Lauf der Dinge

Was ich diesmal schreibe

Ich weiß nicht, ob ich das hier schreiben will.
Es gibt bereits so viele Artikel. So viele Worte schweben im Äther, sind gebannt in Internetseiten und zwischen Buchdeckeln Doch immer wieder gibt es eine Sendung, einen Zeitungsartikel und schlicht in Kommentarspalten und Tweets gerotzte Aussagen, die ein Bild entstehen lassen, bei dem es mir einfach alles umdreht.

Gestern ein Mensch bei Twitter, der die Kampagne gegen Gewalt an Frauen kommentierte und dabei offenbarte, dass der den Unterschied zwischen „Sex“ und „Vergewaltigung“ nicht versteht.

Das ARD mit der x-ten Produktion, die den Fokus auf die sexuelle Ausbeutung von Kindern aus dem Ausland in Deutschland richtete.

Die Printmedien, die es bis heute nicht schaffen die Unworte „sexueller Missbrauch„, „Kinderschänder“, „Sextouristen“, „Kindersex“ und „Kinderpornografie“ aus ihren Artikeln herauszunehmen und durch angemessene Sprache zu ersetzen.

Doch dann gibt es diesen Tweet:
Viele

Ja, ich könnte jetzt hier wieder einen Appell schreiben, von sexueller Misshandlung, von Pädokriminellen, von Ausbeutungsprofiteuren, von Vergewaltigung von Kindern und von Kinderfolterdokumentation (Nacktheitsdokumentation von Kindern) zu sprechen und zu schreiben.
Könnte, wie ich es schon gestern tun wollte:
Sex = Sexualität
Vergewaltigung = Gewalt
twittern.

Könnte die vierte Email an ARD und ZDF schreiben, in der ich um eine angemessene Berichterstattung zu diesen Themen bitte.

Aber was hat dies für Konsequenzen?
Unsere kleine Internetbubble, würde es verstehen. Befasst sich zum Teil schon sehr lange und ausführlich, auf allen zur Verfügung stehenden Ebenen, mit dem Thema.
Doch was bleibt sind Worte zwischen Buchdeckeln, auf Internetseiten, vielleicht auf einem Papier im Ablageordner irgendeiner Redaktion oder im Büro eines Bundestagsabgeordneten, die im Denkmuster der Chef(!)etage verpuffen.

Die VerfasserInnen dieser Worte geben sich die Schuld: „Ich hätte es anders formulieren sollen“; „Ich hätte besser den und den für das Thema gewinnen sollen.“; „Ich hätte die und die Kampagne besser so und so gestalten sollen.“, während jene, an die die Worte gerichtet waren denken: „Was kann ich alleine schon ausrichten?“ oder es sich nach einem ausgerülpsten „Ich kann da nichts machen, bin nicht zuständig“ hinter ihrem Schreibtisch gemütlich machen und Dinge erledigen für die es bereits Strukturen und Formulare gibt. Schön gemütlich an dem vorbei, was eine Veränderung von Missständen zur Folge haben könnte.

Vielleicht Folgen, die ihr eigenes Schaffen bedrohen oder zur Veränderung zwingen würden?

Es frustriert mich ungehört zu sein. Aber dem kann ich abhelfen: Ich werde einfach lauter.
Was mich hingegen zermürbt (und das ist, so denke ich mir in letzter Zeit immer öfter, auch das Ziel) gehört zu werden und dann ein paar nette Worte zu hören, die letztlich nichts weiter tun, als die bestehende Scheiße wunderhübsch zu garnieren und kleine hohle Seifenblasenversprechen oder – Aktionen darüber fliegen lassen.

Ich schrieb unter einem Artikel hier, dass ich gern im Bundestag sprechen würde und auf sämtliche nicht beachtete Faktoren beim Fonds „sexueller Missbrauch“, die Notwendigkeit von Opferschutzeinrichtungen  und angemessene (psychotherapeutische) Behandlung bis zur Heilung hinweisen, sowie konkrete Änderungsvorschläge des Opferentschädigungsgesetzes vorbringen möchte.

Doch Pustekuchen.
Um überhaupt dort anzukommen, braucht es Schleimchenallüren bei Abgeordneten und richtig Bumms hinter sich als Person in Form von Status.
Jemand wie ich, Sozialrotzbeton, mit nichts weiter als sich selbst im Rücken, hat dort keine Chance.
Und selbst wenn doch- schon mal die Übertragung einer Bundestagssitzung oder Abstimmungen dort angeschaut? Der Raum ist jedes Mal fast leer!

Gewalt ist eine Form der Pest, die unsichtbar gemacht wird.
Einfach nur, weil es geht.
Gewalt verursacht keine ansteckenden schwarzen Beulen auf der Haut, sondern auf der Seele.

Die Seele ist einzig in jedem Menschen. Also individuell.
„Ach wie praktisch. Die Seele kann man nicht in Formulare quetschen… ach ja nee, stimmt ja nicht! Wenn es um wirtschaftliche Ersparnisse geht, können wir das ja und tun das auch ausgiebig… Hm. Lass mal überlegen… Ach komm, wir sagen einfach, dass das nicht so ist- passt schon- was wollen die Leute schon machen- Ansprüche stellen oder was? Muahahaha
Guck mal hier- dieses Hamsterrad hier bieten wir ihnen an, falls sie doch mal aufmucken wollen. Wir taufen es auf den Namen „Engagement“ und feuern sie an, indem wir ihnen mit dem Recht auf Selbstbestimmung und Mitspracherecht vor der Nase herumwedeln. Dabei rufen wir „Du schaffst das, wenn du dich nur anstrengst!“ und lassen auf einem Bildschirm Beispiele dazu laufen. Das wird ein Spaß!“.

Ja, heute schreibe ich nicht, dass die Wörter verschwinden sollen.
Heute schreibe ich, dass alle sich abstrampelnden HamsterInnen da draußen aus dem Rad begeben und anfangen sollen zu beißen. Wie die Affen mit Kot schmeißen und aufhören so lieb zu sein. Eine Hamsterarmee bilden, die auf Status, egoistische und wirtschaftliche Interessen pfeift.
Verengt eure Knopfaugen und spuckt ihnen den Inhalt eurer Backentaschen ins Gesicht.

Hört auf zu schleimen und euch einen Status zu erarbeiten, nur damit ihr von jemand anderem mit Status angehört werdet. Verschwendet keine Energien darauf noch irgendetwas zu erklären- am Wenigsten euch selbst und eure Motive. Das ist nicht nötig! Es geht keinen etwas an, warum man persönlich etwas gegen Ausbeutung und Gewalt hat. Beides tötet. Das reicht als Grund!

Nur, weil es für eure Anliegen noch keine offiziellen Strukturen gibt, heißt das nicht, dass sie nicht geschaffen werden können oder unnötig sind.
Nur, weil Gegensprecher neben euch stehen, heißt das nicht, dass eure Worte falsch sind oder eine Einzelmeinung darstellen.
Nur, weil unsere Politik von Ausbeutung und Gewalt profitiert, ist sie nicht gleich legitim!
Nur, weil Macht erhalten bleiben will, heißt es nicht, dass sie auch eine Berechtigung dazu hat!

Unsere eigene Macht nicht zu spüren, keine Wirkung zu sehen, ist kein Beleg für eine Abwesenheit selbiger

10 thoughts on “Was ich diesmal schreibe”

  1. Ich denke an die Frau in Dubai die wegen Vergewaltigung angeklagt wurde, da MÜSSTE die Politik eingreifen! Aber was bitteschön ist denn ein Menschenleben wert. Von wert ist für die Politik nur was bei den Wahlen hilft, und so etwas ist doch viel zu unwichtig, da geht kein Schrei los. Ich kann nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte. Mir wäre es grad danach hier einen Roman zu schreiben aber ich lasse es. Hoffen wir das diesen Text so viele Menschen wie möglich lesen.

  2. Danke fürs Schreiben und danke dafür, dass Du lauter wirst. Mir schwirrt soviel im Kopf rum gerade, was ich sagen/schreiben möchte; leider gänzlich zusammenhanglos und sowas von ungeordnet…viele Anteile werfen mit zum Thema passenden Satzfregmenten und so…“Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepaßt an eine kranke Gesellschaft zu sein“ ist ein was davon. Geistig gesund ist hier nicht gewollt und lauter werden auch nicht. Diese Frau, die in Dubai vergewaltigt wurde und wegen „außerehelichem Sex“ verurteilt wurde…jedem halbwegs normalem Menschen muß doch auffallen, wie irre das ist. Ich für meinen Teil- in mir fühlt sich vieles nach aufgeben an und nach „es ist eh sinnlos“. Zu oft hab ich den Mund aufgemacht und außer, dass ich dann dastand wie der Depp ist nichts passiert. Im intellektuellen Argumentieren bin ich gaaaanz schlecht. Mal schauen, ob ich mich aus diesem Zustand wieder wegbewege. Liebe Grüße

  3. Zu dem Beispiel aus Dubai kann ich schon mal sagen, dass es für die dortige Gesetzsprechung/Legitimierung (Norm- Normalität) in jedem Fall ein „normales“ Urteil war.
    Unsere westlichen Bewertungen sind nicht normaler (normierter) als die, die es dort gibt.
    (Auch wenn ich natürlich auch die Hand an der Stirn hatte und auf viel Unterstützung der Frau durch Diplomaten hoffte).

    Wenn ich so einen „Bringt ja eh nichts“- Moment habe, lege ich das Thema etwas an die Seite und lasse es in mir arbeiten.
    Wenn ich mich dann einem anderen Aspekt mehr widme kommtmir manchmal wieder eine mögliche Lösung in den Kopf und auch wieder etwas Mut und Energie.
    Auch der Austausch mit anderen Menschen, die darüber nachdenken hilft mir. Vielleicht ja auch dir?

    Viele Grüße

  4. Die norwegische Politik hat dort auch eingegriffen- nur nicht so medienwirksam wie die Femen oder so 😉

    Und ich glaube, ganz grundsätzlich- den Einzelnen derer die Politik machen, sind Menschenleben schon etwas wert. Doch der Bürokratie und der Wirtschaft bzw. dem kapitalistischen Wirtschaftssystem nicht.

    Ich denke, wenn man es sich so auseinander differenziert, läßt der Brechreiz nach und man kommt schnell zu dem Schluss wie ich: Status für Status für Macht = menschenverachtender Umgang und Billigung von Ausbeutung und Gewalt.
    Man hat also eine Dynamik im Blick über die man nachdenken kann und vielleicht Handlungsstrategien entwickeln. So holt es mich dann in der Regel gut wieder runter.

    Viele Grüße

  5. Es ist wichtig und hilfreich Dinge beim Namen zu nennen, ansonsten sie verschwinden und verloren gehen. Doch ihre Wirksamkeit, sprich zerstörerischen Karakter behalten, wie du bereits gesagt hast.

    VerGEWALTigung, ist, wie das Wort es sagt, sexuelle Gewalt!

    Sexueller Missbrauch, ist irreführend, da dieser Begriff suggeriert, dass es einen legitimen Gebrauch von Sex gibt, was ja auch so stimmt, jedoch nicht da, wo er immer gebraucht wird, nämlich bei Kindern. Hier geht es um sexuelle Gewalt!

    Pädophilie heisst kinderliebend, sprich, ein Pädophiler ist jemand der Kinder gern hat. Die Realität sieht anders aus. Pädophilie ist nichts anderes, als sexuelle Gewalt und der bezeichnende Begriff ist Pädokriminelle.

    Über Gewalt reden, heisst Gewalt in all ihren Formen, als solche, zu benennen.

    Also mach weiter so!

  6. Dass das in Dubai unter „normal“ läuft war mir schon klar. Ist trotzdem irre…Hab heute gerade wieder festgestellt, dass der größere Teil meiner Anteile „is eh sinnlos“mäßig drauf sind, die wenigeren machen halt weiter…Geh gerade seit längerem mal wieder Schritte,um mir Unterstützung oder wenigstens mal ein Zuhören zu „holen“/erbitten. Ich treffe auf studierte Leute, die irgendwo ganz groß „Hilfe“ aufgedruckt haben und mir das aufdrücken wollen, was sie für richtig halten- ohne mir mal zuzuhören um was es mir geht.Und immer wieder der Satz:“Sie wollen doch gar nicht.“ Mir ist vorhin bewußt geworden wie oft ich diesen beschissenen Satz schon gehört habe- von Kindesbeinen an…Glücklicherweise haben die wenigeren Anteile in mir die Stärke, nach wieder einmal sonem blödegehenden Termin sich nicht zu Hause zu verkriechen sondern nach dem Heulanfall „mal eben“noch mitten durch die Stadt gehen und einkaufen-also DAS ist definitiv neu und es gefällt mir(: Trotzdem wühle ich „natürlich“(?) jedes Mal in mir, ob ich vielleicht wirklich nicht will und Zweifel wieder volle Kanne aktiviert…bähhh..Mit anderen Menschen in Kontakt kommen würd ich soooo gerne. Ich habe praktisch keine sozialen Kontakte mehr wegen jahrelangem Rückzug meinerseits. Von daher fällt das leider weg.Und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht wo ich die hernehmen soll…Ich eigne mich nicht zu oberflächlichem Geplänkel, Ich habs eher lieber klar und tiefergehend und allumfassend.Du glaubst gar nicht wie ich mich manchmal nach einem auch für mich interessantem Gespräch sehne…Liebe Grüße

  7. Hallo Jerry,
    Ich denke, dass pädophil sein nicht heißt kriminell zu sein. Diese (nach bisherigen Wissen) Veranlagung ist so lange Wertfrei, wie sie nicht in die Tat umgesetzt wird.

    Meines Wissens nach sind die geringere Anzahl Gewalttäter an Kindern Pädophil. Zumeist steht Macht dahinter.

    Grüße senden anja und die sterne

  8. Hallo Anja, es gibt Quellen, die diese Zahlen im unteren einstelligen Bereich angeben.

    Du hast recht, dass ein Solcher erst dann kriminell wird, wenn er zur Tat schreitet. Nur ist dieser Grat recht schmal!

    Zum anderen gibt es für mich diese Unterscheidung zwischen einem Pädophilen und sexueller Straftäter nicht.

    Beide vergehen sich an Kindern und zerstören deren Seelen. Sie benutzen und gebrauchen Kinder für ihre Zwecke. Die Sexualität ist nur Mittel zum Zweck. Es geht um die Ausübung von Gewalt, um die Abwehr von Hilflosigkeit und Ohnmacht.

    MfG

    Jerry

  9. Hallo Jerry,

    Ja, bei der ausgeübten Gewalt stimme ich dir zu. Keine Frage.
    Nur gibt es bei Pädophilen, die Möglichkeit sich Helfen zu lassen, um nicht zum Täter zu werden.
    Ich will den Tätern und Täterinnen nicht die Verantwortung nehmen. Ich hoffe, das du mich nicht Falsch verstehst.

    Ein nicht leichtes Thema und ich bin froh, das es Menschen gibt, die sich damit befassen. Letztlich habe ich da nur Halbwissen und genug mit den Folgen der Gewalt zu tun.

    Wir senden dir liebe Grüße und wünschen eine gute Woche
    anja und die sterne

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