Lauf der Dinge

von grüner dreckiger Wäsche, Sprachführung und der Chance, die sich nun bietet

24683_web_R_K_B_by_Dietmar Meinert_pixelio.deManchmal denke ich mir, dass unsere Presse ihre Waschtage auf die Zeiten der Wahlen und potenziellen Erfolge von Einzelpersonen verlegt.
In meinem Kopf sieht das dann etwa so aus: „Oh, da wird bald gewählt- alle Mann antreten zum dreckige Wäsche vorzeigen! Wer das ekligste Stück findet und einen Artikel darüber schreibt, bekommt eine Gehaltserhöhung- Recherche nicht groß benötigt, Sprachgefühl darf weiterhin inexistent bleiben und reflektiert muss es auch nicht werden- Hauptsache die Wäsche, die gewaschen werden soll, ist stinkend und dreckig! Drei… Zwei… Eins… und LOS!“.

Nun, vielleicht ist es nicht so. Vielleicht läuft es alles ganz anders.
Und doch ist die Dynamik unübersehbar. Die Bundestagswahl steht an und wieder gibt es Artikel zur „Pädophilie- Vergangenheit“ der Grünen. Wird ein 30 Jahre alter Artikel einer Politikerin ausgegraben.
Rote Köpfe, alles peinlich. „Wie konnten sie nur?!“- Fragen, die wie Helikopter über der Entscheidungsfindung der WählerInnen herumkreisen.

Ich bin in Sachen „Pädophilie“ empfindlich.
So, wie es derzeit verwendet wird, wird es falsch verwendet und TäterInnen eine positive Selbstbeschreibung gestattet. Pädo- meint „Kind(lich)“ und „phil“ steht für „liebend“ im Sinne von „wertschätzend“. Wer kindliche Körper benutzt/verwendet, junge Menschen (wir nennen sie „Kinder“)  ausbeutet und aus(be)nutzt – egal, ob aktiv handelnd oder in seiner Phantasie- verhält nicht nicht Kinder- wertschätzend. Punkt Aus Ende

Jeder Mensch sollte sich als „pädophil“ bezeichnen, wenn er Kinder wertschätzt, achtet und liebevoll umsorgt. Ergo alle anderen Menschen außer jenen, die sich der Kinder mit Körper, Geist und Seele, ausschließlich zur eigenen (sexuellen) Befriedigung ermächtigen.

Käme hingegen heute ein Mensch in einen Kindergarten und sagte: „Ich möchte hier arbeiten, weil ich pädophil bin“, bekäme er ein Ticket zur Polizei und einer Zelle mit Gitterstäben vorm Fenster.
So sehr hat sich dieses Etikett als mit Gewalt verbunden in unsere Gesellschaft eingeprägt. So einen großen Erfolg können die TäterInnen für sich verbuchen.

Können wir uns da mal bitte die Erfolge der früheren Opfer und deren FürsprecherInnen anschauen?
Die Begriffe „sexuelle Misshandlung“, statt „sexueller Missbrauch“ und viele andere Begriffe, die eben keine weitere Demütigung der (früheren) Opfer implizieren, werden weit seltener verwendet.

Doch zurück zum Wäscheberg der Grünen, der FDP- Politikerin Dagmar Döring und dem unverdient gewürdigten Herrn Cohn- Bendit.

In den 1980 er Jahren befasste man sich auf politischer Ebene damit, wie Menschen auf sexueller Ebene miteinander umgehen. Eigentlich- ganz grundsätzlich- dachte ich: „Wow! Okay- sie haben sich die Falschen mit ins Boot geholt und einen ganzen Gewaltkosmos ausgeblendet. Aber, sie haben sich damit auseinander gesetzt, welche Formen Sexualität hat. Haben sich selbst hinterfragt und das hochgradig Private der Menschen in die Politik zu bringen vermocht.“.

Zu der Zeit waren die Themen „Sexualität“, „sexuelle Selbstbestimmung“, „Pornografie“ und auch „sexualisierte Gewalt“ noch einmal ganz anders auf dem Tisch und in den Köpfen der Menschen.
Das enthebt natürlich niemanden von der Verantwortung, die er heute, 30 Jahre später, zu übernehmen hat, erklärt aber den politischen Einsatz dieser Zeit.

Was mich gerade, neben der wieder einmal unsäglichen Sprachführung unserer „Qualitätsmedien“, stört ist dieser Blick für auch andere Fehltritte und politischen Zeitopportunismus.
Jede Partei heftete sich in der Vergangenheit an die Themen, die gerade „dran“ waren. Sei es die Atompolitik nach dem Super GAU in Tschernobyl oder die Politik rund um Asyl und Migration, nachdem 1992 das
Sonnenblumenhochhaus in Flammen stand und ein ganzer Stadtteil zum Sinnbild rassistischer Gewalt wurde.

Politik ist reaktiv. Sie reagiert im günstigsten Falle immer auf die Menschen, für die sie gemacht wird. Ergo für die Menschen, die in diesem Land leben.
Warum also hätte sie ausgerechnet in den 80 er Jahren nicht auch auf Menschen, die sich ihrer sexuellen Neigungen bewusst werden oder waren, reagieren sollen?

Für mich offenbart sich in der aktuellen Debatte vor allem Eines: eine kräftige Portion deutscher Doppelmoral, vor allem in Bezug auf sexuelle Misshandlung.

Einerseits wird der Themenbereich sexueller Misshandlung und sexualisierter Gewalt allgemein in die Medien getragen, andererseits wird noch immer mit falscher Sprache und der Perpetuierung von Vergewaltigungsmythen gearbeitet, um zu „sensibilisieren“.
Einerseits wird anerkannt, dass es sich um strafbare Handlungen handelt, andererseits nicht im Geringsten für nachhaltige Hilfe ihrer Opfer gesorgt.
Einerseits werden TäterInnen geächtet, andererseits wird ihnen eine (Selbst)Bezeichnung und biologisch oder psycho-sozial geleitete Tatmotivation zugestanden- auch jene, die die Opfer erneut demütigen und wiederum einer Form der Gewalt ausliefern.

Einerseits wird bei den Grünen, Cohn-Bendit und Döring im Keller herumgeschnüffelt und das ekelhaftestmögliche hervorgekramt, andererseits offenbar keine Ermittlung der Polizei angestrengt.

Wozu also dieser Presserummel?
Welcher Zweck wird hier verfolgt?
Es geht hier nicht um die Darstellung der aktuellen Wahlprogramme, sondern darum, jede Partei mit Dreck zu bewerfen und die WählerInnen zu beeinflussen.
Im Zusammenhang mit dem aktuellen Verlagssterben, geht es auch um die Auflagenquote. Jeder Menschen weiß, dass die Auflage steigt, je krasser die Meldung ist. Nehmen wir also Kindesmisshandlung und Perfidie und zeigen auf, wie nah das mit Schlimmste, das einem Menschen in seinem Leben passieren kann, ist. Der Horror ist nur eine Straßenbreite entfernt. Nicht nur Stephen King weiß das.

Inzwischen ist es eine Frage der Zeit, wann welches ekelhafte Überbleibsel früherer politischer Aktivitäten oder auch privater Fehltritte diverser PolitikerInnen auf der Schlachtbank der Presse zerlegt wird.
Es würde mich nicht wundern, wenn wir irgendwann erfahren, was die CDU so alles getrieben hat. Vielleicht im zweiten Weltkrieg oder zu Gründungszeiten? Wenn wir erfahren, was die Linke, als sie noch nicht die Linke war, so in die Politik bringen wollte. Vielleicht werden wir in 20- 30 Jahren noch die sexistischen Tweets der Piratenpartei von heute zu lesen bekommen und wieder in unserer Wahlentschlossenheit erschüttert.

Jetzt aktuell haben wir die Themen sexualisierte Gewalt und Sexismus auf dem Tisch- ist doch klar, dass wir dann mit den (fehlgeleiteten) Ambitionen der Grünen in den 1980 er Jahren konfrontiert sind.
Wird es einen Effekt haben?
Wohl eher nicht, wenn wir LeserInnen, wie auch PolitikerInnen, den Fehler machen und eine nicht auf das Aktuelle oder auf die Zukunft ausgerichtete Perspektive einnehmen.

Auch die Partei selbst, sollte sich nun endlich mal aus ihrem Schweigekabinett begeben und zeigen, was sie aus ihrer eigenen Geschichte gelernt hat. Sie könnte ihre eigene Vergangenheit nutzen, um zu zeigen, dass sie auch heute reaktiv agieren kann. Zum Beispiel in dem sie sich für die Opfer von Pädokriminalität, von Menschenhandel zur Prostitution, von häuslicher oder partnerInnenschaftlicher Gewalt, von Gewalt in Institutionen und so weiter, stark macht und eben nicht die TäterInnen weiter unterstützt.

Auch für unsere „Qualitätsmedien“ ist es eine Chance.
Sie könnte, wenn sie sich schon dieses Themengebietes annimmt, endlich einmal ihre Sprachführung reflektieren und sich klarer zu den Opfern positionieren, ohne diese ebenfalls auszubeuten und auf ihre Gewalterlebnisse  zu reduzieren.
Ein Skandal hat etwas von einem Vulkanausbruch: Er legt etwas offen, das eine Zerstörungskraft hat. Er hinterlässt aber auch immer einen nahrhaften Boden und die Möglichkeit zur Veränderung.

Eine dieser Veränderungen könnte nun auch endlich einmal eine ganz klare Verbundenheit mit den Opfern sein, die über die Berichterstattung ihrer Qualen hinausgeht und die Folge haben könnte, dass auch endlich die Opfer mit all ihren Rechten und Schwierigkeiten einen Platz in der Politik erhalten.

Über die Täter wurde nun weiß der Himmel oft genug berichtet. Mehr Platz brauchen diese nun wirklich nicht.

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