Lauf der Dinge

"der Weg" ist der Weg- nicht das Ziel

Nach einem Tag wie gestern, in dem viel ums Wachsen ging,553608_web_R_K_by_Andreas Hermsdorf_pixelio.de
kommt auch die Gedankenwuselei um die Zukunft auf und damit die Unsicherheiten, unbequeme Realitäten und Fakten.
Wir selbst und die Steine, die wir sowohl uns selbst, als auch von außen in den Weg gelegt bekamen.

Wie geht es weiter mit den Rosenblatts?
Sie sind noch keine 30, haben eine mittlere Reife, geistiges und körperliches Potenzial. Sie sind motiviert grundsätzlich etwas zu schaffen und leicht zu begeistern.
Aber was denn nun zum Geier? Und vor Allem: Wie?

Letztes Jahr haben wir 152 Bewerbungen rausgeschickt, um im Handwerk einen Platz zu bekommen. Doch trotz lautstarkem Gejaule der Branche, konnte es sich selbige dann doch noch leisten 17 jährige männliche Menschen zu bevorzugen.
In den letzten 5 Jahren haben wir so viele Absagen und Zettel über Teilnahmen an diversen Trainings, Praktika und Probearbeitszeiten kassiert, dass wir einen Aktenordner füllen konnten und haben es dann aufgegeben.

Dann die Idee doch das Abitur zu machen. Abendschule. Wieder. Obwohl wir doch eigentlich genau wissen, dass das so derartig kräfteraubend und auch systemverändernd ist. Es ist für jeden Menschen- egal, ob multipel oder nicht, klar, dass kein Mensch, der in der Woche ca. x Stunden schläft, permanent körperliche Verletzungen heilt und einfach grottig schlecht in Sachen Ernährung gestellt ist, in der Lage ist, so funktional zu sein, dass er es ohne Versehrung irgendeiner Ebene schafft, sich an 5 Tagen in der Woche auf Lerninhalte zu konzentrieren. Die Rosenblatts aber- die melden sich für die Schule an. Könnte ja klappen- hat ja immer geklappt.

Die Zeit nach der letzten Abendschule- ach- war doch toll so dünn! War doch trotzdem geschafft und hey- wir haben uns gut regeneriert danach, so mit dem ganzen Krams drumrum, den Pflegetieren und den Jobs und so…

Eigentlich haben wir gerade ein Level erreicht in dem es uns „okay“ geht.
Am Tag werden zwei Artikel geschrieben. Sich weitergebildet, damit man keinen Quatsch schreibt und damit auch ja keiner merkt, was für eine minderwertige Abfallexistenz diese Worte aneinandergereiht hat.
Das Buch wächst langsam vor sich hin und wird vielleicht eventuell etwas, von dem viele Menschen etwas haben. Oh ja das Buch wird etwas, das vielleicht endlich mal etwas ist, dass die Rosenblatts zu jemandem macht, der auch etwas zurückgibt. Endlich!

Aber noch ist es so, dass jeder Artikel, jeder Satz ,jede Aktivität die verrichtet wird, sowas von ein inneres Verbrechen ist, dass das Leben außerhalb dessen, eigentlich nur eine Bezeichnung zulässt: Qual an deren Ende gearbeitet werden muss.

Es ist subtil- man merkt es nicht, wenn man mit uns zu tun hat und die Spaltungen, die wir in uns und im Außen haben, generieren nur allzu leicht ein Leben damit. Dinge die uns belasten könnten, belasten niemals die leidende Ebene, sondern ausschließlich die Kompensierende. Jene Ebene, die eigentlich die Leidende unterstützen könnte. Doch das ist schmerzhaft und konfrontiert mit einer Ohnmacht.

Wer wählt die Ohnmacht, wenn er Macht und Aktivität wählen kann?
Wir haben die ganzen Bewerbungen immer rausgeschickt, weil wir davon ausgingen, dass wir auch mit Abstrichen zwar, in jedem Fall in der Lage gewesen wären, das alles auszubalancieren.
Jetzt ist da der Freiheitsschock. Da ist eine Bombe hochgegangen und es ist nicht mehr die Frage, wie man Schutt und Asche aus der Vergangenheit verschiebt, um neue Häuser aufzubauen, sondern die Frage, wie man verhindert, dass einem die Verletzten wegsterben, die Brände gelöscht und die umherfliegenden Schrabnellen der Vergangenheitstrümmer, das neu aufgebaute Strohüttchen und Lazarettzelt noch kaputt fetzen- noch WÄHREND man sich auf den Weg macht, neue Häuser zu bauen, Bäume zu pflanzen und Bedingungen zu erschaffen, die ein gesellschaftlich höher anerkanntes Verdingen ermöglichen.

Es ist ein Schwanken zwischen alt und neu- bekannt, doch einfach nur furchtbar und unbekannt, doch so sehr gewollt. Dann sind da Rosenblätter die sachte rauschen: „Hey- es ist Zeit! Keiner außer das Arbeitsamt drängelt, dass wir etwas machen sollen. Dafür haben wir die Zettel auf denen draufsteht, dass wir chronisch krank sind- das impliziert, dass man zwar Absprachen machen kann, aber nie und immer genauso wie chronisch gesunde Menschen auch dem so zu entsprechen in der Lage ist. Wir können doch jetzt die Kraft in die Therapie stecken- nicht arbeiten oder lernen. Keine Vermeidungstänze machen mit zig Jobs und Parallelleben aneinander vorbei… Einfach erst mal wieder ein Plateau erschaffen, das man nicht „Stück für Stück- Suizid“ nennen sollte. Schlafen, Essen, keine körperliche Selbstversehrung mehr. Das ist doch die Basis. Wir würden doch anderen Menschen die genauso überleben, wie wir es tun- und auch noch gezwungen sind das „Leben“ zu nennen, weil wir gerade in diesem Zustand existieren und zurecht kommen- auch nicht auferlegen, zur Schule zu gehen, gefälligst niemandem auf der Tasche zu liegen, sich jetzt aber endlich doch mal aufzuraffen etwas Anderes zu tun, als das, was ihnen Kraft und Hoffnung, ein Ausleben ihrer Begabungen ermöglicht…“

Doch dann sind da die Rosenblätter, die genervt sind. Die sich aufbäumen und sich gefangen fühlen. Stets und ständig abhängig gemacht sehen: „Wir sind doch jetzt nicht mehr so bedürftig! Wir haben schon das das das das und das geschafft! Jetzt muss doch endlich mal ein Schritt vorwärts kommen, der uns auch nach außen autonom macht! Wie soll das denn werden in der Zukunft? Hartz4 und Kinderwunsch- ein absolutes no-go! Kinderwunsch und DIS- oh man- man kann ja schon richtig hören was „die Leute“ dazu denken! DIS und die Welt besser machen- das kann doch nur schief gehen! Wir machen das jetzt einfach alles gleichzeitig- jetzt kurz 3 Jahre zusammenreißen, Abi, Studium, bezahlte Arbeit, Familie mit Kind. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wir kriegen das schon hin irgendwie. Es geht immer irgendwie…“

Und dann sind da die beobachtenden Rosenblätter, die daneben stehen und sehen, dass sich das gesamte Rosenblättergemisch mittels Zukunftsgedanken einfach nur wieder ein Werkzeug für den Suizid schnitzt.
Also schreiben sie ein Artikel darüber, merken, wie Kraft des Tages wieder in Worte geflossen ist und nicht in das Abschicken der Hartz4-Zettel für die vollständige Anmeldung in der Schule, nicht in die Selbstfürsorge und auch nicht in die Veränderung dessen, was man verändert haben will.

Vielleicht schafft man es heute endlich mal darüber zu weinen. Vielleicht mal so etwas wie eine Trauer darüber, dass man nun frei ist, zuzulassen. Nicht zu wissen, wo man jetzt steht und auch nicht zu wissen, wo man steht, wenn „Zukunft ist“. Vielleicht ist es dran zuzugeben, dass man das Ende seiner Gefangenschaft, trotz aller Schmerzen und Leiden, auch als unglaublich großen Verlust empfindet und nur deshalb in zu hohe Ansprüche geht, weil man so etwas noch nie von anderen AussteigerInnen wahrgenommen hat.
Bei denen steht immer soviel bockige Energie- da steht immer was von Kampf und Mut. Vom Annehmen, der inneren Dunkelbunten und „ihnen beibringen, dass es jetzt alles toller ist“. Da steht immer so viel Zukunft.

Aber irgendwie selten die Gegenwart, die sich in festumklammerten Selbst-s-Foltermethoden aus bekannter Verpflichtung heraus und Sturmdrang in Richtung Leben und Freiheit in Gänze vermischt. Diese Episode, in der man wie mit Vollgas und angezogener Handbremse auf das Ergebnis des Todes zuschießt- Stückchen für Stückchen, total subtil, händchenhaltend mit all seinen Gemögten und Begleitern und Verbündeten.

Einfach so- noch während man ein anderes Ziel für sich konstruiert und von den Wellen der Kraft auf denen man manchmal so reitet, auch zu ertrinken Gefahr läuft.

Vielleicht hat es auch mit einem Akzeptanzprozess (einem Wachsen) zu tun, dass man aktuell zu einem Opfertäter an sich wird. Und der Akzeptanz, dass man dies erst wirklich genau weiß, wenn man in dem Bereich ausgewachsen ist. Dann, wenn Zukunft ist.

13 thoughts on “"der Weg" ist der Weg- nicht das Ziel”

  1. so…spätestens jetzt bin ich mir fast sicher: wir sind eigentlich irgendwie im selben System und haben bisher nur eine amnestische Barriere dafür gehabt :mrgreen:

    Und auch noch mal im Ernst…das ist so nah an uns, von dem ihr da so alles schreibt, dass es schon fast gruselig ist (aber weil wir euch mögen, ist es das natürlich nicht 😉 ) – wir konnten bisher nur noch nicht die Worte dafür finden…deswegen mal wieder ein Danke von uns (packt das einfach auf den Haufen dahinten mit den anderen drauf ^^)

  2. … frage ich mich, was mir das sagen soll?
    Macht doch einfach!- oder was?
    Wir haben schon ziemlich viel einfach mal so gemacht, weil mans halt so macht oder auch weil wir die Konsequenzen nicht gut abschätzen konnten. Die Ergebnisse waren auf lange Sicht allerdings nicht das, was man „gut“ im Sinne von: „gut selbstversorgt“ nennen kann…
    Das dies in dem Artikel nicht so sichtbar ist offenbar, wundert mich- kommt er mir doch recht offen vor. ?-(

  3. Es tut mir leid, da habe ich Dich wirklich falsch verstanden. Meine Wahrnehmung des Textes ist tatsächlich daran hängen geblieben, dass es ein Wollen, aber eine Angst bezüglich des Könnens gibt. Beim zweiten lesen gerade, ist mir mein Fail aufgefallen. Keine Ahnung in welchen Film ich war?? Na, da bin ich mal voll in den Fettnapf gelatscht 😦
    Ich gelobe achtsameres Lesen!! 😉

  4. Ich bekomme immer wieder den Eindruck vom „sich selbst unter Druck setzen“ . Aber sollte nicht zuallererst einmal „gesunden“ auf der Tagesordnung stehen? Ich meine, hier von Jemandem zu lesen, die tut/tun was immer ihr/ ihnen möglich ist. Mehr kann kein Mensch von Irgendjemandem verlangen. Und zurückgeben geht ja nicht nur durch „Lohnarbeit“ (und das sich-darauf-vorbereiten über Lehre/ Schule usw). Allein dies Blog gibt doch schon sehr Vielen sehr viel!
    Ja, ich finde, die sachte rauschenden Rosenblätter verdienen, gehört zu werden!

  5. Wir können die verschiedenen Sichtweisen gut verstehen und ehrlich – es ist Scheiße schwer Entscheidungen zu treffen in dieser Richtung. Das Einzige was wir sagen können, keine Entscheidung ist für den Rest der Lebens getroffen! Jede Entscheidung kann jederzeit umentschieden und neu entschieden werden!

    Was jetzt für Euch Richtig ist könnt nur ihr wissen…. und „Morgen“ kann und darf es wieder anders sein.

    Viele liebe Grüße und das Eure Entscheidungen helfen in der Freiheit zu Wurzeln!
    Habt ein schönes Wochenende ☀
    die sterne

  6. Hm, also erstmal: den Absatz mit „Du und auch ich, wir sind nun eben mal anders“, halte ich für falsch, genauso wie der Versuch mich- uns mit einer werterhöhenden Darstellung neben Menschen ohne meine-unsere Probleme zu stellen, um mir ein anderes Gefühl zu vermitteln.

    Wir wissen nicht, was andere Menschen für Kämpfe führen und zur Arbeit gehen und wir sind nicht in der Position, in der wir unser Überleben als Bonus vor anderen Menschen anführen können (und wollen).

    Hier geht es nicht in erster Linie darum sich minderwertig oder schlecht zu fühlen, wenn wir Absagen bekommen, sondern um Wut, weil wir die Strukturen dahinter erfassen können; die Diskrepanz zwischen Sein und Schein einfach nur ablehnen und uns und unser Leben diesen Konstrukten gegenüber als weniger lohnend eingestuft sehen von diesen Menschen.

    Dass wir immer unser Bestes geben, weiß ich. Doch auch, dass dieses Beste eben oft nicht das Beste für die Menschen, die uns ausbilden/ beschäftigen sollten/ müssten/ könnten ist.

    Wir sind einfach nicht der Typ, der die Tatsache seines Überlebens auf einen Sockel stellt und dies zum höchsten aller seiner Güter macht.
    Wir sind eher der Typ der sich darum sorgt, dass er es sich selbst im Nachhinein kaputt macht.

  7. Ja das stimmt- keine Entscheidung ist für den Rest des Lebens getroffen.
    Das hilft gerade sehr als Gedanke dazu, weil es noch wieder etwas Luft macht in Richtung: „Es ist Zeit“.
    Danke euch!
    (uuuuhuuuund ich hab das jetzt gelernt: ♥ )

  8. Hallo Rosenblätter,
    mit Gänsehaut hab ich Deinen Post gelesen. Wie gut ich diese Gedanken und das mehr wollen/sollen/mögen und doch nicht können, kenne.
    Ich habe getobt, als mein Rentenbescheid kam. Der ging so flutsch durch (ich musste den vom A-Amt aus stellen, da schon recht lange krank) ich wollte in Widerspruch gehen, meine Thera hielt mich davon ab…
    Eine Freundin sagte mal:“ Meine Hauptbeschäftigung also Beruf, ist es derzeit gesund zu werden, und einen Platz in dieser Welt zu finden, der mir paßt.“
    Tja, alles nicht so einfach.
    Ich wünsch Euch gehbare Wege.
    Herzliche Grüße

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