Lauf der Dinge

#unsichtbar

Heute ist der Weltfrauentag. Frauenkampftag.
Die Taz möchte die Unsichtbaren zeigen.

Auf Twitter zwitscherte sie folgende Fragen:
„Was bedeutet es, übersehen zu werden? Ist das für euch Schutz oder Ignoranz? Antwortet uns zum
#Weltfrauentag unter #unsichtbar.“
„Manchmal ist es besser, „unsichtbar“ zu sein. Welche Erfahrungen habt ihr damit? Eure Verschleierungstaktiken am
#Weltfrauentag: #unsichtbar

Meine Fähigkeit mich 140 Zeichen kurz zu fassen ist begrenzt, doch diese Fragen zu beantworten halte ich für wichtig.
Ich habe bemerkt, dass ich nie unsichtbar war. Oder wirklich übersehbar.
Eigentlich, und das fällt mir gerade jetzt auf, wo ich mich etwas näher mit dem Zeitpunkt meiner Befreiung und meiner Biographie überhaupt befasse, war es nie so, dass ich- wir als Einsmensch unauffällig, übersehbar, übergehbar oder ignorierbar waren oder agiert haben.
Wenn die Menschen in unserer Umgebung gewollt hätten, zu wollen gekonnt und gedurft hätten; wenn sie Macht gehabt hätten, hätten sie uns und die Gewalt an uns (und den anderen Mitbetroffenen) sehen und beenden können.

Unsere „Verschleierungstechnik“ war und ist bis heute, die strukturelle Dissoziation.
Praktikum in der Zimmererwerkstatt, BauCamp im Handwerksbildungszentrum, männliche Kunden, die eine Vogelvoliere in Auftrag geben, einkaufen im Baumarkt… badabumms taucht ein fast klischeehaft männliches Innen auf, dass niemand auf die Idee kommt, der Körper könnte weiblich sein. Dass niemand auch nur im Entferntesten glaubt, vor ihm stünde ein Mensch dessen Körper Gewaltorgien und systematische Folter überlebt hat.
Hundesitting, Haustierhalterberatung, Pflegestelle… zack, tauchen Innens auf, die freundlich zugewandt, sachlich offen und neutral eine Verbindung aufzubauen helfen zwischen Mensch und Tier. Niemand käme auch nur auf die Idee, durch welche Qualen es zu dieser Fähigkeit gekommen ist. Was für grässliche Bilder und Gefühle hinter den Augen dieses Menschen toben, während diese Arbeit getan wird.
Diese und viele andere kleinere und größere Alltagssituationen, lösen einen stetigen Wechsel von Innens aus. Jedes Innen steht auf seine Art, wie eine Schutzmauer vor einem tiefen Elend und macht es nach außen hin unsichtbar. Aus Selbstschutz. Um selbst nichts von dem Elend zu spüren oder gar zu wissen. Um nach außen hin perfekt angepasst zu sein, an jene Gesellschaft, die ebenfalls ihre Schutzmauern hat.

Es ist eine Verschleierung, die nicht gezielt und geplant ist. Erst wenn sie angewendet wird, fällt auf, dass es auch dabei um eine Art Überleben geht.
Ein Bestehen in einer Welt, in der nur jene bestehen, die möglichst weit von ihrem Schmerz entfernt sind. Die möglichst kalt und angepasst sind. In der jene ohne Schlenker im Lebenslauf, ohne Falte im Jackett, ohne Makel im Lächeln, eine reellere Chance auf einen Arbeitsplatz, der sie finanziell absichert, haben, als jene, bei denen das nicht so ist.
Unsere Gesellschaft- unser Miteinander macht unsichtbar, weil Unsichtbarkeit heute ein Garant für finanzielles- und damit auch soziales und am Ende direkt biologisches Überleben ist.
Sind unsere Körper so dünn, dass sie fast unsichtbar sind, gelten wir als schön und stark, was wiederum Eigenschaften sind, mit der man zu einer Absicherung kommen kann.
Ist unsere Meinung so gleich wie die der Gruppe, dass sie in der Masse unsichtbar wird, können wir uns des Schutzes selbiger sicher sein und so wiederum unsere Chancen auf ein Überleben sichern.
Geben wir uns selbst auf und werden zum ausführenden Organ jener, die über unsere Absicherung verfügen, werden wir überleben.

Nein, wir waren kein Kind, dass man leicht übergehen konnte. Keck, gewitzt, arrogant, sportlich, musisch begabt, extrovertiert.
Kein Wettkampf wurde ausgelassen, kein Turnier, kein Wettbewerb, kein Konzert je abgesagt. „Schau was ich kann!“ brüllten wir in die Reihen des Publikums und stärkten unseren Selbstschutz mit ihrem Applaus- dem Gradmesser der Beachtung, der Wertschätzung, des Maßes an Sicherheit durch erbrachte Leistung.
Niemals brüllten wir gleichsam in die Gesichter der Lehrer, Betreuer, Freunde, Ärzte, Eltern von Freunden, Nachbarn-  den Bekannten und Verwandten ins Gesicht: „Sieh, was mir gerade Schreckliches passiert! Sieh, wie ich und die anderen Kinder zerstört werden! Sieh… mich

Unsichtbarkeit hat zwei Seiten. Jene, die nicht sichtbar macht und jene die Sichtbarkeit gefährlich macht.
Was geschieht mit männlichen Menschen die hässliche Dinge sichtbar machen?
Denen wird in aller Regel zu ihrem Mut gratuliert, da sie eine Minderheit stellen.

Was geschieht mit weiblichen Menschen die hässliche Dinge sichtbar machen?
Denen wird in aller Regel nicht einmal zweifelsfrei geglaubt.

Was geschieht mit männlichen Menschen, denen hässliche Dinge passiert sind und sich sichtbar machen?
Was geschieht mit weiblichen Menschen, denen hässliche Dinge passiert sind und sich sichtbar machen?
Ihnen passiert genau das Gleiche. Sie machen sich auf eine Art angreifbar, die ihr direktes Leben auf mindestens einer Ebene bedroht.

Einen wirklichen Schutz erfährt nur, wer geschützt wird.
Vom Gesetz und dessen gleichberechtigter Anwendung; vom sozialen Umfeld; von seiner Fähigkeit sich blitzschnell auch wieder unsichtbar machen zu können und das System für sich zu nutzen.
Und wer hat dabei bis heute die besseren Chancen?
Der männliche Mensch.

Ja, heute in der Frauentag. Der Frauenkampftag.
Der Frauensichtbarmachtag.

Doch, was für Frauen genau, hast du heute schon gesehen?342533_web_R_B_by_onkel jo_pixelio.de
Hast du die Frau im Frauenhaus gesehen?
Hast du die Frau, die eine andere Frau liebt gesehen?
Hast du die Frau unterm Hiab gesehen?
Hast du die Frau, die sich als Mann fühlt gesehen?
Hast du die Frau im Asylantenheim gesehen?
Hast du die Frau im Rollstuhl gesehen?
Hast du die Frau gesehen, die jetzt noch ein Kind ist?

Hast du die Frau hinter der Schutzmauer gesehen?

Oder nicht doch eher das makellose Lächeln auf einem Werbeplakat, das dir sagt, dass es heute 50% Rabatt auf Schuhe gibt?

5 thoughts on “#unsichtbar”

  1. Wenn du so fragst: vorgestern sah ich die Frau, die in Damaskus wohnt. Ihr Mann ist in Deutschland.

  2. >Einen wirklichen Schutz erfährt nur, wer geschützt wird.
    Vom Gesetz und dessen gleichberechtigter Anwendung; vom sozialen Umfeld; von seiner Fähigkeit sich blitzschnell auch wieder unsichtbar machen zu können und das System für sich zu nutzen.
    Und wer hat dabei bis heute die besseren Chancen?
    Der männliche Mensch.

    Darf ich da mal nachfragen?
    Das ist nämlich was, das ich bis heute nicht kapiere und wo sich immer wieder mein Kopf verknotet.
    Also bin schon bereit das zu glauben, ich les das ja immer wieder, also gerade auf feministschen Seiten, ich verstehe es nur nicht und kann es auch nicht in Einklang bringen mit den Erfahrungen männlicher Betroffene die ich kenne.

    Wird Männern und männlichen Kindern, die in ihren Familien misshandelt werden nicht noch weniger geglaubt und geholfen als Frauen?
    Ich kenne Menschen die glauben Männer können nicht vergewaltigt werden, zumindest nicht von einer Frau. Und so was wie Männerhäuser für Männer die misshandelt werden und sich schützen müssen gibt es ja auch nicht.
    Wie machen das Männer dann, oder männliche Kinder, die sexuell misshandelt werden oder Gewalt ausgesetzt sind, wie kommt es dazu, dass sie bessere Chancen haben?
    Die „Frauenwege“ mit Frauenhaus, Beratungsstelle, und so weiter sind ihnen ja verwehrt, also müsste es ja bessere „Männerwege“ geben, die Frauen da verwehrt sind, ich kenne sie nur nicht?

  3. Ich halte die Frage für sehr berechtigt und versuche zu erklären (so wie ich das sehe und wahrnehme).

    Erstmal JAAAA auf jeden Fall gibt es viel zu wenige Beratungsangebote für männliche Menschen, die Gewalt erleben! Auf jeden jeden jeden Fall (ich meine es gibt nur 2 oder 3 in ganz Deutschland).

    Ich für mich spreche hier von strukturellen Gegebenheiten, die es Männern leichter machen. Nicht besser oder ohne Probleme- oder ohne Leidensdruck! Das definitiv nicht. Es geht mir hier nicht darum einen „wem gehts am schlechtesten- wer ist am meisten benachteiligt- Wettbewerb“ zu starten. Nur um es schonmal zu sagen.
    Gewalt ist schlecht- egal wen es warum trifft. Punkt.

    Aber zum Beispiel sind männliche Menschen bei der Vergabe von Arbeitsplätzen und auch so allgemein in Fragen des Verdienstes besser gestellt, als Frauen. Das allein hat schon weitreichende Konsequenzen (nimm als Beispiel den Mann der dann sagt: „Okay, ich muss neu anfangen irgendwo- ich bewerbe mich in der ganzen Republik“- er würde definitiv mehr positive Antworten erhalten als eine gleichrangig ausgebildete Frau- einfach schon weil die Einstellungspräferenz auf „männlich“ ausgerichtet ist (weil keine Kinder mehr kommen werden, weil die Ausfallrate erst ab ca. Mitte 40 hoch geht…) Wenn ein Mann sich überlegt (jetzt unabhängig davon, ob er vor Gewalt flüchtet oder nicht) ein neues Leben in einer anderen Stadt zu beginnen, wird es ihm einfach leichter fallen.
    Und das ist leider auch einer der Punkte, weshalb Männer weniger oft als Opfer auch anerkannt werden:
    Sie werden nicht in ihrem Lebenlauf eine Lücke von 5-6-7 Monaten haben, in denen ihre Adresse das Frauenhaus ist, die sie irgendwie erklären müssen. Die meisten Männer „können es sich leisten“ (und ja das ist so bitter, wie es klingt) über ihre Vergangenheit zu schweigen und ihr Opfersein zu verschleiern.
    Niemand gesteht Männern einfach mal so eine Opferstatus zu- das heißt zwar auf der einen Seite eine höhere Schwelle, wenn es um Unterstützungen und Hilfen (die direkten Bezug darauf nehmen bzw davon abhängig sind), auf der anderen Seite, aber auch ein Ausbleiben der sozialen Ächtung die mit dem Opferstatus zusammenhängt und den Zugang in die Eigenständigkeit und Selbsthilfe erschwert (und nebenbei einfach auch immer wieder retraumatisiert und entsprechend auch krank macht).

    Das was ich jetzt hier so skizziere ist nur ein Strang und der trifft nicht auf alle Menschen und in jedem Fall so zu- ich denke, dass ist Ihnen liebe/r Fragende/r klar. Die gesetzlichen Regelungen rund um Sorgerecht für Kinder, die Anwendung des Gewaltschutzgesetzes und und und sind ähnlich diskriminierend und schief und krumm für die Opfer und werden oft genug auch noch schief und krumm angewendet (Auch wieder die Sache mit „Männer sind nie Opfer“ oder aber gegenüber Frauen: „die ist ja selber schuld“). Opfer werden immer, egal welches Geschlecht sie haben, ganz auf sich selbst angewiesen sein. Als Opfer bist du immer der Arsch und irgendwie doch immer irgendwie „selber schuld“. Das ist unsere Rape-Culture. Unsere gesellschaftliche Missachtung der Opfer.

    Es ist niemals die Verbindung „Gewalt Geschlecht“ die diskriminiert in dem Sinne.
    Es ist die Verbindung „Gesellschafts- und Staatsstruktur Geschlecht“ die das tut.

    Ich bin keine Expertin- keine Frau die sich mit Genderfragen oder feministischem Lehrstoff so super auskennt. Also wenn ihnen die Frage so wichtig ist und die meine Antwort irgendwie unzureichend ist, fragen sie wohl besser die Menschen, die sich professionell damit auseinander setzen.
    Meine persönliche Erfahrung ist einfach die, die ich jetzt sie umrissen habe.

    Viele Grüße und danke für die Frage! 🙂

  4. Danke! Nein das macht absolut Sinn das mit dem Umzug zum Beispiel.
    Und das das Problem an Gewalt ja eben nicht nur die Gewalt an sich ist, sondern eben Fragen wie: Wie finanziere ich eine ‚Flucht‘, wie erkläre ich Lücken im Lebenslauf weil ich (psychisch) krank arbeitsunfähig war deswegen eine Weile lang, und so weiter, das weiss ich ja selbst.
    Und klar da haben Männer allgemein Vorteile.
    Und das was man mit einem durch Gewalt und Psyche gemadeten Lebenslauf auch befürchtet ist deswegen als labil und unzuverlässig angesehen zu werden, und Männer sieht man generell als weniger labil und als zuverlässiger an, von vorne herein. Vermutlich auch meist ein sichereres Auftreten antrainiert, auch.
    So macht das Sinn.

    Das mit den Expertinnen ist ja richtig 😉 Ich lese ja nun seit zweit Jahren oder so auch ‚ExpertinnenBlogs‘ nur lerne ich wohl eher langsam… ^^ Auch weil ich alles immer mit meinem Leben abgleichen will und immer das Rad neu erfinden will und überprüfen will und selbst entscheiden was ich passend finde. Und Expertinnen finden solche Zusammenhänge oft so dermaßen offensichtlich, dass ein Nachfragen ermüdet und verägert, da sind nicht ganz so Expertinnen, die eher auf meiner Wellenlänge sind mir fast lieber 😉

  5. Reblogged this on Blog-Inkarnation und kommentierte:
    Ein eindringlicher Text einer Frau, deren „Körper Gewaltorgien und systematische Folter überlebt hat“ zum Thema #Weltfrauentag bzw. #unsichtbar.

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