Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

Schmerz

“Wenn man ein eigenes Blog oder eine eigene Website hat, ist der Wunsch nach Anerkennung des Geschaffenen permanent vorhanden; zumindest latent”, ereichte mich heute ein Kommentar.

Oh man- will ich Anerkennung? Gesetzt den Fall, es gäbe welche- wäre sie erlaubt? Nein- natürlich nicht! Aber ich brauche es ja auch nicht zu befürchten. Kommt ja keine.
Und wenn doch, dann wird sie mir gleich wieder weggenohmmen von den “BÄÄÄM”s (oder von der allgemeinen Dissoziation- eigentlich braucht man diese Anerkennung ja nur einem Innen zu sagen, zu dem ich (noch) keinen Kontakt habe. So oder so bin ich also (vorerst) sicher davor, Anerkennung oder Lob aushalten zu müssen.
Phu! Na, dem Himmel sei Dank!

Trotzdem schleicht sich nach dem Kommentar die Frage ein, was ich hier (im Leben, in dieser Welt) eigentlich treibe. Gut- das frage ich mich jeden Tag und selten bekomme ich wirklich eine Antwort darauf. Meistens habe ich sowieso nicht genug Kapazität dann darüber ins Grübeln oder vielleicht ins Bedauern zu kommen, dass ich keine Ahnung habe.
Heute aber ist ein Feiertag, es regnet, ist grau und trüb, ich habe Schmerzen und fühle mich ganz grundsätzlich schlecht. Perfekte Bedingungen also mal so richtig nachzudenken.

Ergebnis bis jetzt: Ich lebe einen Alptraum und will das perfekte Leben.

Liebe Nichtbetroffenen: So stelle ich mir eure Welt vor:

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Die Gefahr im Rücken- aber wenn man nicht hinguckt, dann ist alles gut (und hey seien wir mal ehrlich- soooo groß und schlimm ist die Gefahr wohl auch nicht, oder?). Niemand ist allein. Die Sonne scheint, Blumen blühen und in der Nähe ist das sichere Zuhause.

So sieht meine Welt aus:

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Es gibt kein Entkommen. Kein Schutz. Nichts und niemanden ausser sich selbst und das große gefährliche böse Ding, das jeden Moment über einen herfällt.
Meine Tage vergehen damit vorsichtig- unmerklich- langsam- klammheimlich zu versuchen an diesem riesengroßen Ding vorbei zu kommen. Ich habe ja schliesslich ein Ziel! Ich will auch so leben wie ihr. So schön eben wie ich mir das ausmale.

Aber dieses Ding ist das, was sich Leben schreiht. Mein (Er-)Leben.
Realität nach einer Kindheit wie man sie, würde man sie verfilmen, nicht mal im Splattergenre verkauft bekommt (oder gerade da- was weiß ich).

Wie anmaßend ist es eigentlich von mir zu denken, mein Schreiben könnte auch nur im Entferntesten dazu in der Lage sein diese Kluft zu überbrücken? Eine Schnur für ein Büchsentelefon zu spannen, den Morsecode zu übermitteln… hach es gibt so viele Metaphern.

Was denke ich mir eigentlich? Was zum Geier treibe ich hier?
Komm wir nehmen einfach wieder die alte Schleife: ”Dich hört eh keiner, dir hilft eh keiner, dir steht eh keiner bei- is nicht schlimm- guck mal tut ja gar nicht weh. Du bist ja eh… [BÄÄÄM]”, möchte mir an dieser Stelle mein Innenleben helfen.
Ja, diese alten Schleifen sind so éinfach. Manchmal sogar tröstlich, weil es alles das in einen Kontext bringt, was ich von mir aus sonst nicht in einen Zusammenhang bekomme.
Ich dachte immer, man hätte nur nicht laut genug NEIN gesagt. Hätte sich einfach nicht genug gewehrt. Ich dachte immer meine Sprache wäre unverständlich. Dass mich niemand versteht, weil ich unverständlich kommuniziere und deshalb auch unverstehbar bin.
Dann höre ich immer wieder und wieder, dass meine Sprache gut ist. Dass es vielen Menschen leichter fällt zu verstehen, wenn sie von mir etwas erklärt bekommen. Dass meine Worte etwas in den Menschen bewegen, auch wenn sie selbst nicht in meiner Art alptraumhaftem Leben leben müssen oder mussten.
Und dann? Dann bin ich so mutig- und frech- so einen riesengroßen superfrevelhaften (und sehr teuren) Schritt auf dieses so unglaublich beängstigende Ding zugegangen und muss feststellen, dass es doch sehr viel schwerer ist, als gedacht. Dass ich doch unverständlich bin.

Und, dass die Folgen meiner extremen Qualen eben doch sehr einsam machen. Und kommunizieren kann wie ich will- dass mich doch niemand hört. Hören will? Hören kann? Verstehen kann? Verstehen will?
Dass, also nicht nur mein früheres Leiden mich von anderen Menschen isoliert hat, sondern auch noch das, was mir dadurch entstanden ist:
ein Leben, das nachwievor aus zwei Dritteln Todesangst und Todeserwartung (mit allen dissoziativen Bewältigungsmechanismen selbiger) und einem Drittel Hoffnung auf dieses schöne, hoffentlich leichtere und vermutlich hemmunglos überidealisierte Leben „der Anderen“ besteht.

Das tut weh.

Und es gibt keine Worte, die euch- die ihr da draussen seid und keine Ahnung habt- diesen Schmerz näher bringen oder gar erklären können.

Ich schreibe dies Blog hier, weil ich denke- fest davon überzeugt bin (und es verdammt nochmal sein MUSS), dass Menschen, die Elend sehen und verstehen, selbiges verhindern möchten. Einfach aus Menschlichkeit und einer Art Mitgefühl heraus.

Es geht hier um mich, weil ich nicht für andere sprechen kann und will. Es geht nicht um mich oder mein Leben, weil ich es für so besonders spannend halte oder für besonders exemplarisch. Oder weil ich mich so toll finde. Oder weil ich von der grauen Masse da draussen gelobt werden will. Das wäre für meine inneren Narzissten sicher schön und vielleicht gibt es Winkel in mir, die sich über Anerkennung freuen würden- aber treibende Kraft war hier und ist hier immer der Wunsch nach Hilfe und Kontakt gewesen.

Ich zitiere einmal aus einem Brief,den ich vor ein paar Wochen schrieb.

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„Wir wollen, dass sich andere Multiple, Ärzte,Therapeuten, Angehörige, Freunde und vielleicht auch Menschen mit ein bisschen Einflussmöglicheit da [hier im Blog] wieder finden. Impulse in sich finden.
Mutig werden ihre Gedanken und Zweifel zu kommunizieren.
Ich will dass die Menschen da draussen zu Querulanten werden. Dass logisch gedacht wird. Ich will das Hilfe keine Wareneinheit mehr ist.
Ich will dass es irgendwann so ist, dass ich in einer Therapie ohne Zeitdruck sitzen kann und alles ausbreiten kann, was ich immer mehr spüre (und immer weniger aushalten kann).

Ja, das ist egoistisch und deshalb tarne ich es in in einer Querulantenbildungsmission. Weil es andere dann einfordern für Menschen wie mich und damit implizieren, dass es okay und gerechtfertigt ist, wenn Menschen wie ich viel Raum, viel Zeit, viel Nähe und viel Menschlichkeit wollen und bekommen müssen.Weil ich dann aussen habe was ich innen so dringend brauche: Eine Erlaubnis für mein Sein.
Weil ich die Haltung „Wie immer: Ich höre zu“ so dringend brauche.“

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Und nun entlasse ich den Leser dieses Artikels.
Wie immer mit der Hoffnung ein bisschen gesehen und gehört worden zu sein.
Wenn schon nicht direkt für mich oder um meinetwillen, so doch für alle anderen, denen es auch so geht und sich (noch) gar nicht ausdrücken können.

10 thoughts on “Schmerz”

  1. Wir fühlen was ihr schreibt und ziehen den Hut vor dem was ihr schreibt und wie ihr schreibt. wir haben auch einen blog begonnen. aus ähnlichen Gründen. Wir wünschen vor das man uns hört und gesehen wird das wir Hilfe benötigen und auch verdient haben um irgendwann Leben zu können.

  2. Mit der Anerkennung ist es schon so eine Sache.
    Warum sollte sie niocht erlaubt sein?
    Klingt für mich ziemlich nach Abwerrtung – was sollte ICH schon wert sein, um Anerkennung zu bekommen.
    Vergiss das Bild von der schönen, heilen Welt der Anderen.
    Die gibt es nicht. Für keinen.
    Dein Bild mit dem Wolf.. Ja, das trifft es.
    Ich kenne so viele, die eine vollkommen irreale Vorstellung von dem Leben der GESUNDEN haben.
    Fakt ist, sie stürzen weniger schnell KOMPLETT ab wie wir, mehr aber auch nicht.

    Ich verfolge Deinen Blog ja schon länger und finde Deinen Stil stark. Schreiben scheint Dir viel zu geben…

  3. Hallo Stellinchen
    Ankennung hieße ja, dass aus uns etwas Gutes käme.
    Das würde aber heißen, dass wir doch nicht abgrundtief schlecht sind.
    Und wenn wir nicht abgrundtief schlecht sind
    warum wurde uns dann so wehgetan?
    Und wir haben ja gelernt, dass es auf dieses große Warum keine Antwort gibt, ausser dieses quälende, stumme, leere: Ich weiß es nicht!

    Also sind wir abgrundtief schlecht.
    Einfach damit es nicht so weh tut.

    Und wenn das Leben der Nichtbetroffenen (ich mag diese Teilung in „gesund“ und „nicht gesund“ überhaupt gar nicht!) in meiner Vorstellung realer sein müsste- Platz machen müsste für die Einsicht, dass auch deren Leben so ist, wie meines- ganz genau so- dann wäre ich an dem Punkt an dem ich mir genau den Strick nehmen könnte.
    Denn das würde heißen, dass ich einfach nur nicht in der Lage bin jemals so zu leben wie jemand der nicht so verletzt wurde.Und es würde bedeuten, dass es keine Aussicht auf eine Erleichterung gibt.

    Ein bisschen werde ich also noch in dieser Selbstabwertung und der Hoffnung auf ein Ideal leben müssen.
    Einfach um zu überleben und dafür auch noch jeden Tag die Kraft aufbringen zu können.

  4. Ich wünsche euch, dass ihr auch so vom Schreiben profitieren könnt wie wir, 🙂
    Wenn ihr euch eingefuchst habt und alles so ist wie ihr es wollt gebt gern Bescheid, dann verlinken wir euch.

  5. Klar kommt aus euch was gutes.
    Oder soll ich das lieber nicht schreiben?

    Warum uns weh getan wurde?
    Weil in jedem Mensch ein Tier steckt, das sich nicht immer zeigen muss, aber einfach DA ist.
    Es gibt sooo viele Menschen, die hin und wieder zu Tieren werden.
    Ich finde, wir Betroffenen werden auch zum Tier, und zwar gegen uns! Und das ist genauso schlimm. Mein Pazifismus hilft mir gegen den eigenen Selbsthass.

    Natürlich ist ihr Leben Anders. Diese Leute (zu denen ich mich erfreulicherweise oft schon zähle =) ) leben gern, sind allgemein größtenteils zufrieden.
    Klar gibt es Mist, aber DEUTLICH überwiegen die schönen Seiten des Lebens.
    Das könnt ihr auch haben 🙂 Aber das braucht Zeit.
    Heilung geht Jahre. Aber es geht.

  6. Stellinchen: Tiere sind unfähig zu Sadismus.
    Schon allein deshalb ist diese Erklärung für mich schief.
    Wenn sie dir aber hilft- prima!
    Ich/Wir muss/müssen den passenden Weg erst noch finden 😉

  7. Großartiger, anrührender Artikel mit wunderbarer Sprache.

    Für alle, die sehende Augen und ein fühlendes Herz haben, werden Leid und Kampf und Qual und Mut und Zerissenheit und Hoffen und Schmerz und stumme Schreie und Zweifel und Liebe sehr deutlich spürbar.

    Danke.

  8. Danke für den Artikel. Du/ihr steht im Reader und ich lese mit Interesse und Anteilnahme.
    Über das Bild der „Normalos“ musste ich jedenfalls sehr schmunzeln.

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