Die Helfer_Innen und die Hilfe, Innenansichten, Lauf der Dinge

Zeit für "einfach da sein"

Und plötzlich war es gekippt.
Vom Wunsch eine Zornesfrucht zu sein, zum sachte schwingenden Spaziergang mit Blick über bewaldete Hügel, zum sprach-atemlosen Sitzen auf dem Schlafzimmerboden.

„Ich weiß, dass du es weißt, ich sag trotzdem nochmal, dass das nicht das Ende der Möglichkeiten ist.“, sie lächelt mich an und legt mir das gefrorene Suppengemüse in den Schoß. „Das ist nicht das Ende. Ihr seid nicht zu durchgeknallt um Hilfe zu bekommen.“.

In meinem Rachen türmen sich die Worte, verkeilen sich und verstopfen die Atemwege.
Unterdruck entsteht, das Zwerchfell krampft in seiner Position, Erstickungsangst frisst sich durch meine Adern.

„Ich hab was gelesen, was vielleicht hilft- hm, aber ich muss dich dafür berühren. Glaubst du, das geht? Wissen alle, dass ich da bin?“.
Sie sitzt schon näher als sonst, schaut direkter als sonst. Ich habe keinen Zweifel, dass ihre Anwesenheit von vielen registriert wurde. Die Tatsache, dass wir noch sitzen, wo wir sitzen, reicht mir um zu nicken.
Der Krampf in meiner Mitte tut weh, die Angst treibt mir Schweißtropfen auf die Haut. Die Kälte des Eises auf meinen Händen scheint sich über die ganze Körperoberfläche auszubreiten.

„Okay, ich werde jetzt meine Hand auf den Rücken legen und liegen lassen. Wenn du sie spürst, kannst du zu ihr atmen. Vielleicht auch dagegen.“, sie hält mir die Hand hin und lässt meine Blicke ihrer Bewegung folgen.
Ich erwarte, dass es weh tut. Wenn sie mir ein Medikament gegeben hätte, hätte ich schließlich auch erwartet, dass es eklig schmeckt.

417794_web_R_by_Günter Havlena_pixelio.deIch halte die Luft an, statt sie weiter mit aller Macht in meinen Körper ziehen zu wollen und fühle die Wärme ihrer Hand in der Mitte unter den Schulterblättern. Ich muss an Siegfried den Nibelungenhelden denken. „Nur umgekehrt“, raunt es mich von innen an.

„Du darfst atmen. Ist okay. Ich lasse diese Hand hier liegen und die andere darfst du festhalten, wenn du möchtest. Ich mache nichts anderes als das.“. Sie schiebt die andere Hand über ihre verschränkten Beine und lässt sie neben meinen eingeklemmt verknoteten Laufstummeln liegen.
„Du wolltest etwas sagen. Kannst du das Gesagte zu der Hand auf dem Rücken schicken? Vielleicht geht es dann.“

Tatsache.
Brocken für Brocken löst sich in meinem Rachen und beult meine Bronchien nach hinten aus. Stellt sich in Reih und Glied an die Hand und wird zu einem warmen Gelee.
Ich kann einatmen und mein Zwerchfell wieder zurecht biegen.

„Ich will die andere Hand festhalten. Nur zur Sicherheit. Jemand hat Angst, dass sie doch etwas macht.“.
Wenigstens eine Ankündigung, denn schon sehe ich meine Hand ihre umfassen und auf den Boden drücken.

Langsam breitet sich die Wärme ihrer Hand aus. Meine Muskeln wachen aus ihrer Erstarrung auf und legen sich langsam wieder geschmeidig auf die Knochen und erweitern meinen Brustkorb.
Ein bisschen möchte ich schrumpfen und in ihrem Handteller schlafen.
Doch alles, was schrumpft ist meine Anspannung. Ich schaue dem Tropfen aus meinen Augen zu und denke an einen Schneemenschen, der unter dem ersten Frühlingsregen schmilzt.

„Geht´s?“, sie schaut mich an, während ich nicke.
„Ich nehme die Hand jetzt wieder weg.“, sagt sie und zeigt mir ihre Bewegung zurück. Die Wärme ist immer noch an der gleichen Stelle.
Meine Hand entlässt die ihre.

„Ich hol mal Taschentücher und Wasser.“. Sie steht auf und geht in die Küche, während ich zwischen Wärmewunder und Tränenscham wanke. Jetzt wo mein Körper wieder beweglich ist, kann ich auch meine Arme über den Kopf heben und meine Atmung selbstständig unterstützen.
Das Wortgelee schwappt ohne Druck in meiner Brust herum.

„Brauchst du das Gemüse noch?“. Ich schüttle den Kopf und reiche ihr den nassen Plastikbeutel.
Sie räumt im Kühlschrank herum und ich frage mich, ob ich heute noch ein Wort herausbekomme.

Es ängstigt mich so sprachlos zu sein.
Wenn ich wirklich Angst habe, wie jetzt, ist es okay. Ich weiß, warum es mir dann passiert. Sprache ist eben ein neurologisches Bonbon. Bei Todesängsten ist die Sicherung der Basis das Einzige, das möglich ist.
Aber manchmal ist es auch „einfach so“.

Sie kommt zurück mit zwei Tassen Tee und einem Stück Pansen für NakNak*, die, wie eine Pausenaufsicht auf dem Bett liegt und uns beobachtet.
Meine ophthalme Undichte ist vorbei. Meine Atmung wieder regelmäßig.
Sie lehnt sich an das Bett und pustet in ihre Tasse.

„Es sind erst mal 4 Wochen Zeit. Therapieurlaub.“, sie lächelt, „Ihr könnt euch jetzt alle erst mal ausruhen. Die letzten Wochen waren so anstrengend und intensiv. Diese Klinik wartet nicht auf eine Antwort von euch, die Therapeutin hat auch Urlaub und ihr habt alles vorbereitet, was in 4 Wochen so alles ansteht.“.
Ich nicke in meinen Lakritztee hinein. Ja. Wir haben alles vorbereitet und es war wirklich viel in den letzten Wochen.

„Jetzt ist Zeit für einfach da sein, ne?“
„Ja, mein Herz, jetzt ist auch für uns Urlaub und Zeit, einfach nur da zu sein.“

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