Die Helfer_Innen und die Hilfe, Innenansichten, Lauf der Dinge

Wertvolles für Innenkinder

“Sag mal, wieso bist du eigentlich immer so fies zu den Kleinen bei dir?”.
Da sitzt sie auf unserer Küchenbank, friemelt einzelne NakNak*haare von ihrem Wollrock, spielt mit dem Teebeutelzettel und stellt seelenruhig so eine Frage.

“Was meinst du mit “fies”? Du weißt, es sind keine echten Kinder. Nur kindliche Impulse, die…”
”Jaaaa”, sie rollt die Augen, stöhnt auf, legt sich halb über die Tischplatte, “Jattata Jattata Jattata… ich weiß, du musst dir das sagen und so, aber sie sind doch da. Ich mein, du kriegst das ja nicht mit, wenn eins mal da ist, aber das ist wirklich sowas von echt! Wie ein echtes Kind.” Sie schaut ernst. “Wie ein Kind, das nichts hat, außer einer kleinen Stoffente mit Quietscher drin und einer Höhle aus Umzugskartons, die du dauernd abbaust.”
-“Im Keller ist noch jede Menge Zeug!”
”Und du meinst es ist nicht fies “Zeug” zu Sachen zu sagen, die sie gern haben?”
-“Es IST Zeug”
”Du bist fies zu ihnen. Du hast selbst gesagt, dass ihr als Körperkind viel entbehren musstet…”
– “ANSCHEINEND! Ich weiß nicht, ob das so ist!”
”Ja egal- was ist so schlimm daran jetzt ein paar Sachen zu haben- hier!- die für die Kinder bei dir sind? Ich hab diese Doku gesehen von einer anderen Multiplen, die hatte sogar richtig so ein Spielzimmer. Hach- so was fänd ich sogar für mich schön! Und ich hab keine Kinder in mir.”
-“Doch hast du- für dich fühlt es sich nur nicht so fremd an.”
”Du lenkst ab. Zu nah?”
-“Ich denke, vielleicht schreiben wir mal im Blog darüber.”

Wir gehen raus und spielen mit NakNak*.

Außenmenschen und Innenkinder.
Innenerwachsene und Innenkinder.

Ich bin nicht der Schwan. Ich bin eine Alltagsperson. Eine von denen die “Erwachsenensachen” macht. Eine Frontgängerin.
Und ich mag die Innenkinder nicht.

Was interessant für mich ist, ist, das Mami-ding, welches um die Innenkinder ständig kreist. Ich sage: “Ich mag die Innenkinder nicht” und kann schon fast hören, wie der Tonfall, in dem sonst immer “Rabenmutter” gesagt wird, um die Reaktion auf diese Aussage gewickelt wird.
Ist doch seltsam, oder: Wenn andere Leute von sich sagen: “Ich mags nicht, wenn ich zum Piepsestimmchen werde, weil mich einer anmault”, dann kommt dieser Tonfall nicht. Wenn es um Kinder geht allerdings… meine Güte noch eins!
Dieser gesellschaftliche Zwangsreflex immer und immer alle Kinder toll finden zu müssen (auch die Rotzblagen, die einem vors Knie treten und beschimpfen) nervt mich schon im Alltag ganz erheblich. Denn- Kinder gut zu behandeln, schließt dieser Reflex nicht ein.
Ich sitze immer da und denke, dass man Kinder nicht mögen muss. Man muss darauf achten sie nicht zu verletzen, zu entwürdigen, zu demütigen und sie zu schützen und zu versorgen, ja. Aber niemand muss sie deshalb automatisch- reflexhaft- auch mögen.

Ich mag unsere Innenkinder nicht, weil sie gruselig sind.555548_web_R_K_by_Manuel Gäck_pixelio.de

Es gab mal so einen Horrorfilm von einem Kinderheim, in dem die Kinder alle einen mysteriösen Tod gestorben sind und dann dort auftauchten, als die einzige, dann erwachsene, Überlebende dort auftauchte, weil sie das Haus gekauft hatte.
In meinem inneren Universum bin ich die Überlebende.
Und- oh ja- wenn ich vielleicht eeeeetwas unbeherrschter wäre, würde ich wohl auch permanent herum schreien und mir vor Angst in die Hosen machen oder so, wenn sie so auftauchen und in meinem Leben herumfuhrwerken.

Sie sind heartbreaking. Sie sind kümmerlich. Sie sind bedürftig.
Sie haben riesengroße Kulleraugen, die was wollen!
Und was sie wollen ist etwas, das nichts mit Malbüchern oder so, zu tun hat.
Sondern mit Gemocht werden, geschützt werden, in ihrer Würde geachtet werden. Vielleicht hats auch was mit ”Puste auf mein Weh, damits weg geht” zu tun, das weiß ich nicht genau. Aber es hat nichts mit einer Masse an Zeug oder mit niedlichem Kinderspielzeug zu tun.

Mal ein Spiel spielen, mal etwas malen, mal eine Puppe anziehen… nach außen sieht es aus wie Spaß- im Innen ist es ein Funktionieren. Da sitzt ein Kind, das genau das AUSHALTEN kann- nicht das Kind, dem man den Spaß und die Unbeschwertheit wünscht. Man denkt, vielleicht kommt etwas davon innen an und sie merken, dass heute heute ist und sie das nun gefahrlos tun können, doch das passiert nicht (zumindest nicht bei uns jetzt heute- ich weiß  nicht, ob so was grundsätzlich geht. Hier wird gepuzzelt und gemalt, um sich zu erden oder etwas auszudrücken).

Bei aller Vergleicherei kann ich nicht verstehen, wieso gerade das nicht so übertragen wird. Schon mal erlebt, dass ein Aussenkind voll rundum überhäppy ist, wenns nen Lolli in den Hals gedrückt kriegt, statt das angeklatschte Knie bepustet zu bekommen? Spätestens in der Teeniezeit wird man sehen, dass Trost mit Süßkram ne scheiß Strategie war.
Wieso sollte ich das bei “meinen Kindern” wiederholen?

Wir versuchen uns beizubringen, dass heute alles anders ist als früher. Wir versuchen es zu schaffen, dass unser Gehirn etwas Neues lernt, als das Umschalten auf Anpassung an eine Situation, die von Lerninhalt gleich ist- aber nicht vom Zusammenhang heute.

Das klingt immer so super gemein und defizitär, aber Kinderinnens tauchen nicht auf, weil sie irgendwas so super toll finden außen, sondern weil unser Gehirn den Bereich benutzt in dem die Kinderinnens verortet sind. Und das tut das Gehirn wiederum, weil es in unserem Aktenordnerwustgehirn steht und einen-heute unpassenden- Aktenorder in der Hand hält und entsprechende Assoziationen und Fähig- und Fertigkeitsausübungsmöglichkeiten bereitstellt.

Ja, manche Kinderinnens sind richtige Spaßvögel, keck, frech und rotzig. Schlau, fast weise. Aber sie sind keine Kinder, die einfach gut drauf sind und “einfach so” da sind. Sondern frühere Alltagspersonen, die (zumindest bei uns) so sind, weil sie mit ihrem Verhalten früher Menschen schon dazu gebracht haben, sich den Körper nicht zu nehmen oder einfach nur nett zu ihnen/uns zu sein.

Wenn ich erfahre, dass Kinder- oder auch Teenagerinnens “da” waren und mit unseren Helfern gesprochen haben, dann weiß ich, dass Holland nicht nur in Not, sondern eigentlich schon Katastrophengebiet ist.

Tschuldigung, wenn ich Boten der innerseelischen Apokalypse nicht mit Plüschteddys und Spieluhren empfange, sondern zusehe, dass Hilfe rankommt. Entweder um wirkliche Krisen abzuwenden oder, dass eine deutliche Unterscheidung von früher und heute möglich wird.

Ja, es ist fies, wenn die Frontfrau Puzzles in den Keller bringt, weil sie weiß, dass sie von dort nicht einfach wieder auftauchen im Moment. Doch auch sie hat einen Grund dafür.
Ja es ist fies, wenn ich die Umzugskartonhöhle wegräume- aber wie wohnen nun mal nicht in einem Loft mit unbegrenztem Platz und irgendwo muss der Wäscheständer nun mal stehen.
Ja es ist fies, wenn es nicht jeden Tag Schokopudding mit Senf gibt, aber es ist noch fieser, wenn Anxiety hier rumwütet, weil der Körper zu dick ist.

Ja, von mir aus findet es fies, dass ich meine Innenkinder nicht mag.
Aber, ich beschütze sie. Ich würdige sie. Ich demütige sie nicht. Und ich versuche alles, dass wir heute so versorgt sind, wie sie es früher vielleicht nicht waren.
Ganz ehrlich- ich finde, das ist viel wertvoller, als ne Bude voll mit Rüschen und Bärchenmobiles.

14 thoughts on “Wertvolles für Innenkinder”

  1. Ich kann dich/euch gut verstehen, ich mag meine Reaktionsbildungen auf die Erlebnisse meiner Kindheit auch nicht und befinde mich in einer Phase, in der ich sehr darauf achte, nicht in den einen oder anderen (ich kann sie groß in zwei Teilen) Zustand zu fallen, sondern bei mir zu bleiben, ich zu bleiben. Es käme mir seltsam vor – nein falsch – eine Umgebung zu schaffen in der, ich mich in einem dieser Zustände wohlfühlen würde. Ich lerne gerade mich in „einem einzigen Zustand“ (schwer in Worte zu fassen, was ich meine) einzurichten und nicht „abzuhauen“. Nur da bin ich in der Lage gut für mich als Gesamtes zu sorgen und mich oder Anteile von mir nicht zu vernachlässigen.

    LG Somlu

  2. „Ganz ehrlich- ich finde, dass ist viel wertvoller, als ne Bude voll mit Rüschen und Bärchenmobiles.“
    Ich auch. Einer schrieb mal „Ganz im ernst – Spielzeugmangel war NICHT unser Problem“ und so schauts aus.
    Ich hab ein Innenkind, dass mich anmault, Angst hat, verzweifelt nach Schutz sucht, die ich als Frontfrau ablehne zu geben oder grad zu „weg“ bin, mich zu kümmern.
    In dem Moment jedenfalls und ich mag Kinder und mir tut mein eigenes schon leid.

  3. Genau das ist das ZIel hier *nick*

    Manches ist nötig, glaube ich, für eine gewissen Zeit und eben so als Werkzeug (zum Beispiel diese Höhle- ich glaube nicht, dass wir gerade überhaupt irgendwann Schlaf kriegen würden, wäre sie nicht aufbaubar). Aber so als Dauerzustand, nee.
    Ist nicht vorstellbar für uns.
    (Für manche aber anscheinend schon- die Frau in der Doku sagte, dass sie das richtig braucht und ohne gar nicht klar käme… don´t know how to think about… )

  4. Ja, klar, jede*r muss echt lernen, wie sie/er persönlich klar kommt, es gibt eben nur immer einen Weg/mehrere Wege für jede*n individuell.

    Wobei ich schon einiges für mein inneres Mäcdchen zelebriere aber eben nicht für die Reaktionsbildungen, die ich mir damals als Schutz zugelegt habe.

    Ja, deine Höhle und schlafen…, ist das nicht so, dass deine/eure Frontfrau die Höhle bewusst wahrnimmt und es sich damit von dem unterscheidet, von dem was du oben beschreibst, („Boten der innerseelischen Apokalypse „).

    Falls ja, solche Sachen habe ich auch gemacht und würde es wieder machen, wenn ich doch wieder in das regressiv-depressive Muster falle und erstmal nicht mehr wüsste, wie da wieder raus.

  5. Die Frontfrau kriegt nicht mal mit wie ihr Körper aussieht oder so… Ich glaube für sie sind wir Innens die Heimkindergeister aus dem Horrorfilm :/ allerdings ist sie eine, die dann rumschreit und sich wegdissoziiert. Kann mir nicht vorstellen, dass sie die Höhle als solche (und eine die mit uns-ihr zu tun hat) wahrnimmt.
    Müsste ich mal erforschen.

    Ja vielleicht sinds Übergangssachen…
    Ich hoffs jetzt einfach mal :mrgreen:

  6. Haben euch auch mal verlinkt und gleich selber mal ein bisschen aus dem Innenkinder-Nähkästchen erzählt 🙂

    und…muss es denn entweder – oder sein? Also…entweder Schutz & Geborgenheit oder „Zeugs“? Vielleicht geht ja auch ein „und“? Und vielleicht steht beides auch in Wechselwirkung miteinander?

  7. Haben jetzt immer mal wieder nachgedacht über euer geschriebenes.
    Mehrmals gelesen. Und ich weiß nicht was dazu schreiben.
    Ich glaube, dass es gut ist wenn die Innenkinder von Innen und Außen jemanden haben die auch sie lieb haben. Es gibt verschiedene Innenkinder, die verschiedenes brauchen. Vielleicht auch das lernen im Heute unbeschwert Sein zu dürfen. Malen, spielen, lachen…. ohne Folgen. Habe bei anderen erlebt das Innenkinder dadurch Reifen konnten, Älter wurden usw.

    Es ist für jeden DIS-Menschen anders und für jeden einzelnen Innie auch noch mal. Wichtig ist letztlich das man einen für sich und die Inneren guten Weg findet. Wie der aussieht ist wohl sehr verschieden.

    Bei uns…. bekomme ich relativ wenig noch mit und kann gar nicht wirklich sagen, wie wir damit umgehen. Es gibt hier Stofftiere und Malsachen, Seifenblasenzeug und Kleinigkeiten. Ich merke die Dinge sind wichtig und lasse sie da. – —- – könnte jetzt noch viel und nichts schreiben, lasse es dabei. Vielleicht eines Tages mehr.

    Liebe Grüße senden wir Euch

  8. Ja klar-deshalb gibts ja das „Zeug“- aber es hat eben bis jetzt (noch) nicht den Effekt gehabt der eine positive Wechselwirkung gemacht hat.
    Geht hier nur um uns 😉

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