Lauf der Dinge

müde

Es ist der dritte Tag in Folge ohne Schlaf.
Es ist der Punkt an dem ich Halluzinationen in der Sichtperipherie habe, mein Kopf auf eine dysfunktional verstümmelte Kurzstreckenwahrnehmung eingestellt ist.234247_web_R_K_by_Sarmakant_pixelio.de

Langsam über den Tag verteilt spüre ich Sandkörner in den Gelenken, die sich mit jedem Schritt vermehren. Wie Brause prickelt es unter meiner Haut und ab und an keimt die Idee in mir auf, dass es sich dabei um Insekten handelt. Am Abend höre ich dann das Aufquietschen meiner übersäuerten Muskeln und das kratzende Geräusch, welches meine Augenlider verursachen, wenn sie sich über die brennend tränenden Augäpfel zu schieben versuchen.

Ich versuche es wirklich. Ich will nicht jammern und rumheulen. Ich will nicht schwächeln und in diesen Moloch aus Selbstmitleid und Trauer verfallen.

In solchen Zeiten merke ich dann aber doch, dass ich versucht bin, nach einer Mami zu weinen- obwohl ich zeitgleich kindlich-erwachsen spüre und denke, dass keine kommen wird. Weil keine da ist. Weil ich keine habe. Weil die, die es gibt nie kommt. Weil ich ganz eigentlich auch gar nicht will, dass sie kommt, weil sie…
Weil ich eine Mami will- nicht meine Mutter.

Dieses Jahr ist es das erste Jahr in dem es keine Post um die entsprechende Zeit gab.
Keine Aufforderung. Kein Zeichen. Nichts.
Nun also nicht einmal mehr eine pseudoreligiöse Bestimmung?
Es ist wundergut- fantasischlimm und stellt den Mixer an, der sich in das Impulsgelee versenkt und alles so durchpflügt, dass ein uneinheitliches Bitterbunt in mir herumschwappt.
[Meine Mutti hat mich nicht mehr lieb.-BÄÄÄM–  Ja ne ist klar- die Olle hat dich nie lieb gehabt, begreifst du das denn nicht?!- BÄÄÄM BÄÄÄM BÄÄÄM- Hey heißt das, dass wir jetzt noch ein bisschen freier sind?- Sie wollen sicher, dass wir uns melden. Das hätten wir schon längst tun sollen. Vielleicht denken, sie, dass wir tot sind und sie trauern um uns?- BÄÄÄM BÄÄÄM- Mutti soll nicht traurig sein. Ich sollte anrufen und sagen…-Sag mal spinnst du jetzt komplett?! Wir sind nicht bis hierhin gekommen, damit du Leuten entgegen gehst, vor denen wir weggelaufen sind!- Ich bin mutterseelen allein. Mutterverlassen. Verlassen… verlassen…. verlassen _ Eine Tür knallt_  BÄÄÄM BÄÄÄM BÄÄÄM]

Ich habe mich in einer Nacht im Schlafanzug und ohne Schuhe, etwa 10km entfernt von meiner Wohnung wiedergefunden. Nach einer Flucht, wie ich denke.
Ich hatte so eine Angst vor einem ausbrechendem Feuer, dass ich mich nicht getraut habe, den Haustürschlüssel so verpackt mit Anweisungen wie es meine Therapeutin vorgeschlagen hatte, in meiner Wohnung liegen zu haben.
Ich habe wirklich Angst vor Verletzungen in so einem Zustand, Angst um Sookie, Angst um mich, Angst davor irgendwann von jemandem aufgegriffen zu werden, Angst einmal irgendwo aufzutauchen von wo ich den Heimweg nicht so einfach wiederfinde.
Angst davor zu wissen, wovor ich meine so weglaufen zu müssen.
Ich habe Angst vor Angst zu sterben.

Ich esse, nehme zu und schaue “Anxiety” dabei zu, wie sie sich mit den BÄÄÄMs vereint. Wie sie gemeinsam an der Klinge wetzen, über die sie mich springen lassen wollen, während ich Schokolade, Chips, Säfte, Zucker und allgemein ungesundes Zeug, in Massen in mich hineinschaufle, um mich mit dem Schmerz des überfüllten Bauches zu strafen und doch gleichzeitig auch auf Ebenen zu sättigen, die selbst die wertvollste Köstlichkeit nie erreichen wird.

Voilà!
Der wohl misslungenste Versuch einer Houdini-Schülerin sich aus dem kopfeigenen Selbstzerstörungs- und Ängstenetz zu befreien!
Nicht nur noch tiefer verheddert, sondern gleich noch ein paar Fesseln mehr angelegt.
Hat wohl nicht genug geschlafen!
Versagerin.
Und jetzt fängt sie auch noch an zu heulen!

5 thoughts on “müde”

  1. Das Mutter-Thema war hier auch in den letzten Tagen sehr präsent. Und wird es wohl noch lange sein. Kommt man jemals davon los?

    Zu den „Fluchten“ noch ein Gedanke. Weiß man wer da flieht? Kann man evtl. die „Flüchtlinge“ innen so weit absichern dass sie keine Flucht mehr antreten?
    Da wirkt ein (evtl. angetriggerter) Mechanismus. Wenn du die Wirkungsweise erkennen und entschlüsseln kannst, kannst du ihn blockieren.

    take care

  2. Man weiß es noch nicht. Es ist recht „neu“ (wenngleich nicht unbekannt)… wie aber leider auch unsere Therapeutin und überhaupt alles im Moment. Ich hoffe mal, dass das es so ist.

    Ich habe aber auch die Idee, dass es sich um von der Identität losgelöste Fugue-Erlebnisse handeln könnte (also dass es vielleicht einfach wie eine Art dissoziatives „Aussteigen“ auf körperliche Art ist- und nicht, wie sonst ein rein geistig-seelisches).
    Die Abgrenzung ist schwierig und wird vermutlich doch in einer Klinik eher möglich sein, als im ambulanten Setting, das wir jetzt gerade haben. *aufseufz
    Danke für eure Grüße

  3. Du könntest versuchen Hürden für das Weglaufen aufzubauen: Türen abschließen und Schlüssel an schwer zugänglichen Orten deponieren. Oder die Wege verstellen (Stühle, Absperrband). Je mehr Aufwand betrieben werden muss um die Flucht anzutreten desto größer ist die Chance dass du etwas bemerken und gegensteuern kannst.

    Dabei bleibt zu beachten dass du die Auswirkungen einer verhinderten Flucht wahrscheinlich noch nicht kennst. Das könnte evtl. nach hinten los gehen.

    Hast du einmal eine Umfrage gestartet ob es unter deinen Leuten Zeugen gibt die die Flucht selbst oder Teile davon mitbekommen haben?

  4. Vor aller Hürdenaufstellerei steht meine Angst hier nicht mehr so schnell rauszukommen, sollte tatsächlich ein Feuer o.Ä, ausbrechen und ein zügiges Verlassen der Wohnung nötig machen.
    Und danach kommt was passiert, wenn ich daran gehindert werde, zu flüchten. Darüber habe ich noch überhaupt nicht nachgedacht… tss- plötzlich bin ich sogar ganz froh, dass es noch nicht geklappt hat.

    *denkstatus under construction…

  5. Barfuß im Schlafanzug nachts auf irgendeinem Feld aufzuwachen ist kein Zustand. Abgesehen davon ist es gefährlich.
    Es gibt mehrere mögliche Erklärungen dafür: es kann der Versuch einer Rückführung in Täterkreise sein (eine fehlgelaufene Programmierung), es kann ein alter Fluchtmechanismus sein der früher dazu diente das System in Sicherheit zu bringen und möglichst viel Abstand zum Täterkreis zu schaffen.
    Es könnte auch eine Form von Schlafwandeln sein, oder eine Innenperson die Frischluftfanatikerin ist…

    Je nach Ursache würden sich verschiedene Herangehensweisen empfehlen. Fühlst du dich in der Wohnung sicher? Was könntest du tun um das Sicherheitsgefühl zu erhöhen (so dass eine Flucht evtl. nicht mehr notwendig wäre). Gibt es Gegenstände in der Wohnung die von Anteilen als Bedrohung angesehen werden könnten?
    Für den Anfang könntest du versuchsweise auch den Schlafplatz wechseln und ggf. einige Nächte auf der Couch schlafen.
    Da hilft nur experimentieren.
    Genaue Selbstbeobachtung, Dokumentation von Tagesabläufen zur Aufspürung möglicher Trigger. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Flucht und bestimmten wiederkehrenden Ereignissen?

    Kommuniziere das Problem nach innen.Schaffe ein Problembewusstsein, richte eine Alarmkette ein für den Fall dass jemand etwas bemerkt. Vielleicht kannst du so schneller die Kontrolle zurück gewinnen.
    Ist die Fluchtrichtung immer die gleiche oder wird ziellos weggelaufen? Wenn ja, wohin würde die Flucht führen wenn man die Richtung weiter verfolgt?

    Das nur als Denkanstoß. Methodisches Vorgehen ist der Schlüssel zum Erfolg.

Kommentare sind geschlossen.