Lauf der Dinge

Die Einladung zum Klassentreffen Teil 2

Es geht nicht darum, dass ich mich unterlegen oder minderwertig fühle.
Es geht um die Sehnsucht nach der Leichtigkeit des Seins. Der Vereinfachung von allem.

Mit mir zu tun zu haben, bedeutete von je her eine Schwere und Belastung.
Ich bin niemand mit dem man einfache, flache Gespräche führen kann. Es gibt kaum Berührungspunkte in gesellschaftlich anerkannten Vermeidungstänzen, wie Politikverdrossenheit, Popkultur und was es sonst noch gibt.

Es macht mich nicht nur traurig meine KlassenkameradInnen nicht treffen zu können, weil es eine Gefahr für mich darstellt diese Stadt zu besuchen, oder weil ich den Kraftakt der Innens- und Erinnerungskontrolle fürchte.

Es geht mir darum keine flachen Gespräche führen zu können.
Immer bleibt mir nur der Moloch aus Schwere von Gewalt und seinen Folgen, die meinen Schmerz berühren und mich angreifbar machen.

Sie werden das auch haben. Sie werden auch eine Schwere in ihrem Leben haben oder Schwere spüren und nachfühlen können. Aber sie können etwas davor halten und ich nicht.

Ich möchte es erleben. Nur ein einziges Mal möchte ich das auch haben.
Hingehen, sagen: Guck hier- ich habe das und das und das bewegt- obwohl es nicht einfach war.

Ich habe mich rausgequält, bin kaputt und noch immer nicht gerächt. Mein Leben war eine Hölle und ist es manchmal noch heute, aber BAMM BAMM BAMM das ist hier kommt von mir und bleibt und ist wertig und wird anerkannt und ich kann stolz darauf sein, ohne es vor irgendjemandem zu erklären oder darum bitten müssen es unerklärt zu lassen.

Ein einziges Mal will ich es erleben, dass etwas von mir kommt, ohne dass Schwere darin ist.
Nur einmal.
Ein ganz einziges Mal.
Und sei es einfach als Schutzschild, wie es „die Anderen“ haben.

Diese verdammte scheiß Gewalt in meinem früherem Leben hat sich eingebrannt und lebt in mir, gärt in mir herum, ist ein Teil von mir selbst. Ich werde sie nicht los und habe nichts, was ich daneben stellen kann um etwas Anderes zu zeigen. Ich habe nur mich und sonst nichts.

Immer muss ich damit leben, gemieden zu werden, weil es zu schwer ist. Zu viel ist. Überfordernd ist.
Und ich bin verdammt nochmal immer immer immer immer immer immer immer in der Lage, genau das zu wissen, zu fühlen und zu akzeptieren. Hinzunehmen, dass Menschen dafür bezahlt werden, sich gemeinsam mit mir dieser Schwere zu widmen.
Ich bin nicht so einsam, weil ich wegen der Gewalt nichts kann. Sondern weil sie noch immer da ist und bis heute die Menschen in meiner Umgebung belastet, wenn sie mit mir zu tun haben.

Ich weiß, dass ich beschenkt bin. Ich weiß, dass ich Potenzial habe, ich weiß, dass ich viel schaffen kann. Aber das ändert nichts daran, dass ich bei einem Klassentreffen heute nur sagen könnte:
„Weißt du was ich geschafft habe? Ich habe es geschafft, das 27ste Lebensjahr zu erreichen.“.

Ich könnte nichts sagen, das keinen dicken fetten schweren Kloß im Hals meiner Gesprächspartner auslöst.

Das ist die Tragik.
Ich würde einfach nur gerne genauso bunte, leere Seifenblasen, wie sie, in die Luft blasen.

Nur ein Mal.

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7 thoughts on “Die Einladung zum Klassentreffen Teil 2”

  1. Ich kann mir nicht helfen…empfinde es als Antwort:)

    Also mich zum Beispiel bezahlt grad niemand fürs Lesen und Interesse haben und berührt sein…

    🙂 mal nen dicken Gruß

  2. So, wie du sehr oft in Artikeln dir Gedanken machst um deine Umwelt, dein Leben darin, über Mitmenschen und Politik ……frage dich: Glaubst du echt, man würde im Gespräch mit dir immer nur über deine inneren Schmerztiefen stolpern? Ich glaubs nicht. Du bist weltoffen, sprachgewandt. Also, mach dich nicht so klein, denn du bist ein guter Denker und Gesprächspartner! Knuddel

  3. Ich möchte hierlassen, dass ich schon oft über Bemerkungen und Formulierungen von Euch gelacht habe und dabei eine Leichtigkeit gefühlt habe. Vielleicht kam das nicht von Dir persönlich. Vielleicht bringst Du persönlich wirklich viel Schwere mit, die auch vom Gegenüber gespürt werden kann. Aber Ihr als System macht auf mich (zumindest im virtuellen „Begegnen“) immer wieder auch einen durchaus „seifenblasenbunten Eindruck“- und vielleicht kann das im Laufe der Zeit auch auf Dich einwirken und „abfärben“. Liebe Grüße!

  4. Hallo ihr Lieben,

    ich denke wir verstehen gut was ihr meint und erleben es ähnlich…
    Es ist traurig und macht uns von Zeit zu Zeit auch wieder traurig.

    Es geht grad nicht darum wie es mal werden kann ( und es wird werden, bei euch mit Sicherheit 20 Jahre früher als bei uns) – sondern darum, dass es jetzt ist wie es ist. Und das fühlt sich scheiße an.

    Ich könnte einen Roman dazu schreiben, und differenzieren und auseinanderklabüstern und alles mit Hoffnungsblümchen und ja abers in die Welt erschmücken, vielleicht ertragbarer für lesende. Nur das ändert nichts an dem was ihr geschrieben habt, für Euch und jetzt.

    Darum nur ein, ja das ist Traurig und schlimm und doof!
    Wir senden euch einen besonders (wie sagt ihr…) flauschigen Gruß und viele liebe Gedanken
    die sterne

  5. Hallo Rosenblätter, mir laufen gerade voll die Tränen, weil ich das echt gut kenne und gerade mit-bzw. wohl eher mein eigenes fühle. Das sind fast alles, was Du schreibst, fast 1 zu 1 meine Gedanken, Gefühle. Dass da bei Dir Humor, Leichtigkeit durchaus vorhanden ist wie die Vorkommentatoren(was ein Wort(;) schrieben, ist mir auch schon aufgefallen. Dennoch finde ich es wichtig, auch diese Gedanken und Gefühle auszudrücken. Dolle liebe Grüße von Stefanie

  6. >>“Weißt du was ich geschafft habe? Ich habe es geschafft, das 27ste Lebensjahr zu erreichen.”

    Exakt.
    Ganz genau.
    DU BIST NOCH HIER.
    An accomplishment if I ever saw one.

    Wir sind noch da, Hannah. Trotz all der Scheiße.
    *mini-fistbump*

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