Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

was dann kommt

Vielleicht hat schon mal jemand Geschichten von sogenannten “Wolfskindern” oder auch gehört- mindestens aber von Mogli aus dem Dschungelbuch.

Eigentlich sollte dieser Artikel hier eine der beliebten Disneyinterpretationen werden. Aber ich bemerkte schon beim Lesen der Inhaltsangabe, dass dies eine Geschichte ist, bei der es mir nicht gelingen würde, die rosarote Happy-Lifestyle-Zuckerscheiße mit dem Disneyemblem drauf runterzukratzen.

Zu nah ist die Isolation. Zu genau kennt mein Innen die Art von absolut existenzieller Überlebenskraft, welche hinter der Annahme von Tierischkeit oder, in etwas anderer Form, Verhaltensweisen des Hospitalismus stehen.
Zu genau, kennen wir die Gefangenschaft bzw. Umgebung die “wilde Kinder” produziert.
Deshalb verweise ich hier lediglich auf die Geschichte des Dschungelbuches und versuche mich anzunähern und das Eine oder Andere auszuformulieren.

Den ersten Teil des Geschehens der Befreiung bzw.den ersten Eintrittsakt hat Frau Kampusch in ihrem Buch “3096 Tage” schon gut angerissen. Man befreit sich- kommt endlich endlich raus- kommt endlich im Dorf an und was kommt dann?
“Hände hoch! Wer sind sie? Was wollen sie?”

Als würde man mit seiner Befreiung diese Worte in die Haut- die Seele- die Großhirnrinde gestickt bekommen, verlassen einen diese drei Punkte nicht mehr. Auch Jahre später nicht.
Wer bin ich?
Was will ich?
Ich muss zeigen, dass ich keine Bedrohung bin. Meine Waffenlosigkeit beweisen.

Von nun an gilt alles was ich gelernt und mir angeeignet habe, um zu überleben als falsch, deplatziert, unpassend, zu viel, unsozial. Und wenn ich das Pech habe durch die Tür einer Psychiatrie gehen zu müssen, weil es für Menschen wie mich schlicht keine staatlich geförderte Alternative gibt, auch noch als krank!
Die inneren Ergebnisse jahrelanger Misshandlung, Isolation und gesellschaftskonträrer Sozialisierung fallen nicht immer sofort als solche auf, weil kaum jemand einen so weiten Fokus hat, der auch beinhaltet, dass jemand Dinge für Wunder hält, die er selbst als selbstverständlich empfindet.

Als wir das erste Mal Freiheit erlebten, wurden wir eingesperrt. In eine Psychiatrie.
Zum ersten Mal in unserem Leben, erlebten wir eine einzige Welt- eure Welt- die Welt “der Anderen”. Eine Einzel-Welt, weil hermetisch verschlossen. (Eigentlich so ein Gleichnis)

Und statt Erleichterung und Glückseligkeit, war da Angst. Todesangst und permanente Verwirrung.
Niemand hat das gesehen. Und niemand sieht sowas bis heute an uns.
Vieles, was für andere selbstverständlich ist, ist für uns nachwievor mindestens verwunderlich oder ganz eigentlich verboten und nicht zustehend.

Wir schreiben hier unsere wirklichen Gedanken zu Disneyfilmen auf! Das hier sind keine gewollten Perspektivschwünge. Wir haben diese Filme nie zuvor gesehen- sind nicht mit dieser Art Verwischung und dem Dauerentertainment- diesem eigentlich gesellschaftlich akzeptiertem Abtöten des Geistes- aufgewachsen und empfinden sie nicht als normal bzw. sortieren das Sehen eines Filmes nicht als reine Unterhaltung ein.
Die Fragen, die hier stehen, stellen wir uns wirklich.
Die Dinge über die wir uns wundern, wundern uns ganz wirklich!

Und die Einsamkeit die wir hier beschreiben und in Worte zu bringen versuchen ist auch wirklich da. Nicht immer, weil wir wirklich real und physisch allein sind- aber immer weil wir oft wie auf kleinen Eisschollen durch menschliche Interaktions- , fremde Werte-, Vorstellungs-  Moralsümpfe treiben. An einer anderen- vielleicht basaleren Stelle verhaftet, als unsere Mitmenschen.
Wir haben keine Ahnung davon, wie man was am Besten sagt oder tut oder wie man was wann und wo am Besten macht oder auch nicht macht, wenn es plötzlich  nicht mehr ums schiere Überleben geht. Die Welt in der wir das noch ganz genau wussten und für die wir gewappnet sind, liegt hinter uns. Sie hat uns verletzt, verkrüppelt und auf eine Weise wachsen lassen, die uns niemals passend erscheinen lassen wird.

Mogli wird vermutlich auch vor einem Spind stehen und denken: “Was für Sachen?! Bett?! Essen am Tisch?! Keine Nacktheit vor Fremden?! Privatsphäre??? HÄÄÄÄ?!”
Doch Mogli ist ein Kind. Er hat wie viele andere “wilde Kinder” je nach Ausmaß der Schädigungen und Defizite, die Chance ganz offen nachsozialisiert zu werden. Da wird es jemanden geben, der versucht ihm das alles beizubringen.

Und bei uns?
Die Menschen, die professionell andere Menschen nachsozialisieren fragen: “Was wollen Sie (erreichen)?” und die Menschen, die mir so im Alltag begegnen fragen: “Wer bist du?”, bevor sie überhaupt nur irgendwas mit mir zu tun haben wollen. Sie erwarten ein Selbstkonzept und ein Gespür für soziale Identität, dass sich bei uns aber gerade erst entwickelt bzw. wahrgenommen und sortiert wird.
Kindern, unschuldigen Kindern, wird diese Schutzlosigkeit, diese Art des Ausgeliefertseins eher anerkannt als Erwachsenen. Kindern wird zugestanden, dass sie Dinge noch lernen müssen, dass sie ihre Position und ihren Weg erst finden müssen.

Verständnis für Schutzreaktionen, Ängste und die Art Unwissenheit- mindestens aber Unsicherheit, können wohl aber  insgesamt nur wenige Kinder und auch Erwachsene mit diesem Hintergrund erwarten.
Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, wie sich die innere Welt füllt und entwickelt, wenn man einzig sich selbst hat. Man fängt an Stellvertreter zu benutzen um das, was aus sich selbst heraus kommt, zu etwas zu machen was in sich hinein kommt. Einfach nur, um dieses Bedürfnis nach Ansprache zu befriedigen. So geschieht es, dass das Schottersteinchen, das man vor sich hat, einen Namen bekommt, eine Meinung, ein Gesicht. Es zum Zeugen und Tröster, aber auch Herausforderer oder Verhöhner wird.

Wenn ein Mogli bei Wölfen groß wird, hat er diesen (sozialen) Input natürlich. Doch ist es einer der nicht seiner Natur, seinen Fähigkeiten und seinem Potenzial entspricht. Ein Mensch ist ein Mensch. Ein Wolf ist ein Wolf. Es kann eine Kommunikation geben, einen Austausch und eine Verbindung, die das Überleben als Gruppe sichert, doch auf keiner der beiden Seiten, werden jeweils alle verfügbaren Kanäle benutzt und trainiert. Es geschieht eine Anpassung, aber nie eine komplette Verwandlung, wie es die frühen Darstellungen von “wilden Kindern” gerne weismachen wollen.

Was passiert mit Menschen(kindern), die lange Zeit nur sich oder einen (auf der biologischen Ebene) unzureichenden Kontakt hatten?

Dinge zu lernen und zu beherrschen ist ein Schutz. Je breiter das Interaktionsspektrum und die Möglichkeit diese auszuprobieren und anzuwenden, desto mehr Schutzmöglichkeiten gibt es. Hatte man nicht die Gelegenheit so zu trainieren bleiben ein- zwei Strategien alles was es gibt.

Kampf, Flucht, Starre.
Zerstörerische Ausbrüche
Vermeidungstänze in Form von Verhaltensstörungen, Süchten und anderen “Stellvertretern”
Unterwerfung, Anpassung, Dissoziation

Um zu lernen wie man in der neuen Welt besteht, muss man Platz für seine Verwunderung haben. Auf Verständnis für seinen Schutz stoßen. Auf jemanden treffen, der geduldig und vielleicht aus vielen verschiedenen Perspektiven heraus erklärt, wie die Welt funktioniert und gleichzeitig genug Halt gibt, um nicht unter der wachsenden Erkenntnis zerdrückt zu werden. Vielleicht braucht man eine Art Nach(ge)wachshaus.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass das etwas ist, das nicht gesehen wird. Vielleicht weil sich nicht jeder in dem Maß wundert und erschreckt wie wir. Vielleicht, weil für die meisten Menschen Sonnenlicht und Bewegungsfreiheit immer völlig selbstverständlich waren. Wenn etwas selbstverständlich ist, dann wird es wohl nicht mehr so oft hinterfragt.

Vielleicht ist es auch einfach auf eine Art basal, die nur dann wahrgenommen wird, wenn man selbst über lange Zeit hinweg auf der zutiefst eigenen Basis seiner Existenz zu stehen gezwungen war.

Vielleicht ist es diese Nähe zu sich selbst, die später trennt und vielleicht niemals zu überbrücken ist. Auch wenn man längst kein “wildes Kind” mehr ist, ein Bett benutzt, Kleidung auf der Haut aushält und menschsozialer Konventionen entsprechen kann.

Vielleicht ist es das, was meine Augen hat weinen lassen, als der Film zu Ende war.
Das Wissen, dass Disney verzuckert hat, was der bitterste, tiefste Bruch im Innern eines Menschen sein kann. Das Wissen, dass die ganzen Menschen, die “wilde Kinder” dokumentiert und beforscht haben, sich genau darüber nicht klar zu sein schienen.
Die Befürchtung, dass die Menschen die uns heute umgeben genau das auch nicht im Bewusstsein haben.

Die Angst im Innern vielleicht für immer diese Art “wildes Kind” zu bleiben.

14 thoughts on “was dann kommt”

  1. *nick
    Ist übrigens ein Phänomen unserer Zeit, dass die früheren Wolfskinder, später „wilde Kinder“ und heute „misshandelte/ ausgesetzte/ deprivierte/ gefangengenohmmene Kinder“ heißen und immer menschlicher in der Darstellung werden.

    Man nähert sich also an.
    Immerhin.

    Danke für die Links 🙂

  2. Ich bin durch Zufall auf euren Blog gestoßen. Bin….ganz viel auf einmal, finde nicht ein einzelnes Wort, was es beschreibt. Wünsche euch Geborgenheit und innere Ruhe.

  3. Das ist schön!
    Genau so etwas schwebt mir vor für „wenn-ich-mal-groß-bin-und-was-fertig-studiert-hab-und-„Jemand“-bin.

    Wenn wir es schaffen, wenn wir durchhalten und heilen, wird es genau so ein Haus geben. 😀

  4. 🙂 Ja, das ist ein Klasse Ziel!
    Ihr seid mittendrin im Durchhalten und Heilen!
    Habt einen schönen Abend und eine erholsame Nacht!

  5. Okay das ist jetzt nen Artikel, da könnt ich echt mal kommentieren.

    Weil ich find den so genial und ich kenne keinen anderen Text, der das so gut erklärt (und mir somit noch mal Worte für gegeben hat, danke!) wie das ist mit der Isolation und Welt-Entfremdung und dem Verloren sein.

    Ich find das so erstaunlich, weil so im Vergleich zu dem was ihr andeutet und auch dem, was ich in anderen Multi-Blogs so lese, bin ich scheinbar ja sehr „normal“ aufgewachsen. Entsprechend zero angesprochen fühle ich mich normal von Multi Blogs.
    Das ist dann immer so ne ganz krasse andere Welt.

    Das hier aber trifft so 100pro ins Schwarze.
    Das ist 100pro meine Welt.
    Beschreibt (erstmalig) mein Erleben so, dass auch ich es verstehe, weil glaube ich so es noch niemand erklärt hatte, und ich selbst hab sicher schon von Insolation geredet oder Einsamkeit oder wie man Konventionen dann lernen muss oder von der Entfremdung (und der damit verbundenen Scham, weil irgendwie ist man dann selbst der Arsch, wenn man mit Alter X immer noch nicht Z)
    Ja – das fixiert sein auf die Regeln seiner Welt (und das 100pro gepolt sein auf die Menschen seiner Welt, deren Erwartungen und Launen) – und dadurch absolute Unkenntnis drüber, wie’s in der anderen Welt läuft (und total Entfremdung von allen andern Menschen, ständige Verständnisprobleme). Der Spießrutenlauf, das zu verbergen, die Scham deswegen, die 100Probleme, die man sich dadurch macht, die entstehen durch eben – ja wie du es beschreibst: Man hat unterschiedliche Voraussetzungen, entsprechend hat man Null Ahnung, was eigentlich da läuft, entsprechend ständig Probleme, die man nicht versteht.

    Und: Wie es drum geht, dass man das nachwachsen darf.
    Und: Isolation als total krass unterschätztes Problem von Gewalt.
    Und: Wie es irgendwie so dieses magische Ding gibt – zack Erwachsen, jetzt ist ja klar, dass du das alles kannst und weisst! (hab mir da auch gedacht ups so was unfaires mach ich eig. auch zB mit meiner Erwartung an das Sozial+ moralische Verhalten mancher anderer im Forum)
    Ich hatte ja das Glück, dass ich mit 16 von meiner Familie wegzog und so vor dem so ganz allein wohnen + erwachsen handeln sollen 2 Jahre „nachsozialisation“ hatte, (allein ungestraft allein einkaufen gehn oder das Haus verlassen wann ich will und so Dinge) – muss ja auch erst mal gelernt werden und da erwartet wirklich jeder, dass das selbstverständlich ist! Hab schon früher dran gedacht, was wäre nur passiert, wäre es nicht so gelaufen? Wollte da aber gar nicht so weiterdenken, weil – ohje.

    Ich hab mittlerweile (ist ja nun auch nen Jahrzehnt vergangen) ziemlich viel gelernt über das was sagt man wann, wie verhält man sich wo – hab meine teilweise starken Meinungen zu Regeln und Moral des Miteinanders etc, aber es ist einfach weiterhin angeeignet und immer wieder merke ichs. Und die Angst, dass man die Konventionen nie „wirklich“ so flüssig sprechen wird.
    Und dass die Isolation und Einsamkeit auch weitergeht, weil gerade das doch bleibt.
    Unterwürfigkeit ist ein Thema für sich *dreck*

    Also insgesamt total genial der Artikel, danke.

  6. Hmmm, mir fällt dazu gerade nur ein „Es gibt einen Unterschied zwischen der Isolation durch täterzentriertes Leben (das 100pro gepolte Ausrichten aller Kanäle auf das Wohl und Wehe einer Person die einen u.U. tötet) und der Isolation in der tatsächlich nichts und niemand da ist (alle Kanäle auf nur irgendeinen Reiz ausgerichtet sind).“

    Aber ich kann es gerade nicht näher ausformulieren (der Artikel war ja auch nur der Versuch sich anzunähern, von daher ist es sehr logisch alle Arten von Isolation gemeint zu sehen- vielleicht habe ich sie damals beim Schreiben auch gemeint- ich weiß es nicht mehr.)

    Vielen Dank dir 😉

  7. Mhm, ich denk grad vermutlich war ich respektlos, weil ich den Beitrag zu eurer Isolation gelesen habe und geschriehen habe „Boah ja danke so wie bei mir“ – Also so hab ichs nicht geschrieben und auch nicht gemeint, mir ist klar es ist ganz anders als wie bei mir vermutlich. Aber so dieses „danke, dass du mir mein Leben erklärst“, obwohl du ein Leben erklärst hast, das nicht meins ist, sondern eins das mir so fremd ist, dass ichs nicht verstehen kann, das ist vermutlich irgendwie scheiße, also tut mir leid. Es ist bei mir ja nicht mal so, dass mich jemand u.U. getötet hätte, niemals, ich war einfach so auf die zentriert und vom Rest der Welt abgeschottet.

  8. Okay danke! Ich glaub ein Teilproblem ist, dass ich hin und her schlitter zwischen mich als Mitbetroffene angesprochen fühlen und dankbar sein, dass du Dinge in Worte fasst, die was von meiner Welt erklären, was ich noch nicht in Worte gefasst hatte; und mich als Nicht-Betroffene angesprochen fühlen, die Einblick bekommt in eine mir fremde Welt. Also ob ich ‚wir‘ bin oder ‚die‘. Daher teilweise das unterwürfige Rumgeeier meinerseits.

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