Lauf der Dinge

Ausweis Beweis Nachweis Hinweis

Tag der Weisungen…

Bei der Spaßkasse war der Automat ausser Betrieb und es wurde eine Schalterauszahlung gemacht. “Ihren Personalausweis bitte?”
Unser Personalausweis ist seit den Wahlen futsch- der Vorläufige schon ewig abgelaufen. Ein neuer mit biometrischem Hässlichfoto kostet 28,45€ + 10€ für neue Fotos.
“Der ist aber gelaufen- haben sie etwas anderes da?”
“Ja- äh… mich?! Ich bin nicht abgelaufen”, charmantes Lächeln…
Die nette Frau “lässt sich mal drauf ein- immerhin will der Automat ja auch nie einen Ausweis sehen”.

Ich bin erleichtert. Nichts erklären.
Mich nicht beweisen. Mich nicht ausweislich beweisen. Nicht nachweisen, dass ich echt bin. Nicht noch ein Kampf um meine Existenz (und damit leicht implizit: mein Sein.)

Ich fühle diesen Kampf im Moment sehr oft und rutsche immer wieder fast in den Zustand vom letzten Wochenende. Aus einer Erklärung meiner Worte, meiner Wortwahl wird eine Kontrolle meines Seins, meines Echt-Seins. Und in mir artet es aus, in verzweifeltes Flehen um Gnade, ob meiner Unfähigkeit mich verständlich zu machen. Als würde genau jetzt in diesem Moment etwas wer weiß was Furchtbares mit mir passieren, wenn ich es nicht schaffe mich- etwas aus mir kommendes, verständlich zu machen und damit zu rechtfertigen.

Es hat sich viel verändert seitdem. Und wir haben unsere Umgebung verändert.
Wir haben beschlossen, aus der “Internet- Austausch-Multiszene” auszusteigen. Unser Forum ist inzwischen privatisiert, diverse Accounts von uns, sind gelöscht bzw warten auf ihre Überprüfung und wir werden auch nicht mehr jeden Blog, jede Homepage oder sonstwie geartete Selbsthilfeseite lesen und aktiv unterstützen. (Etwas das wir bis jetzt immer, absolut bedingungslos und gern taten, weil wir denken, dass jeder Betroffene von uns ganz selbstverständlich mindestens Solidarität kriegen muss, weil diese Webseiten extrem viel Mut erfordern, den wir prinzipiell immer unterstützen wollen).

Aber nun wollen uns schlicht nicht mehr rechtfertigen!
Es ist jetzt genug.
Wir erkennen tiefes Misstrauen von Betroffenen an, gar keine Frage. Wir haben Verständnis für diverse Forderungen und auch sogar für Grenzverletzungen an uns, um uns zu prüfen.
Aber wir werden uns nicht mehr erklären und als echt und wirklich real von Gewalt betroffener Mensch ausweisen!
Das sind wir niemandem schuldig und wir sind es leid, dass es in der Selbsthilfeszene inzwischen Usus ist, quasi einen “stilles leidenes Opfer”- Ausweis bei sich führen zu müssen, um anerkannt und in seiner Art und Sprache akzeptiert zu werden.

Nein, wir sind nicht mehr verhuscht und kriegen den Mund nicht auf.
Nein, wir scheuen keine Konflikte mehr und kritisieren auch mal.
Ja wir sprechen über Sex und Pornos und hängen deshalb nicht mehr gleich weggetriggert in der nächsten Ecke- stell dir vor manche von uns haben sogar richtig Spaß damit und erleben genussvoll Sexualität mit diesem Körper!
Ja, wir schlucken keine Medis mehr- und stell dir vor, wir tun das nicht, weil es uns so super toll oberprima geht, sondern weil sie uns in unserem Sein verstümmeln und Nebenwirkungen haben.
Ja, wir gehen zur Therapie um Veränderungen bei uns zu schaffen und nicht um eine Mami nachzuerleben!
Ja, wir haben keine wochenlangen Amnesieen- stell dir vor- sowas geht nach 10 Jahren Therapie!
Nein echt, wir haben nur die Sachen im Kleiderschrank, die wir als Gesamtperson ausgesucht haben.
Nein, mir ist noch nie bei der Arbeit ein kindliches Innen (oder sonst eines, das dort nichts verloren hat) “rausgefallen”, obwohl es sie echt in mir gibt.
Nein, wirklich ja wir waren im Fernsehen zu sehen mit unserem Realnamen, obwohl wir einen organisierten Verbrechenshintergrund haben und anonym leben.
Ja, echt ich weiß was Suizid bedeutet. Könntest du meinen Körper real sehen, würde dir diese Frage im Hals stecken bleiben.
Ja, wir sind multipel und sprechen trotzdem in der Regel in der Ich-Form.
Ja, wir haben Spaß.
Ja, wir lachen sogar ab und an, obwohl wir noch keine Traumabearbeitung gemacht haben.
Ja, wir weinen auch mal so, weil uns was anrührt- ganz ohne dramatische Erinnerungen dahinter.

Ja verdammt- wir sind ein multiples Opfer, dass nicht nur betroffen-leidend ist 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr-möglichst noch lebenslang, um auch ja für immer und ewig im Kreise anderer Betroffener weilen zu dürfen.
Ich benutze eine möglichst klare Sprache und will, dass die ganze Welt die gleichen Worte für die selben Dinge benutzt und nicht reserviert für bestimmte Personengruppen. Ich finde Frauenberatungsstellen und Vereine für Missbrauchsopfer toll und hilfreich ohne Ende- kritisiere aber trotzdem offen, dass man auch dort einem gewissen Gefälle ausgesetzt ist und das mögliche Miteinander verhindert wird.
Ich kritisiere Therapiekonzepte und Kliniken und weiß aber gleichzeitig, dass sie auch hilfreich sein können.

Und trotz alle dem und alle dem, sind wir ein Opfer von Gewalt.
Wir wollen kein schwarz weiß- kein “gut” und “böse”, kein “betroffen” und “nicht betroffen” mehr in unserem Leben.
Wir wollen es bunt, lautleise, wildzahm und völlig frei von alten Zwängen und Kontrolle durch Fremde. Wir wollen auch ohne Beweis unserer Gewaltvergangenheit anerkannt werden und mit allem anderen, was uns ausmacht ebenso- völlig ohne Erklärungszwang.

Der Grund weshalb wir uns Selbsthilfeforen im Internet gesucht haben, war die Seltenheit der Diagnose.
Wenn nur eine von 100 von Gewalt so wie wir betroffenen Frauen, genau meine Probleme hat, ist völlig logisch, dass die Wahrscheinlichkeit von Austausch und Kontakt im Realleben und in meiner Stadt minimal ist. Und wenn man dort wo der Austausch ginge,  auch noch einer Szene/Clique entsprechen muss… tsss- das ist als käme man Freitagnacht zu Türsteher Heinzel und hätte ein hässliches Outfit an.
Der Club ist exklusiv sozusagen. Wer die falsche Uniform trägt, wer das falsche Leiden hat- oder nur so wirkt, weil er sich noch nicht ausdrücken kann- oder sich auch nicht ausdrücken will, wie alle anderen, der bleibt eben draussen.

Wer nicht reinkommt ist auf eine Art einsam, wie man es niemandem wünschen sollte.
Gerade wenn man selbst doch ein real betroffener Mensch ist.

Für mich ist die Form von Ausschluss durch aufgedrücktes Beweisen des- ausschliesslich beim Kontrolleur so wahrgenohmmenen!- echten Opferseins, eine Art der Gewalt, wie ich sie nicht mehr aushalten und in letzter Konsequenz auch nicht mehr selbst ausüben will, indem ich als Administratorin in meinem Forum aktiv bin.

Und so, erlebe ich es also wieder einmal.
(Gewalt)Freiheit macht unglaublich einsam bzw. birgt das extrem hohe Risiko von Einsamkeit.

Aber:
Wer frei ist, muss sich nicht erklären und rechtfertigen.
Auch schön.
Entspricht der Wegweisung, die wir für unsere persönliche Freiheit angenohmmen haben.

18 thoughts on “Ausweis Beweis Nachweis Hinweis”

  1. …ich find´s schwierig, wenn´s schwarz-weiß-gemache gibt: sowohl in form von „vollzeitopfern“, als auch in form von „draufhauen auf die, die noch nicht so weit sind“ oder „elitäres klüngelgehabe unter einzelnen betroffenengrüppchen“. das erleben wir beides in der multi-internetszene. und wir erleben fakerei. also machen wir abstriche. wir finden, dass auch betrachtet werden sollte, woher solche schwarz-weiß-dinger eigentlich kommen. die typische täter-opfer-spaltung, oder? und es ist utopisch zu meinen, unter betroffenen gäbs automatisch harmonisches miteinander und solidarität, nur weil´s eben betroffene sind. das potential großer gemeinsamkeit und „zusammenstehen“ ist schon da- ebenso aber auch das große aggressionspotential gegeneinander… betroffene „dürfen“ sich aus tätersicht ja gar nicht solidarisieren…und sie sind eben unterschiedlich…

  2. Püscht- frag doch nicht so laut nach den Hintergründen dafür! Wer das macht ist nicht richtig betroffen! Wer betroffen ist kann gar nicht objektiv hinterfragen was er da eigentlich tut! Haste das denn immer noch nicht gelernt?! 😉

    Klar, ich denke was ich hier tue ist schlichtes Schliessen meiner Schutzblase- Weglaufen vor Konflikten. Nichtbearbeitung einer Spaltung. Total logisch. Aber zur Bearbeitung brauchts Kraft und ein Gegenüber- wenn beides fehlt ist eben Schicht an der Stelle für uns.

    Ich sehe immer wieder diese Verlagerung auf die „Du bist Opfer du darfst mit mir zu tun haben“ und „Du bist kein Opfer- du darfst das nicht“- Schiene. Wenn man aufzeigt, dass man sich selbst in diesem Konflikt reinszenierend verhält und gegenseitig entsprechende Rollen aufdrückt, heißt es gerne und wieder auf eine andere Schiene drückend: „Du machst hier voll auf Psychotante- du hast mir aber gar nichts zu sagen!“

    Ne, ich denke wenn man die Möglichkeit hat sich im Kontakt offen zu reflektieren (ohne „Imageverlust“ oder was auch immer für ein Verletzungsrisiko auf beiden Seiten), dann ist alle Verschiedenheit egal- dann ist aber auch die Einteilung zwischen „betroffen“ und „nicht betroffen“ und sogar die zwischen „Profi“ und „Nicht-Profi“ für den Hintern und daaaaahhaaaaannn oh Himmel weh oh wei oh Elend- könnte man ja in echten (ganzheitlichen) Kontakt miteinander kommen.
    Meine Theorie dazu ist, dass es gerade in der „Szene“ so ist, dass viele einfach so froh um die Eingrenzung ihres Probleme, die Begrenzungen ihres Selbstes sind, dass sie einfach vielleicht oft noch nicht in Kontakt/ Vermischung mit anderen gehen wollen und sich mit solchen Ausgrenzungsgeschichten abgrenzen.

    Ihr kennt ja sicher auch dieses After-Klinik-Hardcore-Abgrenzungsphänomen: „Ich grenze mich davon ab, wessen Grenzen ich platt mache mit meiner Abgrenzung“ Ich glaube, dass das total krass da mit hineinspielt.

    Das hat seine Berechtigung- keine Frage.
    Aber ganz ehrlich- ich bin mehr als ein leidendes Bündel. Ich hab meine Stimme entdeckt und ich hab viele meiner Grenzen erkundet und merke sie immer deutlicher.
    Eine davon ist dann eben auch zu erkennen mit wem eine Aufarbeitung dieser Rollenmuster möglich ist (zum Beispiel in einem Privatforum) und wem eben nicht.

    Schade daran ist einfach wirklich, dass so der Zugriff auf einen breiteren Meinungs- und Informationspool verwehrt bleibt.
    Und- nicht zu vergessen- die Möglichkeit offen und 24Stunden am Tag zu sehen: Ich bin nicht allein.

  3. Ach und bezüglich des “ Aus Tätersicht…“ Ich glaube ja, dass es den Tätern scheißegal ist, was ihre Opfer tun und denken. Und auch wie sie miteinander umgehen.
    Wir Opfer werden für Täter immer erst dann interessant, wenn wir bedrohlich sind.
    Um aber bedrohlich für Täter zu sein, braucht es eher weniger eine Masse an sich solidarisierenden Opfern sondern schlichte Angstfreiheit vor ihnen.

    Eine Masse ist immer hilfreich um diese Angstfreiheit zu entwickeln- klar.
    Aber um etwas zu bewegen ist sie eher sekundär (dünkt mich jedenfalls manchmal so…. *räusper 😉 )

  4. Wir sind schon lange nicht in Foren gewesen. Immer mal wieder probiert, aber es ist nicht unser Ding und mit der Art des miteinanders kommen wir nicht klar. Es war ne Weile wichtig – da wusste ich noch nichts vom Viele sein.
    Wir tun uns auch nicht so leicht über uns zu schreiben, obwohl schreiben uns immer schon wichtig war. Das bloggen hat sich langsam entwickelt und solange ich aufpasse das es „stimmig“ ist, wird es unsere Form der Begegnung sein.
    Das was du geschrieben hast ist mir nicht Fremd. Und oft sind es die, die am lautesten schreien, denen geholfen wird. Ich bin da nicht gut drin und muss andere Wege finden. Es geht nur was geht.

    Ja es macht „alleiner“, aber es spart auch Ressourcen.

    Es gibt vieles und gut ist, das sich jedeR aussuchen kann was er/sie braucht!

    Und Rechtfertigen? Nee, wer braucht das schon?

    gehabt Euch wohl und hey, ihr geht euren Weg und das ist gut so!

  5. ihr wisst doch: man lernt nie aus! 😉 darf ich überhaupt lernen wollen? und wenn ja, von wem? durch wen? durch was? ….hach, seufz…. die öffnung des eigenen horizontes braucht manchmal scheuklappen. ist das nicht verrückt? 😉

  6. lieber freibewegliche Scheuklappen, als starres Beharren auf unhinterfragtem Denkergebnis… 😀

    Es sei denn du willst ein echtes Opfer in der Szene sein hahahahaha dann darfst du natürlich nur das heilige „Ave Multipla“ lernen *rofl rofl

  7. übrigens: wir glauben auch, dass es tätern egal wäre, wenn es eine „masse“ an sich zusammenschließenden opfern gäbe…. da geht´s eher um qualität der zusammenarbeit, als um quantität! aber wir haben auch die erfahrung gemacht, dass kontakt und austausch mit anderen opfern damals strikt unterbunden wurde (strikte trennung u.a.), inklusive interner (systemischer) trennung…. und wenn das aufgehoben wird, wird das wohl eher nicht „scheißegal“ sein… 😉

  8. oh, das kenn ich noch gar nicht, das ave multipla… muss ich das auch bei einer oeg-begutachtung aufsagen können? oder unterm tannenbaum? oder beim jobcenter? oder in der therapie?

  9. Oh was für eine Dimension, nicht wahr?

    … denke gerade- dass das fast das Gleiche ist wie in Gruppen wo man die Klappe über die eigene Betroffenheit halten soll- einander aber total hilfreich was sagen soll….

    Wobei auch…. ich würde glaube ich vielleicht nochmal richtig abstürzen, wenn ich jemandem der mit mir gemeinsam zum Opfer wurde begegnen würde. Hm… *Denkstatus under construction

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