meint: Betroffene beraten Betroffene. Da wir das so oder so schon seit einer Weile machen (und zwar unbezahlt und nicht nur bei Betroffenen selbst), wäre es das Naheliegendste. Näher an uns und unseren Fähigkeiten und flexibler als 3 Jahre Abendschule mi allen Problemen, die wir nun einmal haben.
    Wir hoffen, eine Förderung vom Jobcenter zu bekommen. Da dies uns in den letzten 6 Jahren sehr bequem nicht gefördert hat, erscheint es uns als Möglichkeit.

    Ein Traum ist es nicht.
    Wir würden auch lieber einen 8 Stundenjob im Büro haben oder als Beamtin Stempel knallen können. Geht aber nicht.

  5. Nein, davon habe ich noch nicht gehört. Aber das wäre ja wirklich eine super Möglichkeit!

  6. Mal doch dazu was sagen möchte…, hoffe ist ok wenn ich mich einmische….

    auch wenn man instabil ist und „eine dieser Existenzen“, kann man für die nähere und fernere Zukunft planen. Nicht umsonst macht man Therapie und arbeitet daran die Traumafolgen auf ein möglichst lebbares Level zu reduzieren.

    Wäre nicht so gut keine Ziele und Hoffnungen in Petto zu haben, wo man doch grad alles dran setzt eine Zukunft zu haben. Sehe das als extrem Realistisch!

    Liebe Grüße

  7. 😀
    Es gibt genug Multiple die ÄrztInnen sind, PsychiaterInnen, PsychologInnen, Gefahrguttransporteure und so weiter und so weiter…

    Aber Stopp- Rechtfertigung
    Hier nicht nötig *selber vorsag*

    Viele Grüße an euch Sterne

  8. Da sind wird dran.
    Leider ist die scheinbar einzige Stelle, wo es das gibt in der Gegend der Verein Psychiatrieerfahrener mit dem wir nichts zu tun haben wollen. Wir suchen noch und überlegen- wägen ab, ob der Kontakt mit dem Verein für uns tragbar ist oder nicht.

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