Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

wie man Bäume zum Wandern bringt

Ich schrieb bereits einen Artikel über die Ohrfeige, die der Satz „Du kannst es schaffen, du musst es nur wollen“ für mich bedeutet.
Heute würde ich gerne mal über die Ignoranz des Schmerzes schreiben.
Es kann sein, dass ich dabei unfair werde. Den Eindruck erwecke, nicht zu wollen. Aktive Vermeidungsblasenpflege zu betreiben und mir eine gemütliche Gebärmutter zu wünschen und dort einfach zu bleiben.
Ums vorweg zu nehmen- ja, im Moment ist das auch so, doch dieser Moment wird nur kurz sein.
Ich finde den Wunsch nur logisch und wünsche es mir nur deshalb jeweils so kurz, weil es einerseits natürlich nicht geht und andererseits, weil mir dieser Wunsch schon als Teenager mehr oder weniger systematisch und in weiten Teilen abdressiert wurde.
„Du kannst hier nicht bleiben- du musst weiter ziehen.“
„Du bist so nicht tragbar- geh weg.“
Ach, was soll ich jetzt noch große Beispiele anbringen. In dem Artikel ums „wollen“ stehen auch schon welche drin.

Der Punkt ist der, dass es keinen Platz bei anderen Menschen und in diesem System gibt, bei dem wir einfach sein und bleiben können, bis wir selbst es nicht mehr wollen oder brauchen und der Schmerz darüber uns bis heute nicht als solcher auch so anerkannt wird, dass es eine Änderung der Umgebung gibt.

Als wir noch ein Teenager waren, sind wir von Einrichtung zu Einrichtung und Klinik zu Klinik geschoben worden. Haben jedes Mal neu versucht, Kontakte zu knüpfen und Wurzeln zu schlagen. Jedes Mal gab es in uns eine Neuanpassung, die sich dann aber doch als unpassend für die Menschen und Strukturen um uns herum herausstellten.
Wie auch immer wir es gemacht haben, wir haben es falsch gemacht, obwohl wir das Beste taten, das uns möglich war.

Jetzt sind wir eine Erwachsene.
Nun sollen wir bitteschön mit unserem ganzen schief und krumm in alle Himmelrichtungen gewachsenen Wurzeln und Ästen auf Steinen wachsen. Vorbei ist die Zeit der vermeintlich weichen nahrhaften Erde und der Wunsch danach zwar verständlich, aber nur möglich, wenn wir, wie Tolkiens Bäume, anfangen zu wandern.

Es kotzt mich an, über unser Aufjaulen vor Schmerz, wenn wir auf viel zu zarten Wurzelenden zu laufen versuchen, zu hören: „Ja stell dich mal nicht so an- du hast doch ne Menge davon. Du musst das trainieren- du musst das wollen- das geht schon wieder vorbei – IST DOCH GAR NICHT SO SCHLIMM“ (Das war der Fuß der von außen noch einmal drauflatscht).

Doch. Ist es verdammt!
Wir haben viel zu lange an das Märchen von „Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst“ geglaubt. Haben uns auf Ausbildungsstellen ohne Ende beworben- ob nun unseren Fähigkeiten entsprechend oder weit darunter.
Haben das Wagnis „Therapie“ angenommen und schlucken jedes Mal von Neuem herunter, was uns davon abhalten könnte. Haben uns den Hund, die eigene Wohnung ohne Betreuung, den Blog und Gemögte erlaubt und fangen jeden Tag aufs Neue an unsere Wurzelenden zu belasten, sobald wir die Augen aufmachen und einen neuen Tag meistern.

Mehr zu wollen ist ein Privileg, das jemand hat, wenn er genug hat, um die Existenz zu sichern bzw. als existent wahrzunehmen und sich zu erlauben.
Wir sind froh, uns heute ist so einer Situation zu befinden. Wir haben uns in eine Grundposition gebracht, von der aus wir sehr deutlich sehen, was wir noch alles haben könnten und natürlich auch haben wollen. Doch diese Position zu verlassen, erfordert nicht mehr nur unseren Willen.

Sie erfordert wieder eine Neuanpassung, zu der einfach weitaus mehr nötig ist.
Da werden Fähigkeiten gebraucht, die einfach noch nicht da sind bzw. noch nicht so entwickelt, wie sie gebraucht werden würden. Die werden nicht davon geboren oder trainiert, wenn wir immer wieder eine Sicherung der Basis betreiben und um dessen Anerkennung kämpfen müssen.

Ich habe die Schnauze voll davon, wenn mir MittelschichtlerInnen oder -na sagen wir besser: „Prekariatsferne“ mir mit dem goldenen „Ja aber“ kommen.
Durchtherapierte- oder wiederum besser ausgedrückt: „Therapie nicht mehr für sich Brauchende“ mir mit dem funkelnden „Ich hatte das auch alles…“, die Augen kaputtblenden.
Das Gleiche bei Hundehaltern, die seit 20-30 Jahren mit Hunden leben (und/ oder arbeiten) und mir sagen, irgendwann würden mich ängstigende Situationen mit meinem Hund, nicht mehr aus der Bahn werfen.
Noch lächelt mein Gesicht darüber- aber mein Kopf schreit bereits jetzt: „HALT DIE FRESSE!“

Kann ja alles richtig sein- wenn man da angekommen ist, wo man ist, dann kann man das auch sagen. Einfach weil man es kann. Unverändert bleibt aber trotzdem mein Ist- Zustand.
Und der ist einfach scheiße schmerzhaft- egal wie viel Glitzer man draufstreut, wie das Jobcenter Pinneberg es nicht nur auf mein Leben, sondern auch auf das Leben von tausenden von Hartz 4- EmpfängerInnen (was ist das eigentlich auch für ein Wort bitte?! Hartz 4- Abhängige sollte es heißen!) gestreut hat.

Diese Broschüre (die übrigens voller Rechtsfehler ist und betroffenen Menschen eine kognitive Unfähigkeit zur Aufnahme von Sachverhalten unterstellt) hat vor allem unsichtbar gemacht, wo sie nur konnte und eine soziale Norm, die schon seit Jahrzehnten als tradiert zu gelten hat, zurückgegriffen.

Darin geht es um eine Mutter, Vater und zwei Kinder- Familie, in der der Mann plötzlich arbeitslos wird, nachdem er vorher irgendwo gearbeitet hat.
Es geht darin nicht um junge Erwachsene mit nicht- deutschem Pass. Nicht um Menschen mit Behinderungen. Nicht um Menschen, die das System schon seit der Jugend irgendwie mit sich durch alle möglichen Bürokratiemühlen gedrückt und verformt hat. Es geht darin nicht um einen alleinstehenden Menschen mit Kind.  Es geht darin nicht um Menschen über 50. Es geht darin nicht um AkademikerInnen, deren Bildungsabschlüsse in unserem Land nicht anerkannt werden. Es geht darin nicht um StudentInnen, die ihr Studium unterbrechen mussten. Es geht darin nicht um Menschen, die zu einem Leben in Anonymität gezwungen sind, ohne dabei auch nur irgendeine Hilfe vom Staat zu bekommen. Es geht nicht um Menschen, die keine andere Wahl haben, weil sie systeminkompatibel sind.

Diese Broschüre ist der offensichtliche Beweis für die Ignoranz und eine fast sadistisch anmutende Grundhaltung der Privilegierten.

Eine Familie, wie sie in der Broschüre abgebildet wird, ist der Einzelfall. Der ideale Einzelfall, um Armut als überwindbar durch aktiviertes Wollen darzustellen.

Ich (weiblich, 27 Jahre alt, schwerbehindert, alleinstehend, ohne familiäre Bezüge, ohne Berufsausbildung) hatte noch nie mehr als 400€ auf meinem Konto. Hatte, durch die Abhängigkeit von Staat, noch nie die Möglichkeit auch nur irgend eine Rücklage zu bilden. Ich bekomme keine Kredite, wenn mir die Waschmaschine kaputt geht oder ich mich für Ausbildungen entscheide, die nicht vom Jobcenter gefördert werden. Und so weiter und so weiter.
Aber wem schreibe ich das? Die meisten Menschen, die hier lesen, leben dieses Leben ebenso und jene, die es nicht tun, wissen um diese Scheiße, weil sie jede meiner Panikattacken, die auf jeden Brief, in dem es um Geld geht, folgt mitbekommen.

Das System funktioniert nur durch breitgefächerte Ignoranz. Ist das die Legitimierung für Ignoranz ihrer NutznießerInnen? Nein! Es ist die Legitimierung für eine Veränderung des Systems!

Ich darf verlangen mir gegenüber den Mund zu halten und aufzuhören, mir immer wieder eine Möhre nach der anderen vor die Nase zu halten. Ich darf die Möhre wollen und mich selbstständig davon antreiben lassen, irgendwann so viele Möhren, wie ich will, zu haben.
Ich darf aber auch erst mal von den Gänseblümchen, die um meine Füße herum aus dem Boden kommen, satt werden und wachsen, ohne, dass sie mir dauernd jemand kaputtlatscht.
Es hat gedauert, bis ich mich überhaupt daran gewöhnt hatte, diese als Nahrung zu begreifen und es dauert eben auch seine Zeit, bis sie verdaut und in Muskelmasse verwandelt werden. Und trotz dem ich denke, und auch den Eindruck erwecke, dass ich es auch mal mit dem Löwenzahn und den Möhren drei Schritte weiter versuchen könnte, bin ich einfach noch nicht so weit und kein Bäumchen an dem man jetzt schon eine Schaukel zum Nutzen aller anbringen kann.

Es nervt mich, in dem Punkt, wie die peitschende Weide in Harry Potter agieren zu müssen. Einfach auch, weil es oft genug mögliche Düngerladungen von mir fernhält und mich einsam macht. Irgendwann habe ich den Punkt überschritten, in dem ich niemandem mehr unterstelle, mir nicht auf die Wurzelenden treten zu wollen.
Bin sicherlich auch in der Einschätzung der Wahrnehmung meiner selbst von anderen Menschen, irgendwo erblindet- doch ist das ein Wunder und etwas, das allein mit mir zu tun hat?

456863_web_R_B_by_Christina Bieber_pixelio.deIch denke nicht.
Ja, ich will gehegt und gepflegt sein. Ich will da sein, wo ich bin und immer immer immer ganz viel hören, dass ich das, was ich mache, gut mache und Teil eines Prozesses ist. Ich will, dass jede noch so kleine Rille in meiner Rinde lobend wertgeschätzt wird. Ich will Schutz bei Gewitter und eine Haltestange, wenn es stürmt oder mir plötzlich etwas Neues wächst und ich auch unter einer leichten Brise wackle.

So macht man Bäume, die von A nach B wandern.
So hilft man ihnen.
Und wenn er bei B angekommen ist, kann man ihm sagen: „Guck mal- so ähnlich, wie du, bin ich auch mal von A nach B gekommen- lass uns darauf eine Möhre essen.“.

11 thoughts on “wie man Bäume zum Wandern bringt”

  1. Gefällt mir-Button reicht mir nicht: gefällt mir sehr und außerordentlich gut!

  2. Kann mich den anderen nur anschließen. Super geschrieben. Und ich hoffe einfach, dass genau diesen Satz „lass uns darauf eine möhre essen“ irgendwann wahr werden kann.
    Darauf zumindest schonmal nen glas möhrensaft 😉

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