Lauf der Dinge

Hinter den Bildern

Da gibt es etwas, dem ich Raum geben will.
Nochmal, vielleicht ganz explizit hier und jetzt in einem eigenen Artikel und nicht eingeflochten in die Basis des Blogs.

Antikindesmissbrauchspropaganda.
Bei Facebook. Bei Twitter. Bei StudiVz. Bei MeinVz. Bei MySpace. In den Kommentarspalten unter Webartikeln. In den (Selbsthilfe-)Foren von und für Menschen, die als Kind (sexuelle) Gewalt erfahren haben.
Überall gibt es sie. Bilder von Kindern mit Verletzungen. Das Kind in der Ecke das den Kopf auf die Knie legt und sich einrollt. Die zerschlagene Puppe. Der zerfetzte Teddy. Die Kulleraugen mit Tränen drin. Das Kind aus Täterperspektive mit dem Schatten daneben.
„Stumme Schreie, der verletzten Kinderseele, die rote Tränen weint“
Oh man…

Ganz ehrlich? Ich sehe das und möchte kotzen.
Nicht, weil ich schlicht kein Freund von plakativem Zwangsbewusstmachen bin oder, weil mich manche der Darstellungen triggern sondern, weil ich Vorstellungen transportiert sehe, die teils maximal von der Realität abweichen und sich mir oft genug eher die ohnmächtige Hilflosigkeit der Ersteller in den Kopf drückt, als der herzliche Wunsch den Betroffenen zu helfen.
Ja, es sind stumme Schreie. Ja, es geht um Verletzungen. Und ja, manche Betroffenen, weinen auch „rote Tränen“- ritzen sich lieber die Haut auf, als zu weinen.
Es ist einThema das Sichtbarkeit braucht. Das Prävention erfordert. Es ist ein Thema bei dem es um Menschenleben geht und man muss ihm Raum geben.
Aber nicht so!

Gleich mal zu Beginn: „Kindesmissbrauch“ gibt es nicht. Wo es Missbrauch gibt- muss es einen richtigen Gebrauch geben. Menschen sind aber keine Gegenstände!
Gewöhnt euch dieses Scheißwort ab! Auch wenn ihr von „Kindesmisshandlung“ oder „sexualisierter Gewalt gegen Kinder“ sprecht, werden euch die Leute verstehen! Ja- es dauert etwas länger, bis man fertig gesprochen hat. Ja, es werden mehr Buchstaben gebraucht. Ja, man kann nicht mehr einfach so im laxen Rausch dahersprechen. Aber das Ergebnis ist eine klare Sprache und wenn es einen Bereich gibt, in dem Klarheit wichtig ist, dann ist es dieser.
Es darf keine Ausrede sein, dass „ja aber die ganzen Vereine und so, sich so nennen mit dem Wort drin“ oder auch, dass „ja aber in den Medien überall so geredet wird“.
Zum Einen: Nur, weil die Masse das Gleiche redet, heißt das nicht, dass sie Recht hat- gerade in Deutschland sollte uns das wohl klar sein. Oder ist das Wort „Schacherjude“ auch eines, das so richtig ist, weil es viele Jahre durch alle Medien ging und in aller Munde war?!
Und zum Anderen, sind die Medien nicht jene, die unsere Sprache bestimmen sollten- sie sollte sie abbilden, als beobachtender Zeuge- fertig! Wir sind die, die Zeitung machen- nicht andersherum!

Wenn ich mir diese Bildchen und Fotos ansehe, fällt mir ausserdem eine Art Darstellung auf, die einer Art Ideal entspricht. Es ist sauber, aufgeräumt, kalt auf der einen Seite (zum Beispiel das in die Zimmereckenwand gedrückte Kind, mit den Händen vor den Augen) und offen brutal zerstörerisch auf der Anderen (die zerschlagene Puppe).
Beides Dinge, die symoblisch sind und Dinge krass darstellen, die, an sich, nicht auf diese Art krass sind.

Sexuelle Misshandlung ist nicht sauber und gerade die Misshandlung, die über Jahr hinweg passiert, ist nicht immer offen zerstörerisch.
Was sauber ist, ist das Lächeln, dass die Opfer als Anpassung drüber schmieren. Was zerstört ist, sind nicht die materiellen Dinge und auch nicht ausschliesslich die Seele.

Und es findet eine gefährliche Darstellung von Kindern statt, die meiner Meinung nach, erst recht Täter anlockt und befriedigt. Gerade bei Facebookbildern ist mir das aufgefallen.
Süße kleine Mädchen in sachtem rosa- oder direkt gleich weißen Kleidchen, derartig ausleuchtet, dass ihre reine Unschuld, ein Gänseblümchen daneben, wie eine Schlampe aussehen lässt. Jungen mit glänzenden Lippen und großen Augen, in deren Winkel sich eine Träne befindet. Immer schön von oben nach unten fotographiert.
Ich mag es nicht weiter ausführen, aber wenn man sich vor Augen hält, dass es vielen Tätern gerade um kindliche Unschuld, Größe und Wehrlosigkeit geht, ist denke ich klar, worum es mir geht.

Weiterhin sehe ich eine große Gruppe ausgegrenzt, nämlich die heute erwachsenen Betroffenen.
Es wird sehr oft Kinderseelen gesprochen. Viele Vereine haben ihren Fokus auf der Prävention oder Aufklärung (gegenüber den Kindern). Nur sehr wenige setzen sich dafür ein, erwachsenen Betroffenen zu helfen. Ihnen zu helfen selbst nicht zum Täter zu werden oder ihnen bei der Suche nach einem Therapieplatz behilflich zu sein. Oder auch durch die ganzen Kämpfe, um die Therapie bis zur Heilung finanziert zu bekommen.

Wir leben leider nicht in einer Gesellschaft, in denen Tränen in Kinderaugen harte Herzen weich werden lässt. Wäre dem so, hätten Straftäter keinen Platz in unserer Mitte.
Was aber hier Herzen erweicht, Köpfe anspringen lässt und Hände ins Handeln zu treiben in der Lage ist, ist GELD.

Die Versorgung von Straftätern im Gefängnis. Die Therapie der Opfer. Die Verdienstausfälle von Betroffenen in der Blüte ihrer Jahre. Die Kosten für die Kompensation der körperlichen Folgeschäden von sexueller Misshandlung. Das ganze viele Geld, dass Hersteller und Verbreiter von (Kinder)Folterdokumention (Kinder“pornografie“- auch ein Wort, dass sich bitte endlich abgewöhnt werden soll!) einfahren und für sich behalten…

Genau das ist der Grund, weshalb mich diese Facebookbilder wütend machen.
Mir zeigen die Bilder, wie ohnmächtig und hilflos irgendjemand da draussen im Internet ist und wie sehr er sich wünscht, dass es aufhört. Dass es niemand anderem mehr passiert. Da steht dick und fett: „Bitte lasst uns friedlich und liebevoll miteinander umgehen. Kämpft dafür, dass nichts mehr passiert. Lasst uns die Täter alle kaputt machen- guckt doch, wie traurig und ängstlich dieses Kind ist, dem das passiert.“
Da steht nicht, dass misshandelte Kinder selten vor einem stehen und mit Kulleraugen versuchen ihr Leid zu vermitteln.
Da steht nicht, dass der prügelnde, schreiende, spuckende, einnässende, Drogen nehmende, klauende, lügende, hässliche, stinkende, schimpfende Mensch von 1,50m Körpergröße auch- genauso wie der völlig Unauffällige, derjenige sein kann, der ständig und ständig misshandelt wird.
Da steht nicht, dass die Kosten der Heilung aller, in der Folge von (sexueller) Misshandlung, erkrankten Menschen, in unserer Bundesrepublik, mehr kosten würde, als das, was die letzte Drohne gekostet hat.

Und da steht vorallem nicht, dass WIR ALLE diejenigen sind, die etwas verändern können. Nicht nur die Menschen, denen diese Art der Gewalt nicht angetan wurde, sondern alle!541602_web_R_by_Karl Dichtler_pixelio.de

Vielleicht klingt es blöd, aber an diesem Punkt stehe ich oft da und denke: Wir sind das Volk. Wieso tun nur immer wieder alle so, als sei das nicht so?
Niemand von uns sitzt dem ganzen Drama hilflos und ohnmächtig gegenüber, weil er es will- sondern, weil die Handlungsalternativen so beschränkt sind und sich niemand politisch so beschwert, wie er es privat tut .
Opferschutz gibt es derzeit nur nach Kriterienerfüllung und dann ist dieser auch noch lückenhaft. Entschädigungen gibt es nur nach Entblössung und Rechtfertigung der Opfer. An alles sind Bedingungen geknüpft, die maximal von Herz und emotionalem Hirn entfernt sind. Reglementiert von einem System in dem Geld mehr wert ist, als das zerstörte Innenleben von Menschen.
Doch statt am System zu rütteln, wird im Privaten gerüttelt und Verletzungen dadurch in Kauf genohmmen.

Ich lösche solche Bilder inzwischen rigoros aus meiner Facebooktimeline. Ich unterstütze keine Vereine mehr, die nicht mehr mir direkt helfen möchten oder zu können in der Lage sein wollen. Ich möchte das Private zu etwas Politischem machen, weil ich die Politik als das Organ betrachte, dass unser Privatleben beeinflusst, das es ist.

Ich will nicht, dass jemand von mir denkt, ich wäre ein Kind gewesen, das große Augen hatte und in der Ecke eines Kinderzimmers hockte.
Ich war ein Kind, das völlig normal großkotzig über den Schulhof gerannt ist. Ein Kind, das geklaut, gelogen, manipuliert, eingenässt und später sogar geprügelt hat.
Und heute sind wir eine Betroffene, die ihre schwarzen Momente hat. Eine von denen, die sich eben doch jeden Tag mindestens einmal erschreckt und irgendwie mit ihrer Todesangst zurecht kommen muss und überlegt, ob sie es schafft ihren Alltag und ihre Therapie zu überleben.
Aber ich bin auch  eine von denen, die sich nicht mehr ohnmächtig machen lassen will. Eine die Antworten findet und konsequent in der Durchsetzung von Veränderungen bleiben will.

Und wenn das bedeutet, dass ich Facebookbilder lösche und nicht weiterverteile, nicht öffentlich „Anti-Missbrauchs-Vereine“ unterstütze, dann ist das eben so.
Da steht etwas hinter. Mehr jedenfalls, als hinter diesen Bildern.

16 thoughts on “Hinter den Bildern”

  1. Sehr gut geschrieben!
    Denke ähnlich in vielen Situationen und bin auch schon Konsequenter, was das (nicht) Teilen betrifft. Auch in der Sprache versuchen wir das, glaub ich immer.
    Blöderweise habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen wenn ich „was alle teilen oder toll finden“ nicht teile oder like. Dann kann es passieren das ich dennoch was like oder so….. ärgert mich aber dann! Versuche damit noch Achtsamer umzugehen, weil wir es schon so oft gedacht haben und manchmal auch angesprochen… Finde das auch wichtig!

    Übrigends finde ich es auch grundsätzlich hilfreich wenn ihr (oder jeder Mensch) uns auf so etwas aufmerksam macht! Also auch direkt zu Dingen auf Facebook oder im Blog.

    Senden euch liebe Grüße und wünschen eine Gute Woche!
    anja und die sterne

  2. Ja, auch ich möchte mich für diese ‚Belehrung‘, für diese wichtigen Hinweise in Richtung Sprache und fb-Teilen bedanken. Das mit dem Teilen von sog. ‚Antikindesmiss-brauchspropaganda‘ habe ich seit längerem eingestellt, seitdem ich erfahren habe, dass sich inzwischen auch die rechte Szene hier tummelt und für ihre Zwecke nutzt. Und fühle mich überfordert, ‚but‘ von ‚böse‘ zu unterscheiden. Durch Ihre Ausführungen fühle ich mich nun bestätigt.
    Dankbar bin ich auch über densehr kritischen Blick auf diese ‚Bildchen‘, die auch mir immer ‚Hollywood-artiger‘ vorkamen, wie Sie sagen, Klischees bedienen und vieles außen vor lassen.
    Gefreut habe ich mich besonders über „Niemand von uns sitzt dem ganzen Drama hilflos und ohnmächtig gegenüber, weil er es will- sondern, weil die Handlungsalternativen so beschränkt sind und sich niemand politisch so beschwert, wie er es privat tut.“ Der Blick auf die politische und gesellschaftliche Ebene finde ich dringend geboten. Wenn überhaupt, liegt hier eine Chance auf Veränderung. W i r müssen es in die Hand nehmen und ja, wir müssen am System rütteln.
    Grüße

  3. Ich danke für die Bestätigung dieser Wahrnehmung.
    Bei der Masse kommt ja dann doch ab und an der Gedanke, dass man sich vielleicht doch eher auf verlorenem Posten fühlt mit dem Empfinden.

    Viele Grüße und Danke für den Reblog 😀

  4. Den Zustand des ‚auf verlorenem Posten Stehens‘ habe ich verändert, als ich begann, für eine Gewalthotline zu arbeiten, an die sich Täter und Opfer wenden können – anonym (www.euline.eu). Jahrelang habe ich mich als Lehrer mit den Opfern von Übergriffen und Mobbing beschäftigt, bis mir die Idee kam, mit Tätern_innen zu arbeiten, um möglichst vorbeugend tätig sein zu können (ich weiß, ist eine Illusion!). Aber ich stoße natürlich immer wieder an die Grenzen in den Köpfen der Mitmenschen und der politisch Agierenden und Verantwortlichen – es fehlt an Willen, wirklich im System etwas zu verändern. Dann packt mich manchmal wieder der ‚heilige Zorn‘ und ich sehe meine Ohnmacht angesichts dessen, was tatsächlich zu bewirken ist.
    Und… seit Neuestem gibt mir das bloggen, das Lesen von blogs, Kraft und Bestätigung für mein Tun. Grandios!

  5. Danke, du hast soeben meinem bis dato irgendwie „nicht gewussten warum“ Hass auf diese beschissenen zerbrochenen Puppen, die blutigen Tränen und den ganzen Scheiß eine Erklärung gegeben, die ich nicht besser hätte in Worte kleiden können….da war immer nur diese unterbewussre Aggression, die ich auch bei so extremen Gothgeschichten (ja ja is meine Szene, ich muss aber nicht alles daran mögen) fühle….diese ganze zerbrochene blutige Schwingen Engel in Stacheldraht Bilder….wahhhh… ich muss euren Artikel jetzt nochmal lesen ….macht vieles klarer 🙂 Danke.

  6. Achjaaaa diese hyper-Emoschiene Mist die hatte ich so ausgeblendet, weil ich sie eher im Bereich „Sieh mich (armes leidendes dramatisch gequältes) Opfer“ verortet hatte.
    Aber stimmt. Gehört auch dazu.

  7. Ich finde den Artikel sehr gut aber habe nicht die gleiche Meinung, den Täter gebrauchen in meinen Augen sehr wohl. Da steht nicht immer Lust dahinter oder Macht sondern einfach auch der Gebrauch, Geld zu machen. Gebrauch zu eigenen Zwecken.

  8. Hm, die Kiste mit dem Geld, geht mit Machtgewinn (der nicht notwendig ist -ergo keine Ge-Brauchs-not hat) einher.

    Machtgier/Machtgewinn ist es ein Egobooster, weiter nichts. Und das neben allem anderen eben das Abartige: Sie tun es weil sie es wollen und können.

  9. Keine Gebrauchs – Not aber Gebrauchs Freude . Wenn du Gebrauch von Lebewesen abhängig machst – ich mag das gar nicht schreiben weil es anhand deines Beitrages nur lächerlich ist . Jedoch werden Tiere auch missbraucht . Sei es für menschliche Zwecke die nicht strafbar sind weil Tiere keinen Wert haben oder im Falle von Sodomie um dem ganzen noch sexuell abartigere Züge zu geben , lapidar ausgedrückt . Fällt mir zu schwer das richtig auszudrücken .

  10. Lust an Macht und an sexuellem kann man aber gebrauchen und missbrauchen . Haben da verschiedene Meinungen verstehe aber deine / eure .

  11. Ich glaube wir verwenden nur das Wort „gebrauchen“ unterschiedlich.
    Ich verwende „gebrauchen“ im Sinne von „brauchen“/“einer Not folgend nutzend“ und du im Sinne von „nutzen- ausnutzen“. Sofern können wir uns beide sagen „Stimmt“ 😉

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