Innenansichten, Lauf der Dinge

nach der Lücke

82176_web_R_by_Klicker_pixelio.deAmnesie.
So ein kleines Wort, das so viel hinter sich herzieht.

Mir fehlen ungefähr drei Wochen, die zwischen „Ich kann das alles nicht“ und „Warte mal- 29. 7. ?!“ passiert sind.
Lebten wir in einer gerechten Welt, hätte sich in den 3 Wochen irgendetwas zum Positivem- weniger Verängstigendem verändert. Hätte ich das Gefühl von „Ich kann das alles“ und würde nicht in einem Wald aus Fragezeichen herumtorkeln.

Meine Sorgen um andere Menschen wären weg, meine Bemühungen abgehandelt, meine Wohnung würde nicht aussehen, wie die Höhle eines Seifenhassers und dieses zermürbende Grundgefühl aus den Fragen: „Was habe ich wem, wo, warum und zu wann zugesichert? Wem wurde, was verraten und welche Konsequenzen hat das jetzt?“, würde sich nicht in meinem Bauch breit machen.

In der Fabrica Rosenblatt gibt es immer Vertretung bei Ausfällen. Im Notfall durch dressierte Affen.
Sie machen, was es zu machen gibt, reagieren auf zu Reagierendes. Agieren ohne Perspektive, die über ihre ausgestreckte Hand hinweggeht. Zerschlagen, was sie stört; zermatschen, woran sie sich binden.
Eine Wahrung der Schutzmechanismen passiert nicht so, wie sonst.

Was ich eher verschweige, quaken sie raus.
Was ich nicht zusagen würde, sagen sie zu.
Wo ich mir Platz für meine Vermeidungstänze freiboxe, verteilen sie Eintrittskarten. Einfach so!

Mein Tagebuch ist vollgeschrieben. Es gibt eine Art Dokumentation über alles, was passiert ist. Ich lese das und kann nicht anders, als zu denken: Scheiße Scheiße Scheiße! -mit ganz vielen Ausrufezeichen. (Wir wissen ja: je mehr !!! desto Wahrheit).

Was es für ein Schockgefühl ist, wenn man nur mal kurz die Augen zu macht und in einer neuen Welt steht, wenn man sie öffnet, kann sich, denke ich, jeder andere Mensch vorstellen.
Wenn sich ein Rädchen nach dem Anderen überlegt, ins Getriebe einzurasten und den ersten Reboot zu starten und klar wird, dass alles was als sicher galt, plötzlich schon längst von Schnee zu Wasser, zu Gas zu Wolke geworden ist.

Neustart, Neuanpassung, Sicherung alter Daten zum Abgleich mit neuen.
Und das möglichst unauffällig, weil sich Durchdrehen auf offener Straße in einen Freifahrtschein zur Psychiatrie verwandeln könnte. Bei mir kippt es vorsichtshalber immer erst mal in einen Anfall von Wahnwitz mit Ventil in Ordnungsschafferei, bevor ich mich auf mein Bett setze und im Selbstmitleid bade. Erst mal gepflegt heulen und zum Abschluss mit Selbsthass einseifen. Kann ich.

Dann kommt auch noch Tante Ratio zu Besuch und serviert mir therapeutisch wertvolle Ohrfeigen mit der Erinnerung daran, dass ich noch nie ohne triftigen Grund Zeit verloren habe. Ich heule noch ein bisschen- schadet ja nie- und fange an mich zu arrangieren.
Es gibt ein paar Bananen für die Kopfaffen- sie habens immerhin versucht- und dann widme ich mich diesem Berg an Angst und fange an zu kauen.

Eigentlich ist alles wie immer.
Nur, dass sich alles verändert hat. Ohne mich zu fragen.

Das ist Leben mit dissoziativer Amnesie.
Vorhersehbar- unvorhersehbar.
Ich weiß nie, wann die Lücken so groß sind, wie jetzt oder so kurz wie „normalerweise“, wenn mir nur ein paar Stunden fehlen, ich den Tag aber noch rekonstruieren kann. Nie, wann mein Gefühl von Überforderung am Angstberg zu kauen und ihn zu verdauen, dazu führt, dass es mich so in die Dissoziation reinknallt ohne, dass mich ein Icepak oder andere Reorientierungsmaßnahmen zurückholen.

Heute habe ich mein Tagebuch und weiß, dass mir das passiert. Das ist wirklich gut, weil ich sonst vor vollendeten Tatsachen stehe und mein Umfeld mit besonders schleifenbehangenen Vermeidungstänzchen ablenken muss.

Trotzdem.
Das Wort ist zu klein für alles, was es bedeutet.

11 thoughts on “nach der Lücke”

  1. Komischerweise habe ich die dissoziative Amnesie nie bewusst gemerkt. Mir war das nie bewusst und heute, hm, oft will ich es gar nicht wissen und Tagebuch hat hier nie funktioniert. Ich dachte sogar das die Menschen lügen wenn sie bsp. von Kindertagen erzählt haben, war mir immer sicher das sie das erfinden.

  2. Twitter ist ein Kurznachrichtendienst. Es gibt 140 Zeichen und die Möglichkeit Bilder, Videos und Links zu teilen- oder seine Affekte irgendwo zu lassen ^^
    Du kannst EInzelpersonen, aber auch Vereinen und „richtigen“ Nachrichten folgen.

    Wir finden es toll und haben unsere neuen Gemögten darüber kennengelernt.

  3. Dass es drei Wochen sind, habe ich auch erst beim Nachlesen gemerkt- manchmal werden mir die Lücken über den Tag auch nur klar, wenn ich die Tagesdokumentation nachlese. Das ist diese „Amnesie für die Amnesie“.
    Für mich ist das auch nicht so gleich klar: Bapp das und das hab ich verpasst – ich hab Zeit verloren. Würden wir nicht so eine stringente Aufzeichnung betreiben (und Zeitungen oder Emails mit Datum oben rechts daher kommen) würde ich das vermutlich auch nicht bemerken.

    Wisst ihr wieso TB nicht klappt bei euch?
    Haben ja auch ewig und drei Tage für die Etablierung gebraucht, wüßte gerne, ob das bei anderen auch so ist.

    Viele Grüße

  4. Nein ich weiß nicht warum. Wenn schreibt jeder für sich oder Gedichte aber kein Tagebuch. Oder es sind irgendwelche Notizen die durch die Wohnung fliegen. Fragt mal unseren Mann 😀 der ist fertig weil überall irgendwelche Notizzettel herum flattern. Tagebuch wurde nie angenommen. Ich selbst kann es auch nicht. Eigentlich bin ich ja der deutschen Sprache nicht ganz fremd aber Tagebuch? No Go.

  5. Unser Tagebuch sollte irgendwie auch eher „zusammengetackerter Handlungablaufplan“ heißen- son lyrischem Tagesbeschreibezeugs ist das auch weit entfernt ^^

    Viele Grüße

  6. Ich würde ja immer behaupten, das ich keine Amnesien habe… aber eben manches vergesse…. ok, Vermeidungstanz mal stoppe kurz – irgendwie vergesse ich das ich viel nicht mehr weiß, was ich wissen sollte. Hier klappt Tagebch auch nicht. die therapeutin macht den Vorschlag immer mal wieder Protokoll zu führen und alle halbe Stunde aufzuschreiben was wir machen – hat auch noch nicht geklappt, obwohl ich das „spannend“ fände… – kann man sich so ähnlich euer „tagebuch“ vorstellen?

    Auf jedenfall gut, dass ihr das macht und du so eine Orientierung hast jetzt. Wünschen auch das Du gut wieder Anschluss findest und ihr insgesamt sowas wie innere ruhe findet…

    Liebe Grüße

  7. Ja so in etwa- wer es kann macht es alle Stunde oder je nach „da sein“ oder setzt sich abends nochmal hin und sucht die Tageslisten zusammen und fügt seine Informationen mit ein.
    Für uns war es erst schwer, diese abendliche Routine reinzukriegen: „Setz dich hin und schreib das auf- auch wenn du denks,t du weißt alles, weißt du das erst sicher, wenn dus aufgeschrieben hast *mit den Armen fuchtel* 😉

    So sind auch unsere ersten „inneren Konferenzen“ zustande gekommen. (Was wir aber auch erst viel später gemerkt haben). Ich glaube das Tagebuchding ist etwas, das man einfach anfangen muss, wie eine total blöd geschriebene Strickanleitung und nach einer Weile erst merkt man: Aaaaah- sieht gut aus

    Danke für die guten Wünsche ihr

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