Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

Also mir ist es nicht egal…

*wetz wetz
Hiermit schlachte ich eine (anscheinend) heilige Kuh in der Internetszene der Menschen mit DIS:
Ich gestehe hier mit offen und ehrlich ein, dass ich es gut (und wichtig für mich) finde, die Diagnose DIS erhalten zu haben (und unter diesem Konzept an mir und meinen Problemen zu arbeiten).

So- jetzt sind die, die mich für einen Faker halten bestätigt, dann kann ich ja in Ruhe und ungestört erklären.
Dies ist die (anscheinend) große heilige Kuh:
“Es ja sowas von total egal zu finden mit welcher Diagnose man irgendwo in Behandlung ist oder erscheint- je krasser man darauf besteht, desto authentischer ist man und desto echter ist das, was man in Foren, Mailinglisten und sonstigen Austauschplattformen im Netz (und auch in der Realität) von sich gibt.
Denn dann-wenn alle einen ganz für echt halten, dann haben sie einen lieb und dann sind sie alle immer für einen da und dann ist man nicht mehr allein. Und dann- endlich kann man seinen Schmerz und sein Leiden zeigen und sich ausbreiten. Und dann hat man Selbsthilfe/Therapie gemacht und dann wird alles gut. Dann wird- was auch immer und warum- ganz bestimmt nicht mehr so weh tun.”

Ja prima. Bis die Menschen gemerkt haben, dass Selbsthilfe/Therapie etwas anderes ist, als das was sie wollen/ brauchen/ suchen und unter Umständen betreiben, und, dass diese Kuh eine Milkakuh in einer ganzen Milkakuhherde ist, haben schon die Nächsten angefangen die leckersten Kräuter an diese Kuh zu reichen und die ganze Umwelt verödet langsam aber sicher.
[hahaha meinst du echt- diese Metapher kann jetzt noch irgendwer verstehen?!]

Natürlich spielt Vermeidung eine Rolle, Zweifel an der Richtigkeit der Diagnose, Entsetzen über das, was dahinter steht. Oft genug aber schlichtes Missverstehen, Selbstdiagnosen und das Phänomen der (unbewusst) kopierten DIS und auch: ganz bewusstes Nutzen der sich verändernden Beziehung zu anderen Menschen, wenn bestimmtes Verhalten mit alternierenden “Persönlichkeiten” zu tun hat und nichts mit Impulsivität, Gier, Lust, Wut, Neid oder anderen als eher ungenehm bezeichneten oder auch beschämenden Anwandlungen.

Ich muss wirklich sagen, dass wir in dem Punkt wieder einmal echt Schwein (!) hatten, dass die Diagnose bei uns- zwar auch nach zig Griffen ins Klo und viel unnötigem Gezerre, so früh, nämlich bereits mit 16/17 Jahren gestellt wurde.
Wir hatten keine Zeit für mehr Selbstdiagnose als “komplex partielle epileptische Anfälle durch einen oder mehrere Mikrotumore”, waren egozentrisch genug nur auf uns und jede gemachte Aussage zu beziehen [Logisch oder? Wer sich vielleicht an eine Stunde des Tages zusammenhängend erinnert und aber für alles immer und jederzeit die Verantwortung übernehmen muss, der klammert sich wie doof, an jede einzelne Emotion, jedes Wort und versucht es sich im Kopf zu behalten] und minderjährig genug, um von diagnostischen Kriterien und Diskussionen darum ferngehalten zu werden.

Ich konnte von Anfang an ausschliesslich um die Ursachen für das Störungsbild herum meine Vermeidungstänze veranstalten. Ich war nicht in der Position in der ich beweisen und immer wieder unterstreichen musste, dass ich “Viele” bin, um angenohmmen, angehört und unterstützt zu werden (zu dem Zeitpunkt rechnete ich von mir auch schon fast gar nicht mehr damit, dass dies überhaupt noch je geschehen würde- und tue das nachwievor nicht selbstverständlich- und wurde darin ja auch zwischenzeitlich bestätigt)
Dort und auch in der Klinik die wir als Erwachsene aufsuchten und auch gegenüber den Menschen die nun unsere Gemögten oder unsere lieben virtuellen Kontakte sind- auch nicht gegenüber Mensch XY, war das gar nicht wichtig oder nötig. Und dort wo man diese Diagnose nicht anerkannte, wurden wir so oder so in unserem Sein missachtet und gedemütigt. Einen Vorteil im Viele-sein oder im “haben der Diagnose”, haben wir also  nie erlebt.

Wohl aber sehr deutlich was es heißt, nicht mit den Symptomen gesehen und in Bezug darauf behandelt zu werden (von Ärzten und Therapeuten).
Wir wissen auch, was es heißt eine andere Diagnose in der Akte zu haben, die da bei uns lauteten: Anpassungsstörung, Ängste, Depressionen, Borderlinesyndrom, histrionische Persönlichkeit, Schizophrenie, Psychose, Mutismus, anankastische Persönlichkeit…
Ein hübscher Strauß Diagnosen und keine ist als reine Traumafolgestörung anerkannt.
Uns wurde sehr oft durch Diagnosen unser Verstand, unsere Glaubwürdigkeit und unsere Mündigkeit abgesprochen. Unsere (Gesamt)Persönlichkeit einkorsettiert und mit Vorurteilen beladen.
Viele dieser Diagnosen lassen keine Heilung vermuten..
Und- sie lassen die Ursache meines Leidens auf mir allein lasten.

Ich habe lange genug an mich als Verursacherin meiner Probleme geglaubt, damit andere weiter weggucken konnten, statt sich meinen Problemen mit mir und meiner Wahrmung zu zuwenden und mir eine Hand zu reichen. Und ich hab im Grundsatz eigentlich- das weiß selbst ich in meiner Vermeidungsblase schon ganz leise, lange genug verleugnet, dass mein Ich aus vielen Du´s besteht und das nur so ist, weil die Menschen die mich eigentlich versorgen und lieben sollten, Gewalt an mir ausgeübt haben.

Das anzunehmen war (und ist) schwer genug.
Ich fange nicht wieder an, diese Wahrheiten zu Gunsten von unflektierten und schiefen Hoffnungen zu verleugnen, indem ich sage, dass mir die klinische Bezeichnung (und damit Bewertung und daraus resultierend die Behandlung) meiner Probleme egal sei.
Niemand sollte das tun müssen um (Selbst-) Hilfen zu erhalten oder damit angenohmmen zu werden.

Manche meinen vielleicht, ich würde mich von der Diagnose definiert fühlen. Aber das tue ich nicht. Ich fühle (und inzwischen weiß ich) mich von der Gewalt dahinter definiert und erschaffen.
Der Begriff hilft nur die Folgen auf den Punkt zu bringen.
Aber das ganz deutlich und unmissverständlich.

Es ist mir auch deshalb nicht egal, weil die Menschen, die diese Diagnose auch haben, schlicht und einfach genau auch meine Probleme haben, so wie ich und genau wie ich mindestens einmal bei einem Arzt oder in einer Klinik waren und daran arbeiteten. Genau wie ich.
Es gibt Phänomene und Symptome, die kann wirklich niemand verstehen, der sie nicht selbst einmal erlebt hat. Und ja- es hilft ganz unglaublich, wenn man nicht ewig Zeit damit verbringt diese Symptome verständlich zu machen und sich zu erklären und zu erklären und zu erklären…
Man sagt es, der andere sagt, dass er es kennt- Haken hinter und Austausch darüber was jeweils hilft.
Wenn ich in einem Selbsthilfesetting oder auch in einer Klinik bin, fallen Menschen die nicht mein Problem (und damit nicht meine Diagnose) haben, auch aus diesem Austauschrahmen heraus- nicht aber aus dem Kommunikationsrahmen und schon gar nicht aus dem Rahmen der Annahme und des Respekts.

Ich denke manchmal, dass das viele Menschen in den Foren, Listen und Plattformen vergessen.
Und auch, dass sie vergessen wie ihr Schreiben auf ganz Unbeteiligte wirken kann und wie es auf Menschen wirkt, die ganz und gar keine Ahnung haben.
Entweder es ist dann so, dass Faker solchen Verhaltens-Meinungsusus aufgreifen und extrem überzeichnen, um das Forum zu sprengen; oder irgendjemand der einen betroffenen Menschen bei sich zu Hause sitzen hat, kommt zu dem Ergebnis, dass er das alles viel zu anstrengend findet…

Für mich ist es also sehr wohl von Bedeutung welche Diagnose jemand hat. Für mich bedeutet es eine Veränderung des Rahmens und das ist mir wichtig zu wissen- macht mich sicherer im Kontakt.
Und für mich selbst ist es wichtig, weil mir dieser Stempel (neben der Kategorie, die sie  mir gibt) die Schuld an meinem Zustand nimmt und ich mich- neben allen Prozessen die dieser mitbringt, nicht auch noch hassen muss, weil ich von Grund auf und von Geburt an “eben einfach so –belastend beängstigendes wahrnehmend- gruselig- irre- wahnhaft- zwanghaft- stumm-  hysterisch- episodisch kindlich/ männlich/ jugendlich- hassend”, bin.

4 thoughts on “Also mir ist es nicht egal…”

  1. Ich habe zwar keine Erlebnisse mit Haltungen wie der von dir beschrieben in den Foren gemacht, kann aber trotzdem gut nachvollziehen, was du sagst. Es ist einfach wichtig, den Problemen einen Namen zu geben und sich nicht immer erklären zu müssen, gezielt arbeiten zu können an den Problemen. So lange für eine psychologische Behandlung Namen für Probleme vergeben werden, die die Therapie beeinflussen, ist es einfach wichtig, das die Namen auch zum Problem passen. Sonst kann die Therapie ja gar nicht passen! Auch die Entlastung, nichts dafür zu können, kann ich gut nachvollziehen. Ist bei mir zwar eine andere Baustelle und die Diagnostik noch nicht beendet… aber… ja. Es wäre gut zu wissen, dass ich einfach so bin und nichts dafür kann.

  2. Und Diagnostik verändert sich ja auch!
    Ich fänds richtig gut, wenn sich irgendwann mal herausstellt, dass ich klinisch betrachtet nicht mehr multipel bin und es dann anders heißen kann. Dann wird sich auch wieder der Rahmen verändern.

    Was mir einfach immer wieder so aufstößt ist das Überzeichnen eines Merkmals von persönlicher Haltung zur Diagnose.Irgendwo in irgendeinem Fachbuch stand mal, dass Menschen mit DIS die Diagnose nicht haben wollen und sie ihnen egal ist- diese also echt sind.
    Und seitdem kräht einem diesen Aspekt jeder Betroffene und „gerne-betroffen- sein- Möchtende“ mit voller Wucht ins Gesicht um auch jaaaaa authentisch zu sein.
    Ich komme mir in so einer Umgebung dann regelmäßig so vor, als würde ich falsch („nicht echt“) sein, nur weil ich finde, was ich finde und nur weil ich in diesem einen Aspekt der persönlichen Einstellung zu der Diagnose nicht mit der Aussage im Buch (die eigentlich eh nochmal anders gemeint ist) und der darauf folgenden Überzeichnung in „der Szene“ übereinstimme.

    Etwas Ähnliches erlebte ich auch in einem Forum für Betroffene von Essstörungen.
    Gut die Hälfte der User da hätte bereits tot sein müssen- so strikt wie sie angeblich hungerten -.-

    Ich weiß auch nicht… vielleicht liegts auch einfach am Internet“klima“, dass man total extrem sein muss, um noch ernst genohmmen zu werden?
    Ist doch total schräg, wenn man sich als „normal belasteter Mensch“ schon „falsch“ im Sinne von „gefaked“ vorkommt, nur weil man nicht so krass leidet, wie andere.

  3. Das ist wirklich etwas merkwürdig, ja. Es gibt doch zu jeder psychischen Störung etwa so viele Meinungen wie Fachleute, die sich damit auseinander gesetzt haben! Warum sollte man da irgendetwas an einem bestimmten Merkmal festmachen können? Kapier ich nicht. Und gerade wenn es sowas wie „leugnen der Störung“ ist, woraus dann konstruiert wird, dass es einem egal zu sein hat… nee, passt nicht in meine Welt. Eine Diagnose kann doch so eine große Erleichterung sein, wenn man endlich weiß, welchen Namen das Problem trägt! Warum sollte man dann nicht im Umfeld anderer Betroffener ganz klar dazu stehen? Oh man. Ich stoße mal wieder an meine Grenze auf dem Gebiet „Menschen verstehen“, ganz eindeutig. Ich kenne allerdings auch nur ein ganz kleines Eckchen der Selbsthilfe-Foren-Welt, in dem es recht human zugeht und Faker kaum auftauchen, weil kaum jemand die Störung kennt. Es mag sein, dass du damit recht hast, dass in größeren Foren einfach so viel Leid besprochen wird, dass bei vielen Menschen das Bedürfnis entsteht, sich selbst ihren Anteil am Mitleid-Kuchen mit allen Mitteln zu sichern und zu verteidigen. Finde ich schade. Ich habe allerdings gerade in der Blogwelt nicht das Gefühl, dass man Extrem sein muss um ernst genommen zu werden, sondern eher den Eindruck, dass authentisch, wie auch immer das im Einzelnen dann aussieht, der entscheidende Faktor ist. Ich lese gerne dort mit, wo ich das Gefühl habe, eine Ahnung zu bekommen, wie der Mensch hinter dem Blog ist. Aber wenn ich lese, wie es wohl in Foren zugeht, bin ich gerade auch sehr dankbar darüber, dass meine Blogwelt anders aussieht.

  4. Jaa dieser doofe Mitleidskuchen *Augen roll
    Ich krieg die Krise, wenn mir den einer in den Mund stopfen will und andere hungern danach… ja sowas verstehe ich nicht!
    Die Blogwelt ist ja irgendwie auch eine andere Grundlage.
    Hier steht ja von vornherein „Infoquelle“ oder „Guck mal was ich so mache“ drauf – Rückmeldungen kommen viel persönlicher und um ein Vielfaches unbeeinflusster beim Autor an.

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