Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

auf wundersame Weise oder: Psychopharmaka- wenn man schluckt was man fühlt- obwohl man gar nichts fühlt

Psychopharmaka

Sag dieses Wort zu mir und in meinem Kopf ploppen die Tabellen, Listen, Berechnungen und halbe Neurologiestudiengänge auf.

Wie bereits berichtet Klick setzten wir in einem Anfall von “Verdammte Hacke 10 Jahre künstliche Stimmung- ich schmeiß die jetzt alle weg”, alle unsere Medikamente ab.

Zu diesem Zeitpunkt schluckten wir etwas gegen Depressionen, tropften uns in den Schlaf mit Neuroleptika und betäubten aufkommende Panik mit chemischen Tranquillanzien. Trautes Trio für inzwischen fast jeden Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder Traumafolgestörung.

Die Verordnungen von Medikamenten denen eines gemein ist- nämlich die symptomatische Beeinflussung von psychischen Erkrankungen bzw. Leiden, welches nach psychischer Erkrankung aussehen könnte (eventuell vielleicht…)- ist in den Jahren von 2000 bis 2009 wie folgt angestiegen:

Antidepressiva 419 Mio. DDD – 1058 Mio. DDD

Neuroleptika 219 Mio. DDD – 294 Mio. DDD

Tranquillantien 185 Mio. DDD – 133 Mio. DDD

(DDD=  defined daily dose Quelle: klick  )

Wer ausser mir hört noch dieses Klingeln?  Nein nein- keine Stimmen! Es ist ein lautes überdeutliches Klingeln! Und zwar in den Kassen der pharmazeutischen Unternehmen.  Naja- von irgendwoher muss ja die Rettung kommen. Jemand muss die Pille ja erfinden, produzieren und verkaufen. Ist doch nur gerecht, wenn jemand der dafür sorgt, dass es so vielen Menschen besser geht und dafür dann Geld erhält.

Ja. Richtig.

WENN es den Menschen dann wirklich besser geht! Befindet sich etwa flüssiges Glück in den kleinen Tablettchen, Tröpfchen und Pastillchen? Felix felicis! Ist Harry Potter mit seinem Zaubertrankbuch etwa bei Pfitzer und Eli Lilly angestellt?!

Nein, natürlich nicht. (Wir Unschizophrenen wissen das ja lol )

Warum nehmen dann soviele Menschen diese Mittel ein? Und wieso werden es immer mehr?

Für mich ist die Antwort inzwischen ziemlich klar:

Leidensdruck bei gleichzeitiger Alternativlosigkeit; chemische Gewalt durch Ärzte in der Psychiatrie und inzwischen auch in Altersheimen und: (gezielte) Desinformation zum Zwecke der Wirtschaftlichkeit von künstlicher Befindlichkeit. 

Ich erinnere mich als wäre es gestern an meinen ersten Besuch bei einer Psychiaterin. Wir gerade 15 Jahre alt, bereits zweimal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Diagnose “Anpassungsstörung, Borderline Syndrom”, selbstverletzendes Verhalten

Nach einem Gespräch von insgesamt 10 Minuten ging ich mit einem Handzettel für meinen nächsten Termin (6 Monate später) und einem Rezept über Antidepressiva in der Hand hinaus. Mein Leidensdruck war riesig. (Wie riesig wusste ich aber damals noch nicht) Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 6 Suizidversuche überlebt und hatte überhaupt keine Ahnung wieso ich das getan hatte (ICH hatte das ja auch nicht getan…).  Jeder Helfer aussen nahm eine Not war und konnte aber nicht so helfen wie er vielleicht gewollt hätte. Man brauchte eine schnelle effiziente, kurzfristig wirksame Lösung. Sonst hätte es ja beim 7ten Versuch klappen können und man hätte sich der Frage stellen müssen: Wieso wurde nichts unternohmmen?   (So gesehen kommt mir die tägliche Pille fast wie ein Entschuldigungsbonbon vor)

Also Antidepressiva. Aus meinem bereits existierendem “Mittelstimmungsfeld” wurde ein :

“MIttel”= es geht mir gut

“niedrig”= es geht mir nicht so gut

Ich habe mich immer neutral gefühlt vorher. ich war nie traurig- nie obermäßig happy. Ich fühle mich wie ich bin: neutral- alles ist da- alles okay- alles hat seine Seiten und ist eben wie es ist.

Unter diesem Mittel wurde ich: depressiv und latent suizidal. Meine Fähigkeit alle Seiten beleuchten zu können wurde einwattiert und unbrauchbar. Diese Empfindungen sind übrigens sogenannte “paradoxe Nebenwirkungen” wie sie insgesamt recht häufig auftreten (es handelt sich hier also nicht um ein besonders seltenes Phänomen- sondern um etwas, dass man billigend in Kauf nimmt)

Ich konnte das alles damals überhaupt nicht kommunizieren- deshalb sind Verordnungen dieser Mittel an unter 18 jährige Menschen auch eher in einer psychiatrischen Kliniken oder in einem allgemein streng überwachten Setting angesagt. Bei uns war das in der Form gar nicht möglich, weil dann ja schon unser Flipperkugelleben durch die verschiedenen Heime und Kliniken losging. Die Namen der Präparate änderten sich und irgendwann kam es bei uns ja auch zur – so scheints-  unvermeidlichen Diagnose der Schizophrenie (ehrlich- ich werde nie verstehen, wieso jede/r Multiple, den ich bisher (ob virtuell oder real)  traf mindestens einmal als psychotisch oder schizophren diagnostiziert wurde).

Nun kamen noch die Neuroleptika dazu. Ohne Diagnostik, Nennung einer Alternative, ohne Hinweise auf Nebenwirkungen und ohne Hilfe beim Umgang mit selbigen. Da waren wir gerade 16. Von 59 auf 78 Kilogramm in 2 Monaten- und niemand hat was dazu gesagt ausser: “Ja keine Sorge- das ist bei allen so die das Mittel bekommen.” Großartig. Ganz großartig.

Unser Gehirn war zu der Zeit im biologisch bedingtem Umbau. Es bildeten sich noch immer Verbindungen. Wenn man 16 ist dann schreiht der Körper: “Attacke- jippie yeah- auf zur vollständigen Reife!!!”   Ob und wenn ja was genau aus meinem Gehirn noch (mehr als jetzt) hätte werden können, wenn es nicht so tiefgreifend gestört worden wäre, mag ich mir gar nicht so genau ausmalen. Zum Glück ist die Forschung in dem Punkt auch noch nicht so weit, als dass ich anfangen könnte traurig darüber zu werden.

Fakt ist, dass bei unsin unserem speziellen Fall– diese Mittel im Grunde – zu genau diesen Zeitpunkten und unter diesen Umständen ein schlicht falsches Hilfsmittel waren. Uns wäre geholfen gewesen, wenn wir sicher gewesen wären. Angenohmmen, respektiert und nachsozialisiert. Uns hätte viel erspart werden können. Wir wären ein sehr viel billigerer Patient gewesen, wenn wir von vornherein schlicht und einfach einen richtig ordentlichen Traumatherapeuten vor die Nase gesetzt bekommen hätten, statt ein Rezept nach dem anderen.

Später kam die richtig fette PTBS. Natürlich dann als die Gewalt und der Stress von aussen nachliess und Selbstbestimmung wirklich und echt möglich wurde. Es gab Zeiten in denen Schlaf nur alle 3-4 Tage möglich war. Wochen und Monate an denen kaum ein Tag ohne Panik, Angst oder Flashbacks verging. Da bekamen wir dann den nächsten chemischen Freund- nennen wir ihn mal “BENZO”.

Benzo trat in unser Leben und es wurde schön. Schlafen ging mit Benzo, denken ging mit Benzo, leben ging mit Benzo. Angst ging weg mit Benzo. Angst vor Angst ging mit Benzo.

Jaaaa bis dann auf einmal ganz ganz viel Benzo in unserem Leben war. Soviel Benzo, dass man gar nicht mehr ohne konnte!

Der Entzug war kompliziert- aber es hat geklappt. Ein Erfolg den wir mit jeder selbst durchstandenen Krise zementieren müssen, um uns von unseren Fähigkeiten zu überzeugen.

Wir haben inzwischen viel gelernt um Angst vor der Angst, Panik der Innenkinder, Flashbacks, Bildererleben und Intrusionen selbst  und aus uns heraus zu versorgen. Ich schreibe hier ganz konkret nicht: “zu bewältigen” oder zu “überwinden”, weil es darum nicht geht. Angst ist wichtig, Flashbacks erfordern aufmerksames Analysieren und Wahrnehmen der Ursache, Innenkinder brauchen unglaublich viel Fürsorge… (überwinden und bewältigen können nur Medikamente- aber nicht das was das Problem ist- sondern den, der mit dem Problem zu kämpfen hat!)

Nun ist seit unserem eigenmächtigen Absetzen der Medikamente 1 Jahr vergangen.

Wie ich damals bereits beschrieb haben wir seit dem Absetzen des letzten Antidepressivums keine Krampfanfälle mehr gehabt. Inzwischen habe ich viel über das Mittel an sich, die Psychopharmaka allgemein und die Reaktion des Gehirns auf Psychopharmaka im Besonderen gelernt.

Es geht uns gut. Besser als vorher. Jetzt können wir nämlich völlig klaren Geistes wütend über die Nonchalance unserer früheren Ärzte sein. Ich bin wieder in der Lage ganz unwattiert alle Aspekte des Lebens und Miteinanders zu betrachten und Schlüsse zu ziehen.

Ich habe meine Mittelfeldstimmung wieder. Ich kann teilhaben, wenn ein Innens bei uns spontan in der Lage ist zu lachen oder zu weinen- was in den Jahren von 2001 bis 2011 nur sehr selten vorkam.

Ich möchte ermutigen.

Seid kritisch! Wenn euch ein Arzt ein Medikament nach 10 Minuten Konsultation verschreibt so ist das nicht in Ordnung! Ihr habt ein Recht umfassend und neutral über alle Nebenwirkungen und die Wirkungsweise informiert zu werden! Mit “lesen Sie den Beipackzettel” ist es nicht getan- denn den hat in der Regel nicht einmal der Arzt selbst wirklich gelesen. Wenn ihr auf der Suche nach unabhängigen Informationen zum Thema Psychopharmaka seid, so ist ein Gang über die Neurologie absolut empfehlenswert.

Auch das Buch von  Stefan Weimann “Erfolgsmythos Psychopharmaka” ist sein Geld absolut wert!

In diesem Artikel soll es nicht darum gehen Medikamente als unwirksam oder schlecht darzustellen. Es geht mir darum anhand meiner Fallgeschichte (eine mit der weder Ärzte noch Pharmakonzerne werben können) zu zeigen, welche Dimension die Einnahme von Psychopharmaka auch haben (können).

Wir habe von den Mitteln auch profitiert und etwas gewonnen. Aber eine viel größere Kraft hätten wir fast gar nicht entdeckt, wenn wir sie nicht abgesetzt hätten

Uns selbst.

1 thought on “auf wundersame Weise oder: Psychopharmaka- wenn man schluckt was man fühlt- obwohl man gar nichts fühlt”

  1. Hey, wollte dir nur da lassen dass ich deine Erfahrungen verstehen kann. Wie viel wäre oft geholfen mit einem sicheren Ort… Auch heute noch wo ich stabil bin. Viele liebe Grüße vom Steinmädchen

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