Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

hilflose Helfer

Es gibt Tage, da kann man nicht gewinnen. Ist aber gezwungen weiterzuspielen.

So ist das Leben- es geht immer weiter und es geht um des Lebens selbst Willen.
An sich bin ich sehr dankbar für diese Einstellung des Lebens zu sich. Es ist wertbefreit und geht einfach nur darum prinzipiell existent zu sein. Ausgestaltung und Befindlichkeit ist sekundär.

Wenn es sich doch bitte nicht gleich immer so ganz fürchterlich anfühlen würde, wenn es mal “untoll” ist! Und wenn doch bitte auch nicht immer gleich meine ganze Welt wackeln würde.
Himmel noch eins!

Es geht uns nicht gut. Es geht uns überhaupt nicht gut, schon seit wir “den letzten Tanz “ getanzt hatten nicht. Diese riesengroßen Warum?´s haben nachwievor keine neue Bleibe. Sie wachsen und wachsen nachwievor und es gibt immernoch keine Antwort. Keine Sprache und keine Worte um zu erklären oder in Kommunikation zu kommen. Der schriftliche Ausdruck ist das einzige Ventil und dieses ist noch nicht einmal so entlastend wie sonst. Fast eher das Gegenteil.
Wir fühlen uns von dieser sonst so zuverlässigen Ressource verlassen. Und dieses Verlassenheitsgefühl ist noch wieder Nahrungsgrundlage für diese Warum?´s.

Aber wir sind ja nicht mehr klein und darauf angewiesen, dass andere uns sagen, dass wir uns Hilfe holen können und dürfen.
Wir haben versucht es in der Therapie zu besprechen und sind in eine Kette gerutscht. Total ärgerlich! Klar- sowas kann passieren und gerade wenn man neu anfängt mit jemandem und allgemein eher krisig ist- aber bei diesem Thema war es super mega scheiße, dass es passiert ist. Diese Stunde vor dem Urlaub im größten Teil mit Reorientierung zu vergeuden, war einfach nicht gut.
Und selbst an dem Punkt hielten wir uns vor: “Okay wir sind groß, wir haben viel gelernt- ja wir machen dies und das und dann das und das und dann nutzen wir dies und jenes…” Ja- eine Woche Therapeutenurlaub, bekommt man so auch noch hin. Davon geht die Welt nicht unter. Das Leben geht ja weiter- egal, ob man gewinnt oder nicht. Ob beschissene Feiertage, die noch wieder ganz andere Sachen in Wallung bringen, dazwischen liegen und man gleich mal noch DIE Sinnkrise ever dazwischen schiebt, oder nicht. Es lebt und lebt und lebt.
Wie dieses bekloppte Energizerhäschen (ehrlich- derjenige der sich diese Werbung ausgedacht hat, muss doch inzwischen reich sein, oder? Wann gabs die im Fernsehen? Und immernoch wirds als DER Vegleich für Langlebigkeit herangezogen.. Bombe!) gehts immer weiter- vielleicht auch in pink und plüschig mit irrem Grinsen?

Doch das Leben ist ja auch Entwicklung und Mutation. In unserem Fall haben sich mal eben die Warum?´s mit einem weiteren Aspekt, der gerne mal in Bezug auf überlebte Gewalt auftaucht, gepaart. Herausgekommen ist ein ekelhaft ohnmächtig machendes: “Ist das wirklich passiert?! WARUM hab ich dann kein Wort dafür?! Ich hab doch sonst immer Worte! Weil ich jetzt keins hab, kanns ja auch gar nicht passiert sein.”
Dieses fliederfarbene kratzig inkonsitente Ding legt alles lahm.

Und das ganz offensichtlich auch bei Helfern und Gemögten.
Es tauchte auf, nahm uns in Besitz und wir sind trotzdem immernoch groß und sorgen gut für uns- obwohl es sich inzwischen so anfühlt, als wäre es sowas von falsch und verboten (Weil: “Es ist ja nichts passiert- man kann es ja nicht benennen- also darf man auch keine Hilfsressourcen fressen”) und dann: Versagt das Hilfsnetzwerk.

Großartig.
Ja. Menschen dürfen krank sein. Ja. Menschen dürfen arbeiten. Ja. Menschen dürfen mich nicht verstehen. Ja. Niemand ist verpflichtet mir zu schreiben, mich anzurufen oder überhaupt Kontakt mit mir zu machen. Ja. Alles richtig und okay.
Aber ich brauche doch Hilfe!
Und jeder sagt mir doch, dass ich sie haben darf.
Und sogar wo ich sie bekommen kann.

Also riefen wir bei der Telefonseelsorge an. Und hatten eine Frau am Telefon die einerseits Verständis hatte und bemüht war zu helfen (“Wenn sie es nicht so sagen können, schreiben sie es doch auf und rufen mich nochmal an. So in einer Stunde. Vielleicht geht es dann”) aber andererseits absolut nicht in der Lage mehr zu tun, als uns zu sagen “Sie brauchen professionelle Hilfe”. Ja Sorry- aber auf diese Glanzidee waren wir auch schon gekommen?!
Also zweite Email an die Frauenberatungsstelle. Keine Antwort. “ Findet sie uns doch scheiße? Hat sie jetzt doch für sich erkannt, wie schlecht wir sind und sie will sich schützen?! Krankheit? Tod?! PC kaputt? Darf man nicht so fragen? Was hab ich falsch gemacht? G’tt- hat sie Ärger gekriegt?!” rasen die Ideen und Gedanken wie ein D-Zug durch Kopf und Seelen- obwohl man eigentlich weiß, dass das Meiste dieser Gedanken Quark ist.
Also bestimmt der 20ste Anruf an eine der Stellen an der wir unsere Gemögten vermuten. Handys angeklingelt. Keine Antwort.
Wie ein Krake die Arme ausgefahren.
Letzte Station: sozialpsychiatrischer Krisendienst. “Wo wohnen sie- ich denke es ist besser wenn sie jetzt nicht allein sind. Wir können uns über eine Krisenintervention in unserem Hause unterhalten” Prima!!! Jetzt gleich noch ein paar Klapsenerinnerungsflashs und ich denke:
“Maaaan- ich will eure Hilflosigkeit nicht sehen! Ich will jetzt einen der mir einfach nur ein Wort gibt! Ich will das jetzt hier einfach nur mit einem Stempel versehen können und nichts weiter als es so verpackt auf meine Müllkippe schmeißen! Jetzt zeigt mir doch nicht, dass ihr diesem schlimmen Ding auch so hilflos ausgeliefert seid wie ich! Ihr seid doch die Anderen! Ihr seid doch die, an die ich mich wenden soll, wenn ich Hilfe brauche! Ihr seid doch die, die Macht haben das alles ein bisschen von mir zu nehmen!”

Nein, das sind sie alles nicht. Keiner ist das. Mal wieder wackelt unser (total junges und mühsam ins Innen gebrachte!) Bild davon, dass man Hilfe bekommt, wenn man sie braucht. Mal wieder sind wir in einer Position, in der wir Innenkinder die ihre Gefühle von abgrundtiefer Einsamkeit, Verzweiflung, Ohnmacht, Hilflosigkeit und einem gewissen Ausgeliefert sein in sich tragen, nicht so einfach “ruhig” bekommen. Wo wir nichts aber auch gar nichts einbringen können um Entlastung, Linderung oder schlicht “Ja… ich bin da” erschaffen zu können.

Dann klingelte das Telefon und eine Gemögte war dran. Sie kennt uns. Sie weiß um unser sein. Und schafft es doch auch nur wieder noch weitere Risse reinzubringen.
So schaltet es um auf diesen “Ja ich nehme an was da ist und lasse sie nicht spüren, wie es in mir schreiht”- Modus.
Der beste Aspekt an dem Anruf ist noch, dass wir wissen, dass sie überhaupt noch lebt. Dass sie da ist- immerhin diese Angst kann man in dem Moment schon mal abhaken.

Und der Rest?
Es liegen jetzt etwa 165 einhalb Stunden vor uns, die wir irgendwie leben müssen.
Klein und schwach und verletzt- fühlend, obwohl wir doch groß sind. Und obwohl wir doch wissen, dass wir eigentlich Hilfe bekommen könnten. Und doch ist es einfach schlicht die falsche Hilfe.

Warum gibt es keine Telefonseelsorge für traumatisierte Menschen?
Warum werden die Menschen bei der Telefonseelsorge so schlecht auf solche Themen vorbereitet?
Warum sind sie Funktionen der öffentlichen und kostenlosen Beratungsmöglichkeiten so exakt auf: “Entweder sie kommen klar oder sie müssen in die Psychiatrie” ausgerichtet?

Warum sind denn alle so hilflos und gaukeln mir aber vor, sie wären es nicht?

Warum sitze ich hier jetzt allein in meiner Wohnung, hab Angst, fühl mich schlecht und keiner ist bei mir, wenn ich doch so groß bin und eigentlich alle Hilfe ranholen kann, die ich brauche? Ich muss doch nicht mehr allein sein. Ich kann doch jetzt für mich eintreten. Ich bin doch jetzt auch groß und mächtig!

Warum soll dann die einzige Hilfe ausgerechnet die sein, die mich klein und schwach macht?
Fühlen sich dann alle Helfer weniger hilflos?
Warum soll ich mich denn dafür opfern?

Ich hab euch doch nichts getan!

7 thoughts on “hilflose Helfer”

  1. Nach dem Lesen deines Beitrags hier tönts in meinem Schädel auch nur: „Amen, Schwestern!“.

    Unserer Meinung nach wird es auch nötig, dass sich professionelle Helfer auch mit den Abgründen unserer Gesellschaft und den Folgen auseinandersetzen.

    Es sollte nich eure Aufgabe sein darauf zu achten, dass eure Therapeuten oder sonstige professionelle Helfer nicht überfordert werden. Es gehört nun mal zum Beruf zu lernen sich abzugrenzen, sich um Supervision zu kümmern usw. Dass es euch und vielen anderen mit ähnlichen Schwierigkeiten nicht gut tut immer peinlichst bemüht zu sein, dass Außenstehende ja nicht überfordert werden, ist auch nicht zu übersehen. Das ist einfach ne Weiterführung des alten Schweigens, gibt einem das Gefühl zu viel zu sein für diese Gesellschaft. Man darf nich dazu gehören. Der ganze Schrott eben

  2. Ach diese Angst vor Überforderung hätte ich jetzt gerade glaube ich nicht einmal- sowas kriegen wir erst oder eher, wenn wir diejenigen Helfer näher kennen oder zum Beispiel bei Gemögten.
    Was einfach so so ein Punkt ist, ist, zum Beispiel die Telefonseelsorgefrau hat der verzweifelten Innenperson vermittelt, sie würde ihre Worte nicht glauben und sie bräuchte eine „professionelle Hilfe“ (also die Klapse- vermutlich dachte sie, wir hätten einen Realitätsverlust- was ja irgendwo passt- immerhin kämpft man hier gerade wie doof gegen das Gefühl an, ob etwas Schlimmes real ist oder nicht). Und hat sie (uns) damit weggeschubst und allein gelassen. Anstatt direkt zu sagen: Phu- ich bin überfordert und hilflos. Wenden Sie sich XY, die können sie da besser beraten.
    Aber da es besagt-gewünschtes XY nicht gibt- weil es eben keine spezielle Krisenhilfe für Traumatisierte gibt!- konnte sie uns nur durch die Blume ihre Hilfslosigkeit aufdrücken.

    Das gleiche für die Psychiatrie- der Mensch da konnte nicht vernünftig reagieren- fühlte aber große Not und schlug das Einzige vor was ihm einfiel: Sie soll her kommen, Medis schlucken, schlafen und morgen mit einem Psychologen sprechen (der keine Ahnung von DIS hat!) Auch wieder weil er keine Ahnung von der Thematik und sämtlichen Nebenarmen hatte und keine andere Anlaufstelle da ist.

    Es ist ein Riesenproblem und unsere Politik kürzt weiter und weiter und weiter
    ist ja nicht schlimm wenn jemand wie wir- die nicht arbeiten und nur Ressourcen fressen und eine Belastung fürs Gesundheitssystem ist- sich das Leben nimmt, weil er einfach nirgendwo die Hilfe bekommen kann, die er braucht.
    Schwund ist immer.

    Und genau diese Haltung bietet meiner Meinung nach, den optimalst möglichen Nährboden für altes Schweigen auf dem das neue immer weiter wachsen kann.

  3. http://www.helpline-sh.de/ Hallo Ihrs, hab Euren Blog grad erst entdeckt… verstehe Euch… und der Link, das ist ne Art Telefonseelsorge für Trauma-Leuts… haben aber selber noch nie da angerufen… aber die sollen wohl ganz gut sein. Nur leider nich rund um die Uhr besetzt. Ansonsten kann man auch versuchen bei nem autonomen Frauenhaus in der Umgebung anzurufen und mit denen paar Minuten versuchen zu reden… wenn die nicht grad in nem akutfall sind, hören die auch zu und verstehen… (haben wir mit ner freundin mal gemacht).
    Sorry, wenn das bissel wirr is – haben auch grad erst 2 Artikel hier gelesen… und tun uns schwer damit, uns zu „outen“… aber trotzdem… dachten vllt hilft es ja und vllt kann man ja in Austausch kommen.

  4. Oh und kostet auch Geld. Sollt ma auch wissen bevor ma anruft, weil das in Zeiten von Flats ja nich mehr so üblich is. 6,2 Cent pro Minute ausm Festnetz. Aber sind wohl echt fit da.

  5. Hallo ihr 🙂
    Willkommen bei uns!
    Danke für den Hinweis- mal sehen ob das etwas sein kann.
    An manchen Punkten kommt man so ins rotieren, dass man im Zweifel einfach alles und jeden anruft, also zumindest diesen Punkt von Ohnmacht und „wir dürfen aber nicht“, haben wir fertig.

    Viele Grüße!

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