Innenansichten, Lauf der Dinge

die Liste

Es raschelt leise, als sie die abgegriffene Liste aus dem Bauch des Plüschnilpferds herauszieht.
„Dinge die ich machen will, wenn ich frei bin“

Es dauert nicht lange, da tropfen die hundertsten Tränen an den Rand.
So viele Dinge sind bereits durchgestrichen oder mit großen Stolzbuchstaben kommentiert. Ein kleiner Kringel neben die Dinge, die man an der Seite eines Menschen erlebte, der nun so fern erscheint.
422253_web_R_by_BirgitH_pixelio.de

„Das ist wie ein Leben im Leben in Freiheit, das bereits fertig gelebt wurde, nicht wahr?“. Sachte streichen weiche Federn über ihr Gesicht, lassen die Trauer etwas weichen und den Griff um den Brustkorb lockerer werden. „Ja. Irgendwie ist dieses Leben fertig entwickelt und ausgeglüht. So wird es nie wieder.“

Sie greift zum Taschentuch und macht sich frei. Streichelt den Hund, tupft die Feuchtigkeit vom Papier.

„Gibt es etwas davon, was du heute versuchen möchtest?“, es raschelt leise hinter ihr.
Sie atmet ein, horcht nach innen, überlegt und liest sich die Punkte durch.

– in einem Laden ein ganz neues unreduziertes Kleidungsstück kaufen, das gefällt
– einen ganzen geräucherten Fisch kaufen und essen- ganz mit ohne alles
– Schnittblumen in einem richtigen Blumenladen kaufen
– etwas schreiben, ganz nachts, an einem offenen Fenster, wenn ein bisschen Wind herein kommt

„Ja“, ein Lächeln durch die Schleier des Moments.

Es raschelt, als sie Liste aus ihrer Jackentasche zieht.
Eier
Milch
Butter
Backmischung
Wasser
Fleisch
ein ganzer geräucherter Fisch (
das ist von der Liste und du musst mir helfen damit)

„Nunja… „, sie schnalzt mit der Zunge und stampft sich den Weg durch den Markt. „Aber wenn schon, denn schon.“ Sie nimmt den größten, schönsten, festesten, den sie finden kann und legt ihn vorsichtig in den Korb.
Sie schreibt auf die Rückseite ihrer Liste:
Etwas, dass ich möchte, wenn wir frei sind – einen ganzen FRISCH geräucherten Fisch essen, mit Beilage, in angenehmen Ambiente.

„Es ist, als würde sich ein Leben nach dem Anderen neu konstruieren, noch während man eines lebt, nicht wahr?“
Sie wischt sich die fettigen Finger an einem Tuch ab und kichert. „Oder, als würde Einer nach dem Anderen langsam merken, dass wir solche Sachen heute wünschen können, ohne, dass etwas Schlimmes passiert.“ Sie streicht einen Punkt durch und überträgt den Neuen.

10 thoughts on “die Liste”

  1. Gestern mussten wir noch ein bisschen weinen, aber jetzt kommt Freude darüber, dass dies etwas ist, dass euch zu einen Blogeintrag verhalf und eine gute Inspiration ist. Danke dafür 😀

  2. Ja, warum? Möchtest du auch so eine Liste machen?
    Wir haben sie gemacht, als wir mitten im Ausstieg waren. Das hat geholfen. Und heute holen wir sie heraus, wenn es uns sehr schlecht geht, damit wir merken können, dass es sich gelohnt hat und nachwievor tut.

    Viele Grüße

  3. Letzten Nacht wurde sie geschrieben und sie ist so lang und gefühlt so un…
    Aber es freut mich zu lesen, dass Euch die Liste Kraft gibt und das Ihr an dieser Liste sehen könnte, was schön alles machbar ist, was nicht machbar war.
    Darauf hoffe ich auch, dass ich vielleicht heute in einem Jahr oder wer weiss wann auf die heute Nacht geschriebene schaue und sehe was abgehakt ist, was dazu kam, was weg ging.
    Danke für diesen Blogeintrag, denn er macht Mut.

  4. es ist etwas traurigwunderschönes, schwer und leicht, weinend lachend, eine klarinette und klezmer… in einem stück papier und einer einstellung zum leben

  5. Ja, es lohnt sich! Ein Riesendrücker für euch von Schneckelli, die auch ein Plüschnilpferd mit „Bauchraum“ hat 😉
    Ich hoffe, der Fisch war köstlich 🙂

Kommentare sind geschlossen.