Lauf der Dinge

Klapse und Leute, die denken, sie hätten Erfahrung damit

Oh man… ob das jemals ein Ende nimmt?
Das Thema „Psychiatrie“ kommt auf und bumms!- kleben die Rosenblätter überall an der Decke verteilt.

Dieses blöde Kurz-vor-in-die-alte-Ohnmacht-kipp-Gefühl, dieser Wutstrudel, dieses Bedürfnis in die dumm labernden Gesichter reinzubrüllen, die Körper, auf denen die stecken, durchzuschütteln, nur um bloß nicht sofort in Tränen aufgelöst dahinzuschwinden, wie ein Schneemann im Juli.

Ich hab einen Spaziergang gemacht vorhin. Das hilft meistens. Heut ist Tag 1 vom wieder mit dem Rauchen aufhören und ich fand die Klapse als Stressgrund für doch wieder Kippen zu kaufen doppelt zu niedrig.
Und dabei hab ich gemerkt, dass mich (also mich jetzt als Einzelinnen von uns Rosenblättern) gar nicht mal die Psychiatrie so an sich aufregt, sondern so auch die Leute, die mir gegenüber so tun, als hätten sie Ahnung davon was „Psychiatrieerfahrung“ ist.

Die hatten meinethalben vielleicht mal ne erstes oder zweites Date mit dieser janusköpfigen Hybris. Waren mal 3 Tage bis 3 Wochen zur Krisenintervention oder Diagnostik in der psychiatrischen Abteilung ihres Kreiskrankenhauses, das ne Warteliste hat und vielleicht sogar 4-5 stationäre Therapieplätze. Haben vielleicht mal ne depressive Episode gehabt, oder mal n halbes Jahr nichts essen können oder was weiß ich. Den gings halt mal halbes Jahr richtig grottig und die sind dahin und die tollen Doktores haben sie fein wieder hingebogen.

Und deshalb stehen sie da und sülzen irgendeinen Mist von „Selbstbestimmung geht auch in der Psychiatrie“ oder zweifeln einfach, weil sies können, an dem was wir so für Erfahrungen gemacht haben.
Was ne arrogant-privilegierte Kackscheißenlaberei!

Ja nee- es ist keine Psychiatrie-Erfahrung, wenn man nicht fixiert wurde. Abknallende Medis nehmen musste, weils einem einer gesagt hat. Ist auch keine Psychiatrieerfahrung, wenn man nicht erlebt, wie das ist, wenn alle „Muh“ hören wollen- man selber, aber eben nur „Mäh“ kann und dafür seiner Freiheit beraubt wird- vor aller gesellschaftlicher Augen, die einfach nur nicht sehen wollen, wie es ist und einem immer wieder ne Wahl unterschieben wollen, die de facto nicht da ist.

Ja echt Sorry- wenn ihr das nicht erlebt habt, dann habt ihr eben nicht die volle Macht der Psychiatrie am eigenen Leib erlebt und dann habt ihr mir gegenüber einfach gefälligst die Fresse zu halten mit diesem Kackscheiß!

Keiner muss, wie wir als Jugendliche, eine Klinik nach der anderen durchgeeiert haben. Uns wollte keiner haben und „der Gesellschaft“ gehen wir bis heute am Arsch vorbei- ein Gefühl, das ich echt keinem gönne.

Aber ehrlich- nennt so ne kurzen Abstecher ins Land der Psychos und Abgründe der menschlichen Seele weder „Psychiatrie-Erfahrung“ noch „Ich weiß, wie du…“. Das ist ne Lüge und ne Ohrfeige, um die ich nicht gebeten hab.

12 thoughts on “Klapse und Leute, die denken, sie hätten Erfahrung damit”

  1. Wir kennen geschlossene Psychiatrien von Innen besser als das Leben draußen. Und auch Psychiatrien im Ausland. Wir haben Psychiatrien vorallem als Machtbesetzend erlebt. Fixierungen von 5 Tagen am Stücken während dessen die sedierenden Medikamente abgesetzt wurden. Es gab keinen Jugendhilfeträger der uns nehmen wollte. Es gab kein Heim, keine Pflegeeltern. Keine eigenen Klamotten, Zigaretten eingeteilt – kein Gespräche dafür Dienst nach Vorschrift ( bedeutete 1, 5 Stunden am Tag ) aus dem Zimmer kommen zu dürfen – sonst Zimmerarrest. Pepser geht los von 7 Männern in die Isolierzelle geschleppt, Hose runter Spritze in den Hintern. Keiner hat je zugehört, stigmatisierende Diagnosen ohne Ende. Es war wieder nur vom Regen in die Traufe und endete im Drehtüreffekt. So manchesmal hat sich jemand von uns lieber fixieren lassen als nicht gesehen zu werden aber auch das wurde gebrochen mit der Zeit. So nun nur von uns gesprochen aber das Thema tickt an macht wütend und endet bei mir immer im Unverständnis. Ehtik und Moral, Hilfe für seelisch verwundete bekommt man da nicht.

  2. Uns tickt das auch- steht ja da.
    Der ganze Scheiß hat so viel kaputt gemacht und so verbogen nochmal obendrauf.
    Ich wünschte, wir kriegten irgendwann sowas wie ne Entschädigung für diese Scheiße, hoff so voll, dass endlich mehr Leute begreifen, dass man das psychiatrische Folter nennen und auch so wie Folter bestrafen muss.

    Weiß nich ne, ich merk ja voll, dass eine hinter mir lieber drüber heulen will als mich immer so ausrasten und motzen zu lassen. Aber die meisten so außen schnallen das nicht.
    Son scheiß echt 😦

  3. und dann noch die kommentare à la: „ich hab psychiatrieerfahrung, aber nicht dass du denkst ich gehör zu den schlimmen irren“; wo völlig klar ist, die wissen auch noch, dass es ne psychiatrieinterne hackordnung gibt und kokettieren dann auch noch damit. *in den blumentopf kübel*

    flausch in die nacht, meine lieben
    maia, schizo et alii

  4. Ihr habt Worte gefunden für Dinge die uns immernoch sprachlos machen
    Danke!
    Immer wenn wir Worte finden um diese Erfahrungen die wir machten (welche) sehr ähnlich zu sein scheinen nach außen zu transportieren holt man sich ne schallende Ohrfeige ab.

    So,wie ihr es beschreibt
    Nicht-Glauben begegnen wir
    erfahren wie Erlebtes abgesprochen wird,es als unwahr eingestuft und abgetan wird

    Dann gerne ungläubig ergänzt mit:“ja,aber wenn das überhaupt stimmt dann tut das doch keiner einfach so.da mußt du der Klinik/dem Pfleger/Arzt ja auch wirklich einen Grund gegeben haben“
    wenn ich dann noch was sagen kann und es läuft „gut“ist die Person betreten ,wischt es jedoch weg.hiermit:
    „wir seien dann eben ein ganz ganz schlimmer Einzelfall.das passiere sicherlich also wenn überhaupt..und heute..und doch noch…nur einmal…an uns
    und das muß dann auch ganz sicher ein Oberarzt/Pfleger/Stationsarzt sein
    oder wenn nur diese eine Klinik
    bedauerlicher Einzelfall!

    Wenn es gut läuft

    zumeist glaubt man uns nicht und wenn wird uns eh die Schuld zugeschoben an allem ..wie nenn ichs?übergriffigem?Menschen- und Grundrechtsverstöße?Straftaten(teils war es das)

    wir haben kein Wort für das.diese Zeit in unserem Leben

    und auch wenn wir Worte hätten bleiben wir alleine damit.
    irgendwie
    will keiner hören,glauben und wahrhaben.will keiner sehen und wenn? ja-dann wars eben ein Einzelfall.aber irgendwie „hat man das ja schon auch verdient“.weil “ zb beliebt“die fixieren dich doch nicht ohne Grund!“und dankbar sein soll man auch mal.denn irgendwer schlaues findet sich der anmerkt“bestimmt sähe man das so schwarz.aber sicherlich war es dort ja auch hilfreich.“
    wir haben ansich aufgegeben uns da mit- zu. teilen.wenn wir Worte finden prallen diese nämlich auf eine Mauer beim Gegenüber

    Übrigengs:diese Menschen,von denen wir schreiben sind dann auch in Selbsthilfeforen teils zu finden,in der „selbsthilfeszene“
    Die,wie ihr meint ,dann meinen sie hätten damit erfahrung.
    Was ein sich mit-teilen dann nochmals erschwert

    Habt also wirklich dank für diesen Blogeintrag.
    …so wichtig!

    Lg
    Steppenwölfe

  5. Mich beschämt das grad voll, weil ich das heut so hingerotzt hab. Ich war voll wütend, weil mir so die Krampe hochging über jemand bei Twitter und musste das wo lassen. Das ist eigentlich ein Thema das ordentlich fertig geschrieben sein sollte, damit man nicht immer gleich echt so wie jemand aussieht, der nicht alle Latten am Zaun hat, sondern so voll erwachsen ist und so keine Ahnung.

    Jetzt ist das für euch so wichtig und ich denk, ich hätts irgendwie besser machen sollen oder so.
    Weil es ist Menschenrechtsverstoß- volles Pfund- es ist UNrecht so mit Leuten umzugehen und es ist ober erbärmlich, dass man wenn einem sowas passiert ist bis heut nirgends hingehn kann und sagen kann: Wegen eurer „Hilfe“ bin ich zu kaputt um noch echte Hilfe anzunehmen.
    Und es ist oberburnerkacke, dass die Leute die da rumblöken von wegen Einzelfall, die Leute sind, die so wenig kaputt sind,dass sie noch was werden können, dass ihnen andere zuhören…

  6. chrchrchr das sind ja eh meist auch die, die nur dann den Arsch in der Hose haben zu ihren Erfahrungen zu stehen, wenn sich ein anderer in der Gruppe outet…
    Und auch so Leute die zu dumm sind, zu raffen,dass sie für die meisten eh schon verloren haben mit dem Outing- egal wie sehr sie noch versuchen zu zeigen, wei „normal“ sie sind- wie wenig irre unter den Irren… ph..

  7. Ich möchte gern ein -gelesen. wahrgenommen. hingefühlt. ernst genommen- hier lassen.

    Ich maße mir nicht an auch nur annähernd zu verstehen oder zu wissen. Aber mir reicht es völlig in den Rosenblätter-Zeilen, und denen der Kommentierenden, die Wut und den Schmerz zu lesen (und deutlich zu spüren), um zu glauben.

    Das ändert nichts. Das ist mir klar.
    Sollte nur der vorsichtige Versuch sein zu zeigen, dass diese Zeilen erreichen…

    Liebe Grüße, Rosenrot

  8. Ich finde, es gibt keinen Grund zum Schämen!

    Dann ist es eben wütend/verzweifelt geschrieben und nicht total super ,super sachlich.

    Es fühlt sich für uns auch so an als gebt ihr uns mit eine Stimme.

    Ihr sprecht etwas an und aus.Wütend?ja.natürlich.

    Ich glaube es muß fast nicht machbar sein,trotz aller Spaltung,wenn man das erlebt hat total versachlicht darüber zu schreiben.

    wichtig ist doch ,DASS Jemand Worte findet und schreibt.oder nicht?
    Dass man die Worte egal wie für sich selber erstmal findet.

    Wir könnens nicht gut.egal wie.meist verliert man sich in dem Chaos ,wenn man nur für sich versucht zu schreiben.

    Vielleicht auch gerade mit der Verzweiflung,Hilflosigkeit und Wut zwischen den Zeilen
    vielleicht erreicht das sogar eher Andere?
    Eben eher womöglich als völlig ohne jede Emotion

    Wir waren betroffen beim Lesen.sehr.

    Aber gedacht:“boah voll mutig,dass Jem.von den Rosenblättern darüber dann postet

    muß sooooo schwer sein“

    und Dankbarkeit hier gemerkt,weil ihr darüber geschrieben habt-egal wie

    und*nick*danach das Hilfesuchen:

    Da erfährt man dann zwar Solidarität und parteiisch sein was die Gewalt früher betrifft.

    erklärt man aber ,dass man im Prinzip jetzt Hilfe braucht,weil die „Hilfe“davor einen retraumatisiert hat und das Alte dann noch mit hochspülte ?

    Irgendwie werden potentielle Helfer an der Stelle unruhig.Signalisieren,es nicht hören zu wollen.Es weghaben zu wollen
    „Was der Vater/Onkel/Nachbar tat da früher?auch ein Arzt,da früher?ja.ganz schlimm
    ohne wenn und aber
    aber meine Kollegen heute am hellichten Tag in Deutschland in einer Klinik?“

    Viele schieben es weg.Wehren es ab.Verstehen nicht.Wollen nicht glauben.Oder glauben es -aber wollen da nicht solidarisch sein.

    Sorry,dass wir solche Romane posten

    Es war echt nicht unsere Intention,dass sich Irgendwer bei euch schämt

    Wir wollten euch nur ein großes Dankeschön da lassen und ein..wir verstehen.wirklich.

    es tut uns leid,dass ihr auch so eine Scheiße erleben mußtet

    Lg,
    Steppenwölfe

  9. So ähnlich haben wir uns das gestern auch noch verpackt 😉
    Wir haben ja schon auch sachlichere Artikel darüber geschrieben und gestern war dann einfach wohl Wut größer als alles Andere.

    Ich bin fest davon überzeugt, das der erste Teil ambulanter Therapie mit jemandem der vorher lange in der Psychiatrie war, im Grunde genommen, erst mal wieder „Befähigung zur Annahme von Hilfe“ zum Ziel haben muss.
    Man wird dort einfach so verdreht und verkorkst, hingebogen und weg von sich gezerrt, dass die Ursprungsproblematik oft aus dem Blickfeld gerät.

    Leider hat die Psychiatrie einen Status, der ihr eigentlich schon lange nicht mehr zu steht.
    Menschenverachtung ist zu sehr Usus in unserer Zeit der Massenverwahr-sorgung…
    Auch viele TherapeutInnen, PsychiaterInnen und MedizinerInnen, aber auch JuristInnen und SozialarbeiterInnen, tragen da ein Bild in sich, dass von Beruhigung durch Abgabe bestimmt ist- nicht davon was dort mit den Menschen dann dort passiert.

    Viele Grüße und danke für den Dank 😉

  10. Ihr habt (aus unserer Sicht) genau die richtigen Worte gefunden, um ein Thema zu beschreiben, welches uns auch schon das ein oder andere Mal unter die Decke getrieben hat. Denn es ist so oft, dass es klein geredet wird, es eine Ausnahme gewesen sein muss usw.

    Wir findens übrigens schön was mit Emotion von euch zu lesen, etwas was aus dem Moment heraus geschrieben wurd auch wenns vielleicht genau das ist, was euch nun etwas stört. Sorry, weiß nicht ob ich die richtigen Worte gerade finde…
    Danke!

  11. Ich kann Deine Wut darüber sowas von nachvollziehen. Das hast Du sehr gut geschrieben! Mir ist die geschlossene Psychiatrie glücklicherweise erspart geblieben. Ich weiß aus Gesprächen mit Menschen, die dort waren trotzdem relativ gut, was da so abgeht. Es gab mal auf Arte eine unkommentierte Doku über Psychiatriealltag. Es war grauenvoll! Ich saß weinend und um Fassung ringend vor dem TV. Z.B. wurde da eine Frau mehrfach „weggespritzt“, weil sie eine Hose unter ihrer Schlafanzughose angezogen hatte-sie hätte unter Aufsicht eine rauchen gehen können und in der Schlafanzugshose war ihr schlichtweg zu kalt- A lot of Pfleger sagten ihr, „es ginge ihr nicht gut“ und spritzten was das Zeug hält…die Frau verstand gar nichts- hätte ich auch nicht- und sagte das auch mehrfach. Niemand redete wirklich mit ihr. „Ruhigstellen“ und wegsperren=Psychiatrie; und „natürlich“dem Patienten jegliche Selbstbestimmung nehmen.Da hat man- Klatsch- das nächste Trauma….):.Wer ist da eigentlich kränker, Patienten oder Personal?

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