Lauf der Dinge

eine "dieser Existenzen"

Ich habe mich gestern Abend dabei ertappt, mir wieder eine Betreuung zu wünschen.
Ja, es war ein ertappt fühlen- ein „Uh- hoffentlich hat das jetzt keiner gemerkt.“.

Schwäche, Überforderungsgefühle, ein innerer Sturm, der mich wanken und nur peripher die Haltestangen um mich herum hat spüren lassen.

Es hatte schon vor ein paar Monaten angefangen, als die Stadtwerke uns von einem dreistelligen Plus auf dem Kundenkonto unterrichtete mit der Aufforderung ein Konto zur Rückerstattung anzugeben.
Wir wollen das Geld behalten, obwohl es das Jobcenter ist, das diese Gasabschläge für uns bezahlt und entsprechend auch Überschüsse zurück bekommen muss.

Wir haben große Angst vor der Stromendabrechnung.
Sind sicher, dass wir wieder unglaublich viel nachzahlen müssen, obwohl wir uns hier keine Luxusstromnutzung erlaubt haben. Was dieser Luxus ist? Na, zum Beispiel nachts im Schein einer Nachttischlampe zu lesen, das Licht im WC-Raum anzumachen, wenn es draußen dunkel ist; das Licht im Kellerraum anzumachen, nachts ein Deckenlicht anzuschalten, das Licht im Duschraum anzumachen, obwohl wir bei dem zugehängten Fenster kaum etwas erkennen können. Luxusstrom ist auch die Inbetriebnahme der Musikanlage um Radio, Musik oder ein Hörspiel zu hören und auch die Inbetriebnahme des Herdes, die nur zwei Mal in der Woche für 15-20 Minuten erfolgt.
Stand-by gibts hier ausschließlich für die Kaffeemaschine um den Kaffee warm zu halten; stetige bzw. längere Nutzung für den Kühlschrank, den Tiefkühlschrank im Keller, die Telefon- und Internetanlage und den Laptop der keine Akkuleistung mehr hat.
Den Warmwasserbereiter nutzen wir ebenfalls seit einem halben Jahr nicht mehr. Wenn wir fertig geduscht haben, halten wir eine Schüssel und eine Kanne unter das heiße Wasser und nutzen es zum Abwaschen oder Putzen.

Warum eine Stromnachzahlung katastrophal wäre?
Weil wir die Nachzahlung vom letzten Jahr noch immer nicht getilgt haben und jeden Monat 25€ an die Stadtwerke gehen. Zusätzlich zu den 37€ an den neuen Stromanbieter.

Könnten wir das große Gasplus behalten, könnte diese Tilgung in einem Schwung passieren und es würde ein Rest als Polster für die diesjährige Nachzahlung bleiben.
Aber nein.
Das geht nicht, weil geht nicht.

Genauso wie es nicht geht die 700€ Kaution für diese Wohnung als Darlehen vom Jobcenter zu erhalten. Nämlich so: Sie zahlen es an die Genossenschaft und holen es sich wieder, wenn wir ausziehen.
Nein, nein. Es läuft so: Das Jobcenter zahlt an die Genossenschaft und holt es sich jetzt in Raten von uns. Ebenfalls um die 38€, die monatlich von der Grundsicherung abgehen. Zusätzlich zu dem jetzt noch 3,50€, die die Wohnung, jetzt gerade noch zu viel für den Wohngeldsatz kostet.
In zwei Monaten wird die Miete um knapp 30€ erhöht. 

Unsere monatliche Leistung zur Sicherung des Lebensunterhaltes beträgt 228,00€
Kleines Rechenspiel?
Ja- stimmt: ab der Mieterhöhung leben wir von 94,50€ im Monat und bezahlen davon noch monatlich 30€ für Internet und Telefon.
Das sind 16,12€ pro Woche und 2,15€ am Tag.

unordentlicher-kleiderschrankflausch_thumbIch weiß nicht, wie es den LeserInnen geht, aber mir wird schlecht, wenn ich mir das vor Augen halte.
Gestern haben wir das Secondhandkaufhaus besucht und uns einen Rock und ein Oberteil zu 3,80€ gekauft. Da es sich um Sommersachen handelt, waren sie um die Hälfte reduziert.
LUXUS! Kleidung, die passt und nicht bei jedem Schritt schlackert, verwaschen ist und fransende Nähte hat. Wir werden diese Sommersachen, wie alle unsere Sachen, unabhängig von der Jahreszeit tragen. Auf diesem Foto von unserem Kleiderschrankinnerem sieht man warum. Mehr haben wir schlicht nicht. Da gibts kein verstecktes Fach für die Wintersachen, oder die Übergangssachen.

Gestern sah ich, das ein Stück Butter inzwischen 1,55€ kostet. Vielleicht ein Preisauszeichnungsfehler?
Mit dem Reizdarmsyndrom vertragen wir nur Obst, Gemüse und Fleisch. Im Winter kostet ein Eisbergsalat 1,99€ und mehr. Hackfleisch kostet 2,80€, macht aber länger satt und sorgt mit den Antibiotika darinnen vielleicht sogar noch dafür, dass wir im Winter nicht in der Apotheke stehen und uns für 10€ und mehr Erkältungsmittel kaufen müssen.

Wir werden einen Widerspruch gegen die Mieterhöhung einlegen, können uns aber keine Beratung vom Verbraucherschutz leisten. Häufen weiterhin eine gewisse Lohnschuld bei unserer Anwältin an, die diese Dinge im Moment für uns in der Position einer gesetzlichen Betreuung regelt.
Wir konnten ihr noch nie soviel zahlen für ihre Arbeit, wie es eigentlich sein soll. Sie macht es trotzdem. Sie weiß, dass wir mehr zahlen, sobald wir es können.

Kann man sich mal bitte kurz vor Augen halten, wie peinlich- peinigend- not- nötigend das alles ist?
„Äh Tschuldigung, ich brauche eine rechtliche Vertretung- das ist doch ihr Job- aber ich kann nicht bezahlen, weil das Recht dafür sorgt, dass ich gar nicht auf einen grünen Zweig kommen kann- gar nicht zahlungsfähig sein darf, um diese Leistungen überhaupt zu bekommen.“.
„Äh, ja Tschuldigung, die einzige repräsentative Bluse mit passendem Rock, hatte ich beim Bewerbungsgespräch gestern an und die sind noch nicht…- ehrlich gesagt habe ich sie noch nicht mal gewaschen, weil ich nur zwei Maschinen in der Woche wasche, um Strom zu sparen. Aber wenn sie mich einstellen würden zu diesem Ausbeuterminijob, dann könnte ich mir zwei drei weitere kaufen und nach 4 Monaten jeden Tag kundenaugenfreundlich und firmenrepräsentativ hier stehen…“
„Äh, Tschuldigung- ja ich bekomme eine private Zuwendung, werde aber in spätestens 3 Monaten einen neuen Laptop brauchen. Wissen Sie, ich will ein Buch schreiben und Kontakt mit der Welt haben, ich hoffe sie verstehen, dass ich dieses Geld ansparen will, um nicht noch einen Ratenzahlungsvereinbarungszettel unterschreiben zu müssen?“.

Das ist alles peinlich und schlimm. Wir haben Existenzängste. Sind unsicher und haben nicht immer den Mut uns für uns einzusetzen und genau so zu sprechen, wie wir schreiben. Wir hätten gerne bezahlte Fürsprecherinnen, die uns diese Kämpfe abnehmen oder uns zumindest zu diesen Terminen begleiten oder wenigstens das Händchen (es ist eigentlich ein Miniaturhändchen) halten, wenn wir diese Dinge regeln.

Dieses: „Uh- hoffentlich hat das jetzt keiner gemerkt“ erschiene mir bei jedem anderen Menschen abgrundtief tragisch. Aber nicht bei mir. Nicht bei uns.
Wir haben es als emanzipatorischen Rundumschlag und auch große Erleichterung empfunden, nicht mehr betreut zu werden. Erleichterung vor allem deshalb, weil wir zur Sicherung der Betreuung ebenfalls immer wieder kriechen und betteln mussten, damit uns diese gewährt wird. Um dann festzustellen, dass das, was wir brauchten von exakt einer Betreuerin von vielen, die wir in den Jahren der Betreuung hatten, bekamen, während der Rest uns nur immer tiefer in verschiedene Verschuldungen und rechtliche Aussichtslosigkeiten manövrierte.
Außerdem gab es dadurch immer und immer eine bürokratische Verbindung zu Tätern, die nicht lösbar war. Opferschutz endet eben genau da, wo das Gesetz sich selbst vertritt.

Und dann sitze ich hier mit meinem rasenden Herzen, dem Druck in der Körpermitte, den wirr kreisenden Paragrafen, Verpflichtungen und schieren Notgefühlen, die sich mit der psychischen Belastung paaren und wünsche mir eine Rettung, eine Entlastung, eine „Statt mir für mich Sprecherin“. Eine souveräne Kraft, auf die ich mich stützen und verlassen kann und schäme mich dafür.

Armut ist nicht peinlich.
Arm sein hingegen schon.

Wenig Geld zu haben, ist nicht der Weltuntergang.
Damit ohne sichere Perspektive rangieren zu müssen hingegen führt dazu.

Es gibt keine Pause zum Durchatmen. Kein Ansammeln von Ressourcen, um sich auf eine Insel von momentaner Sicherheit zu begeben.
Alles was gibt, sind Momente in denen mir das Blut in die Wangen schießt, weil mir eine Gemögte sagt, sie würde mir immer Geld leihen, wenn ich welches brauche. Eine Gemögte, die mir eine Tüte Lebensmittel schenkt. Eine Gemögte, die mir solchen Arbeitsluxus, wie das Ausdrucken des rohen Buchmanuskripts zukommen lässt. Menschen, die mir die Scham beim Vervielfältigen von Hartz 4- und Psychozetteln im Copy Shop abnehmen wollen und erlauben etwas bei ihnen im Büro auszudrucken oder zu kopieren.

Alles das hindert uns daran noch weiter zu schrumpfen, ermöglicht aber auch kein Wachsen.
Es ist eine weitere Abhängigkeit. Eine Haltestange, aber kein Dünger.
Es ist etwas, das das Gefühl nährt soviel mehr zurück geben zu müssen, als man geben kann. Immer weiter, auf immer mehr Ebenen.
Immer sind wir jemandem etwas schuldig. Ob einen Gefallen oder Geld. Ob Dankbarkeit oder stille Akzeptanz einer menschenverachtenden Maschinerie.

Muss ich noch erwähnen, dass Schuldgefühle einer der größten Belastungen ist, die wir mit uns herumschleppen- auch in Bezug auf die Umstände und Menschen, die uns psychisch so verkrüppelt haben, dass wir heute nicht mehr können, als das, was wir können?

Ja, wir haben Schuldgefühle uns aus diesen Kontexten gelöst zu haben. Schuldgefühle noch zu leben. Schuldgefühle überhaupt zu sein. Schuldgefühle mit jedem Reden über das, was uns hat Viele werden lassen, etwas zu verraten. Schuldgefühle nie zu genügen. Schuldgefühle gegenüber anderen Menschen, denen es noch schlechter geht.
Schuldgefühle eine Schuld nie begleichen zu können.

Egal was wir tun, immer laden wir noch etwas auf unseren Schuldwaggon, der wir hinter uns herziehen und notdürftig zu bedecken versuchen. Ab und an zu leeren versuchen, wenn die Menschen uns sagen: „Ach, nee ist schon gut- musst du nicht zurückzahlen.“. Oder: „Du schuldest mir nichts- das ist schon okay so- ich möchte das so.“.

Was ist das für ein Leben, das hier grundgesichert wird?

„Ich bin eine „dieser Existenzen“.“, sagte ich gestern jemandem, der mich fragte, ob ich ihm für Geld die Wohnung putze, auf die Frage, was ich denn so mache.

Dieses Leben wird hier gesichert.
Das Leben einer „dieser Existenzen“.

11 thoughts on “eine "dieser Existenzen"”

  1. Hallo Rosenblatt, ich brauche dringend Deine Mailadresse, damit ich Dir im Vertrauen schreiben kann. Ich bewege mich nicht mehr im Internet, mchte Dir aber was erzhlen. Liebe Gre Sophie

  2. Wie lange dauert Schuld an? Wie lange ist Schuld „haltbar“? Wer bestimmt, welche Schuld(igkeit) wie zu welchem Zeitpunkt auf einen Berg „aufgetürmt“ wird (und bleibt)?

  3. Ja kennen wir alles so 😦 auch eine dieser Existenzen.

    wünschten wir könnten helfen und alles gut zaubern.
    Seid lieb gegrüßt und nicht aufgeben! Wünschen eine erholsame Nacht!
    die sterne

  4. Deine Zeilen haben mich tief erschüttert!
    Ob irgendein Arsch das Wort Demokratie in Deutschland wirklich buchstabieren kann? Mir wird übel, bei „so viel“ Gerechtigkeit in unserem Land!
    Ich wünsche dir Kraft durch zu halten und immer Hände, die dich stützen. Lieb Grüße?

  5. Danke dir (auch für die lieben Grüße)

    Wirhaben ja Hände und Seelen um uns herum,die uns halten und stützen.
    Es wäre alles schlimmer, wenn wir noch allein wären.

  6. Liebe Rosenblätter,

    wir lesen hier schon eine Weile mit und können vieles, auch das hier, so gut nachvollziehen, weil wir auch eine von „diesen Existenzen“ sind.
    Danke für deine Gedanken…

    Die Amicas

  7. Hier schreibt eine weitere von „diesen“ Existenzen. Kommentieren mache ich aus Gründen ungern, aber dein beitrag hat mich berührt. Ist aktuell für mich, jeden Tag, und heute besonders. Nach dem Hickhack um Bewerbungskosten uA habe ich eine Ausbildung bekommen und stelle nun fest, dass die Kosten für die Berufsschule vorzustrecken sind. Keine andere Lösung. Kein Bewusst-Sein im Betrieb. „Hä? Wie jetzt? Also, nee, sowas hatten wir aber auch noch nie! Ist doch klar, dass man da was zahlen muss! Sie kriegen doch Gehalt!“ 300,- … mehr muss ich wohl nicht sagen.

    Wütend. Wieder einmal vielen Dank, dass du einen so klaren Text über dieses Thema geschrieben und uns veröffentlicht hast. Ein Thema, dass mich immer noch in Panik bringen kann. Das ist so das Gegenteil von Grundsicherheit.

    Als würden alle Menschen qua Geburt von denselben Voraussetzungen starten und dann halt aus „Faulheit“ irgendwoe durchfallen oder auf der Strecke bleiben.
    Jetzt traurig.

    Danke trotzdem, Rosenblätter.

  8. Das ist echt traurig. Hier ist der erste Ausbildungsmonat geldtechnisch auch schwer. Ich finde ihr habt was besseres verdient weil ihr so tolle Sachen macht und so eine faszinierende Art zu schreiben/denken habt. Ich würde gerne helfen aber ohne Schuld. Manchmal ist es ein gutes Gefühl wenn es jmd anderen im Umfeld einfach besser geht. Wirklich besser geht. Wäre das okay und habt ihr eine Idee wie?

    Liebe Grüße

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