Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge, OEG- ein Drama in X- Akten

OEG erster Akt

Heute war es nun soweit.
Ein erstes Informationsgespräch mit einer Vertreterin des Landschaftsverbandes, um einen Ablaufplan zu bekommen.

Zur Information meiner nicht betroffenen oder auf der Suche nach Informationen befindlichen Leser:
Wer Opfer einer Straftat wird, hat, weil es der Staat nicht geschafft hat einen zu schützen, Anspruch auf Entschädigung nach dem OpferEntschädigungsGesetz.
Nötig sind: eine Strafanzeige; ein Täter (welcher in Regress genohmmen wird) dazu und eine Verurteilung.
Natürlich gibt es viele viele Ausnahmefälle und viele Einzelfälle die sorgfältiger Begutachtung und allgemeiner Überprüfung bedürfen. (weitere Infos —> klick )
Aber als Grundinformation braucht man eigentlich nicht mehr zu wissen, um zu erkennen, dass die meisten Menschen mit DIS am Arsch sind, in Bezug auf eine Entschädigung durch dieses Gesetz.

Wir wurden sehr früh, sehr schwer und durch verschiedene Täter traumatisiert.
Alle Zeugen dieser Straftaten sind entweder selbst Täter oder Opfer. Namentlich vorgestellt hat sich dabei übrigens niemand, oder mir gar noch seine Adresse gegeben oder sonstiges…

Nähere Erklärungen zu “unserem Fall” werde hier natürlich nicht schildern, doch den einen oder anderen Punkt möchte ich von diesem Gespräch doch erwähnen und meiner derzeit übermäßigen Bitterkeit Raum geben.

Wir haben uns in Rücksprache mit der uns bereits seit Jahren vertretenden Rechtsanwältin entschieden, uns direkt vom Landschaftsverband Informationen geben zu lassen, wie eine Antragsstellung bei einem Menschen mit dem Hintergrund der organisierten (Pädo)Kriminalität aussehen kann.
Insgesamt dauerte das Gespräch etwa eine dreiviertel Stunde.
Die ersten 15-20min lauschten wir den Platitüten und allgemein zugänglichen Informationen, die jeder, der über eine Antragsstellung nachdenkt im Internet oder auch in jedem Flyer darüber, nachlesen kann.

Ich kam mir vor wie im Jobcenter.
”Ja also wenn sie Leistungen von uns möchten, dann muss in jedem Fall eine Strafanzeige gestellt werden, ansonsten entziehen Sie sich ihrer Mitwirkungspflicht…”
Grundsätzlich mal: Wir MÖCHTEN keine Leistungen! Wir BRAUCHEN sie (weil es auch hier der Staat verkackt hat sich zu kümmern!) und wir haben verdammt und zugenäht EIN VON DER GESETZGEBUNG ZUGESICHERTES RECHT auf Leistungen dieser Art!!!
Wir kommen nicht; um um etwas zu bitten! Wir kommen um etwas einzufordern! Um etwas einzufordern, das uns zusteht und nur deshalb nicht an uns heran gereicht wird, weil man vorher überprüfen muss, ob die Forderung gerechtfertigt ist- so richtig echt und wirklich.
Und diese Überprüfung halte ich für grundsätzlich gerechtfertigt und okay. Und um diese Überprüfung zu erleichtern, wirke ich selbstverständlich so gut mit wie es mir nur irgendmöglich ist!

Allein die Sprache liess mir heute schon wieder die Galle den Hals hochkriechen. Was ist das für ein Ding, das es diesen Menschen erlaubt, mit Menschen, die ihre Rechte einfordern und entsprechende Anträge stellen, zu sprechen als wären sie ein elendiges Bettelpack?!
Ich sitze dort und fühle in meinem Anliegen impliziert, dass ich mir etwas unerlaubt nehmen will, weil ich es einfach mal so möchte… wie man manchmal einfach ein Eis möchte, weil Sommer ist und es einfach erfrischend und nett wäre.
Ich komme aber dahin, hab fett zugeschwollenes Gesicht und brauche ein Eis, um etwas sehen zu können! Aber das muss ich erstmal beweisen…

Nun ja, nach etwa 23 Minuten brauchte ich das erste FishermensFriend. Es zeichnete sich ab, dass man doch mehr auf unsere Situation bezogen nachbohren musste.
Erst nach der vierten oder fünften Schleife, (ich habe eine echt tolle Anwältin, die hartnäckig ist und sich nicht einfach abspeisen lässt!) bemerkte die Frau dann auch endlich, dass sie sich selbst widersprach! Und bemerkte, dass sie uns leider keinen konkreten Laufzettel geben konnte.
Die Logik, dass wir erst Schutz bräuchten der garantiert ist, um eine Anzeige zu erstatten (um unserer Mitwirkungspflicht nachzukommen) war schon klar. Aber dass man diesen Schutz erst dann bekommt, wenn man eine Anzeige erstattet hat… irgendwie brauchte das eine eeeewige Schleife zu ihr hin.
(Da saß ich schon mit dem zweiten Fishermen im Mund, weil ich einen kurzen Anflug von Wahnsinn(sungeduld wegen Dummheit!) hatte.

Naja, das Gespräch endete mit dem Wissen, dass eine Gefährlichkeit des Täters nachgewiesen sein muss bzw. die Organisation als gefährlich bewertet sein muss, um sich eventuell vielleicht auf eine Ausnahmeregelung einzulassen… ganz objektiv natürlich. [Nein nein, man fängt nicht an in bestimmte Richtungen zu denken, wenn man an “organisiertes Verbrechen” denkt… nein nein.. Hollywood und Co kommen da natürlich NIE drin vor… und dafür gibts ja dann die Glaubwürdigkeitsgutachten…, welche, wie uns die Frau mit eindringlich mahnender Stimme mitteilte, sehr viel Geld kosten. Netterweise hat sie sogar noch genau gesagt, wieviel- so dass hier gleich wieder die “wir sind zuviel” Lampe aufblinkte. ]

Naja. Also: Nichts Neues für uns eigentlich.
Aber mir ist aufgefallen, wie wichtig die parteiische Vorinformation für uns gewesen ist. Alle Informationen rund um das Thema des OEG haben wir von der Opferhilfe, Frauenberatungsstellen, unserer Rechtsanwältin und anderen Betroffenen. Wäre dies ein erstes Informationsgespräch gewesen, hätten wir unser Ansinnen sofort und auf der Stelle zurückgezogen.
Wäre unsere Rechtsanwältin nicht so großartig renitent und professionell dreist, hätte ich heute wohl wieder gelernt, dass Wahnsinn forciert und entsprechend genutzt wird.

Trotzdem bin ich wieder bei der Erkenntnis gelandet, dass es nichts Schlimmeres als den durch Erfahrung klugen und organisierten Täter gibt. Er nutzt die Lücken des Systems und kann sich darauf verlassen damit durchzukommen.
Der Gedanke, dass es angesichts der, im Jahre 2007 von der polizeilichen Kriminalstatistik  angegebenen, 11.357 Fälle von Kinderfolterdokumentationsprodukten (infamerweise nachwievor “Kinderpornographie” genannt und damit Kinder als bezahlte Schauspieler darstellend!!!), auch Opfer geben muss, ist noch nicht angekommen. Ganz offensichtlich nicht. Dass es das gibt- dass die Existenz dessen endlich anerkannt ist… darüber dürfen wir Opfer uns heute freuen! Und darüber freue ich mich auch- ganz ehrlich!
Ich freue mich aber vorallem deshalb darüber, weil ich so diesen Kampf um die Existenz dessen nicht auch noch zu führen brauche.

Dass ich nur beweisen muss, wirklich deshalb ein so verdammt beschissen schweres; verkrüppelnd anstrengendes Leben führe, weil jemand mich zerstört hat und nicht, weil ich so geboren wurde.

Das ist so krass, dass ich mich nicht etwa frage: “Schaffen wir es genug vernünftige Aussagen zu erlebter Gewalt zu machen?”, sondern: “Haben wir genug positive Ressourcen, um uns von dieser tiefen Bitterkeit zu erholen, die uns nun immer wieder und wieder begegnen wird?”.

Heute hatten wir sie noch nicht.
Heute mussten wir diese Bitterkeit rausschwemmen.

Aber es gibt ja noch viele viele Morgens …

7 thoughts on “OEG erster Akt”

  1. Deine Verbitterung über dieses Gespräch und die Haltung der Vertreterin des Landschaftsverbandes kann ich richtig gut verstehen. Mich kotz es auch an, ständig um alles mögliche kämpfen zu müssen was uns eigentlich zusteht.
    Was das OEG betrifft, finde ich das noch mal ganz besonders spannend. Also, als ich vor 15 Jahren den Antrag gestellt habe (und meine Geschichte scheint eine ganz ähnliche zu sein), brauchte ich keine Anzeige erstattet haben. Es reichte die Mitteilung, dass ich aufgrund von zu großer Gefahr für Leib und Leben nicht anzeigen konnte. Diesen Tipp hatte mir damals jemand gegeben. Und siehe da, es hat funktioniert.
    Nun ist es aber wohl so, dass man beim Versorgungsamt die Richtlinien verändert hat, und es ein absolutes Muss zu sein scheint, dass Opfer die Täter benennen müssen, oder eben wenigstens Anzeige erstattet haben müssen. Und wenn du mich fragst, die Hintergründe haben absolut nichts mit Menschen wie mir und dir zu tun. Ganz platt und nüchtern betrachtet, wollen sie einfach Geld auf unsere Kosten sparen. Fakt ist, dass die Aktenschränke der zuständigen Sachbearbeiter für Kriegsopferfürsorge bei den Sozialämtern sich sehr geleert haben, so sehr, dass einige Stellen bereits gestrichen wurden. Und diese Info habe ich bereits vor einigen Jahren bekommen. Und für mich klingt das sehr danach, dass sie schlichtweg auf diese Weise Kosten einsparen wollen. Früher waren deren Schränke voll von Menschen, die durch Kriege geschädigt waren. Heute könnten sie von Opfer andere Gewalttaten voll sein, was aber durch solche Auflagen verhindert wird. Offiziell würde das natürlich niemand zugeben wollen, dass sie gerade bei den Opfern einsparen. Sie tun das auch nicht direkt, nur indirekt und das lässt sich ja schon irgendwie vertuschen. 😉
    Wir sollten eben nie vergessen, dass Täter in allen Schichten sitzen.

    Aber zum Glück sind eben nicht nur die schlau, sondern auch so manche Opferanwälte, die Gesetzeslücken finden. Mir reichte es damals, dass eine relativ bekannte Ärztin dort mal angerufen hat. Innerhalb von ein paar Tagen hatte ich alle Zusagen. Oft hängt es einfach daran, dass die Leute, die da zu entscheiden haben, im Grunde keine Ahnung davon haben, worin unser Leid genau besteht. Und soviel Vorstellungsvermögen wie wir haben sie ja irgendwie eher nicht.

  2. Ja und dieser Aspekt: „Die wollen auf unserem Rücken Kosten sparen..“ lässt mich so bitter werden!
    Das ganze Gesundheitssystem wird bereits zusammengespart- und zwar so sehr, dass man echt und wirklich auf diese OEG-Leitsungen angewiesen ist… würde ich einfach so- einfach weil ich echt krank bin- meine Therapie finanziert bekommen, würde ich mir diese Nummer hier gar nicht erst geben!

    Es ist so krank, dass ich der Staat immer erst dann für Vergeltung und Ausgleich interessiert, wenn es darum geht von sich wegzuschieben…

    Übrigens:
    diese Darlegung der Gefährlichkeit des Täters oder der Organisation dient der Rechtfertgung von der Darlegung der Gefahr für Leid und Leben. Also das gibt es nach wievor- nur muss „Opfer“ inzwischen sogar noch beweisen, dass es nicht nur „Angst vorm schwarzen Mann“ hat…
    Die Beweisppflicht wird nun auch noch mehr und mehr auf die Antragssteller abgewälzt.
    Das ist für uns irgendwie gerade so, dass wir den Eindruck haben, wir müssten die Ermittlungs- und Beweisarbeit machen und die nur noch die Arbeit, zu schreiben, dass sie uns nicht glauben..
    (aber klar- das ist natürlich super subjektiv…ne? )

  3. heftig…wünschen euch ein dickes Fell für das und alles noch Kommende

    Wirklich spaßig wird es ja auch dann, wenn man aufgrund der Tatsache, dass man eine Traumafolgestörung hat bzw. dissoziativ ist, nicht als glaubwürdig genug gilt, um eine Aussage über die erfolgten Traumatisierungen tätigen zu können – und diese Traumatisierungen infolgedessen als nicht erwiesen gelten…total banane das alles *kopfschüttel*

  4. Seufz……… wir haben ja auch nicht angezeigt und sind im Verfahren. 9 Jahre sind es jetzt 😦

    am besten, wenn es gelingt das sehr pragmatisch durchzuziehen….. gelingt nicht immer.

    Aber ihr habt angefangen!!! Und wir drücken die Daumen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Liebe Grüße von uns!
    anja und co

  5. Wenn wir uns ganz sicher sein könnten geschützt zu werden- ohne wenn und aber- dann würden wir auch anzeigen.
    Aber… der Staat hat es schon nicht geschafft uns zu schützen als wir ein unmündiges hochabhängiges Kind waren- nun sind wir deshalb erkrankt und der Staat will uns nicht schützen, weil wir wegen dieser Erkrankung ja eventuell vielleicht auch was Falsches angeben… Ja also hallo?
    Naja… mal sehen. Wir machen erstmal die Schritte die möglich sind und gucken immer wieder neu…

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