Lauf der Dinge

"Ich bin nicht die Anderen- aber ich bin nicht anders, als die Anderen."

Wiederholtes Plingkonzert, gestern Nachmittag.

Ich schrieb über Twitter mit einer Leserin des Blogs, die mir schrieb, dass sie sich mit Kommentaren bei persönlichen Einträgen zurückhält, weil sie nicht durch das Erzählen eigener Erfahrungen vermitteln möchte: „Hey, ich kenne das auch alles- aber irgendwie doch nicht so, nur anders- aber es ist irgendwie so gleich und …“.

Ich finde es immer schön, wenn jemand hier kommentiert und gerade auch, wenn jemand seine eigenen Erfahrungen und Empfindungen teilt bzw. das für sich so kann und möchte.

In dem Reiter „über dieses Blog“ steht ein wichtiger Satz drin, der mir zu Beginn den Anreiz für das Blog gab.
„Das Leben mit DIS wird meiner Meinung nach von den (Massen)Medien unnötig aufgehyped, verzerrt und gleichsam falsch, wie fast alle Themen rund um (die Gesichter, die Folgen und Ursachen von) Gewalt, aufgenommen.“
Ich hatte damals vernünftige Literatur und Medien gesucht, um jemandem in meiner Umgebung meine Wahrnehmung und Schwierigkeiten darzustellen. Außer Sachbücher konnte ich ihm nichts geben und selbst bei der Auswahl musste ich noch viele Abstriche machen.

Gab man damals „multiple Persönlichkeit“ bei Google ein, landete man bei „Höllenleben“, medizinischem Kauderwelsch, reißerischen Zeitungsartikeln und Links zu Foren, die nicht öffentlich lesbar sind.
Das Bild, das sich ergab, war einfach nicht das, was ich vermitteln wollte: Die Fachwelt streitet und zweifelt (was damals schon nicht mehr ganz stimmte!), die Presse sucht die Story und die Betroffenen verschanzen sich aus Angst um Leib und Leben „müssen sie ja auch, kommen ja alle aus einem Kult“ (O-Ton des Menschen damals).

Heute ist die „dissoziative Identitätsstörung“ als komplexe Traumafolgestörung bekannt und sowohl im DSM 5 als auch im ICD 10 anerkannt. (Im Gegensatz zu so opferverhöhnender Bedeckmantelei, wie das „False Memory-Syndrome“). Heißt: Wenn einem heute ein Arzt sagt, so etwas wie multiple Persönlichkeiten gäbe es nicht, kann Mensch davon ausgehen, dass es sich um einen Arzt handelt, der nicht fortgebildet ist oder ein Interesse daran hat, Gewalt und seine Folgen zu negieren.

Die Presse und auch das Fernsehen, wird allzu oft dafür bezahlt, eine Story zu liefern. Wichtig ist, was gesehen wird- nicht das, was gehört und an Informationen aufgenommen wird. Gesucht wird die Andersartigkeit- nicht die Gleichheit. So begegnete mir auch schon die Aussage, für mehr Authentizität, sei es notwendig Aufnahmen vom Betroffenen an Tatorten zu zeigen.
Die Irre daran wird leider oft übersehen.
Wenn man einen Film über DIS macht, macht man einen Film über die Gegenwart. Filmt man den Betroffenen an Orten, an denen er in der Vergangenheit gequält wurde, provoziert man beim Zuschauer die Notwendigkeit, sich diese Qualen vorzustellen in dem er sich den Betroffenen als Kind vorstellt und den leeren vermodernden Keller in möbliert und mit Tapete an den Wänden. So entsteht ein anderes Bild, als die Wirklichkeit. Es ist ergo nicht kongruent mit dem, was der betroffene Mensch tatsächlich erlebt hat.
Außerdem gibt es den Effekt, dass nicht das Leben mit den Folgen davon im Kopf bleibt, sondern das Grauen allein. Das ist total basal- wir alle wissen, dass uns negative Dinge eher im Gedächtnis bleiben, als neutrale oder positive.

Doch wenn ein Film starke Gefühle erzeugt, die „hängen bleiben“, gilt er als gut. Egal, ob das, was gezeigt wird stimmt (grausamer oder weniger grausam, als im Kopf des Zuschauers entstanden). Umso schlimmer  finde ich es, wenn ich von einer „packenden Dokumentation über eine multiple Persönlichkeit“ höre. Eine Dokumentation bildet ab- sie ist in der Regel sachlich und informativ- nicht „packend“.
Eine Reportage hingegen, hat einen anderen Rahmen, oder ein Portrait. Sie soll „packend“ sein, damit sie verkauft wird.

Ich bin keine Journalistin, habe aber eine grobe Ahnung vom Auftrag der journalistischen Ethik und der Verantwortung, die man trägt, wenn man über etwas schreibt, das in manchen Bereichen stellvertretend veröffentlicht wird. Man unterstreicht die allgemeinen Gemeinsamkeiten und zeichnet die individuelle Ausprägung als so individuell, wie sie ist.

Es ist bekannt, dass alle Menschen dissoziieren. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Unser Gehirn funktioniert in der Hinsicht ganz basal gleich.
Es ist bekannt, dass jeder Mensch, im Laufe seines Lebens das Verhalten anderer Menschen studiert und introjeziert. Das ist Teil der menschlichen Entwicklung und evolutionär bewährt. Beobachten, bewerten, imitieren. Ebenfalls ganz basal gleich.
Es ist bekannt, dass Schmerz schmerzt und vermieden werden will.
Und es ist bekannt, dass jeder Mensch subjektiv bewertet und verschieden (re-) agiert.

Mehr braucht es eigentlich nicht zu wissen, wenn man vernünftig über etwas schreiben will, was bei sich selbst los ist und von anderen Menschen verstanden werden soll.
Ich sitze hier und mache das große: „YES!“, wenn mir jemand ohne DIS schreibt, er kenne dies und das von sich und gehe damit so und so um. Weil es mir zeigt, dass er die Gleichheit für sich wahrgenommen hat und meine individuelle Wahrnehmung als solche von sich abgrenzen kann.
Für mich bietet sich dann die Chance zu beobachten, zu bewerten und vielleicht zu imitieren. Heißt, einen neuen vielleicht hilfreichen Umgang mit Dingen zu lernen.

Ein großes schlimmes Ding an Traumafolgestörungen ist die Einsamkeit. Das Gefühl aufgrund seiner Erfahrungen- die man selbst ganz allein erfuhr, über die man nicht sprechen will/ kann/ darf- ; dem subjektiven Leiden darunter und der persönlichen Reaktion/Kompensation in Bezug darauf „anders zu sein, als die Anderen“. Ungleich zu sein.

Mir sind schon Menschen begegnet, die diese Ungleichheit für sich wichtig finden, gleichzeitig jedoch verzweifelt sind, über ihre Einsamkeit.
Das Gefühl besonders zu sein, ist ja auch ein Schönes. Man hebt sich ab, spürt seine Individualität sehr deutlich. Ist von anderen Menschen abgetrennt.
Wenn ich etwas Besonderes erschaffe, habe ich natürlich auch den Wunsch, dass es als so besonders wahrgenommen wird, wie ich es empfinde. So wie hier mein Blog. Er ist Freiheitspraxis deluxe mit Glitzersteinchen drauf. Jeden Tag aufs Neue. Ich gebe mir viel Mühe beim Schreiben und Suchen von Themen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich dann unter den Artikeln die Bilder von anderen BloggerInnen sehe, denen der Artikel gefällt. Oder wenn meine Statistik Beulen bekommt, weil es Artikel gibt, die von vielen Menschen gelesen werden. Oder wenn ich viele Rückmeldungen bekomme, die Dank, Verständnis und Lob ausdrücken. Hach!
Ich bin aber nicht der Typ, der gern von anderen Menschen abgegrenzt ist.

Für mich bedeutet „anders sein“ von je her direkte Gefühle von existenzieller Bedrohung. Als Kind gab es die Notwendigkeit von Gleichheit mit den Menschen, von denen ich abhängig war, um nicht zu sterben. Als Jugendliche gab es die Notwendigkeit von Verhaltenskongruenz, um nicht von Heim zu Heim, von Klinik zu Klinik abgeschoben zu werden und heute, als Erwachsene, suche ich die Kongruenz, um mich, wie andere Menschen auch, selbst zu versorgen und meine Bedürfnisse zu befriedigen.

Gleichheit bedeutet für mich Sicherheit auf vielen Ebenen.
Werde ich hervorgehoben, als „anders“ dargestellt, spüre ich direkt den Drang, meine Gleichheit mit anderen Menschen auf allen Ebenen, neben dem „Besonderen“ zu unterstreichen.
Neulich kam eine Email von jemandem, der schrieb, ich sei jemand ganz Besonderes, weil ich hier schreibe. Ich schickte ihm den Link zu WordPress.com und antwortete: „Meld dich an, machs dir nett und du „bist“ auch so besonders.486908_web_R_K_by_sokaeiko_pixelio.de Danke, dass du mein Schreiben, als besonders empfindest. Aber mein Sein, ist es nicht.“. 

Ich habe eine dissoziative Identitätsstruktur. Nehme mich und die Umwelt anders wahr, als andere Menschen. Trotzdem bin ich ein Mensch, wie sie auch.

Das so zu fühlen ist für mich immer wieder wichtig und schön. Vor allem, wenn meine Umwelt mir dabei hilft.

9 thoughts on “"Ich bin nicht die Anderen- aber ich bin nicht anders, als die Anderen."”

  1. Lese ich deinen Blog, so frage ich mich nach deiner Gleichheit? Gleich sein? Anders sein? Du BIST anders. Ein Mensch, jedoch berichtest du dezidiert von deiner multiplen Welt – die doch an vielen Punkten schwer verständlich ist, wenn auch an anderen nachvollziehbar. Ich habe noch nicht verstanden, willst du eine von vielen sein oder besonders? Oder einfach „sein“ und alles Geschriebene ist lediglich Berichterstattung für all jene, die mitlesen? Ich für meinen Teil verstehe dich umso weniger, je weiter ich dir folge. Verwirrung ist also etwas, was du ebenso stiftest, auch wenn du schreibst, um Klarheit zu säen. Eine schüchterne Rückmeldung von einen, der nicht twittert. Mit Gruß Mitja

  2. Hallo Mitja,
    erst mal danke für deinen Kommentar 😀

    Ich möchte vornehmlich als Mensch betrachtet werden, wie alle anderen auch. Alles was ich tue und fühle ist nämlich menschlich. Nur die Art wie ich das tue ist etwas, das anders ist. Ich bin für mich allein, hochgradig subjektiv, anders wahrnehmend, als Menschen ohne meine Schwierigkeiten. Und diese versuche ich zu beschreiben.
    Für Nachfragen und Antiverwirrung ist die Kommentarfunktion da. 😉
    Etwas das gut ist, weil es bei einem Buch oder Film zum Beispiel nicht da ist.

    Und- ich schreibe hier nicht nur über mich und DIS. Ich schreibe über alles was mir begegnet und was es mit mir macht. Die DIS beeinflusst meine Sicht, genauso wie das, was mich hat selbige entwickeln lassen- doch sie macht sie nicht „anders“ als die Sicht anderer Menschen.
    Also will meinen, die DIS separiert mich nicht komplett und macht mich insgesamt zu etwas besonderem- ich habe genauso einen Krätz auf Ungerechtigkeit, Gewalt und Machtspielchen, wie andere.
    Es geht mir eben auch immer wieder darum zu zeigen, dass ich nicht deshalb auf ein Podest gehöre oder so, auch wenn ich Dinge tue, die dort drauf können.

    Ich hoffe, ich habe das so erst mal richtig aufgenommen?
    Viele Grüße

    P.S. Wirklich und echt- ganz allgemein: Wenn Fragen sind- fragen.
    Dies kleine Monster an der Seite meint genau das.
    Manche Innenansichten klingen hochgradig lyrisch- sind es aber nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es manchmal schwierig ist sich anhand dieser Texte zum Beispiel vorzustellen, in was für einer realen Situation ich mich befinde oder was genau ich gerade beschreibe.
    Bis jetzt hat noch niemand geschrieben, dass er sich wünscht so etwas näher erklärt zu bekommen, oder so. Deshalb habe ich das nie angepasst, wäre aber grundsätzlich bereit dazu.

  3. Dieser Artikel berührt mich sehr. Ich sehe auch viele viele Gemeinsamkeiten, was mich auch verwirrt. Denn ich finde DIS bei mir wäre ein Schlag ins Gesicht für alle, die es wirklich haben. DDNOS könnte es allerdings sein. Ich habe schon so viele Unsinnsdiagnosen bekommen, was mich verzweifeln lässt und keiner ist sich bei einer Diagnose wirklich einig. Ich lese dich sehr gerne in der Hoffnung mich selbst zu entwirren und besser zu verstehen wenn ich vergleiche. Gleichzeitig hab ich angst als Fakerin bezeichnet zu werden, weil jmd möglicherweise was rausliest, das ich nie gesagt habe.
    Das erinnert mich auch an eine Freundin von mir, die DIS hat und es erst geleugnet, ignoriert und überspielt hat. Erst nachdem ich gesagt hab dass ich diese Richtung bei mir nicht ausschließen würde und es nicht schlimm ist, war sie dafür offener, was mich irgendwo stolz macht.
    Ich bin irgendwie auch auf der Suche. Nach einer logischen Erklärung für mich. Nach etwas oder jmd dass mich lebendig fühlen lässt. Nach einem Sinn. Nach einem Weg ins positive. Man könnte behaupten dann käme DIS / DDNOS ja genau richtig aber das ist nicht mein Gefühl dass „es ja grade richtig kommt“ und irgendwie doch von einem Täterintrojekt-Anteil, nach dem ich eh ne Lügnerin, Fakerin, Aufmerksamkeitsjunkie bin. Ich weiß ca was damals passiert ist und es war kein Kult sondern eine Spätaussiedlerfamilie, die alles darauf gesetzt hat nach außen normal zu wirken aber innen?

  4. Eine Diagnose ist der Versuch etwas zu benennen- das kann passen oder nicht.
    Keine Diagnose macht aus dir einen anderen Menschen, als den der du bist.

    Wenn du dich mit mir vergleichen möchtest, kann ich dich natürlich nicht daran hindern, würde dir aber trotzdem raten, einfach erst einmal zu gucken, wie du selbst bist- was du kannst, was welche Dinge in dir auslösen und sie für dich ganz allein zu benennen.

    Du wirst dich nicht lebendig fühlen, weil dir jemand das Gefühl gibt, lebendig zu sein. Du bist lebendig und bekommst eine Ahnung von deinem Sein, aufgrund der Reaktion deines Gegenübers auf dich und dein Handeln. Nicht, weil du es selbst fühlst.
    Da fängts aber an.

    Ich verstehe diese Suche nach einer Kategorie für sich selbst sehr gut. Na klar. Aber ganz ehrlich: die Diagnose beschreibt nur einen winzigen Teil von dem was dich betrifft.

    So halte ich es. Ich bin ein Mensch der Tiere mag, der sich über die Politik aufregt, der gerne Schokolade und Lakritz isst, der Dinge X Y Z kann, will, spürt, denkt… der DIS auf einem Behandlungszettel stehen hat.
    Es ist nur ein Teil- nicht ich im Ganzen.
    Wenn ich das im Blick behalte, stelle ich 99% Übereinstimmung mit vielen anderen Menschen,die nicht meine Probleme haben, fest und verliere das Gefühl von absoluter Trennung. Es ist nur ein popliges Prozent…

  5. Im Grunde hast du recht. So in der Art hat es meine Thera auch gesagt. Es kommt auf den Behandlungserfolg und den Weg an und nicht wie man das destruktive verwirrende benennt.
    So stark vergleiche ich eigentlich nicht. Ich suche nur nach Worten, die dazu passen. Wirklich passen.
    Und doch ist es irgendwie wichtig, vor allem wenn gesagt wurde „wir müssen sie sanktionieren weil sie ja Borderline haben“, „wenn sie die Ausbildung antreten werden sie eh in der Probezeit gekündigt oder brechen irgendwann ab, daraufhin wird sie der ärztliche Dienst für uneinsichtig erklären (trotz jahrelanger Therapie) und sie erhalten keine Hilfe mehr (psychisch krank = immer erwerbsfähig trotz gegenteiligem Gutachten)“ usw usf. Ich hoffe dass es einen Unterschied macht was man wirklich hat und dass psychisch krank nicht gleich psychisch krank heißt. Siehe mein letzter Artikel über Gustl Mollath.

  6. Natürlich die Diagnose die man irgendwo bekommt eine Rolle- aber schau mal genau hin: Wo genau spielt sie eine Rolle für dich?

    Bei mir/uns ist es nur die Therapie bzw. der medizinische Kontext in dem sie wirklich wichtig ist. Diagnosen werden nur dort gestellt und der Umgang mit mir ist darauf abgestimmt.
    Sonst nirgendwo.
    Im sozialen Kontext oder auch in Bezug auf die Arbeitssuche und Co. verwende ich sie so: „Ich habe diese und jene Wahrnehmung, diese und jene Probleme- mein Arzt nennt das so und so. Wir können damit so und so umgehen, dabei und dabei brauche ich dies und das. Ansonsten ist alles wie bei anderen Menschen auch.“

    Klar spielt es mit rein. Aber wichtig ist es wirklich nur in der Therapie. Sonst nirgends.

  7. Immer wieder , ich bin gerührt von dem Text , aber ich kann auch kaum die Tränen zurück halten . Weiß ich nicht wer ich bin , habe Angst eine Fakerin zu sein . Vielleicht ist es eine Fehldiagnose . Ich frage mich das immer wieder . Die Einsamkeit ist sehr groß und ich hasse mein Leben . Es ist wie im Nebel zu Wirren . Ja , ich bin anders aber Ob ich bin weiß ich auch nicht .

  8. Ach liebe Feenja – darf ich dich virtuell ein bisschen flauschen?
    Die Diagnose kann falsch sein, ja. Aber ändert es etwas daran, was du fühlst, denkst, allgemein wahrnimmst? Nee, oder?
    Wie jemand benennt, was du fühlst ist nicht wichtig.

    FakerInnen* denken nicht über solche Dinge nach, zweifeln nicht an sich, sondern benutzen sie ganz gezielt und ohne Rücksicht auf Verluste.

    Viele Grüße

Kommentare sind geschlossen.