Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

Intrusionen- was das ist und was uns hilft

623357_web_R_K_B_by_Gordon Gross_pixelio.deWir haben die letzte Nacht mal wieder ohne Intrusionen durchgestanden.
Sind in unserer Kiste eingeschlafen, hatten NakNak*s Rücken an der Seite und träumten davon, mit einem Wal zu schwimmen.
Als der Wecker klingelte, war ich sofort da. Geklärt und wach. Komplett da, ohne durch Schmerzen von meiner Existenz überzeugt zu sein.

Nach mehreren Nächten und Morgen hintereinander, in denen es um Reorientierung und Gegenwartsversicherung ging, ein wunderbarer Zustand.

Neulich gab es die Suchanfrage auf das Blog: „Was sind Intrusionen?“
Als Intrusionen werden unkontrollierte Zustände eines Wiedererinnerns und Wiedererlebens bezeichnet.
Plötzlich kommen Bilder, kurze Filme und Empfindungen („Flashbacks“) früherer Erlebnisse auf. Auch Alpträume mit Inhalten dieser Erlebnisse zählen dazu.
Es fühlt sich an, als würde es wieder passieren, genau jetzt und hier.
Ich erlebe es oft so, dass ich währenddessen nicht mehr bewusst habe, dass es vorbei ist; es sich um eine Erinnerung handelt.

Es hilft mir manchmal die Auslöser zu finden und entsprechend zu meiden oder umzubelegen, was meint, positive Erinnerungen zu „machen“, die neben den negativen/ traumaassoziierten Erinnerungen stehen können. So entstand ein Mechanismus, wie bei Harry Potter und der Vertreibung der Dementoren: Er setzt eine positive Erinnerung ein und nutzt die positiven Empfindungen, um zu verhindern, dass etwas über ihn kommt, was ihn lähmt und schreckliche Erinnerungen hochspült.

Lange kämpften wir damit überflutet zu werden, wenn wir auf dem Rücken liegen.
Inzwischen haben wir aber schon in entspannten, schönen, sicheren Situationen so gelegen, die wir uns gezielt in Erinnerung und Bewusstsein holen, wenn wir uns so hinlegen (müssen- etwa bei medizinischen Untersuchungen).
Wenn wir ausgeschlafen und satt sind; ganz klar haben, in welchen Kontexten wir uns bewegen, klappt das sehr gut. Ist das Gegenteil der Fall und die Schwelle zur Dissoziation herabgesetzt, klappt es nicht.

Die Suche nach dem „Trigger“ (dem Katalysator/ Auslöser) stellt sich für uns als Herausforderung dar. Es steht nirgendwo drauf: „Hallo, ich bin ein Auslöser.“ und keine Intrusion hat uns bisher wirklich gesagt: „Ich bin die Erinnerung an die und die Situation.“.

Manchmal sind es Gerüche, Bilder, soziale Situationen. Manchmal aber auch Körperempfindungen und Emotionsgemische. Wir schreiben uns auf, was vor dem Erleben war und versuchen ein Muster zu finden. Wenn wir etwas gefunden haben, besprechen wir es in der Therapie oder vermeiden es.

Wir sehen Müdigkeit und die damit entstehende Dissoziationsneigung, als einen wichtigen Faktor an und haben auch aus dem Grund jede Medikation mit Benzodiazepinen oder Neuroleptika abgesetzt.
Früher haben wir sie als Dauermedikation gehabt, um Ängste und Zustände von Übererregung (Hyperarousel) zu dämpfen. Neben der nun ausbleibenden Abhängigkeit, die uns als junge Erwachsene vor ein weiteres Problem gestellt hatte, nahmen wir eine Abnahme der Angst und Übererregung auslösenden Überflutungen wahr. Wir sind eben wach und geklärt und können so viel schneller mit Maßnahmen der Linderung und Orientierung in Zeit und Raum beginnen.

Ein Teilbereich ließ auch nach: Pseudohalluzinationen.
Ich weiß nicht, ob es ein anerkannter Begriff dafür ist. Wir nennen sie so, weil wir manchmal Dinge (Doppelbilder) sehen, aber wissen, dass sie nicht echt sind. Zum Beispiel ist mir klar, dass ich halluziniere, wenn ich vor mir eine Blutlache auf dem Boden sehe, aber selbst nicht verletzt bin oder Zeuge einer Verletzung von jemand anderem bin.
Eine Nebenwirkung von Neuroleptika können Halluzinationen sein.
Kann man sich vorstellen, wie schrecklich und tadaa- Angst einflößend und triggernd es für uns war, körperlich sediert zu sein und Schattengestalten über uns schweben zu sehen?
Was unser Gehirn in dem Moment tat? Es wanderte in unser ungeordnetes Aktenordnergehirn und stellte die naheliegendste Assoziation her- nämlich die an eine Misshandlungssituation.

Heute ist die Bedarfsmedikation ein Grenztanz für uns.
Um nicht durch intrusionsbedingtes Nichtschlafen auch im Alltag anfällig für selbige zu sein, müssen wir immer wieder den richtigen Zeitpunkt für eine schlafbringende Medikation abzirkeln. Sich einfach nur schlapp und schläfrig zu fühlen reicht nicht. Einfach nur Ruhe zu wollen- ein „zack peng Schluss jetzt hier“ ist nicht genug.
Wir müssen kurz vorm körperlichen Umfallen und dabei doch noch geistig wach und reagibel sein, um die Zwischenzeit zwischen Schlafen und Wachheit mit dem Bewussthaben der aktuellen Lebensrealität kombinieren zu können.

Um diesen Zeitpunkt gut abzuzirkeln, helfen uns einige Maßnahmen.
Wir schließen die Wohnung ab, haben keine Geräuschquellen an (etwa Musik oder Hörspiele- obwohl wir gerade Letzteres eigentlich immer genossen haben in der Vergangenheit), haben einen positiv besetzten Duft auf dem Bettzeug und NakNak* als best of all possible anchors in der Realität von heute, die uns irgendwo mit ihrem Körperkontakt beehrt.
Alkohol oder andere Drogen meiden wir vor dem Schlafengehen.
Sex oder anderen Körperkontakt mit Menschen verlegen wir auf Momente, die umfassend okay sind. Wir also wach sind und stark genug, um Innens, die das nicht miterleben sollen, im Innen zu sichern. Das ist anstrengend und so oder so nur möglich, wenn auf allen Ebenen keine Konflikte oder Nöte schwelen.

Wir lassen das Telefon (mit Uhrzeit und Datumanzeige), ein paar Andenken an schöne Momente oder Gemögte neben dem Bett liegen. Manchmal schlafen wir ein, während wir an diese Menschen und Augenblicke denken. So entstehen manchmal auch so schöne Träume, wie der, den wir heute Nacht hatten. Ganz ohne Medikamente.

Vielleicht möchte ja jemand von den LeserInnen schreiben, was ihm/ ihr hilft?

1 thought on “Intrusionen- was das ist und was uns hilft”

  1. Was? Ich dachte, ich schaue hier nochmal rein und lese mir die Kommentare durch, um zu erfahren, was anderen Menschen hilft…aber es gibt nichts zum Lesen. Wie schade. Mein erster Gedanke gestern war, dass ich auch kein richtig gutes „Allheilmittel“ parat habe, um solche intrusiven Momente zu überdauern oder gar zu unterbrechen.
    Meist bemerke ich vorab ein ungutes und unreales Bauchgefühl und bemühe mich um Ablenkung. Das kann eben auch ein Spaziergang sein oder die Wohnung aufräumen. Dabei muss ich versuchen abzuwägen, wieviel Ablenkung gut tut, um mich nicht dennoch vollends zu verlieren. Eine letzte Krise wurde ausgelöst, weil ich die Vorzeichen der Überanstrengung übergangen bin und mich in meinem Alltag auffangen lassen wollte. Das mich das letztlich nahezu handlungsunfähig machte, habe ich zu spät erkannt.

    Meist harre ich viele Momente aus. Bedeutet, dass ich im Bett oder auf der Couch liege…ohne Geräusche. TV oder Musik gehen dann nicht. Mir wird gleichzeitig oft sehr schwindlig und ich fühle mich wie betrunken, so dass sich alles dreht und ein Aufstehen schwer ist. Einfach liegen zu bleiben und versuchen die Stimmen wahrzunehmen ohne ihnen allzu viel Gewicht beizumessen. Wegdrängen funktioniert nicht. Oft ist es so laut…
    Bisher geht das. Ich möchte mich (und da muss ich auch mal deutlich werden) nicht verletzen müssen. Das ist keine Option. Ich spüre auch den Drang und es gibt ganz furchtbare Aufforderungen zur Selbstverletzung in mir, denen ich bisher nicht nachgegangen bin. Viel mehr an Kommentar kann ich halt auch nicht geben. Mir kommen Deine Gedanken vertraut vor und es ist gut, dass Du darüber schreibst. Danke dafür.

    Angst zu spüren ist so grauenvoll und lähmend. Und niemand, der das nicht kennt, kann sich wahrscheinlich vorstellen, wie beängstigend das Gefühl der Nähe zu Erlebtem sein kann. Ich kenne Angst und Panik, die rational unbegründet sind und allein durch eine Millisekunde Erinnerung oder sehen von irgendetwas ausgelöst wird…und mich fest im Griff hält. Da fehlt mir schlichtweg planerische Zeit zum vorbereiten und ich kann versuchen mit meinen Mitteln und Fähigkeiten darauf zu reagieren.

    Und: schreiben hilft mir enorm. Um Abstand zu gewinnen;)

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