Lauf der Dinge

der Traum mit dem Doppeldecker aus Pappe

Manchmal habe ich Träume in denen ich meiner Familie wiederbegegne.
Sie sind alle keinen Tag älter geworden. Agieren noch ganz genau so, wie in den letzten Tagen, bevor unsere gemeinsame Welt, wie eine Sandburg in der Brandung der Küste, bröckelte.

Diesmal war es heiß und jede Bewegung fiel mir schwer. Ich stand neben dem graublauen Familienauto, das wir damals hatten, und sah meine Mutter mit meinen Geschwistern drinnen gemütlich aneinandergedrückt Süßigkeiten essen. Aus welchem Grund auch immer, hörten sie Musik aus einem kleinen Kofferradio, das sie zwischen die Vordersitze geklemmt hatten.

Ich fragte, ob ich mitmachen dürfe. Ob ich auch Süßigkeiten haben dürfte, mit hinein kommen könnte. Sie mussten doch nur ein Stück rücken und dann wären wir ein schönes Knäul. Aber eines der Geschwister fing an zu nörgeln und meine Mutter sagte diesen für sie so typischen Satz in so einem Moment: „Och, komm,du bist doch nun schon groß. Muss das denn jetzt sein? Du siehst doch…“.

In meinen Träumen bin ich natürlich schon erwachsen innerlich. Es ist ja nur ein Traum.
Ich bin dann geistig nur 10 Jahre jünger als meine Mutter und sagte also zu ihr, dass ich es sehe und genau deshalb dabei sein will. Dass ich sehe, wie schön sie es gerade haben und, wie nah sie meine Geschwister bei sich hat. Ich sage zu ihr, dass mein Wunsch berechtigt ist, auch wenn ich nun groß bin. Sie ist doch auch groß und genießt dieses Beisammensein sehr.
Statt ihrer antwortet aber mein nächst jüngeres Geschwist in zornigem Quengeln, wie mein Vater. Ich würde immer alles kaputt machen und plötzlich verdreht sich die Traumrealitätsgegenwart mit der Echten. Es beginnt mir Vorwürfe wegen meines Weglaufens zu machen. Wegen meines Wahnsinns, den meine Mutter, seiner Meinung nach, hat kaputt gehen lassen.

So konfrontiert beginne ich es aus dem Auto herauszuziehen. Es am Kragen des Shirts zu packen und mit ganzer Macht gegen das Fahrgestell zu drücken. Ich brülle es an und quetsche all meine Kraft gegen seinen präpubertierenden Leib. „Es war schon alles kaputt! Sie war schon kaputt, ich war kaputt- du bist kaputt. So kaputt, dass du dir nie eine eigene Meinung gebildet hast, sondern dich weiter hast unterwerfen lassen. Du willst mich hassen? Willst du das ernsthaft?! Wie kannst du nur?! Sind dir diese finanziellen und pseudoaufrichtigen Handlungen dein Leben wert?! Deine Zukunft?! Rede verdammt! Rede mit mir! Sag mir was DU denkst- nicht was SIE denken. Spuck es aus!“.

Das Geschwist schiebt mich mit einer Hand von sich und stützt sich gegen das Auto. Es schaut mich nur an und lässt scheibenweise Phrasen aus seinem Mund herausfließen, die mich treffen wie Schwerthiebe.
Ich fange an zu weinen und meine Mutter kommt halb aus dem Auto heraus.

Sie schiebt sich in diese Situation wie eine Bärenfalle. Ich mache einen Schritt auf sie zu. Denke, sie würde mir beistehen, doch es ist der gleiche Ablauf wie immer. Sie schnappt zu und beißt mir dabei ein Stück Seele ab. „Du bist nur der erste Versuch gewesen. Der erste Pfannkuchen missrät immer. Jetzt geh und hilf deinem Vater in der Scheune.“, sie wendet den Blick zu dem Geschwist neben mir, während sie dem jüngsten, das mich mit großen Kinderaugen unergründlich anstarrt, das verschwitzte Haar streichelt. „Komm G., komm rein. Sie geht jetzt. Es ist alles wieder gut.“.

Ich stehe fassungslos vor dem Auto. Dem Eingang ihrer Höhle. Irgendwo pocht es in mir und mir wird sehr klar, dass sie sich hier hin verkrochen hat, gerade weil der Vater in seiner Scheune herumwerkt. „Du lieferst mich gerade aus und das ist dir egal, richtig? An mir kann ja nichts mehr missraten. Ich bin schon der missratene Versuch, stimmts?“, ich werde wütend und aus allen meinen Poren schießen meine Panzerstacheln heraus. Ich schreie sie schrill an, beschimpfe sie übel, verwende dabei eine Phrase, die ich neulich bei Twitter las: „Fick dich ins Knie, bis es bricht“. Ich trete gegen das Auto, schlage auf das Dach, doch sie reagieren nicht mehr auf mich. Nur die Augen des jüngsten Geschwists verfolgen mein Tun, ohne Verbindung aufzunehmen.

In meinem Traum nehme ich meinen Rucksack auf und gehe zurück in meine Schule, die eher nach Hogwarts aussieht und versuche einen riesenhaften Doppeldeckerflieger aus Pappe zu bauen.
Während ich das tue, wird mir klar, dass ich träume und ich bemühe mich mit aller Macht, die Szene mit meiner Familie im Kopf zu behalten. Sie nicht zu vergessen, damit ich sie aufschreiben kann.
Sie ist so real und nah. So genau das, was ich so oft tun will und niemals konnte und auch nie können werde.

Ich will dem einen Geschwist den Dreck aus dem Kopf schaufeln und ihm den Wert seines eigenen Selbsts klar machen. Will dem anderen Geschwist freundlich entgegen treten und ihn aus dem Schoß meiner Mutter locken. Ihm die Welt zeigen, in der man artikulieren darf, was man mit seinen Augen aufnimmt. Ich will ihm die Sprache geben, die es dort nicht benutzen kann.
Ich will meiner Mutter sagen, wie sehr sie mich ausgenutzt hat, um sich zu sichern. Wie sehr sie das sogar vor sich selbst verleugnet hat. Wie sehr ich gelitten habe.

Ich habe dabei keine Racheintension, es geht mir nicht darum ihre Scham zu fühlen. Es geht mir um ihr Bewusstsein. Ein Verständnis für mich. Um die Würdigung meines Seins. Ihr zu vermitteln, dass ich wirklich ihr erster und vielleicht tatsächlich missratener Pfannkuchen bin, aber doch ihrer und trotz allem einer, den es gibt. Den man nicht immer wieder wegwerfen und von sich stoßen muss. Den man nicht ignorieren und für alles, was ihnen zuwider ist, opfern darf.

Ich werde ihnen das nie sagen können. Ich werde nur hoffen können, dass dem Radio in diesem Auto irgendwann die Batterien ausgehen, es ihnen ungemütlich wird, sie Hunger oder Durst bekommen. Vielleicht mal aufs Klo müssen und von sich aus, aus dem Auto heraus kommen.254837_web_R_by_Andreas Müller_pixelio.de

Ich werde mit meinem Doppeldeckerflieger über ihnen kreisen, weit weg, in einer anderen Sphäre und Worte an die Himmel der Welt malen. Denkend, dass sie irgendwann vielleicht mal den Blick heben und von einer Pappflugzeugfliegerin erfahren, die etwas geschrieben hat, das auch von einer die sie kennen, kommen könnte.

2 thoughts on “der Traum mit dem Doppeldecker aus Pappe”

  1. ….hier lese ich, wie wichtig es ist, dass sich eine eigene Sprache und eigene Worte entwickeln dürfen, dass sie aus einem herauswachsen sollen, die Worte- und dass es nichts nützt, wenn man sie fremdwertig in sich aufnimmt und wieder ausspuckt. Nur so kann das Pappflugzeug zusammenhalten, oder? Das Selbstgewachsene ist der Kleber…

  2. Ich weiß nicht, das kann sein, je nach Deutung.
    In diesem Traum hatte ich meinen Doppeldecker nicht geklebt, sondern die Kanten irgendwie verschmelzen lassen (Hogwards halt- das wird eben auch Papier zusammen geschweißt 😉 )

    Dem Geschwist haben die Phrasen ja geholfen. Es blieb drinnen und war sicher. Es ist klar, wenn es erwachsen wird, braucht es den Schutz der Mutter auch nicht mehr- hat dann aber den Bonus ihr nie weggelaufen zu sein, sie nie … sie nie … Sie wird immer… usw.
    Bei dem jüngsten Geschwist kann ich die Notwendigkeit der Sprache aber wiederum total unterstreichen. Es ist so klar (auch in der Realität),dass es innerlich aufgespalten ist in mindestens: Augen- Mund- Sprache- soziale Interaktion. Es konnte, bis ich es das letzte Mal sah, nichts von allem gleichzeitig verwenden.
    Und dort wo es aufwuchs, hätte ihm dies vielleicht geschadet, wie es ihm heute schadet, genau dies nicht zu können in „der anderen Welt“ (außerhalb der Familie).

    Ich glaube, das „herauswachsen“ geht mit einem „über sich hinaus wachsen“ einher. Schon ohne Sprache. Da geht es, glaube ich, irgendwie erst einmal darum eine eigene Meinung zu entwickeln und diese zu seinem Rückgrat zu machen. Nur für sich und vielleicht erst mal auch unbenannt.
    Sprache und Worte verbinden ja, erreichen ja immer einen Empfänger. Wenn man aber gerade wächst, dann tut man das ja für sich allein.
    So habe ich mir jedenfalls erklärt, dass unser Blog hier zum Beispiel bis zum August letztes Jahr irgendwie auch nur eines dieser Internettagebücher war.
    Als wir ganz frei waren, konnte sich dann plötzlich unser ganz eigenes Meinungsrückgrat bewähren und diese gefährliche Wortschranke ging hoch.

    Also
    naja,
    es ist ja eigentlich nur ein Traum und der Rest ist Deutung. Ich weiß nicht was wieviel wovon wirklich wichtig ist. Ich hatte den Traum eigentlich nur aufschreiben wollen, weil mir da plötzlich so ganz ganz ganz klar wurde, dass meine Mutter mich ab und an ausgeliefert hatte. Etwas, was ich sonst so eher unter „Jaja, Überschrift: „Gewalt“- Aktendeckel zu- hat nix mit mir zu tun“, verbucht hatte. Und da im Traum war es plötzlich ganz klar.
    Alles andere kam dann während ich langsam wacher wurde und die Worte auf dem Papier irgendwie ordnen musste. Und dann kam so die Idee, dass der Doppeldecker, dass Ding ist was mich gerade trägt- was ist es? Das Schreiben .. naja so war das… 😉

    Viele liebe Grüße

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