Die Helfer_Innen und die Hilfe

man muss nicht glauben, um zu helfen

Ich bin vorhin über die Türschwelle zum Multiland im Internet gestolpert und mitten in eine Welt geplumpst, in der mein Risiko an Hirndiabetis zu erkranken um Faktor 100 erhöht wurde.

Die versierten SucherInnen werden sie kennen, diese Seiten auf denen über Multiple „aufgeklärt“ wird. Jaja, ich  meine die, mit den wackelnden Gifs von weinenden Engeln, den Webringfackeln und den verniedlichenden Begriffen.
Ich sehe die Bildchen und denke: Kitsch. Sehe „Webring“ und denke: Angst vor der Offline-Welt. Lese so Dinge wie: „Innie“, „Multi“, „Darki“ und denke an Vermittlungsseiten von Tierheimhunden.

Da ist erst mal keine Wertung drin (auch wenn meine Assoziation dazu im Allgemeinen negativ konnotiert werden). Ich versuche trotzdem die Seiten zu lesen und würdige, die Arbeit die dahinter steht. Der Wunsch der Auseinandersetzung mit dem Thema, ist bei mir ja auch vorhanden.
Aber ich versuche mich in LeserInnen hineinzuversetzen, die selbst keine DIS haben und aus einem bestimmten Grund Informationen zum Thema gesucht haben und in Folge dessen schlage ich vor solche Seiten die Hände überm Kopf zusammen.
Wenn ich so eine Seite durch habe, glaube ich selber nicht mehr an dissoziative Identitäten oder satanistische Kulte und das finde ich schlimm.

Schlimm deshalb, weil ich noch immer von HelferInnen und Hilfseinrichtungen höre, die „nicht an „solche Sachen“ glauben“. In den letzten Nebensatz hätte ich noch viel mehr Gänsefüße setzen müssen.
Vielleicht so: nicht an „solche“ „Sachen“ „glauben“.

„solche“? Welche?
„Sachen“? Welche Objekte -tote Gegenstände- werden im Zusammenhang mit DIS und destruktiven Kulten benannt?
„glauben“ Wer verlangt Glauben, wenn es die Ratio ist, die angesprochen wird?

Wir sprechen von einer Dynamik der Macht und Ohnmacht, der Gewalt und des Überlebens, wenn wir von Menschen in destruktiven Gruppierungen sprechen. Etwas, woran man nicht glauben muss, um zu wissen, dass es das gibt, weil wir alle Ähnliches in anderen Rahmen gleichsam erleben. Stichwort Bürokratie, Kapitalismus, Rassismus… der Weihnachtsmann.
In allen Zusammenhängen wird uns eine Struktur aufgedrückt, die die Welt oder Aspekte in ihr erklärt und definiert. Es liegt bei uns, ob wir danach leben wollen oder nicht.
Kinder glauben nicht an den Weihnachtsmann- sie glauben, daran, dass ihre Eltern ihnen die Wahrheit sagen, wenn sie ihnen erzählen, dass er die Geschenke unter den Baum legt. Sie hören auf es zu glauben, wenn sie so reif und frei sind, ihre Eltern zu hinterfragen oder beim Geschenkekauf „erwischen“ oder oder oder

Ja, ich habe wenig Verständnis dafür, wenn mir erwachsene HelferInnen erzählen wollen, dass sie nicht an (rituelle Gewalt in) destruktive(n) Kulte(n) glauben, weil ihnen das so entfernt vorkommt. Oder sie sich das einfach nicht vorstellen können.
Liebe HelferInnen:
Niemand verlangt eine genaue Vorstellung der Gewalt- bitte- schützen sie ihr Gehirn vor solchen Bildern! Sie werden falsch sein, weil Sie sie nicht erfahren haben.
Transponieren sie einfach nur die Fakten: Da ist ein Mensch, der viel Einfluss auf andere Menschen ausübt, in dem er ihnen die Welt definiert und ihnen ihre Identität abspricht. Sie zur Nummer macht, ihnen biologische, soziale, psychische Andersartigkeit zuschreibt und dies in eine Struktur einbettet. Einfach, weil er es kann und will.Vielleicht eigene Bedürfnisse befriedigt, in dem er die Grundbedürfnisse anderer Menschen ausbeutet.
Fertig. Da haben sie, was sie nicht glauben wollen.
Sie erfahren, das Gleiche jeden Tag. Nein?
Wie viele Nummern sind sie? Steuernummer, Versicherungsnummer, Kundennummer…
Wie viele Begriffe gibts für sie? Das N- Wort? Das Wort, dass ihr berufliches Wirken bezeichnet? Ihre Diagnose(n)? Das Wort, das ihren Familienstatus benennt?
Es ist das Gleiche. Das gleiche Muster, der gleiche Einfluss auf das, wer sie sind und was sie an Macht dadurch zugesprochen oder aberkannt bekommen.

Nur die Gewalt und die geistige Auslegung ist anders.
Bei ritueller/ ritualisierter Gewalt in destruktiven Gruppierungen, hat man es mit einem globalen Angriff auf die Menschen zu tun. Sie werden auf allen Ebenen verletzt, die es gibt. Auf der körperlichen, sozialen, psychischen, ökonomischen und der spirituellen Ebene. (Etwas, das ein religiös fanatischer Partner übrigens auch kann! Üben wir doch gleich mal das Transponieren…)

Oft höre ich Zweifel darüber, wie „das denn alles möglich sein soll“, „wie „sowas“ denn unbemerkt bleiben kann, von Außenstehenden, der Polizei usw.“ oder auch das vielgebrachte Argument der Zweifler: „Es müsste zig Leichen geben…“.

Es ist einfach etwas monströs „Schlechtes“ zu tun oder völlig legal zu planen.
Achtung Transponierungsalarm: „Prism“, Wasserprivatisierung, gentechnisch verändertes Saatgut, Steueroasen, das Brechen des Willens von Menschen in geschlossenen Einrichtungen, sexuelle Misshandlung in Kirchen und anderen Einrichtungen… soll ich weiter machen?

Menschen suchen Erklärungen und nehmen nur allzu oft unhinterfragt alles an, was ihnen geboten wird, wenn es etwas ist, das für sie greifbar (transponierbar) ist.
Wenn ich Verletzungen hatte und von jemandem darauf angesprochen wurde, sagte ich etwas von Unfällen, von einer Prügelei oder Selbstverletzung. Die meisten Menschen, haben mir geglaubt und nie wieder nachgefragt.
Und die Menschen, die nachgefragt haben, haben es spätestens nach Kenntnis der Wahrheit bereut. Nicht, weil die Wahrheit so schrecklich war, sondern, weil ihnen klar wurde, wie sehr an ihnen gezweifelt werden würde, würden sie dies mit anderen Menschen teilen. Ihnen wurde klar, was für einen Aufwand sie betreiben müssen, um mit jemandem darüber zu sprechen, ohne wegen der Annahme meiner Geschichte belächelt, angezweifelt oder offen verhöhnt zu werden.

Dazu kam, dass ich selbst nur gegenüber jenen die Wahrheit sagte, von denen ich annahm, einen Schutz vor der Strafe, die ich von der Gruppierung zu erwarten hatte, erhalten zu können.
Ich gehörte jemandem, der mir ein Schweigen und den absoluten Gehorsam aufgezwungen hatte. So wie allen anderen Menschen, die involviert waren, auch.

Wer schweigt, sagt nichts. Wer schweigen muss, um am Leben zu bleiben, erst Recht.
Spuren zu verwischen ist nicht besonders schwer. Was bereits für nur wenige Menschen sichtbar ist, kann leicht auch gänzlich schwinden gemacht werden.
Das kennt doch jeder, der mal unbeobachtet Äpfel geklaut hat. Schnell aufessen und niemand wird je davon erfahren.

Ich verstehe, dass unfassbar schlimme Gewalt unfassbar im Sinne von unbegreiflich ist.
Und ich verstehe, dass die Folgen, die vor allem in den Überlebenden absolut subjektive Muster entstehen lassen, nie übertragbar sind. Eine Objektivierung dessen, wird immer etwas übrig lassen, was Zweifel aufgrund von Unvergleichlichkeit mit der eigenen Wahrnehmung stehen lässt.
Doch die Folgen im Betroffenen selbst gänzlich verstehen zu wollen ist nicht nötig, wenn man sich mit der Ursache befassen muss oder will.

Das ist mein Kritikpunkt.
Wenn eine Website dafür sorgen will, destruktive Kulte und Sekten zu erklären, dann reicht ein kurzer Hinweis auf die Folgen. Wenn eine Website über die Folgen allein aufklären will, ist es nicht förderlich über die Ursachen (in diesem Fall die explizite Darstellung der Gewalt) zu schreiben.
Das Eine bedingt das Andere, natürlich. (Und will man die Gesamtdynamik erklären, dann lohnt eine Darstellung beider Seiten) Doch das Eine ist vielfältig übertragbar- das Andere nicht.
Das Eine, hat das Potenzial einen weiteren Überlebenden (Betroffenen) zu produzieren. Stichwort: PTBS-Symptome bei HelferInnen von traumatisierten Menschen.
Das Andere könnte zum Tod des Überlebenden führen bzw. dafür sorgen, dass weitere Menschen in die Gruppierung eingebracht werden oder außerhalb dessen Gewalt erfahren.

HelferInnen oder auch Menschen, die mit der Betreuung von Menschen mit diesem Hintergrund, beauftragt sind, haben nicht die Pflicht, an den Hintergrund zu glauben. Sie müssen nicht davon überzeugt sein, all die Gewalt als „echt“ einzustufen.
Doch sie sind definitiv dazu verpflichtet, ihren Klienten mit allen Problemen, die ihm durch die Folgen der Gewalt entstanden sind, als „echt“ anzunehmen und sie zu unterstützen, diese zu lösen oder mit ihnen ein Leben zu führen, das sie mindestens nicht umbringt. Um dies „gut“ zu tun und schwerwiegende Fehler zu vermeiden, ist eine Kenntnis über den Hintergrund hilfreich- keine Frage. Aber das Leiden und die Probleme, liegen in den Schwierigkeiten der Überlebenden und stehen im Vordergrund.

Auch in der Hilfe kann man transponieren ohne Ende.
Es muss nicht heißen: „Oh wei, oh wei- ein Mensch mit DIS- der braucht eine Sonderbehandlung!“. Es reicht zu sagen: „Ein Mensch dem Gewalt angetan wurde/ der kein Vertrauen leichtfertig annimmt/ der noch immer Angst hat/ der Hilfe braucht, um in ein Leben ohne Gewalt zu finden.“.

Es ist völlig egal, welche Profession man hat. Es ist völlig egal, in welcher Funktion man sich für ihn einsetzt.
Das Wichtigste ist ihn anzunehmen, wie er ist. Ihn ernst zunehmen. Ihm beizustehen. Hilfe ist Begleitung in der Gegenwart. Ehrlich, offen, gewaltfrei, menschlich. Egal, wie nah oder fern. Egal, wie überzeugt man selbst ist von dem, was dem Klienten passiert ist.

Die besten Helferinnen, die mich begleitet haben, waren jene, die das getan haben und noch immer tun.
Manchen habe ich nie die Gewalt erzählt, manchen gegenüber erwähne ich „Überschriften“. Doch nur meiner Anwältin und meinen Therapeutinnen gegenüber, habe ich jemals wirklich erinnerte Gewaltserlebnisse geschildert.
281241_web_R_K_by_jutta rotter_pixelio.de

Sie alle aber waren und sind hilfreich, weil sie da sind. Weil sie mich mit allem Guten und Schlechten an und in mir ernstnehmen und mir ihre Hände reichen, wenn ich sie brauche.
Ich weiß nicht, wie viel sie glauben, woran sie zweifeln, was sie denken oder gedacht haben, als sie von meiner DIS und dem was sie verursacht hat erfuhren. Und das ist mir auch egal. Sie sind da- hier und heute- und das ist alles, was ich je gebraucht habe.

Und…
es ist so oft, so wahnsinnig viel mehr, als ich mir je zu wünschen erlaubt habe.

9 thoughts on “man muss nicht glauben, um zu helfen”

  1. Du bist nicht die erste, mit einer DIS, die ich im Netz ein wenig kennen gelernt habe. Auf ein paar Stichworte hin, die sie mal schrieb, habe ich eine Suche im Netz unternommen und dann sehr schnell festgestellt, dass mir das wenige, was ich in einer ersten Suche fand, schon ausreichte, um bei mir Alpträume auszulösen.

    Es ist für mich genau so, wie du es schreibst, es reicht mir vollkommen, die Menschen so ernst zu nehmen und anzunehmen, wie sie gerade sind. Ich muss auch nichts glauben oder so, mir sind die Abgründe mit denen leider Menschen, die ihnen anvertrauten Kinder behandeln, leider viel zu gut vertraut. Und da spreche ich von Geschichten, die nicht annähernd so sind, wie ich sie andeutungsweise durch Menschen mit DIS mitbekommen habe.

    Ich bin da oft an einem ganz anderen Punkt, ich bin ziemlich beeindruckt, zu was wir in der Lage sind, um Situationen zu überleben, die unfassbar grausam sind. Zu was unsere Psyche aus Selbstschutz in der Lage ist (Auch wenn sich dieser Selbstschutz später manchmal als hinderlich im Leben erweist). Wie großartig du dich in deiner Geschichte und ich mich in meiner Geschichte (und alle anderen in ihren GEschichten) geschlagen haben, um zu überleben. Das ist wirklich bewunderungswürdig, finde ich 🙂 . (Hoffentlich bin ich jetzt nicht zu pathetisch geworden).

  2. Also, von Teilen dieses Beitrags fühle ich mich ja jetzt ja doch mal herausgefordert und muß einfach antworten, auch wenn es nicht einfach wird, auszudrücken, was ich ausdrücken möchte, ohne vielleicht jemanden ärgerlich zu machen.
    Aber vorher: NEIN, ich habe keine DIS. JA, ich kenne innerliche Rollenvielfalt. JA, ich habe eine Vorstellung davon, was Gewalterfahrungen in der Seele eines Menschen anrichten und wie komplex die Reaktionen darauf sein können, was ich respektiere.

    … nicht an „solche“ „Sachen“ „glauben“ … das war die Stelle, zu der ich mich äußern möchte.

    Sich über die Ausdrucksweise „Sachen“ zu empören, kann ich noch verstehen. Um Sachen handelt es sich ja nun wirklich nicht. Einfach ne blöde Sprachverwendung. Sollten gerade HelferInnen anders ausdrücken.

    Aber „solche XYZ glauben“ – wie anders soll sich denn jemand ohne DIS sonst ein Bild machen. Es sind doch immer nur Konstrukte, von denen wir alle – wirklich alle – jederzeit ausgehen; und für die müssen wir irgendwelche sprachlichen Ausdrücke finden, die wenigstens ungefähr ausdrücken, was wir meinen. Sonst wäre Verständigung darüber gar nicht möglich. Was bitte ist denn eine Seele? Gibt es ein Unbewußtes? Ein Über-Ich?

    Wenn ich einem Menschen mit DIS gegenüberstehe, sehe ich genau einen Menschen. Nicht mehrere. Die Innens verstecken sich drinnen, wie viele nun auch immer. Womöglich werde ich die meisten davon nie zu sehen, zu hören, zu fühlen bekommen. Für mich, der ich eben nciht innen sondern außen bin, sind sie ein Konstrukt.
    Und zwar auf beiden Seiten:
    Auf Seiten der Innens: ein super hilfreiches Konstrukt, weil es von diesem Menschen so gebildet wurde, damit ein Weiterleben überhaupt möglich ist. Eine „Leistung“, die ich absolut bewundere. Bei nicht-DIS-Menschen behelfen wir uns ja auch mit Konstrukten wie „inneren Landkarten“ (Bilder von vielgestaltigen, bevölkerten inneren Orten), „inneren Teams“ (die miteinander in Austausch treten können) usw..
    Auf meiner (Aussen-) Seite bleibt es auch ein Konstrukt, weil ich mir ja wie gesagt, selber irgendein inneres Bild, ein Verständnis von diesem Knäuel aus Innens machen muß, um überhaupt in Kontakt kommen zu können. Überlegt Euch doch mal, was ich mir vorstellen müßte, um nicht von einem Konstrukt auszugehen: Ich müßte ja die Vorstellung haben, ich wüßte, was in diesem anderen Menschen vor sich geht. Das wäre nun nicht nur bereits wieder übergriffig, es wäre auch verrückt.

    Als Aussen habe ich ohne die Erlaubnis, mir Konstrukte („Sachen“) zu bilden, an die ich „glaube“ oder „nicht“, überhaupt keine Chance. Und zwar weder bei Leuten mit wie bei Leuten ohne DIS – darin unterscheiden sie sich nicht.

    Jetzt, durchs Aufschreiben ist mir auch klar geworden, was mich herausgefordert hat: Wenn ich keien Konstrukte hätte, keine Bilder über die Menschen, mit denen ich in Kontakt bin, dann könnte ich nicht niur nicht kommunizieren, sondern ich könnte mich überhaupt nicht in der Welt orientieren. Anders rum gesagt: Ich muß doch die Freiheit bekommen, mir meine Welt zu konstruieren. Es kann doch nicht jemand, habe er/sie DIS oder nicht, hingehen und mir das Recht streitig machen, an „Sachen“ (zugegeben, immer noch blöder Ausdruck) zu glauben oder nicht.

    Wie gesagt, ich hoffe, niemanden verletzt zu haben.

  3. Hallo welt2,

    mir scheint, dass du eher meinst sich von etwas/jemanden eine Vorstellung zu machen?
    Ich kann an Gott glauben oder nicht, Außerirdische, den Mann im Mond und so weiter.
    Aber ob es Gewalt gibt oder nicht, oder ob es DIS gibt oder nicht… das hat nichts mit Glauben zu tun. Das sind Tatsachen, wo man mehr oder weniger Wissen kann, aber ein nicht dran glauben würde es ja nicht weg machen. Hier wäre „nicht glauben“ ein zweifeln an der Wahrheit und das ist definitiv nicht hilfreich.

    So verstehe ich es.

    Liebe Grüße
    anja und die sterne

  4. So war es auch gemeint Anja 😉
    Ich glaube, es gibt ein Verständnisproblem hier (vielleicht weil ich mich unklar ausgedrückt habe), dass ich gerade selbst nicht so ganz erfassen kann.
    Vielleicht möchte „welt2“ ja später nochmal vorbeikommen und es mir erklären 🙂

    Viele Grüße an euch und danke für die Antwort.

  5. Es ist bewunderungswürdig, denn es ist ein wunderliches Wunder im großen Wunder des Lebens. Ich finde es nicht pathetisch. Es ist ein Fakt, den manche Menschen (gerade jene, die sich weit von den vielen kleinen Wundern in sich und ihrem Leben entfernen (müssen) um zu überleben/ funktionieren) vergessen.

    Ich für mich habe irgendwann so eine grundsätzliche Bewunderung für alle Lebenswege kultiviert. Egal ob sie meinem ähneln oder nicht. Jeder Mensch hat Kämpfe, Schmerzen, Ängste erlebt und überstanden- dr-überlebt.
    Doch Eigenlob, Selbstnähe, Selbstliebe und Egoismus sind bis heute leider negativ besetzt. So entwickeln auch die wenigsten Menschen etwas in sich, dass ihnen auch einfach so sagt: „Hey- du hast etwas geschafft- du hast überlebt und es ist gut, wie du es jetzt gerade meisterst.“

    Ich habe gemerkt, dass wir, seit wir die Therapie angefangen haben damals ab und zu etwas aufgenommen haben, dass genau dies in uns hat wachsen lassen und uns heute dies immerhin schon in Teilen bei uns selbst- doch definitiv und immer bei anderen Menschen sehen lassen (und es vermitteln lassen) kann.

    Viele Grüße!

  6. Es ist einfach eine Abwertung, finde ich, des Gegenübers, wenn man unterstellt, Erlebtes oder Sein könnte wahr oder unwahr sein – weil man es „glauben“ kann, oder eben nicht. Finde was Anja sagt, da auch gut. Vielleicht ist es wirklich nur eine Wortfindungsreise gerade. Aber worüber Frau Rosenblatt hier schreibt, ist keine Frage der Erlaubnis einer Realitätskonstruktion, um sich in der Welt zu orientieren. Es geht um Wahrnehmung des Gegenübers – und dessen Realität ist nicht wie das Konstrukt einer Religion anzuschauen und zu bewerten nach „ist das glaubhaft oder nicht“. Sie ist überhaupt kein „Konstrukt“. Stellen wir uns mal vor, ich sage zu einer „Eins-Person“, die Hüftschmerzen beschreibt und humpelt und von einem Sturz berichtet (bei dem ich nicht dabei war): „hm… das kann man nun glauben oder nicht, das muss ich mir noch überlegen“. Zugegeben, ein sehr schlechter Vergleich, aber wie würde sich das denn anfühlen. Vor allem, wenn ich Physiotherapeutin wäre, zu der dieser Mensch kommt, um um Hilfe zu bitten.

    welt2, Sie schreiben:
    „Überlegt Euch doch mal, was ich mir vorstellen müßte, um nicht von einem Konstrukt auszugehen: Ich müßte ja die Vorstellung haben, ich wüßte, was in diesem anderen Menschen vor sich geht.“
    Das bedeutet, nur wenn ich mir ein Konstrukt bastel von einem anderen Menschen und seiner Realität, dann kann ich das Bewusstsein aushalten, dass ich keine Vorstellung davon habe, was in ihm vorgeht? Mir wäre ein Konstrukt da eher hinderlich. Ich weiß nie und werde nie wissen, wie die Welt, das Leben, das Innen, Außen, das Erleben und alles, was das Sein ausmacht, sich für einen anderen Menschen anfühlt – wie es für andere Menschen IST. Niemals kann ich das und ich glaube auch nicht, dass irgendwer das kann. Warum ist es so schwer, einfach offen zu sein für das Unvorstellbare und Menschen anzunehmen mit allem, was sie mir zeigen – auf welcher Ebene auch immer. Ich lasse die Menschen wo und wie sie sind und freue mich, wenn Begegnung gelingt und sich dann auch noch gut für beide Seiten anfühlt. Ist das nicht eigentlich auch Sinn von Therapie? Dass sie Menschen, die „gelungene Begegnung“ nie erleben durften, einen Raum für Begegnung bekommen. Das geht nicht mit Konstrukten und mit der Frage, ob ich ihnen oder etwas „glaube“.

  7. Hm… ich glaube hier gibt es gerade eher ein sprachliches Verständigungsproblem, als ein grundsätzliches. Mir geht es ganz ähnlich wie welt2, und ich glaube zu verstehen, was sie sagen will. Ich versuche es mal in meinen Worten zu beschreiben, kann allerdings sein, dass es für noch mehr Fragen/Unklarheiten sorgt bzw. ich welt2 letztlich doch nicht verstanden habe.

    Das, was ich von einem Menschen verstehen, bzw. wahrnehmen kann ist immer nur das, was er mir präsentiert, auf welche Weise auch immer. Ich muss etwas in mir identifizieren können (auch ohne es selbst so erlebt zu haben), um eine Resonanz zu finden. Soll heißen, ich muss irgendwo in mir einen Ort haben, der das Leid des Anderen als solches wahrnimmt. Da geht’s nicht um Glaubensfragen, sondern darum, dass ich etwas von dem spüren kann, was mein Gegenüber zu vermitteln versucht.

    Wenn nun ein Mensch mit DIS mein Gegenüber ist, dann „weiß“ ich (bestenfalls), was DIS theoretisch ist, aber um eine Vorstellung vom Erleben des Menschen zu haben, bilde ich ein Konstrukt. Das machen wir alle immer und überall – anders ist es nicht möglich, in der Welt und miteinander unterwegs zu sein. Denn was ich vor mir „sehe“ ist ein einzelner Mensch, der aber faktisch viele in sich vereint, und ich weiß nicht unbedingt, mit wem ich es jeweils zu tun habe. Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt, ich weiß nicht, ob ich gerade mit mehreren kommuniziere, ob Wechsel stattfinden, whatever. Das damit verbundene Leid, bzw. das damit verbundene Trauma steht ja deswegen null in Frage. Es beeinträchtigt nicht meine Nähe zu jemandem, wenn ich versuche, mir innerlich vorzustellen, was in ihm vorgeht. Ich werde es natürlich nicht erfassen können, aber ich kann nicht meine Wahrnehmung, meine Vorstellung, meine Phantasien, meine Konstrukte ausschalten. Und ich will es auch gar nicht, weil es wichtig ist, weil ein in der Welt sein anders gar nicht möglich ist, weil Menschen so sind.
    Vielleicht eine philosophische Frage, aber faktisch nichts, was Distanz schafft oder das Annehmen/Akzeptieren eines Anderen verhindert.

  8. Das ist wieder das was ich mit „sich vorstellen“ meine. Etwas ganz normales im Zwischenmenschlichen und gehört für mich zu den Überschriften „Empathie und Spiegelneuronen“.
    Je mehr ich jemanden kennen lerne, desto stimmiger wird es.Und wenn ich jemanden kennen lerne und weiß sie ist Viele, dann weiß ich irgendwann zu Unterscheiden, ob das kräuseln der Nase von der Person stammt die gerade redet oder ob jemand innen ein „Igitt“ eingeschoben hat. Am Anfang hat man vielleicht nur die Vorstellung, dass man einer größeren Gruppe gegenüber sitzt in verschiedenen Altersstufen. Das reicht um eine Basis zu haben, verstehen zu lernen. Klar macht man sich von jedem Menschen eine „Vorstellung“ und hat das erste Gefühl, ob es passt oder nicht.

    Oben ging es ja eher um den Zusatz des „daran glauben“ und mit glauben hat das eben nichts zu tun. Wie oben geschrieben.
    Liebe Grüße

  9. Danke, Juna, ziemlich genau so ist es gemeint. „Ein Konstrukt bilden“ und „an ein (Innen- oder Aussen-) Weltverständnis „glauben“, das meint für mich dasselbe.

Kommentare sind geschlossen.