Lauf der Dinge

Frei- von- Gewalt- Räume

Wir waren gestern mit dem tollen Menschen, der hinter dem Blog „Shehadistan“ steckt, in Düsseldorf und haben den  gesamtemanzipatorischen Festigress „Togetherfest“ besucht, der übrigens sowohl heute als auch noch morgen stattfindet.

523435_10201087011528807_472443278_nWir waren noch nicht auf vielen Veranstaltungen dieser Art und trafen mit einer Mischung aus tradierter Menschenangst und mehr oder weniger hilfloser Verhaltensunsicherheit dort ein. Und wurden positiv überrascht.
Nicht nur, dass die Menschen dort alle einfach so waren, wie sie sind und sich um ein harmonisches Miteinander bemüht haben- das klappte auch noch!
Das Café in dem wir uns einfanden, heißt „Café Freiraum“ und ist ein Freiraum gewesen.

Wie wichtig Freiräume und die Bemühungen der Menschen sind, und auch, was sie für uns bedeuten, wurde uns auf dem Heimweg klar.
Als wir im Café ankamen, entdeckte ich ein paar Zettel mit Hinweisen zum Umgang miteinander und Lösungsmöglichkeiten im Konfliktfall. Dies und auch die Eröffnungsansprache vom Team des „Togetherfest“, erinnerten mich an Regelungen, wie ich sie aus Kliniken und Austauschforen kenne.
Ich kann nicht verleugnen, dass es in meinem Kopf erst mal: „Jaja, redet ihr mal…“, machte.
Nur zu gut weiß ich, wie sehr man selbst reproduziert, obwohl man sich selbst offen, wie ein Scheunentor und achtsam wie eine Katze vorkommt.
Doch offenbar ist die Zeit, die man in solchen Freiräumen verbringt, ein entscheidender Faktor. Je länger man sich darin bewegt und seine Sensoren schärft bzw. seine Handlungen entsprechend ausrichtet, desto sicherer klappt die Umsetzung. So wie bei den Menschen, auf die wir dort trafen.

Selten höre ich außerhalb des Internets Wort wie „Transmensch“; die Wendung „der Mensch, der eben hier war und…“, geschweige, denn das ausgesprochene Binnen- i. So interessierte Nachfragen in Bezug auf etwas, worüber man gerade spricht, noch seltener eine Stille von direkt nicht beteiligten Menschen dabei. So selten „Bitte“, „Danke“; schlichtes Fragen, ob es einem gut geht oder man vielleicht etwas möchte oder Hilfsangebote- oder – bitten.
Genauso Labelingsfrei-heit in alle Richtungen, was meint, weder einer Zuschreibung ausgesetzt zu sein, noch in der Selbstpositionierung bewertet zu werden.

Als wir im Zug Richtung Heimat saßen, erlebten wir ein Paradebeispiel für das komplette Gegenteil dessen und auch, wie sich diese Muster fortbewegen.
Eine Familie bestehend aus einem erwachsenen weiblichen Menschen und 8 (?) Minderjährigen zwischen 1 und ca. 17 Jahren stieg zu. Die Jüngsten barfüßig und hellwach weit nach 22 Uhr, herumgeschubst, hier und da „geklapst“ und angepöbelt, wie alle einander lautstark anpöbelten, entwerteten, während sie über die Sitze kletterten oder daran herumrüttelten. Der erwachsene Mensch starrte auf sein Smartphone und blickte nur auf, um seine Hand und unfreundliche Worte zielgerichtet irgendwo hinzustoßen.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was mich daran in dem Moment so gestresst hat. War es die Lautstärke, die Tatsache, dass es keinen Sinn gehabt hätte, den erwachsenen Menschen um ein Eingreifen zu bitten, oder nicht doch das offensichtliche Desinteresse an den Empfindungen und Bedürfnissen des Gegenübers (gerade der kleinen Kinder) und das Wissen, was dieses für die Zukunft der Menschen bedeutet?

Wir entschieden uns, das Abteil zu verlassen.
Während wir den Rest der gemeinsamen Fahrt mit „Frau Shehadistan“ plänkelten, versuchten wir uns zu sortieren und für die Stunde, die noch allein vor uns hatten, bis wir auch zu Hause angekommen sein würden, zu wappnen.
Wir mussten noch NakNak* abholen. Es war Freitagabend und inzwischen kurz vor Mitternacht.
Zeit für Partypeople in mehr oder weniger angetrunkenem Zustand und ein hohes -ja doch ich nenne es: Risiko für weibliche Menschen von ihnen angesprochen oder belästigt zu werden.

Bereits am Gleis pfiff es mir aus einer Gruppe entgegen und wurde meine körperliche Erscheinung kommentiert.
Während der Fahrt setzte sich mir jemand gegenüber, der mich permanent anstarrte und in ein Gespräch über mein Fahrtziel und meine sexuelle Verfügbarkeit zu verwickeln versuchte.
Ich starrte regungslos aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Umgebung draußen und wünschte mir ein Freiraumabteil, in dem ich dem Drang mich zu übergeben nachgehen hätte können. Vielleicht sogar weinen über die empfundene Demütigung und Wut auf den Menschen.

Manchmal empfinde ich es als Sicherheitsaspekt, wenn NakNak* bei uns ist. Sie sitzt immer auf unserem Schoß und ihr Atem verankert uns gut. Auch wenn wir im Dunklen mit ihr unterwegs sind, fühlen wir uns vor ominösen „schwarzen Männern, die aus dem Gebüsch springen“ sicherer, weil ein Hund beim Opfer eine spontane Improvisation vom Angreifer erfordert und wir uns einbilden, dann mehr Reaktionszeit bzw. die Möglichkeit für Schutzreaktionen zu haben. (Dass das nicht so ist, wissen wir- aber das Gefühl reicht uns schon um Abendspaziergänge mit ihr nicht gänzlich zu unterlassen und das ist uns wichtig.)

An einem Freitag- oder auch Samstagabend hingegen, entpuppt sich der Hund nur noch als zusätzlicher Faktor von Fremden angesprochen und auch bedrängt zu werden. So saßen wir dieses Mal dann endlich in der Straßenbahn nach Hause und ein männlicher Mensch versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln. Dass er überhaupt noch sprechen konnte, verwunderte mich schon angesichts der Alkoholwolke, die seinem Atem beigemischt war. Er streichelte NakNak* ohne mich zu fragen und ließ seine Hand auf meinem Bein liegen.

Ich habe nicht ein einziges Mal signalisiert, dass ich gesprächsoffen bin, habe ihn nur kurz angeschaut, als er sich neben uns setzte. Da bin ich mir sicher. Noch sicherer seit im Zuge von #Aufschrei die eine oder andere „Checkliste“ zu solchen Situationen kursierte.
Ich setzte NakNak* ab, stand wortlos auf, spürte seine Hand auf meinem Po (HALLO?!) entfernte mich (im wahrsten Sinne des Wortes) und blieb im Türbereich stehen. Wir waren allein in dem Abteil.
Der Mensch blieb da sitzen und redete mit sich selbst.
Wir stiegen zwei Stationen früher als nötig aus und übergaben uns auf den Grünstreifen.

Auf dem Weg nach Hause, dachte ich darüber nach, wie schön es wäre, gäbe es überall solche Freiräume wie wir sie am Nachmittag genießen durften. Was wäre, wenn überall so ein Frei-von-Gewalt-Raum wäre?
Wie schön wäre es gewesen, wenn ich nicht in drei Schichten gekleidet bei 36° Außentemperatur den Tag verbracht hätte? Hätte ich je so ein Schutzgefühl durch viel Kleidung entwickelt, wenn ich in einem Freiraum, wie diesem aufgewachsen wäre? Hätten die Menschen, die mich in der letzten Stunde des Ausflugs belästigten und erniedrigten, getan, was sie getan haben? Wie hätte die Familie im Zug ausgesehen? Wie wäre die Zeit, in der wir uns das Abteil geteilt haben, dann gewesen?

Wovon ist es abhängig, dass so ein Konzept von freien Räumen auch funktioniert?
Ich habe im Internet oft die Erfahrung gemacht, dass es zum Einen von klaren- verständlichen- Regeln, aber am meisten von den Menschen selbst abhängt. Dass es wichtig ist, als gemeinsames Ziel ein gewaltfreies und freundlich respektvolles Miteinander zu haben, genauso, wie das aufrichtig- ehrliche Bemühen darum und das Wissen fehlbar zu sein.

Und so kam ich zu dem Schluss, der mir dann auch gegen 3 halb 4 Uhr morgens endlich die Ruhe brachte, die ich zum Schlafen brauchte.
Die Menschen, die das „Togetherfest“ besuchten, wollten, dass es schön und angenehm für alle ist.
Die Familie hatte offenbar keine Kenntnis davon, dass ein anderer Umgang miteinander schöner und angenehmer für alle sein könnte.
Die Menschen, die mir auf dem letzten Stück Heimweg begegneten, hatten nicht das geringste Interesse daran, dass es mir gut geht und der Kontakt mit ihnen für mich angenehm ist.

Selbst wenn überall „Freiraum“ dranstehen würde, würden letztere Menschen ihn zerstören, sobald sie ihn betreten.
Wünsche ich mir ein „Awarenessteam“ im Alltag? JA!
Wünsche ich mir Nachts mehr Anwesenheit von Bahnpersonal? JA!

Zumindest so lange, bis überall und jedem Menschen klar ist, dass wer sich nicht an die Regeln hält, keinen Platz findet.
Trolle und Störer werden im Internet geblockt, gesperrt, anonym der Polizei gemeldet.
Außerhalb dessen, fliegen sie erst raus, wenn man sich als Opfer präsentiert (und damit dem Risiko von „selbst schuld“ (und damt erneuter Gewalt) durch PolizistInnen und anderer Öffentlichkeit aussetzt- auch hier wäre ein/e „Awarenesshelfer/in“ immer wieder nötig!) und diese „Opferpräsentation“ auch direkt mit körperlicher Versehrung rechtfertigen kann.

Ich finde es seltsam, dass ich gerade eine Handlungshaltung aus dem Internet in mein Leben außerhalb dessen zu übertragen versuche.
„Don´t feed the trolls“ (Nichtbeachtung), kann manchmal klappen- heißt aber nicht, dass sich diese Trolle nicht woanders breit machen.
Erst bei einem Komplettblock von allen Seiten ist Ruhe.

Was bei mir übrig bleibt, ist das schale Gefühl andere Menschen ausschließen zu müssen. Egal, wie berechtigt es ist, fühlt es sich für mich nie gut und richtig an.
Es ist einfach immer ein „sich sicher fühlen“ (für mich in der Folge: „sich über andere stellen“) auf Kosten einer Ausgrenzung anderer.

Ich weiß nicht, ob ich das irgendwann anders empfinde. Ob es sich für mich irgendwann richtiger anfühlt, wenn wir uns aktiv für unseren Selbstschutz und Wahrung unserer Grenzen einsetzen, einfach weil wir immer mehr erfahren, wie gut es sich anfühlt respektiert und geschätzt zu werden.
Vielleicht ist es aber auch gut, wenn ich nicht vergesse, dass ich Menschen ausschließe. Denn so weiß ich, dass es noch Menschen gibt, die irgendwann vielleicht auf die Idee kommen, sich reflektieren und ihr Verhalten ändern zu müssen, um angenommen zu werden, und dabei vielleicht auch Hilfe brauchen.

5 thoughts on “Frei- von- Gewalt- Räume”

  1. Sehr Krass von so einem schönen und gutem Erlebnis zu diesem anderen heftigen Erlebnissen…
    Ich finde es gut wie darüber geschrieben wurde und auch mit dem möglichen Raum für Veränderung am Ende!

    Wir wünschen noch ein schönes, gutes Restwochenende
    Liebe Grüße, die sterne

  2. Ein toller Artikel (nennt man das so??). Du sprichst mir aus dem Herzen und fasst die Gedanken, die mir dazu so oft im Kopf rumgeistern so gut in Worte, wie ich es nicht könnte. Danke.

  3. Ich hatte den Link zur Veranstlatungsseite unter den Namen gelegt im ersten Satz.
    Heute war leider schon der letzte Tag, aber vielleicht findet es nächstes Jahr wieder statt. Dann mache ich frühzeitig Werbung 😉

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