Lauf der Dinge

Mut oder: die BÄÄÄMs der Anderen

Es begann mit einem Artikel der Mädchenmannschaft vor ein paar Monaten. Ein paar Klicks, ein paar Kommentaren, ein paar Artikel, ein bisschen gucken, lernen… und nun finde ich mich virtuell umgeben von lauter starken freien wachen bewussten Menschen. Mich fragend, ob ich auch so werden kann. 46164_web_R_K_B_by_Verena N._pixelio.de
Wie viel der Stärke und des Mutes, den ich in den ganzen Websites und Artikeln wahrnehme, ist wahr? Wie viel dieser Vehemenz, Courage, Reflektion, Stärke… Heilung? würde ich in der Realität sehen, träfe ich diese Menschen?

Ich verbrachte den gestrigen Tag am Fenster.
War kurz mit NakNak* im Park. Hatte noch Mut- Elanfunken von dem Innen, das immer schon von sich aus mutig und stark ist. Immer wieder aufstampfend; nach einem besseren Leben zu greifen bereit und mit mir diese ganzen Webseiten schier aufsaugend.
Doch diese Funken verpufften schnell wie ein Strohfeuer in meiner Brust, als ich plötzlich jemanden vor mir sah, der nicht wirklich da war.
Es war ein Doppelbild- eine Pseudohalluzination eines Täters.
Eine schattenhafte Halberinnerung an eine Situation vor über 20 Jahren. Damals hatte es auch so viel geschneit und ich war ähnlich erfüllt von aus Mut geborenem Elan- ich weiß nicht, ob es noch mehr Parallelen gab, die mein Gehirn zu diesem Assoziationsversuch veranlasste.

Damals gab es keine Chance.
Heute nahmen mich zwei Innens an die Hand, drehten den Körper herum und rannten los- mich in ihrer Mitte haltend, beschützend, mir und durch mich hindurch zuflüsternd, dass es vorbei ist, dass wir nun sicher sind. Dass es nur eine Erinnerung ist. Dass die warme Zunge an meiner Hand NakNak* gehört. Ob ich sie nicht mal streicheln wolle. Ein bisschen mit ihr herumgeikeln wolle. Ob ich den Schnee auf der Strumpfhose spüren würde. Immer wieder sagend, in welchem Jahr wir sind. Dass wir wirklich sicher vor ihm sind. Dass ein empfundener Mut berechtigt und absolut in Ordnung ist. Dass wir nie wieder so verlieren könnten.

Es gelang mir nicht mehr, wieder näher an das mutige Innen heran zu kommen. Meine Angst, mein dunkles, wie eine giftige Wolke hinter mir schwebendes Ahnen um die Situation früher absorbiert mich. Es ist,  als wäre da gar nichts Mutiges mehr im Innen.
Ich muss es mir sagen, mir hier hinein schreiben, dass es so ist. Damit ich mir dieses Wissen wenigstens rational nicht wieder aus mir herausstoße- oder von ihm weggestoßen werde?

Es ist mir nun schon so viel möglich.
Wie toll das ist! Wie groß unsere Therapieerfolge schon sind.
Noch vor 5 Jahren bin ich regelrecht abgeschmiert, wenn ich so einer Halberinnerung gegenüber stand. Da war nur Angst- sofort und direkt und ohne auch nur einen Fitzel Möglichkeit, dass ich mir selbst oder etwas aus dem Innen in diesem Moment die Gegenwart an mich- in mich eingebracht bekommen hätte. Jedes Mal das gleiche alte Erschrecken, die gleiche alte Ohnmacht, das gleiche innere Wegkippen als der Ahnungsdonner über mich hereinbricht, der gleiche Wechsel zum Innen, das die Gewalt wieder und wieder und wieder durchlebt.
Heute sind wir schon aktiver- wacher- klarer- bewusster. Ich habe die Möglichkeit noch direkt vor der Ohnmacht auf meine innere “Slowmotion-Taste” zu drücken, mir Hilfreiches aus dem Innen zu aktivieren- mich vom Innen tragen, statt mich hinein fallen zu lassen.

Und trotzdem stand ich dann doch wieder mehr oder weniger durchgehend, bis in die Nacht hinein, am Fenster und hörte den Sermon, den mir die BÄÄÄMs runterratterten. Über meine Unfähigkeit, meine Arroganz, meine Überheblichkeit, meine eigentliche Feigheit, mein “nie so stark- nie so mutig- nie so klar- nie so cool- Sein” wie die, deren Artikel ich da lese, deren Aktionen ich mitverfolge (die andere Innens sogar mitmachen) und die ich bewundere.

Ich hörte einfach nur zu, mich gleichzeitig fragend, ob die Starken da draußen keine BÄÄÄMs haben oder einfach nur schon besser gelernt haben, sich ihnen gegenüber taub zu stellen.

8 thoughts on “Mut oder: die BÄÄÄMs der Anderen”

  1. Ich wollte dir_euch nur kurz sagen, dass du_ihr gestern für mich so eine_ Mutige wars_t, die mir Mut gegeben hat__haben! (Schon das „Finden“ des Blogs vorgestern war so ermutigend.)

    Und ich finde es total toll, wie die beiden Innens dich in ihre Mitte genommen haben. Das ist so ein starkes Bild.
    Wie andere das so mit ihren BÄÄMs machen frage ich mich selbst total oft. Vielleicht gibt es aber auch so virtuelle Räume (Blogs etc.), in denen wir uns alle – jede_r soviel sie_er kann – immer wieder Kraft und Mut zuraunen – und mensch dass dann irgendwann in die ganz eigene Realität mitnehmen kann?
    liebe grüße!

  2. Ja genau. Vielleicht ist es Zeit, sich darin auch zu solidarisieren. Zu sehen, es gibt bei allen Mutigen viele Seiten, die nicht immer sichtbar sind, ganz egal welche Geschichte sie mitbringen. Du bist nicht allein mit diesen BÄÄÄMs, ganz und gar nicht. So wie niemand Dein/ Euer BÄÄÄM gestern wahrnehmen konnte, weil nicht dabei… so nehmen wir auch nicht wahr wo wir bei anderen nicht dabei sein können… zuhause… am Fenster… eingesperrt in innere Wahrheiten, nach außen dasselbe Gesicht…

    Ja, soviel geschafft. Soviel in den Tiefen Eures Seins an Mut und Kraft und Willen… und doch… traumatisiert. „Es“ kommt immer mit. Die BÄÄÄMs bleiben immer eine Möglichkeit. Sie erschrecken, lähmen, werfen zurück vielleicht für einen Moment… lassen demütig werden, das Heilende an Langsamkeit erinnern und Geduld und Mitgefühl üben… was wiederum einen Weg finden wird, nicht nur Euch, sondern auch so vielen anderen Menschen Hilfe und Trost zu sein. So wie jetzt hier.

    *rumgekieselt* 😉
    Liebe Grüße

  3. Wir sind so, das wir immer denken das Ihr die Starken seid (deren Artikel wir lesen) und wir uns Fragen wie ihr das alles so schafft…. wir sind so beschränkt auf unser Minileben…. auf unser gebääme… So, das wir manchmal kaum verstehen was ihr schreibt… geschweige denn, es selber schreiben könnten…

    Wie stark muss man sein um Bäms auszuhalten…. bis es stiller wird wieder… Irgendwann lernen sie dazu und die Bäms werden weniger. Was würdest Du dann gerne tun?

    Liebe Grüße, die sterne

  4. Ich hab schon manches mal gedacht: ein treffender Name („Bäääms“). Und ich freue mich mit Dir, dass es Dir immer besser gelingt, nicht völlig in erinnertem Grauen zu versinken.

    Und: Superschön, Dein neues Blog-Design!

    Liebe Grüsse und einen entspannten, frohen Tag wünscht Dir von Herzen

    Barbara-Paraprem

  5. glaub mir, ich habe auch mit meinen Bäääms zu kämpfen. und die meisten die ich hier in diesem internet kenne auch. für nicht alle sind sie so sichtbar. und nicht immer so machtvoll. aber ich kenne kaum eine, für die das alles ein zuckerschlecken ist.
    für mich jedenfalls nicht. ich freue mich auch seit den verlinkungen, dass menschen meinen blog lesen. aber ich kriege auch blöde kommentare. und ganz oft ganz viel selbsthass für das was ich schreibe. und manchmal zerreisst es mich im innern, weil meine bedürfnisse und wünsche so voneinander abweichen, weil die einen anteile nicht das wollen was andere wollen und dann tut es immer weh. deswegen kann ich gerade auch nicht so viel schreiben. zu weit auseinander.
    ich danke dir für das, was du hier so viel schreibst und für deinen mut!

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